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100 Jahre Jahresschau

81 Jahre Abwehr: Der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg und sein Umgang mit NS-Belastungen

Die Jubiläumsausstellung des Kunst- und Gewerbevereins und der flankierende Katalog belegen eindrucksvoll, dass der Verein sich nicht mit seiner NS-Vergangenheit auseinandersetzen will. Den Gestalter der Ehrenbürgerurkunde für Adolf Hitler stellt man aus, ohne seine Rolle zu thematisieren. Die Gründe dafür reichen tief.

Kommt weder in der Ausstellung noch im Katalog des KGV vor: die Ehrenbürgerurkunde für Adolf Hitler des Künstlers Franz Ermer, der aktuell gezeigt wird. Foto: Anzeige in Nazizeitung Bayerische Ostwacht von 11. November 1933.

Vor 100 Jahren präsentierte der Regensburger Kunst- und Gewerbeverein (KGV) seine erste Jahresschau. In seiner aktuell laufenden Jubiläumsschau, 100 Jahre Jahresschau, feiert man diese Tradition mit 99 Bildern aus den jeweiligen Ausstellungen. Man ist Stolz auf „diese Kontinuität im wilden Wandel der Zeiten“. Dass es zwischen 1933 und 1945 eine „dunkle Zeit“ (KGV-Chronik) gegeben hat, thematisiert man in der Ausstellung nicht. So als ob das NS-Regime an Regensburg und dem KGV einfach vorbeigegangen wäre.

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Der schick aufgemachte und vorzüglich gestaltete Jubiläums-Katalog mit den 99 ausgewählten Bildern aus den Jahresschauen (1945 fiel sie wegen dem Ende der „dunklen Zeit“ aus) kann sich sehen lassen. Man kann dem Kunst- und Gewerbeverein dafür gratulieren. Gratulieren zur neuerlichen peniblen Auflistung der Künstler der jeweiligen Ausstellungen, zur Organisation von rund 130 Beiträgerinnen und Beiträgern, die aus der Mitte der Kunst- und Kulturszene kommen und die jeweiligen Kunstwerke vorstellen. Darunter der ehemalige und aktuelle Kulturreferent, ein Theater- und Kasperltheatermacher, der derzeitige Museumsleiter und die geschasste Vorgängerin, Vorsitzende und Leiter diverser Einrichtungen, Galeristen, Journalistinnen und Journalisten, usw. Insgesamt elf Sponsoren ließen sich nicht lumpen und ermöglichten einen aufwendigen Katalog. Papier: Magno Volume 150 g/m2.

Nur dünne Hinweise auf NS-Belastungen

Die thematische Einführung (Hundert Jahre Gegenwart: Die Jahresschauen des Kunst- und Gewerbevereins Regensburg 1926–2025) stammt von Prof. Dr. Christoph Wagner, Leiter des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der hiesigen Universität. Auf vierzehn Katalogseiten, unterteilt in zwölf Kapiteln, handelt er überblicksartig die besagten 100 Jahre ab.

Zur Eröffnung der Ausstellung 100 Jahresschauen am 18. September 2026 begrüßte der KGV-Vorsitzende Georg J. Haber auch den Oberbürgermeister Thomas Burger, den Festvortrag hielt Prof. Christoph Wager (v.l.n.R), Foto: Julia Knorr.

Der Nazizeit widmet er unter der Überschrift Gleichschaltung, ideologische Verengung und Krieg, 1933–1945 zwei Seiten. Die Verstrickungen des KGV im NS-Regime könne man, so Wagner, in einer Einführung nicht „im Detail ausbreiten“. Es sei uns aber wichtig gewesen, „in unseren Anmerkungen zu den Texten diesbezügliche Hinweise zu geben“.

In den jeweiligen Beiträgen finden sich aber nur vereinzelte, dünne „Hinweise“ auf NS-Belastungen. Bei mehreren Künstlern, die als NS-Profiteure und Naziaktivisten gelten müssen, fehlen sie komplett. Neuere Erkenntnisse zur Geschichte und Verstrickungen des Vereins im Nationalsozialismus oder gar eigene Forschungen bringt Wagner nicht.

Dergleichen gehört auch nicht zu seinem Forschungsgebiet. Wenn der Anschein nicht trügt, wurde er auch deshalb in die Redaktion und Projektleitung geholt, nicht zuletzt, um die altbekannten Eigendarstellungen des Vereins als Gleichschaltungs-Opfer des NS-Regimes wieder einmal zu referieren und mit professoralem Segen zu zementieren. So stimmt auch Wagner das selbstbetrügerische Lied von einem unpolitischen Verein an, der in der NS-Diktatur gleichgeschaltet wurde.

Mit den Lobeshymnen auf Walter Boll ist es vorbei

Bei einem prominenten Akteur weicht Wagner aber von den bisherigen KGV-Erzählungen, Lobeshymnen und Geschichtsklitterungen ab: In der Causa Walter Boll (hier zum Kunstprojekt Erl/Friedl), dem ehemaligen 2. Vorsitzenden des KGV (1932–1945), Direktor des NS-Museums und NS-Multifunktionär.

Walter Boll 1970 mit der Skulptur, die ihm zu Ehren im Historischen Museum aufgestellt wurde. Foto: Stadt Regensburg.

Anders als die Günstlinge, Bewunderer und Verteidiger Bolls lässt Wagner den „am deutlichsten institutionell belasteten Akteur“ fallen. Wer genau hinsieht, findet in Wagners Fußnote 15 sogar dezente Kritik: Dass der KGV noch 1986 Bolls Darstellung der Vereinsgeschichte publizierte, zeige „wie wenig man Walter Bolls unrühmliche Rolle im Nationalsozialismus reflektierte.“

Woher Wagner die für den KGV neue Erkenntnis von Bolls unrühmlicher Rolle hat, verrät er der interessierten Leserschaft leider nicht. Auch das von der Stadt finanzierte und derzeit laufende Forschungsprojekt zu Boll an seiner Universität bleibt unerwähnt. Dem Vernehmen nach werden in dem Forschungsprojekt neben Bolls nationalsozialistischen Netzwerken und Kunstpolitik auch Bedeutung und Funktion des KGV untersucht.

Nazifizierung erwuchs aus der Mitte der Kunst- und Kulturszene

Mit Blick aufs Ganze geht es aber nicht nur um einen zum Nazifunktionär gewordenen Bösewicht namens Boll. Die „Gleichschaltung“ des KGV und ihre maßgeblichen Akteure, Walter Boll und der völkische Verleger Gustav Bosse, kamen nicht von außen wie ein alternativloser Zwang. Die Nazifizierung der Regensburger Stadtgesellschaft trugen die gesellschaftlichen Eliten und die zeitgenössischen Honoratioren vielmehr selbst, sie erwuchs aus der Mitte der Kunst- und Kulturszene. Die historische Forschung sprich von deshalb Selbstgleichschaltung.

Foto der Hochzeit von Richard Wiedamann und Johanna Cetto 1931 in Saal an der Donau. Hintere Reihe stehend in der Mitte: Max Wissner. Sitzend in der Mitte: Elfriede und Kommerzienrat Ernst Catto, schräg dahinter stehend: Johanna Wiedamann, geb. Cetto, und Richard Wiedamann. Erste Reihe stehend: Hanns von Walther, Gustav Bosse, Eugen Wiedamann (v.l.). Foto: Historisches Museum Stadt Regensburg.

Annalen des Vereins stellen NS-Profiteur Wiedamann als Opfer dar

Ein Beispiel dafür ist die Familie Wiedamann. Sie diente sich bereits bei der ersten Gelegenheit, dem Besuch Hitlers in Regensburg 1933, mit ihrem aufpolierten Zinngeschirr an, was ihr einen steilen Aufstieg im NS-Regime bescherte. Die Wiedamanns traten mit ihrer Produktion in deutschen und internationalen Kunstausstellungen auf, fertigten für führende NS-Figuren und Hitler und durften an sie verkaufen.

Mit Zinngeschirr von Eugen Wiedamann geschmückter Reichssaal zum Besuch Hitlers im Oktober 1933 Quelle: Museen der Stadt Regensburg.

Sie waren an der Ausbeutung und Vernichtung von NS-Zwangsarbeitern in ihren Wohn- und Werkstätten profitabel beteiligt. Eugen Wiedamann und sein Sohn Richard gehörten vor, während und nach der NS-Zeit zu den tonangebenden Bürgern, sie hatten vor, während und nach der NS-Zeit eine Führungsposition im KGV inne.

In die selbstbetrügerischen Annalen des KGV gingen die Wiedamanns aber nicht als Akteure und Nutznießer des NS-Regimes ein, sondern als dessen Gegner und Gleichschaltungs-Opfer. Der KGV-Funktionär Stefan Reichmann, wie vormals Boll und Wiedemann Mitglied des Männerbunds Schlaraffia, trat dabei mit gewissem Eifer hervor.

Rolle der Wiedamanns wird im Katalog nicht thematisiert – nur ein Chanukka-Leuchter

Regensburg-digital berichtete mehrfach über die profitable Position und den gewichtigen Beitrag der Wiedamanns im und fürs NS-Regime und über den gescheiterten Versuch, sie posthum zu „Judenschützern“ zu machen.

Im aktuellen 100 Jahre-Katalog wird der Aufstieg der Wiedamanns als NS-Profiteure bezeichnender Weise überhaupt nicht thematisiert. Da man aber die Kunstwerke Wiedamanns, die in den Jahresschauen über Jahrzehnte hinweg gezeigt und hervorgehoben wurden, nicht gänzlich weglassen wollte, präsentiert man in der aktuellen Schau etwas Unverdächtiges und Vorzeigbares: Einen achtarmigen Chanukka-Leuchter, den Eugen Wiedamann um 1914 gestaltete.

Linkes Gemälde Die Schaukel, Jo Lindinger 1931, links auf Podest Messing-Leuchter Franz Weichmann (1930) und in der Mitte Chanukka-Leuchter Wiedamann (1914); Foto: Julia Knorr.

Der Entwurf stammte von Friedrich Adler (1878–1942), der wegen seiner jüdischen Herkunft bereits 1933 als Professor der Kunstgewerbeschule Hamburg Berufsverbot erhielt, von der Reichskulturkammer ausgeschlossen, 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Der Leuchter wurde in der Jahresschau von 1928 gezeigt, im aktuellen Katalog stellt ihn Ilse Danziger vor.

Boll-Protegé Franz Ermer: ein ganz besonderer „Heimatkünstler“

Ein weiteres Beispiel für einen über Regensburg hinaus bekannten Künstler, der laut eigenen Angaben immer im Vorstand des KGV aktiv war und im 100 Jahre-Katalog ohne jedweden Hinweis auf eine NS-Belastung präsentiert wird, ist der Maler Franz Ermer (1886–1976). Ermer, Gründungs- und Ehrenmitglied des KGV und ein Spezl von Museumsdirektor Walter Boll, war wohl der einzige Künstler, der auf allen Jahresschauen von 1926 bis 1951 ausstellen durfte. Für den Katalog wählte man eine Winterlandschaft im Donautal von 1940, vorgestellt von Christoph Maltz.

Von Boll protegiert: Franz Ermer, Winterlandschaft (1940) präsentiert in der Jubiläumsschau des KGV, ohne Hinweis auf seine NS-Belastung; Foto: RW.

Ermer hat unzählige Landschaftszeichnung und Skizzen von Regensburg und Kallmünz gefertigt, gedruckt und verkauft und arbeite eng mit dem Zinngießer Wiedamann zusammen. Seit 1920 wirkte er als Kunstlehrer am Alten Gymnasium, wo man ihn im Oktober 1935 zum Studienprofessor ernannte.

Von Walter Boll protegiert, durfte Ermer sich beispielsweise im Kunstring der NS-Kulturgemeinde im Rahmen der Gauwoche im Mai 1936 an der Verkaufs-Ausstellung Kunstschaffen in der Bayerischen Ostmark beteiligen. Diese Ausstellung stand unter dem Protektorat des Gauleiters Fritz Wächtler, die künstlerische Leitung lag in den Händen des damaligen zweiten Vorstands des Kunst- und Gewerbevereins, dem Direktor des Ostmarkmuseums und Nutznießer des Naziregimes Walter Boll.

Fürs Historische Museum kaufte Boll von Ermer mehrere Werke an und nicht zuletzt dadurch konnte er sein Jahreseinkommen von 1938 innerhalb von fünf Jahren fast verdoppeln und verdiente laut Angaben des Finanzamts im Jahre 1943 über 15.200 Reichsmark. Zum Vergleich: das damalige Durschnittseinkommen lag laut Bundesjustizministerium bei 2.324 Reichsmark.

Unter dem vormaligen Nazi-Bürgermeister Hans Herrmann verlieh ihm die Stadt (wie vielen anderen NS-Belasteten, darunter Walter Boll, Florian Seidl, Theobald Schrems, Heinz Schauwecker) 1958 die Albertus-Magnus-Medaille. Eingefädelt vom „lieben Walter“ (so Ermers Anrede von Boll) ehrte ihn der KGV 1967 mit einer Kollektivausstellung, bereits ein Jahr nach seinem Tod mit einer Gedächtnisausstellung (1977).

Ermer: Gestalter der Ehrenbürgerurkunde für Adolf Hitler

Doch Ermer war mehr als ein Künstler, der durch Protektion gutes Geld verdiente. Er war nicht nur an NS-Ausstellungen beteiligt, sondern wurde von der Nazi-Stadtverwaltung und Walter Boll auch für die Gestaltung der Ehrenbürgerurkunde für Adolf Hitler erwählt.

Dass es der Regensburger Studienrat Ermer war, der Hitlers Urkunde in Form einer geätzten Solnhofener Platte ausführen durfte, war im Jahr 1933 kein Geheimnis, sondern eine ehrenvolle Aufgabe für den „Heimatkünstler“. Die Platte wurde im August 1933 im Rathaus zur allgemeinen kostenlosen Besichtigung freigegeben und alle Regensburger Zeitungen machten unter der Überschrift Ausstellung der Ehrenbürgerurkunde Werbung für die Besichtigung.

Regensburger Stadtanzeiger vom 9. August 1933 macht Werbung für die ausgestellte Ehrenbürgerurkunde von Franz Ermer.

Besonders gedankt wird darin dem Künstler, „unser feinsinniger Heimatkünstler, Studienprofessor Franz Ermer“, der die Urkunde entworfen und gestaltet habe, so der Zeitungstext von Anfang August 1933. Die in monumentalen Buchstaben gehaltene Inschrift lautet:

„Die Stadt Regensburg verleiht hiermit dem Führer zu Deutschlands Einheit und Grösse Reichskanzler Adolf Hitler in treuer Gefolgschaft das Ehrenbürgerrecht. Stadtrat Regensburg am 27.April 1933.“

KGV thematisiert Ermers Rolle nicht

Stellt sich die Frage, warum der KGV Ermers freiwilliges Engagement bei der Verehrung Hitlers nie von sich aus thematisiert hat?

Eine Anfrage beim KGV-Vorstand nach dessen Kenntnisstand zu Ermers Engagement für die Ehrenbürgerurkunde Hitlers und nach eventuell vereinsintern gelaufenen Auseinandersetzungen zu Ermer wurde mit einem Ablenkungsmanöver und dem Verweis auf staatliche Archive brüsk abgewehrt:

„Der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg ist als privater Verein weder Archiv noch öffentliche Auskunftsstelle für personenbezogene historische Recherchen.“ Insbesondere führe der Verein „keine Personal-, Partei-, Entnazifizierungs- oder sonstigen behördlichen Unterlagen zu früheren Mitgliedern oder Künstlern“, teilt der 1. Vorsitzende des Vereins Dr. Georg J. Haber mit. Er verrät nicht, ob ihm die NS-Belastung Ermers längst bekannt ist oder ob er davon zum ersten Mal hört.

Firma Brandner stellte Goldarbeiten für Ehrenbürgerurkunde her

Dass Haber sich partout nicht äußern will, könnte mit dem von ihm mit aufgebauten Firmenimperium Haber & Brandner zu tun haben. Denn das Unternehmen Brandner war ebenfalls an der Herstellung Ehrenbürgerurkunde beteiligt.

Laut den bereits erwähnten Presseberichten, die für die Besichtigung der Ehrenbürgerurkunde warben, wurde der vergoldete Metallrahmen um die Platte nämlich von der „Firma Brandner in Regensburg durch den Kunstgewerbler Franz Weichmann ausgeführt.“ Das auf der Plattenrückseite unter dem Stadtwappen platzierte Hakenkreuz stammte ebenso von Weichmann, es wurde zur Hervorhebung in Glanzgold ausgeführt. Ob der KGV-Vorsitzende Haber von der Beteiligung seiner späteren Partnerfirma Brandtner Kenntnis hatte?

Unklar bleibt auch, ob Georg J. Haber einfach nichts (mehr) davon weiß, dass nicht nur Franz Ermer sich dem Nazibürgermeister Otto Schottenheim andiente, sondern der gesamte Kunst- und Gewerbeverein.

KGV diente sich Nazibürgermeister Schottenheim an

Jedenfalls geht aus den im Stadtarchiv erhalten geblieben Dokumenten hervor, dass der Vereinsvorstand Gustav Bosse sich am 4. August 1933 an den „Herrn Oberbürgermeister Dr. Schottenheim Hochwohlgeboren“ mit einem Ersuchen wandte: „… es wolle ihm [dem Verein] gestattet werden, die von Herrn Prof. Ermer für unseren Reichskanzler Adolf Hitler gefertigte Ehrenbürger-Urkunde als ein Beispiel Regensburger angewandte Kunst in einem der Schaufenster des Gewerbehauses etwa 14 Tage auszustellen.“

Das “ergebene Ersuchen” des KGV-Vorsitzenden Gustav Bosse an Nazibürgermeister Schottenheim vom 4. 8.1933 mit dem Wunsch, die Ehrenbürger-Urkunde im KGV zeigen zu dürfen. Quelle: Stadtarchiv ZR 2 2127.

Was laut Bosse „sicher von vielen Kreisen dankbar begrüsst werden“ würde, blieb dem KGV aber versagt. Die von Studienrat Ermer geätzte Tafel wurde stattdessen in der Kriegergedächtniskappelle im Rathaus gezeigt, flankiert von zwei SA-Wachen.

Als Trost bekam Ermer aber postwendend ein persönliches Dankesschreiben von Nazibürgermeister Schottenheim: „Mit besonderer Befriedigung“ habe er die „Ehrenurkunde für unseren Führer Reichskanzler Adolf Hitler erhalten“. Er, Schottenheim gestattete sich, Ermer „für diese schöne künstlerische Schöpfung“ seine „vollste Anerkennung auszusprechen“ und bedankte sich herzlich dafür, dass Ermer „in edler Begeisterung für die Sache sowohl Entwurf wie Ausführung der geätzten Platte der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt“ habe. Noch Mitte November 1933 warb das Naziblatt Ostwacht mit eingangs gezeigten Fotografie für die Besichtigung der Urkunde im Rathaus.

Dankesschreiben Nazibürgermeister Schottenheim an Studienrat Ermer, für dessen edle Beigeisterung für die Sache vom  9. August 1933, Quelle: StAR ZR 2 2127.

Nachdem Nazibürgermeister Schottenheim den Wert von KGV-Künstlern wie Ermer erkannte, die bereits im Sommer 1933 mit „edler Begeisterung für die Sache“ der Nationalsozialisten einstanden, dürfte es ihm leichtgefallen sein, als er sich Ende 1933 anlässlich gewisser Begehrlichkeiten von Berliner Nazi-Behörden für den KGV einsetzte:

„Der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg ist als Gruppe des Kampfbundes für deutsche Kultur der wichtigste Träger unserer heimischen Kunst nicht nur für Regensburg, sondern für die ganze Bayerische Ostmark.“

An diesem Vorgang zeigt sich abermals: Für die an der Herstellung der Platte beteiligten Akteure, Ermer, Weichmann, Boll und die Firma Brandner hat die Teilhabe am NS-Regime keinesfalls eine „dunkle Zeit“ bedeutet, sondern Aufstieg und Anerkennung. Wie zu erwarten, war auch Franz Weichmann vor, während und nach der Nazi-Zeit auf fast allen Jahresschauen vertreten. Im aktuellen Katalog und in der Ausstellung findet sich kein Hinweis auf sein Engagement für Hitlers Urkunde, ausgestellt ist sein Messingleuchter von 1932, vorgestellt von Kerstin Pöllath.

Franz Ermer: Entnazifiziert im dritten Anlauf

Bleibt noch zu schildern, was die in staatlichen Archiven erhaltenen Unterlagen über Franz Ermers NS-Belastung verraten. In den in Amberger Staatsarchiv verwahrten Entnazifizierungsakten finden sich sowohl die üblichen Mitgliedschaften und Entlastungsnarrative, als auch wohl kalkulierte Lügen und Bizarres. In die Gliederungen der Nazipartei ist Ermer etappenweise eingetreten: 1933 NS- Volkswohlfahrt, 1934 NS-Lehrerbund und Reichs-Luftschutzbund mit Blockwartamt, 1935 Reichskammer der Bildenden Künste, Mai 1937 NSDAP und NS-Reichskolonialbund.

Ins Auge springt, dass Ermer erst im dritten Anlauf im Januar 1948 von der Spruchkammer III unter dem Vorsitzenden Michael Kaunzinger als Mitläufer in die alt-neue Mitte der Gesellschaft rechtskräftig entlassen wurde. Zwei zuvor ergangenen Sprüche gleichen Inhalts waren „zu Unrecht“ erlassen und deshalb aufgehoben worden.

Der Grund dafür war, dass Ermer zur Entnazifizierung mehrere Meldebögen mit falschen Angaben abgegeben hatte. So reduzierte er wahrheitswidrig sein auffällig hohes Einkommen und ließ seine hochproblematische Funktionsstelle im NS-Lehrerbund weg.

Fälschungen blieben ohne Konsequenz

Da Ermer als Lehrkraft einer staatlichen Schule neben dem deutschen Meldebogen auch einen detaillierteren des US-Military Goverment ausfüllen musste und er von der Special Branch der Militärregierung etwas genauer und mit Konsequenzen überprüft wurde, stand er seit September 1946 unter dem Verdacht der „Falsification“, der Fragebogenfälschung. Diese führte in der Regel zu einem Gerichtsverfahren und mehrmonatigen Haftstrafen (wie etwa bei Walter Boll, hier genauer).

Ermer hatte aber Glück und vermutlich gewichtige Schutzherren. Jedenfalls konnte, vielmehr, durfte er innerhalb von 14 Monaten viele Erklärung darüber nachtragen und beibringen, warum es zu den Falschangaben gekommen sei. Er führte dabei mehrere unwissentliche Missgeschicke an, auch eines seiner Frau.

Die Funktion des Kreissachbearbeiters beim NS-Lehrerbund sei ihm bloß zugetragen, der Parteieintritt von der Schulleitung nahegelegt worden. Letztere habe statt ihn, den eigentlich besser Qualifizierten, angeblich andere Parteigenossen befördert. Am Ende kam die für Ermer zuständige Spruchkammer zu dem Ergebnis, dass er als „tiefgläubiger Mann“ sich in keiner Weise dem Nationalsozialismus angeschlossen habe, zumal er ja als Zeichenlehrer im Bischöflichen Knabenseminar Obermünster wirkte.

Damit habe „er schon seine antinationalsozialistische Weltanschauung und seine Mitwirkung zur christlichen Erziehung der Jugend“ bekundet, was ihm der Obermünster-Direktor Meindl blumig bestätigte. Von einer Weitergabe der Fragebogenfälschung an das zuständige Gericht sah die Spruchkammer ausdrücklich ab. Als Sühnebetrag legte sie 500 Reichsmark fest, ein Drittel des vom Kläger geforderten Betrags. Ob Ermer, entnazifiziert und tiefgläubig, wieder in den Schuldienst ans Alte Gymnasium zurückkehren durfte, bleibt vorerst ungeklärt.

 

Bereits 1946 durfte der noch nicht “entnazifizierte” Franz Ermer wieder ausstellen. Eines von vielen Kallmünz-Bildern (1919); Foto: privat.

Nach der Wiederzulassung des KGV durfte Ermer bereits 1946, wie immer schon, seine Landschaftsdarstellungen zur Schau und Werke zum Verkauf anbieten. Obwohl er damals noch der Fragebogenfälscherei bezichtigt wurde und noch nicht entnazifiziert war.

KGV: Neubeginn mit NS-Profiteur als Vorsitzendem

Als im Jahre 1952 der Kunst- und Gewerbeverein unter dem neuen Vorsitzenden, dem Kreishandwerksmeister Franz Gerstl (1893-1967), umstrukturiert wurde, präsentierte sich der damals 66jährige Ermer nicht mehr. Dabei hätte Ermer sich mit dem ehemaligen Obermeister der NS-Schreiner-Innung Gerstl, der als Inhaber einer großen Schreinerei in der Lappersdorfer Straße unter anderem durch die Ausbeutung von NS-Zwangsarbeitern auch ein relativ hohes Jahreseinkommen (das von 1934 vervierfachte er im Jahr 1942 auf über 10.800 RM) erzielen konnte, wohl gut verstanden haben.

Gerstl, der bereits im Mai 1933 in die NSDAP eintrat, wurde bereits im Oktober 1946 und ohne den Vorwurf der Fragebogenfälschung als „Mitläufer“ eingestuft. Seine NS-Verstrickungen und Nazi-Auszeichnungen hielt man in der Folge allerdings im Verborgenen, bis heute. Was wiederum gut zu dem in den KGV-Analen propagierten Neubeginn unter dem Vorsitzenden und Handwerksinnungsmeister Franz Gerstl passte.

Der KGV betreibt Vergangenheitsabwehr

Was der renommierte Historiker Dr. Klaus-Dietmar Henke in einem SZ-Interview (vom 29. August 2026) zum westdeutschen Umgang mit NS-Belasteten Personen und Institutionen sagte, kann man am Beispiel des Regensburger Kunst- und Gewerbevereins bis heute trefflich beobachten.

Laut Henke (79) sei das allgemeine Verhaltensmuster nach 1945 „keineswegs eine mehr oder weniger unbewusste ‚Verdrängung‘ der Vergangenheit gewesen, sondern deren aktive Abwehr durch Nichtthematisierung, Verschleierung, Verharmlosung, Umdeutung oder Verleugnung: ‚Vergangenheitsabwehr‘ eben.“

Die vernebelnde Rede von der Verdrängung sei „eine Verharmlosung der tatsächlichen Haltung der damaligen Mehrheitsgesellschaft und selbst Indiz für die Vergangenheitsabwehr.“ So Henke, der seit der Mitte der 1970er Jahre zu diesen Problemlagen forscht und publiziert (zuletzt zu: Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der BND und der Eichmann-Prozess, 2026).

Nun kann man freilich nicht behaupten, dass der Kunst- und Gewerbeverein (KGV) sich zur Nazi-Vergangenheit gar nicht äußern würde. Zum seinem 175-jährigen Gründungsjubiläum veröffentlichte der Verein 2013 eine Festschrift, die laut Buchdeckel „ungeschönt, fundiert und abwechslungsreich“ ist. Laut der darin abgedruckten kurzen Chronik hätten sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten auch im Verein die „Verhältnisse grundlegend“ geändert: „Ein dunkles Kapitel in der Vereinsgeschichte begann“, heißt es darin.

Auch die Rede vom „dunklen Kapitel“ gehört zum Standardrepertoire der Vergangenheitsabwehr. Ebenso die Eigendarstellung, man habe die eigene Geschichte „ungeschönt“ aufgearbeitet.

Vorbild Nürnberger Kunstverein?

Der Regensburger Kunst- und Gewerbeverein steht mit seiner Nicht-Aufarbeitung in Eigenregie freilich nicht alleine da. Der vergleichsweise bedeutsamere Nürnberger Kunstverein scheute sich bis 2022 davor, die historische Aufarbeitung seiner Rolle und Beteiligung im NS-Regime von einem externen Gutachter untersuchen zu lassen. Dann berief man aber den Kunsthistoriker Wolfgang Brauneis für ein Jahr in den Vereinsvorstand und gewährte ihm Zugang zu allen Unterlagen. Die Ergebnisse der Aufarbeitung von Brauneis präsentierte man in Form einer Veransaltungsreihe mit Ausstellung.

Der von der Stadt Regensburg alimentierte Kunst- und Gewerbeverein sollte sich daran ein Beispiel nehmen und unter anderem die für das Jahr 2027 vorgesehenen 36.150 Euro Förderung nicht für geschönte Außendarstellungen, sondern für eine wirklich „ungeschönte“ Aufarbeitung seiner vielfältigen NS-Belastungen durch ausgewiesene Experten und Expertinnen nutzen.

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Kommentare (2)

  • Paul

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    Ein Jubiläum, das die eigene Geschichte im Dienst der Harmonie kastriert, verdient keine uneingeschränkte Gratulation.

    Eine Kulturszene, die sich heute als progressiv versteht, darf nicht wegschauen, wenn vor ihrer eigenen Haustür geschichtspolitische Amnesie betrieben wird.

    Kunst darf und muss gefeiert werden – aber niemals auf Kosten der historischen Wahrheit.

    Der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg (KGV) erhält eine maßgebliche finanzielle Unterstützung durch die Stadt Regensburg, wobei für das Haushaltsjahr 2027 eine Förderung in Höhe von 36.150 Euro vorgesehen ist. Angesichts dieser Verwendung öffentlicher Mittel stellt sich die Frage, inwieweit die Vergabe von Fördergeldern an Kriterien einer kritischen historischen Aufarbeitung gekoppelt sein müsste, um dem demokratischen Bildungsauftrag der Kommune gerecht zu werden.

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  • Günther Herzig

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    Danke für den Aufruf dieses Themas.

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