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Walter Boll und die nationale Revolution

Die Büste von Walter Boll im Treppenhaus des Historischen Museums Regensburg. Foto. R.W.

Die schon vor Jahren angemahnte wissenschaftliche Untersuchung des Regensburger Ehrenbürgers Dr. Walter Boll lässt weiter auf sich warten. Der ehemalige Museumsdirektor und Kulturreferent hat wie kaum ein anderer die Entwicklung Regensburg gestaltet. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus. Nach wie vor prägen wohlwollende Erzählungen und immer wieder wiederholte Legenden das Bild. Recherchen von regensburg-digital in bislang nicht ausgewerteten Akten zeigen nun, dass Boll als Emporkömmling des NS-Regimes immer im Sinne des Nationalsozialismus funktionierte und sich nach Kriegsende als Nazi-Gegner ausgab.

Besucher des Historischen Museums treffen im Treppenhaus auf die Büste eines Ehrenmanns. Auf die des ehemaligen Museumsdirektors und Kulturreferenten Dr. Walter Boll, der vor 71 Jahren das Amberger Zuchthaus verlassen und wie kaum ein anderer die Entwicklung Regensburg gestaltet hat. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus. Der derzeit noch amtierende Kulturreferent Klemens Unger lobt seinen Vorgänger bei jeder Gelegenheit, kehrt dessen Verdienste gerne hervor.

Stadtratsdebatten, die eine wissenschaftliche Untersuchung des Vorgängers, des ehemaligen Museumsdirektors Walter Boll fordern, lässt man hingegen im Regensburger Sumpf aus interessensgeleiteter Vergangenheitspolitik und Welterbe-Stolz untergehen. Bolls längst bekanntes Mittun im NS-Regime, seine Beteiligung an „Arisierung“ und Raub jüdischen Eigentums werden in der Domstadt mit wohlklingenden Legenden überdeckt, die wohlfeilen Schutzbehauptungen aus der Zeit der „Entnazifizierung“ bauen.

Neuerliche Recherchen von regensburg-digital und bislang nicht ausgewertete Akten zeigen dagegen deutlich auf, dass Boll als Emporkömmling des NS-Regimes immer im Sinne des Nationalsozialismus funktionierte und sich nach Kriegsende als Nazi-Gegner ausgab. Ebenso wird deutlich, wie etwa das Historische Museum, die Heimatzeitung, der Regensburger Almanach oder die Denkmalschutzbehörde jene Legenden weiterspinnen, die Boll, seine Freunde und Parteigenossen nach Kriegsende den US-Offizieren darboten, als es um seine Rückkehr ins Amt ging. Damals, im Herbst 1947 steckten die Amerikaner Boll aber für sieben Monate in den Knast.

I. Bolls Aufstieg in Regensburg

Im Jahre 1928 schrieb die Stadt Regensburg die Stelle eines „Konservators für die städtischen Sammlungen“ aus. Gesucht wurde damals ein promovierter Kunsthistoriker mit „Organisationstalent, Verständnis für die heimatgeschichtlichen Aufgaben einer mittleren Stadt, ihre Denkmalpflege und ihre moderne Kunstbetätigung.“

Obwohl Walter Boll kein bayerischer Staatsangehöriger war, als der er laut Ausschreibung „bevorzugt“ worden wäre, gewann der aus Stuttgart kommende das 28jährige das Rennen. Unter BVP-Oberbürgermeisteren Otto Hipp übernahm der Katholik Boll alsdann das Referat für Museum-, Archiv- und Bibliothekswesen und trat in die Bayerische Volkspartei (BVP) ein. Boll stand vor der enormen Herausforderung, ein vom Stadtrat zuvor beschlossenes „Historische Zentralmuseum“ aufzubauen. Dafür legte er zwei Jahre nach Amtsantritt eine Denkschrift vor. Die für ein Museum notwendigen Immobilien wurden erst 1931 erworben. Da diese aber von vielen Miet-Parteien bewohnt waren, konnten die Gebäude neben der Minoritenkirche erst nach dem juristisch erzwungenen und deshalb langwierigen Auszug der Mieter für ein Museum um- und ausgebaut werden.

Tafel zu Boll-Büste im Hist. Musem, mit falscher Zeitangabe. Boll wurde erst 1934 zum Direktor befördert . Foto: R.W.

Die infolge „der nationalen Revolution“ (so bezeichnete der SA-Mann Boll 1934 den Übergang von der Weimarer Republik in die Nazidiktatur) an die Macht gekommene nationalsozialistische Stadtverwaltung unter den NS-Bürgermeistern Otto Schottenheim und Hans Herrmann änderte ihre Museumspläne rasch. Statt Heimatgeschichte sollte nun völkische Reichsgeschichte aus- und dargestellt werden. Ab Herbst 1933 sprach man folgerichtig von einem „Ostmark-Museum“. Analog dazu vollzog auch der Regensburger Denkmalpfleger Boll einen Wechsel und trat im Herbst 1933 in die SA und zwei Jahre später in die Nazipartei ein.

Bereits 1934 wurde Boll unter OB Otto Schottenheim zum Museumsdirektor befördert und konnte sich daraufhin eine repräsentative(re) Wohnung in der Wittelsbacher Straße leisten. Bald war Boll neben der regulären Museumsarbeit eng in den Aufbau und die Verwaltung des NS-Regime eingebunden, dessen Einrichtungen und Führungsfiguren sich mit „Arisierung“, Raub- und Beutekunst bereicherten und schmückten.

Bolls Engagement für das NS-Regime wird etwa in einen dienstlichen Schreiben von Ende 1935 an einen Kollegen im Landesamt für Denkmalpflege (namentlich: Josef Ritz, der in der aktueller Fachliteratur als NS-Gegner betrachtet wird) erkennbar. Darin entschuldigte sich Boll, dass er „wegen der Unmenge der mir zum Teil neu von der Partei übertragenen Aufgaben“ erst jetzt antworten könne. Dieses und folgend zitierte Schreiben haben sich nur im Bayerischen Hauptstaatsarchiv erhalten, die Regensburger Archive wurden gesäubert.

Hitlerbesuch vorm Reichssaal anlässlich Bruckner Feier 1937. Foto Stadt Regensburg

Ein halbes Jahr später beschwerte sich Dr. Boll in einem mit „Heil Hitler“ unterzeichneten Brief beim Direktor des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (LfD) Georg Lill (der trotz fehlender NSDAP-Mitgliedschaft 1929 bis 1950 amtierte). Bolls Anlass: Da eine Pressenotiz Lills den Eindruck erweckte, das Regensburger Museum sei ihm unterstellt, meinte Boll seine Unabhängigkeit betonen zu müssen. LfD-Direktor Lill räumte in seiner Antwort an Boll ein, er habe sich nicht mit fremden Federn schmücken wollen, betonte aber anderseits die fachliche Zuständigkeit und Fürsorge des LfD gegenüber dem Regensburger Haus.

Besser verständlich wird diese Gerangel um Glanz und Ruhm, wenn man bedenkt, dass aus dem heimatgeschichtlichen Museum einer mittleren Stadt ein ambitioniertes Vorzeigeprojekt namens Ostmark-Museum mit völkischer Ausrichtung wurde, das nicht nur von NS-Oberbürgermeister Schottenheim sondern auch von anderen NS-Figuren und -stellen intensiv gefördert und auch vereinnahmt wurde. Im nächsten Kapitel komme ich anhand von Presseberichten darauf zurück.

Zuständig auch für Kunstgegenstände religiösen Inhaltes, arbeite Boll im Herbst 1936 mit Bischof Michael Buchberger und dem Regensburger Domkapitel einvernehmlich die Modalitäten aus, unter denen Kunstgegenstände aus den Bestände des Diözesanmuseums und des alten Dom- und Kapitelgebäudes dem „städtischen Ostmarkmuseum überlassen werden“ sollten. Diese Vereinbarung wurde auch umgesetzt und 1983 wieder aufgekündigt.

Bolls Zuständigkeiten wuchsen weiter an. Im Juni 1937 wurde er als amtierender NS-Kreiskulturwart von städtischen und nationalsozialistischen Behörden mit der Organisation des Höhepunkts des Regensburger Nazi-Jahres betraut: Mit der künstlerischen Gestaltung der sogenannten „Bruckner-Feier“ unter Beteiligung des „Führers“. Diese wurde in Form eines Staatsaktes zu Ehren Adolf Hitlers abgefeiert und von den Domspatzen unter der Leitung des Domkapellmeisters Theobald Schrems musikalisch ausgeschmückt.

Neben der Einweihung einer Bruckner-Büste in der Walhalla war ein weiterer Höhepunkt der Bruckner-Feier ein deutschlandweit per Rundfunk übertragenes Konzert, welches am Abend des 6. Juni in der eben mit Geldern des Propagandaministeriums restaurierten Minoritenkirche stattfand. Theobald Schrems gab damals Bruckners Te Deum zusammen mit einem Chor aus fast 500 Sängern, die sich aus allen kirchlichen und weltlichen Institutionen der Stadt Regensburg und den Domspatzen rekrutierten. Boll waltete ab Juni 1937 auch als Kreisstellenleiter der Hauptstelle Kultur und Ortsverbandsobmann der NS-Kulturgemeinde. Und als Dank für sein Engagement für die gelungene Bruckner-Feier durfte er im November des gleichen Jahres zur Weltausstellung nach Paris reisen. Ein für die damalige Zeit kaum zu überschätzendes Privileg.

Aufführung in der Minoritenkirche anlässlich der Bruckner-Feierlichkeiten am 6. Juni 1937 . Vorne im Bild: mit Domkapellmeister Prof. Dr. Theobald Schrems. Foto/Repro: Stadt Regensburg

Neben der oben genannten einvernehmlichen Zusammenarbeit mit der Diözese fungierte Walter Boll aber auch im Verborgenen. So beispielsweise 1940 als Gutachter zur „Bewertung von Klöstern“, die den ein Jahr später einsetzenden Klosterenteignungen voranging. Als das Regensburger Finanzamt im April 1940 bei Nazi-Bürgermeister Schottenheim wegen der Schätzung und der Bewertung von „Gegenständen von besonderem künstlerischen Wert“ in Regensburger Klöstern und Kirchen anfragte, war Bolls Expertise gefragt.

Obwohl Boll zu dieser Zeit bereits „zum Heeresdienst einberufen“ war, antwortete er bereits wenige Tage später mit einschlägigen Literaturangaben und wies darauf hin, dass das erbetene Gutachten („eine so umfassende Arbeit“) derzeit nicht geleistet werden könne. Jedenfalls, so Boll ans Finanzamt pflichtschuldig, würden „zahlreiche Kunstgegenstände von zum Teil hohem Wert“ unter Verschluss gehalten. Und weiter: Es „stehe jedoch ausser Zweifel“, dass über die bekannten Gegenstände hinaus „noch weitere kunstgeschichtlich interessante Objekte“ vorhanden seien. Soweit bekannt blieb diese Exertise folgenlos.

Diese gutachterliche Tätigkeit im Sinne des räuberischen NS-Regime war keine Ausnahme, wie Recherchen der Autorin Waltraud Bierwirth zeigen. Denen zufolge war Boll auch an der Enteignung von Regensburger Juden als denkmalpflegerischer Gutachter beteiligt. Beispielsweise befand Boll 1940: Da die denkmalpflegerische „Instandsetzung jüdischer Häuser in Regensburg“ immer wieder „nach dem Gesichtspunkt größter Billigkeit und rücksichtslosester wirtschaftlicher Ausbeutung“ vorgenommen werde, müsse „dieses Anwesen endlich in arischen Besitz“ übergeleitet werden.

Die Funktion des Ostmark-Museums erweiterte sich nochmals Ende der 1930er Jahre bzw. im Zuge der Zwangsverkäufe und Enteignung der jüdischen Bevölkerung. In dieser Zeit ist Boll auf den entsprechenden Auktionen präsent und deckt sein Museum mit günstig erworbenen, sprich NS-verfolgungsbedingt zu erwerbenden Kunstgegenständen ein. Auch Regensburger Gestapo-Leute kamen auf ihn zu und lieferten nach den Novemberpogromen 1938 geklaute und beschlagnahmte Ritus- und Kultgeräte oder Urkunden in Bolls Haus ab – beispielsweise aus den zerstörten Synagogen von Regensburg, Weiden und Bayreuth. Später verschwanden auch „Judensilber“ und Wertgegenstände von deportierten Juden im Magazin des Ostmarkmuseums.

Da die Gestaltung des Ostmarkmuseums erst Ende 1938 weitgehend abgeschlossen werden konnte, wurde seine Eröffnung auf das Frühjahr 1939 terminiert. Nach weiteren Verzögerungen gab es zuletzt für August 1939 konkrete Einweihungspläne, die aber von Schottenheim wegen der auf Hochtouren laufenden Kriegsvorbereitungen („in Anbetracht der außenpolitischen Lage“) auf nach Kriegsende verschoben wurden.

Treffen von SS-Bürgermeister Schottenheim und Reichskanzler Hitler 1937 anlässlich der Bruckner-Feier. Foto: Stadt Regensburg

Im Oktober 1945, reichlich spät für einen so hohen und einflussreichen NS-Funktionär, entfernten die zuständigen amerikanische Offiziere Walter Boll aus dem Amt. Sowohl der Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalspflege Georg Lill als auch der Regensburger Antisemit und katholische Geistliche Josef Engert. bezeichneten Boll hingegen als unersetzlich und plädierten für eine Weiterbeschäftigung. Das Sagen hatten jedoch die amerikanischen Offiziere. Diese hielten eine völlige Rehabilitierung Bolls für nicht möglich. Bis zum Sommer 1948, als die Amerikanische Militärregierung sich ganz aus der Überwachung der deutschen Spruchkammerurteile zurückzog, hielten sie diesen Standpunkt aufrecht.

II. Vom völkischen Ostmark-Museum zum Stadtmuseum

Gab sich nach dem Krieg als Widerständler: Walter Boll. Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation.

Anders als die weit verbreitete Ansicht meint, Boll habe das Historische Museum ohne Unterstützung der NS-Behörden erschaffen und aufbauen müssen, arbeitete er mit dem Nazi-Bürgermeister Otto Schottenheim und der einschlägigen NS-Verwaltung einvernehmlich und gedeihlich zusammen. Ein von Lobeshymnen getragener ganzseitiger Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten von 1937 zeigt dies eindrücklich. Unter der Überschrift „Das Ostmarkmuseum in Regensburg“ betonte das damals im NSDAP-Verlag erscheinende Blatt „die politische und kulturelle Sendung der Bayerischen Ostmark gegen das herandrängende Tschechentum“. Regensburg „ die Hauptstadt der Bayerischen Ostmark“, rücke „wieder in den Blickpunkt gegenwartspolitischen Interesses.“ Die nationalsozialistische Stadtverwaltung habe im „Gegensatz zur früheren die Bedeutung des Museums klar erkannt und ihm einen weit höheren Betrag zur Verfügung gestellt“.

Die „ganze bäuerliche und völkische Kultur der Ostmark“ sei in seine Sammlung ebenso eingegangen, wie Teile der von der Hitlerjugend zuletzt auf der Ostmarkschau gezeigten Exponate. Umso bewundernswerter sei „die zähe Arbeitskraft und die Opferwilligkeit des Mannes, der Geist und Seele des Ostmarkmuseums ist, des städtischen Konservators Dr. Boll“.

Der Bericht zeichnet Boll als den Architekten des Baus, in seinen Händen liege die gesamte sachliche und künstlerische Arbeit, seit Jahren sammle er aus allen Teilen Deutschland alles, was dem Kulturkreis Regensburg zugehöre. Da der amtierende bayerische Ministerpräsidenten und SA-Gruppenführer Ludwig Siebert dem Museum, so die Münchner Neueste Nachrichten weiter, „das größte Interesse“ entgegenbrachte, stiftete er 1.000 Mark. Siebert hoffte darauf, dass das Museum 1938 vollendet werde und „sein Werden und Wirken durch die Jahrhunderte in so einzigartiger Weise festhält und als lebendiges Wahrzeichen für das Volkstum der Bayerischen Ostmark zeugt.“ Auch wenn das Nazi-Blatt Münchner Neueste Nachrichten die Rolle von Boll übertrieben haben mag, ist seine enge Kollaboration mit NS-Stellen und führenden Nazifiguren unverkennbar.

Nach der Zerschlagung des NS-Regimes wurde Boll von der Amerikanischen Militärregierung aus dem Dienst entfernt und erst im März 1947 von der Spruchkammer als „entlastetet“ eingestuft. Dies gelang ihm zum einen mit Hilfe der im nächsten Kapitel genauer zu schildernden quasidienstlichen Erklärung seiner Assistentin Irene Diepolder. Zum anderen mit dem spekulativen Persilschein des MZ-Herausgebers Karl Essers, der Boll widerständische Handlungen und Schutz von Freimauerer-Eigentum gegenüber der Gestapo zuschrieb, ohne von den Vorgängen Kenntnis zu haben. Die Verfahrenskosten trug die Staatskasse (Mehr dazu hier).

Die für die Überwachung von Spruchkammerurteilen zuständigen amerikanische Offiziere legten aber gegen den entlastenden Spruch der Kammer ihr Veto ein. Statt das Amt des Museumsdirektors (wieder) antreten zu können, musste Boll für fast sieben Monate in den Knast – laut Gefangenenbuch der Strafanstalt Amberg vom 31. Oktober 1947 bis 28. Mai 1948. Die Akten schweigen sich über die Hintergründe dieser Inhaftierung aus. Es ist davon auszugehen, dass sie von der Militärregierung wegen Bolls falschen Angaben in den Entnazifizierungsverfahren angeordnet wurde.

Im August 1948 kehrte Boll endlich wieder ins Amt des Museumsdirektors zurück und gestaltete das bislang fürs NS-Regime errichtete Museum (Stichwörter:„ganze bäuerliche und völkische Kultur der Ostmark“, „Hitlerjugend“-Exponate, „die politische und kulturelle Sendung der Bayerischen Ostmark gegen das herandrängende Tschechentum“) innerhalb von wenigen Monaten für die neuen, bundesrepublikanischen Verhältnisse um.

Als das Historische Museum schließlich eröffnet wurde, widmete die Mittelbayerische Zeitung vom 15. Februar 1949 dem Ereignis eine ganze Seite – ohne ein Wort über die nationalsozialistischen Vorarbeiten und Grundlagen zu verlieren. Unter der nicht gerade bescheiden gehaltenen Überschrift „Regensburger Museum – ein Mittelpunkt deutscher Kultur“ wird abermals Boll hymnisch gedankt: ein „Werk von eminenter Bedeutung“, dessen Schwierigkeiten und „ungeheure Arbeit“ mit „unbändiger Willenskraft bewältigt wurden“, und ohne „die Besessenheit eines starken Willens“ nicht zu verwirklichen gewesen wären.

Walter Boll (re.) bei der Eröffnung des Historischen Museums 1949 mit CSU-Staatsminister Alois Hundhammer. Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation

In einem kurz darauf erschienenen MZ-Beitrag durfte auch Museumsdirektor Walter Boll sein Museum, dessen wesentliche Struktur und Aufbau sich übrigens bis heute erhalten hat, persönlich vorstellen. Statt auf die nationalsozialistischen Wurzeln und Vorgeschichte seines Hauses einzugehen, lobte Boll unverfängliche Unterstützer, beispielsweise „seine Durchlaucht den Fürsten von Thurn und Taxis“ für die Zuweisung von Holz und Marmorplatten. Seinem ehemaligen „Amtsvorstand“ Schottenheim hingegen dankte Boll anlässlich der Eröffnung nicht, zumindest nicht seinem MZ-Bericht. Zum 75jährigen Geburtstag allerdings ließ es sich Walter Boll allerdings nicht nehmen, seinem ehemaligen NS-Oberbürgermeisters und Amtsvorstand aufzuwarten. In seinem Geburtstagsschreiben vom 20. Oktober 1965 dankte er Schottenheim für die vielen Verdienste für die Stadt und das gute Verhältnis.

Die in den Münchner Neuesten Nachrichten von 1937 und in der MZ von 1949 verbreitete Bewertung und lückenhafte Darstellung des Museumsdirektors Walter Boll hat sich in Regensburg erhalten, die Kulturverwaltung hält bis heute unbeirrt daran fest. Eine einhellige Forderung des Stadtrats von 2008, die NS-Vergangenheit des 1985 verstorbenen Stadtdirektors Walter Boll genauer unter die Lupe zu nehmen, setzte das Kulturreferat unter Klemens Unger bislang nicht um. Stattdessen scheint Unger keine Gelegenheit auszulassen, auf Bolls Verdienste hinzuweisen, beispielsweise anlässlich der Sanierung der St.-Anna-Kapelle in Regensburg-Großprüfening.

Als ebenso „unerledigt“ muss das im Oktober 2017 verfasste „Konzept für eine Gedenk- und Erinnerungskultur der Stadt Regensburg“ gelten, das im städtischen Auftrag von Dr. Jörg Skriebeleit, Prof. Dr. Mark Spoerer und Dr. Heike Wolter erstellt wurde. In diesem Konzept wird dem Kulturreferat bzw. dem Historischen Museum nahegelegt, „seine eigene Geschichte, sowie die seines ehemaligen Leiters Walter Boll und die der Herkunft seiner Bestände, zu reflektieren“. Auf Nachfrage erklärte die städtische Pressestelle vom kurzem, das Kulturreferat sei „derzeit in Gesprächen mit der Universität Regensburg um eine wissenschaftliche Erforschung von Leben und Werk Walter Bolls auf den Weg zu bringen“.

Falls diese Gespräche noch unter dem im Oktober 2019 aus dem Amt scheidenden Kulturreferenten zu einem Ergebnis kommen sollten, bleibt abzuwarten, ob daraus eine vorbehaltlose und umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung entstehen wird.

III. Legenden statt Aufarbeitung

In seinem Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung gab 1946 Boll zu seiner Entlastung unter anderem an, dass es 1935 zu einem Gestapo-Verhör gekommen sei, weil er sich geweigert habe, im Regensburger Museum aufbewahrte Gegenstände der Regensburger Freimauer-Loge herauszugeben. Seine damalige Assistentin, die promovierte Kunsthistorikerin Dr. Irene Diepolder, schmückte Bolls Angaben gegenüber der Spruchkammer weiter aus. In ihrer dienstlichen Bestätigung, die im Ton eines Persilscheins verfasst war, behauptet Diepolder als kommissarische Leiterin des Museums im November 1946, dass Boll seinerzeit in Kontakt mit dem jüdischen Mitbürger und Freimauererbruder Alois Natzler gestanden sei und die Logen-Gegenstände „unter dem Deckmantel eines Kaufes“ ins Museum überführt worden seien. Deshalb sei Boll von SS- und Gestapo-Leuten verhört worden. Irgendwelche Belege oder Verträge legte Diepolder, selber NSDAP-Mitglied, nicht vor.

Assistentin Diepolder bloß mitgelaufen?

Der Werdegang und die Entnazifizierung von Irene Diepolder sind bemerkenswert. Als Tochter eines Thurn & Taxis-Justizrats kam sie Ende 1930 auf Drängen Ihres Vaters und mit Unterstützung des rechtskundigen BVP-Bürgermeisters Hans Herrmann als gehaltlose Volontärin ans städtische Museum. Im Jahre 1938 erhielt sie erstmals ein monatliches Gehalt von 100 RM, im Jahr 1941 wurde sie Museumsassistentin und im letzten Kriegsjahr hatte sich ihr Gehalt auf das Sechsfache gesteigert.

In einer Erklärung gegenüber der Stadtverwaltung von 24. Juni 1946 schrieb Diepolder, „mit dem Entschluss der Partei beizutreten“ habe sie ihren Eltern (bei denen sie in der Von-der-Tann-Straße lebte) „den guten Willen auf mein Fortkommen Bedacht zu sein beweisen“ wollen. In der NS-Zeit habe sie, so Diepolder, manch Ärger mit der Kreisleitung gehabt, „die das Museumsgebäude wiederholt für ihre Zwecke beschlagnahmten und so dessen Bestand gefährdeten“.

Die 1903 in Regensburg geborene Irene Diepolder wurde mit einem Spruch der Berufungskammer vom 2. Dezember 1947 als „Mitläuferin“ eingestuft und zur Zahlung von 1.500 RM an den Wiedergutmachungsfonds verurteilt. Wegen der in der ersten Instanz noch etwas höher angesetzten Geldbuße ging Diepolder in Berufung. Im zuletzt ergangenen rechtskräftigen Urteil liest man dazu eine seltene aber einleuchtende Begründung:

„Bei der Bemessung der Geldbuße fiel das Gewicht auf die Tatsache, dass sich jeder Beamte und Angestellte, der sich durch Parteibeitritt Stellung und Einkommen sicherte, diesen grossen und jahrelang genossenen Vorteil heute anrechnen lassen muss, auch wenn er bloß ‚mitgelaufen‘ ist.“

Da Diepolder am 1. Mai 1937 der NSDAP beigetreten war, konnte sie für Bolls „Entnazifizierung“ keine eidesstattliche Erklärung, einen sogenannten Persilschein, abgeben. Diese für die Spruchkammerprozesse typischen Erklärungen wurden nur von Personen akzeptiert, die nicht Mitglied in der Partei und ihren Gliederungen waren. Diepolders dienstlich vorgetragene Legende, die Boll entlasteten sollte, hat sie in ihrem eigenen Verfahren nicht erwähnt.

Erwerb infolge der „nationalen Revolution“

Das Porträt des Fürsten Karl Alexander von Thurn und Taxis als Großmeister der Loge „Karl zu den drei Schlüsseln“. Per Vertrag kam es 1933 in Besitz der Stadt Regensburg. Foto: Stadt Regensburg/Michael Preischl

Was sagen die Akten zu Bolls Entlastungslegende? Ein im Historischen Museum überlieferter und von Walter Boll am 22. November 1935 erstellter Aktenvermerk zeichnet zu den Vorgängen ein anderes, glaubhaftes Bild. Boll vermerkt darin, dass zivile Beamte der Politischen Polizei sich angemeldet hätten und am 22. November die im Museum verwahrten und von der Loge „erworbenen Gegenstände“ besichtigen und „abführen“ wollten. Boll erklärte daraufhin laut Aktenvermerk, dass es ihm „ohne ausdrückliche Weisung seitens meiner vorgesetzten Stelle nicht möglich sei“, diese im Eigentum der Stadt Regensburg befindlichen Objekte abzutreten“.

Er, Boll, habe die Polizisten daraufhin an den NS-Bürgermeister Schottenheim verwiesen, damit sie sich „mit meinem Amtsvorstand ins Benehmen setzen“. Bei seiner Rücksprache mit dem SS-General Schottenheim vom gleichen Tag, habe er, Boll, „nicht verschweigen können“, dass „zwar die neueren Gegenstände aus künstlerischen und historischen Gründen für uns entbehrlich wären, zumal nur diese für die Zwecke der Polizei wichtig sein können, dass dagegen die älteren Gegenstände (die längst aufgelösten und verschwundenen Orden angehörten) für die Geschichte der Stadt…“ für die historische Forschung über diese Zeit unentbehrlich seien.

Schottenheim schloss sich dieser Sichtweise an. Folglich bestand Boll darauf, dass historisch relevante Gegenstände wie Urkunden, Orden und ein per Kaufvertrag erstandenes Ölgemälde im Museum blieben. Die restlichen Gegenstände, die aus seiner Sicht unwichtig waren, übergab Boll daraufhin der Polizei. Ebenso für ihn bedeutungslose neuere Schriften, die Mitgliederverzeichnisse der Logen und mehrere hundert Bücher, die er in der von ihm verwalteten Kreisbibliothek deponiert hatte.

Im erhaltenen Eingangsbuch des Ostmark-Museums von 1934 hat Boll den NS-verfolgungsbedingten Erwerb von Freimaurer-Eigentum ohne Umschweife und im Duktus eines SA-Manns auf den Punkt gebracht:

„Die Gegenstände wurden nach der Auflösung der Regensburger Loge Herbst 1933 infolge der nationalen Revolution von der Loge zusammen mit Protokollen und einem Ölbildnis des Fürsten Thurn und Taxis erworben.“

Nach Durchsicht der erhaltenen Akten lässt sich resümieren: Eine von Boll und seiner Assistentin Diepolder insinuierte Bedrohung durch die Gestapo, ein deutschlandweit verbreitetes Entlastungsmuster, hat es nicht gegeben. Ebenso gibt es kein Anzeichen dafür, dass von Boll irgendetwas „unter dem Deckmantel eines Kaufes“ abgewickelt wurde. Vielmehr hat Boll als ein Teil rivalisierender NS-Bürokratien gemäß seiner Eigeninteressen gehandelt und versucht, den größeren Teil der Beute, hier das zwangsweise abgeführte Logeneigentum, in seinem Haus zu behalten.

Was ist nach dem Krieg dem Logen-Eigentum passiert? Im Mai 1948 wurden (ausweislich eines Übergabe-Protokolls) die meisten der im Museum verbliebenen Gegenstände (wie Orden, Schriftstücke, Maurerschürzen) zurückgegeben, manche gelten bis heute als verschwunden. Das besagte Ölbildnis, das als einziges am 13. November 1933 für 200 RM vom Liquidator der Loge Robert Neubauer per Vertrag erworben wurde, befindet sich bis heute im Museum. Dem Vernehmen nach wird derzeit über seinen zukünftigen Verbleib und die rechtlichen Eigentumsverhältnisse verhandelt.

Ausstellung schreibt Legenden fort

Als das Historische Museum 2015 eine selbst erstellte Ausstellung zu den Regensburger Freimaurern zeigte, blieben alle Boll belastenden Vorgänge und Details unerwähnt. Ganz im Sinne seiner Spruchkammerlügen. Bolls Wirken hinsichtlich des Logeneigentums wird darin schöngefärbt, teils falsch dargestellt. Etwa wenn eine Ausstellungstafel unter dem Motto „Auflösung und Neubeginn“ vorgibt:

„Eine wichtige Rolle während der Dunklen Zeit spielt auch Dr. Walter Boll, der Direktor des Historischen Museums. Er selbst ist zwar kein Freimaurerbruder, jedoch rettet er Bücher, Kleinschriften und wichtige Dokumente aus der Logenbibliothek, bevor die Nationalsozialisten diese zerstören oder in Beschlag nehmen.“

Dr. Boll spielte laut Freimaurer-Ausstellung 2015 eine „wichtige Rolle während der Dunklen Zeit“. Foto H.W.

Auf die Anfrage von regensburg-digital, mit welchen Quellen sich diese „wichtige Rolle“ Bolls belegen lassen, konnte der damalige Kurator der Ausstellung, Dr. Wolfgang Neiser, keine belastbare Quellen nennen. Neiser erklärte stattdessen, dass die Ausstellung 2015 mit einer zeitweiligen Mitarbeiterin „als Praktikumsprojekt“ und „in Absprache mit der Loge konzipiert und entwickelt“ worden sei. Wen der Kurator Wolfgang Neiser ebenso wenig nannte, ist der in Regensburg als Sprachrohr der Familie Boll auftretende Autor Stefan Reichmann. Auf ihn geht der aktuelle Teil der Boll-Propaganda zurück, die unter anderem im Regensburger Almanach (2008) veröffentlicht wurde. Reichmanns Text beruht hauptsächlich auf den Angaben der Familie Boll und kommt ohne weitere Quellenangaben aus.

Reichmann zeichnet Boll im Zusammenhang mit dem NS-verfolgungsbedingten Erwerb von Logen-Eigentum als einen politisch Verfolgten, wenn er frei weg behauptet, dass der Schutz von Freimaurer-Eigentum für Boll ein „erfolglos gebliebenes Verfahren wegen ‚staatsfeindlicher Haltung und politischer Unzuverlässigkeit‘ nach sich“ gezogen habe. Als Reichmanns Text 2008 veröffentlicht wurde, übergab der Almanach-Herausgeber der Tochter Bolls ein Exemplar des Almanachs und die Heimatzeitung warb für das Ganze mit einem Foto.

Wie lässt sich dieser Aspekt bilanzieren? Auch über 80 Jahre nach dem dokumentierten systemkonformen Zusammenspiel zwischen Politischer Polizei, Walter Boll und NS-Bürgermeister Schottenheim hat es das Historische Museum nicht einmal versucht, das Wirken des Direktors des NS-Projekts „Ostmarkmuseum“ Boll wissenschaftlich fundiert und wahrheitsgetreu darzustellen. Stattdessen reproduzierte die Freimaurer-Ausstellung 2015 die Spruchkammerlügen des NS-Karrieristen Walter Boll. Sie frisierte seine Legenden sogar noch auf und präsentiert sie den Ausstellungsbesuchern erbarmungslos als historische Wahrheit. Was könnte die interessengeleitete Vergangenheitspolitik der Regensburger Kulturverwaltung und das gänzliche Fehlen einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Komplexes Historisches Museum/Walter Boll deutlicher offenbaren?

Sollte eine umfassende Studie das Wirken Bolls wissenschaftlich untersuchen, müsste sowohl dieses stadtgesellschaftlich inszenierte Fortwirken als auch die vielen Auszeichnungen, die Walter Boll angetragen wurden, thematisiert werden.

IV. Bolls ehrende Seilschaften

Als Dr. Walter Boll 1959 für den zwei Jahre zuvor geschaffenen Bayerischen Verdienstorden vorgeschlagen wurde, konnte er sich auf seine Seilschaft von ehemaligen BVP-, SA- und NSDAP-Kameraden verlassen. Entgegen der Empfehlung des zuständigen Ordensbeirats (der auf „zurückstellen“ plädierte) verlieh der damalige CSU-Ministerpräsident Hanns Seidel (vormals BVP) Boll im Juli 1959 dennoch den besagten Orden.

Der förmliche Vorschlag für eine Auszeichnung Bolls stammte vom damaligen bayerischen Kultusminister Dr. Theodor Maunz, der als NS-Jurist das Nazi-Regime in jeder Hinsicht juristisch begründete und absicherte. Und (wie Walter Boll) 1933 in die SA und die NSDAP eintrat. Den Plan, Boll den Verdienstorden zu verleihen, hatte vermutlich der Protokoll-Chef der Bayerischen Staatskanzlei, der Ministerialrat Philipp von Brand, eingefädelt. Das ehemalige BVP-Mitglied Philipp von Brand war seinerzeit sowohl Mitglied als auch „ein besonders eifriger Förderer“ (so eine Chronik) des Historischen Vereins Regensburg, den Walter Boll wiederum von 1933 bis 1945 als „Führer“ leitete und der ihm 1956 die Ehrenmitgliedschaft verlieh.

Für welche Verdienste bekam Boll den Bayerischen Verdienstorden? Wegen seines Einsatzes als städtischer Konservator für den Erhalt der Altstadt, oder wegen seiner angeblichen Sabotage der NS-Politik, wie ihm viele Persilscheine im Entnazifizierungsverfahren bestätigten? Von wegen. Laut den Unterlagen der Staatskanzlei lag das Verdienst des damaligen Kulturdezernent und Dezernent für Gartenanlagen in der Errichtung des Regensburger Museums, das „ein gültiges Vorbild für die bayerischen Stadt- und Heimatmuseen“ sei. Damit habe Boll sich „ein außerordentliches Verdienst um die Pflege bayrischer Kultur und Tradition erworben.“

Übernahm die Kanzlei von I. Meyer, der spärtere Ehrenbürger der Stadt Regensburg und Bayrische Ministerpräsident Alfons Goppel, 1963 Foto: Bundesarchiv Wikipedia

Unklar ist, warum zehn Jahre nach der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens ein weiterer bayerischer Staatsminister Boll mit einer Ehrungen beglücken wollte. Zur Vorbereitung dieses Vorhabens ließ das Staatsministerium für Arbeit und Soziale Fürsorge unter dem CSU-Politiker und Leiter der Hanns-Seidel-Stiftung Fritz Pirkl im Dezember 1969 beim Regensburger Amtsgericht „vertraulich“ anfragen. Wegen einer „möglichen Ordensverleihung“ bat das Ministerium um die Spruchkammerakten Walter Bolls, da „dieser Mitglied der NSDAP war“.

Warum diese Initiative für einen weiteren Orden (möglicherweise für den erst 1979 wiedereingeführten Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst) nach der Übersendung der Spruchkammerakten versandete, geht aus den Akten nicht hervor. Denkbar ist allerdings auch, dass bereits mit dieser Anfrage die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes vorbereitet wurde. Dieses bekam Boll am 15. August 1978 auf Vorschlag des damaligen Bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Alfons Goppel verliehen. Goppel, gebürtiger Regensburger und 1933 BVP-Stadtrat, trat wie Boll bereits 1933 in die SA und 1937 in die braune Partei ein. Ebenfalls schon 1933 übernahm er die Kanzlei des nach Palästina geflohenen jüdischen Anwalts Isaak Meyer, der seinerzeit als einer der ersten Juden seine Heimatstadt verließ. Recherchen der Autorin Waltraud Bierwirth haben diese Zusammenhänge zu Tage gebracht.

V. Wie Boll einen Regensburger Bischof und Kupferpfannen rettete

Der anscheinend unaufhörliche Wunsch, Walter Boll geschönt darzustellen und zu ehren, versiegte freilich auch nach seinem Tode nicht. So forderte etwa 2008 der ÖDP-Stadtrat Eberhard Dünninger (verstorben 2015), Boll mit einer nach ihm benannten Straße zu ehren. Nachdem der Stadtrat daraufhin, wie bereits erwähnt, angesichts Bolls NSDAP-Mitgliedschaft erfolglos eine wissenschaftliche Überprüfung seines Wirkens forderte, kam dieser im Zuge der Umsetzung der Bischof-Sailer-Statue im Jahre 2014 zu neuen ungeahnten Ehren.

Was aber hatte Walter Boll mit der Sailer-Statue zu schaffen? Folgt man den Darstellungen des bischöflichen Ordinariats, hätte Bolls Einsatz die Zerstörung der Statue gerade noch verhindert. Die Mittelbayerische Zeitung wusste es scheinbar ganz genau und schrieb im Mai 2014 hierzu: „Damals konnte Museumsdirektor Dr. Walter Boll in buchstäblich letzter Minute noch verhindern, dass die Bronze-Statue für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurde.“

Die Auswertung der einschlägigen Akten im bayerischen Hauptstaatsarchiv und Stadtarchiv ergibt aber einen anderen Befund. Ähnlich seines Umgangs mit dem NS-verfolgungsbedingten Entzug und Erwerb des Freimaurer-Eigentums hielt sich Walter Boll auch in der Causa Sailer-Statue getreu an die nationalsozialistischen Ziele und Hierarchien. In einem Schreiben an den Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Georg Lill, von Januar 1940 wollte Boll wissen, wie man mit den Bronzestatuen von Bischof Sailer und König Ludwig umgehen solle:

„Im Vollzug der Ausführungsbestimmungen des Generalfeldmarschalls Göring über die Metallablieferung ist die Stadtverwaltung Regensburg bestrebt, möglichst weitgehend zum Erfolg der Sammlung beizutragen.“

Ohne eine eigene Position oder Bedenken zu formulieren, legte er auch den Hintergrund seiner Anfrage dar:

„Ich wäre im Namen des Herrn Oberbürgermeisters für eine alsbaldige Benachrichtigung dankbar, welche Haltung die Stadtverwaltung in dieser Sache einnehmen soll.“

In der im Stadtarchiv erhaltenen Antwort von April 1940 sprach sich das Landesamt für den Erhalt der Sailer-Statue aus: Für das König-Ludwig-Standbild verneinte das Landesamt bequemerweise seine Zuständigkeit, mahnte aber einen sorgsamen Umgang an. Wie zu erwarten, schloss Boll sich im Mai 1940 der Sichtweise des Landesamtes an, dennoch kam die Sailer-Statue 1942, (wohl) auf Anordnung von OB Schottenheim, als Metallspende der Stadt nach Hamburg in die Zinnwerke Wilhelmsburg. Dort blieb sie zusammen mit tausenden von Kirchenglocken bis zum Kriegsende auf Halde liegen, ohne noch zu Munition verarbeitet zu werden.

Legenden zufolge von W. Boll gerettet bzw. wiedergefunden: Die Bischof-Sailer-Statue am Emmeramsplatz. Foto: sm

Dass auch das Aufspüren der Sailer-Statue nach dem Krieg in Hamburg Bolls Verdienste sei, gehört zum verklärenden und alles überdeckenden Regensburger Legendenbündel. Anders als es etwa der Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Eugen Trapp ohne Beleg behauptet, wurde der Verbleib der Sailer-Statue nicht „dank der Recherchen Walter Bolls bekannt.“

Es war vielmehr seine Assistentin, Irene Diepolder, die im Juli 1948 – als Boll immer noch nicht in Amt und Würden war – wegen der Sailer-Statue und städtischen Glocken aktiv wurde und bei der mit der Identifizierung der Glocken zuständigen Stelle in Hamburg schriftlich nachfragte. Kurze Zeit später ging bei Diepolder eine schlichte Antwort aus Hamburg ein. Der zuständige Custodian for Church Bells and Statues F.W. Schilling schrieb, dass er sich freue, mitteilen zu können, dass das Sailer-Denkmal „noch vorhanden ist.“. Mehr Recherchetätigkeit als das Verfassen eines Anschreibens war laut den erhaltenen Akten für Irene Diepolder nicht nötig.

Die Wege der Sailer-Statue

Die Restaurierung und Umsetzung der Statue, die den Regensburger Bischof Johann Sailer überlebensgroß darstellt, betrieb seinerzeit vor allem Kulturreferent Klemens Unger bzw. der von ihm geleiteter Verein „Welterbe Kulturfonds Regensburg – die Förderer“. 

Erstmals aufgestellt wurde die Sailer-Statue auf Anordnung von König Ludwig I. im Jahre 1868 auf dem Emmeramsplatz. Weil an diesem Ort Mitte der 1940er Jahre für die Kriegsertüchtigung ein Löschteich errichtet wurde, entfernte man die rund 1.400 Kilogramm schwere Statue, um sie später, ähnlich zigtausender Kirchenglocken, als Metallspende in die Zinnwerke bei Hamburg zu verfrachten. Da das Einschmelzen für den „Endsieg“ aber nicht mehr geschah, kam die Statue, wie erwähnt, nach dem Krieg wieder nach Regensburg zurück und 1951 wurde sie in der Bahnhofsallee in einem von Bischof Buchberger genehmigten und Oberbürgermeister Zitzler organisierten Festakt wieder aufgestellt.

Im Jahre 2007 setzte dann Kulturreferent Unger alle Hebel in Bewegung und die nötigen Mittel frei, um die renovierte Sailer-Staute wieder an den ursprünglichen Standort zurück zu bringen. Im Rahmen des 99. Katholikentags von 2014 wurde sie im Beisein von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs und Bischof Rudolf Voderholzer an den ursprünglichen Aufstellungsort, den Regensburger Emmeramsplatz, zurück versetzt. 

Boll als Retter von kostbaren Kupfer- und Zinngeschirr?

Anders als die von Stefan Reichmann im Almanach 2008 publizierte Darstellung es will, hat Boll die von Generalfeldmarschall Göring zu Rüstungszwecken angeordnete Metallsammlung, die auch museale Gegenstände betraf, nicht generell torpediert. Vielmehr hat der Museumsdirektor Boll die als „Metallspende“ verbrämte Aktion organisiert. Zu diesem Zweck bestimmte ihn Nazibürgermeister Schottenheim Mitte März 1940 zum städtischen „sachkundigen Beauftragten“, mit dessen Hilfe „in sämtlichen“ Gebäuden der Regensburg Stadtverwaltung, in „Krankenhäusern, Altersheimen und Museen die in Betracht kommenden Gegenstände“ festgestellt werden sollten.

Walter Boll bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde durch Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher, 1980. Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumenation

Befanden sich unter den abgelieferten „Gegenstände von historischem und künstlerischen Wert“, wie beispielsweise kostbares Kupfer- und Zinngeschirr, lieferte Boll diese mit der Bitte um Rückgabe ab. In einem Aktenvermerk von November 1940 legte Boll aber Wert darauf, dass anlässlich der „Metallspende keinerlei Gegenstände von künstlerischem, historischen oder handwerklichen Wert“ ohne Meldung zurückgehalten worden seien.

Der nüchterne Befund, dass Boll ein getreuer Akteur des NS-Regimes war, wird durch weitere, im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrte Schreiben gestützt. Etwa durch einen mit „Heil Hitler ihr ganz ergebener Museumsdirektor“ unterzeichneten Brief an den LfD-Direktor Georg Lill vom Januar 1940, der ein eigenartiges Gesuch vorbringt. Im Auftrag des SS-Generals Schottenheim bittet Boll darin den obersten Denkmalpfleger Lill um Erlaubnis, „das Grabmal der Königin Hemma in St. Emmeram“ früher als geplant aus dem Altar herausnehmen zu dürfen, da der vom Reichsführer SS Heinrich Himmler gewünschten Abguss dadurch leichter möglich sei. Boll ergebenst an Lill:

„Ich wäre Ihnen für Ihre Stellungnahme sehr verbunden, da Oberbürgermeister Dr. Schottenheim auf Erledigung der Angelegenheit drängt.“

Ob der SS-Führer Himmler seinen Hemma-Abdruck bekam, darüber schweigen sich die Münchner Akten aus.

VI. Dekonstruktion der Legenden?

Mit der Auswertung der erhaltenen Schreiben wird deutlich, dass die Legende, Boll habe in letzter Minute oder wann auch immer Kunst- oder Wertgegenstände vor nationalsozialistisch motivierter Zerstörung bewahrt, oder nach 1945 die Sailer-Statue ausfindig gemacht, eine interessengeleitete Nachkriegserfindung ist. Boll hat auch in diesem Zusammenhang bestens und pflichtschuldigst im Sinne der NS-Bürokratie und ihrer Führungsfiguren gehandelt. Der Denkmalschützer und Museumsdirektor Walter Boll hat sich also nicht nur anlässlich der sogenannten „Arisierungen“ nahtlos in NS-Regime eingefügt, faktisch ist er „infolge der nationalen Revolution“ aufgestiegen und er scheute auch nicht davor zurück, mit NS-Behörden bei der Taxierung von Kirchenschätzen zusammenzuarbeiten.

Alles was „infolge der nationalen Revolution“ an Dokumenten, Kunstgegenständen und Schätzen in sein Haus gespült wurde und er historisch interessant oder irgendwie wertvoll fand, eignete Boll sich an. Von Juden oder Freimaurern geraubtes Eigentum hat er gerne in seinem Haus verwahrt. Seine Beteiligung an der sogenannten „Arisierung“, die Existenzen bedrohte und vernichtete, scheint ihm keine Probleme bereitet zu haben. Nach 1945 hat Walter Boll sie gezielt verheimlicht und belastende Akten vernichtet, wie die Recherchen der Autorin Waltraud Bierwirth ergaben.

Der verschleiernde und beschönigende Umgang der Regensburger Stadtgesellschaft mit der Amtsperson Walter Boll ist anrüchig und bezeichnend zugleich. Bezeichnend für Verdrängen und Verleugnen wider besseren Wissens, aus Gleichgültigkeit oder aus historischer Dummheit. Bleibt zu hoffen, dass der für Oktober 2019 angekündigte Nachfolger von Kulturreferent Unger, die Nachkriegslegenden um Walter Boll nicht weiter am Leben erhält, sondern dekonstruiert.

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Kommentare (21)

  • Theo Zwaykl

    |

    Dr. Walter Boll ist 24. November 1985 verstorben.

  • Ronald McDonald

    |

    Unsere an Verschwörungstheorien reiche Zeit kann nun bereichert werden, um die der wahren Denkungsart des H. H. Theobald Schrems.
    Warum schaut am 06.06.1937 in der geosteten ehemaligen Minoritenkirche ausgerechnet der hier häufig als NS-Nutznießer geschmähte priesterliche Chorleiter nach Westen?
    Er hat just die „ex-occidente-lux“-Vision für den nämlichen Tag in sieben Jahren erhalten.

  • xy

    |

    Prinzipiell hänge ich ja der humanistischen Meinung an, dass man über Tote, die sich nicht mehr verteidigen können, nur gutes sagen soll, wenn sich das im Hinblick auf aktuelle Geschehnisse irgendwie vertreten läßt.

  • Lieschen Maier

    |

    Würde das Historische Museum das o.g. „Konzept für eine Gedenk- und Erinnerungskultur der Stadt Regensburg“ (Dr. Jörg Skriebeleit, Prof. Dr. Mark Spoerer und Dr. Heike Wolter) ernst nehmen, müsste es seine eigene Geschichte aufarbeiten und öffentlich darstellen! An solche andernorts längst erfüllte Standards scheint man in Regensburg nicht denken zu wollen, Gott bewahre!

    Im Sinne des o.g. Konzeptes wären für die Minoritenkirche mehrere Informationstafel denkbar, die auf die Geschichte der Kirche hinweisen:
    -Von der Entstehung bis Profanisierung durch die Wittelsbacher 1799
    -Zwischennutzung und Verfall,
    -Wiederaufbau und Gegenwart.

    Zu Wiederaufbau wäre folgender Text denkbar:
    Die Kosten für den Einbau einer Orgel, der Renovierung und Wiederherstellung der Kirche von 1937 übernahm Reichskanzler Adolf Hitler bzw. das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Die aufwendigen Umbauten wurden vom damaligen NS-Kulturwart und Museumsdirektor Dr. Walter Boll geleitet. Nach Abschluss der Arbeiten im Juni 1937 fand hier zur sogenannten „Bruckner-Feier“ ein Staatsakt im Beisein von Adolf Hitler statt. Das damalige Konzert wurde von Domkapellmeister Theobald Schrems und den Domspatzen musikalisch ausgestaltet und reichsweit per Rundfunk übertragen.
    Der bauliche Zustand der Kirche wurde sich seitdem nicht wesentlich verändert…

  • Wissend

    |

    Sehr einseitig und schlecht recherchiert. Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, somit lückenhaft und verfälschend dargestellt, wichtige Informationen fehlen völlig. Damit ergibt sich ein anderes Gesamtbild. So wurden z.B. internationale Auszeichnungen und Ehrungen sowie eine Israelreise 1976 ( eigenartig, denn Israel lässt generell keine Nazis ins Land) unterschlagen (oder hat man das etwa noch nicht recherchiert?).
    Es scheint, als passe das alles nicht in das eventuelle Diffamierungskonzept des Verfassers? Es ist leichter, einen seit fast 35 Jahren (!) Verstorbene zu verunglimpfen als noch lebende Personen! Ich würde sagen: „Dünnes Eis“! Es gibt einen Straftatbestand, der sich „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ nennt.

  • joey

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    „im Sinne des Nationalsozialismus funktionierte und sich nach Kriegsende als Nazi-Gegner ausgab“
    Das könnte ich auch sonst über die große Mehrzahl der Deutschen und ihrer Verbündeten sagen.

  • Günther Herzig

    |

    @wissend, sogar das bezweifle ich oder um welches Wissen es sich handelt.
    Und das Andenken eines verstorbenen Nazis kann man doch kaum verunglimpfen. Schade, dass sich niemand dafür hergibt Strafanzeige zu erstatten. Dann bestünde wenigstens die Chance auf Aufklärung durch ein Gericht. Ich glaube nicht, dass die Familie ein Interesse hat.

  • Piedro

    |

    @Wissend
    „Sehr einseitig und schlecht recherchiert. Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, somit lückenhaft und verfälschend dargestellt, wichtige Informationen fehlen völlig. Damit ergibt sich ein anderes Gesamtbild.“
    Könnten Sie es über sich bringen die verfälschte Darstellung aufzeigen? Der Umstand irgendwelcher Auszeichnungen (welche? was wurde ausgezeichnet?) ist kein Kriterium dafür, dass hier irgendwas verfälscht dargestellt wurde. Schließlich gab es etliche Nazis, die es nach ihren knapp bemessenen 1000 Jahren schafften sich als demokratische Ehrenmenschen zu etablieren. Und eine Israelreise als Kriterium dafür mit der NSDAP nix zu tun gehabt zu haben? Wirklich jetzt?

    „Es ist leichter, einen seit fast 35 Jahren (!) Verstorbene zu verunglimpfen als noch lebende Personen!“
    Ach ja? Wie interessant! Schon seltsam, wenn in den Archiven Fakten gefunden werden, die jemanden „verunglimpfen“ können. Es geht doch um Geschichte, um historische Forschung/Aufarbeitung/Richtigstellung. Da wird nix geglimpft, sondern reflektiert und ggf korrigiert.

  • xy

    |

    Alle unsere Väter und Grossväter waren „verstorbene Nazis“, sofern sie nicht in Berlin gehenkt, in Stadelheim geköpft oder in Dachau verbrannt wurden. Die Leute, die aus heutiger Sicht alles besser wissen und ein gepflegtes Gewissen unter einem Brokat-Himmel vor sich hertragen, sind mir zuwider.

  • Giesinger

    |

    Zitat von xy

    „Alle unsere Väter und Grossväter waren „verstorbene Nazis“, sofern sie nicht in Berlin gehenkt, in Stadelheim geköpft oder in Dachau verbrannt wurden.“
    ——————-
    NEIN! @Xy!

    So dürfen Sie das nicht sagen. Ich hatte von beiden Seiten sehr couragierte Großmütter, die sich nicht dem Nazi – Gehorsam gebeugt haben, das Glück hatten, keine Jüdinnen zu sein, trotzdem sehr gefährlich ihren Mund aufgemacht haben, und irgendwie (wegen Interventionen von Bürgermeistern/Gauleitern z.B. ) haarscharf am Zwangslager noch vorbeigeschrammt sind.

  • Ronald McDonald

    |

    @ xy 08.06.2019, 19:32h

    Bezüglich Ihrer exklusivistischen „Verstorbene-Nazis-Theorie“ hinsichtlich dreier von Ihnen benannten Hinrichtungsstätten hat die Deutsche Bischofskonferenz – bei der man sich derzeit fragen muß, wer von diesen Episkopat(h)en eigentlich noch katholisch ist – in ihrem Dt. Martyrologium des 20. Jhdts. eine etwas andere Sicht, gerade was die vorgeblich „nördlichste Stadt Italiens“ anbelangt: https://thema.erzbistum-koeln.de/export/sites/thema/deutsches-martyrologium/.content/documentcenter/martyrernach/martyrerregion/Regensburg.pdf

  • Ronald McDonald

    |

    Die SS – übel, gaaaaaaaaaaaaanz übel, selbstredend – hat sicherlich so manches damals an sich gezogen, aber einen „SS-Bürgermeister“ hatte sie nicht zu vergeben.
    Dennoch, gut schaut er aus, der damalige Oberbürgermeister von Regensburg, ausgezeichnet für Kriegs- und Freikorpsleistungen, und mensurgezeichnet.
    Ob er sich möglicherweise von Hugo Boss einkleiden ließ, muß leider offen bleiben: https://www.fluter.de/boss-und-die-braunhemden

  • R.G.

    |

    Zu dem satz:
    „… Israel lässt generell keine Nazis ins Land) unterschlagen (oder hat man das etwa noch nicht recherchiert?).
    Es scheint, als passe das alles nicht in das eventuelle Diffamierungskonzept des Verfassers? Es ist leichter, einen seit fast 35 Jahren (!) Verstorbene zu verunglimpfen als noch lebende Personen!“
    @Wissend
    Mir kommt es so vor, als hätten Sie nicht bemerkt, wie der Artikel aufgebaut ist.
    Die LEGENDE, ein NAZIGEGENER Boll habe in der Nazizeit das Museum geleitet, führt sich aufgrund der vorgefundenen brieflichen Hinweise so gut wie ad absurdum.
    Die LEGENDE, der Museumsleiter Boll habe bestimmte Kunstwerke oder kunsthandwerkliche Gegenstände (vor den Nazis) gerettet, zeigt sich nach den vorgefundenen schriftlichen Unterlagen als nicht realitätskonform.
    Nach Abzug dieser ungerechtfertigten Selbsterhöhungspunkte schrumpft Boll vom Helden zur zeittypischen Durschnitts-Führungsperson.
    Während sie andeuten es wäre vielleicht vom Autor Verunglimpfung Verstorbener, weil er sie auf Menschenmaß reduzierte, statt sie im Heldentum verortet zu lassen, sehe ich es lediglich als Akt des Erwachsenseins an, auf Märchen und Legenden verzichten zu können.

  • Fr. Lang

    |

    @ R.G. Ihre Antwort an den „Wissend gefällt mir sehr gut!

    „Während sie andeuten es wäre vielleicht vom Autor Verunglimpfung Verstorbener, weil er sie auf Menschenmaß reduzierte, statt sie im Heldentum verortet zu lassen, sehe ich es lediglich als Akt des Erwachsenseins an, auf Märchen und Legenden verzichten zu können.“

    Das nicht ohne Legenden auskommen können (= Nicht Erwachsensein), trifft freilich nicht nur auf den „Wissend“ sondern auf viele Andere zu, die Werner in seinem Text nennt: auf den mehrfach genannten Almanach Autor Reichmann, auf die Mittelbayerische, auf das Stadtmuseum, auf die bischöfliche Pressestelle, auf den Kulturreferenten und den ihm unterstellten Leiter der Unteren Denkmalsschutzbehörde, der auch in den Kanon, Boll ist der heldenhafte Retter, eingestimmt hat.

    Für die Nicht-Regensburger: der Regensburger Almanach ist ein jährlich erscheinendes Büchlein, in dem Walter Boll schon schreiben durfte und das als ein literarischer Höhepunkt der örtlichen schreibenden Zunft gilt. Was im Almanach geschrieben steht, ist wirklich „wahr“ (im Sinne von gesellschaftlich akzeptiert oder erwünscht), wer drin schreiben darf, hat´s in den Kreis erlauchter Autoren geschafft!
    Der mittlerweile neue Herausgeber des Almanachs, Dr. Peter Morsbach, sollte sich mal der Causa Boll annehmen, finde ich.

  • R.G.

    |

    @Fr. Lang
    Überzeichnungen in Almanachen und Festschriften sind ja leidlich zu ertragen, wenn man bedenkt, dass sie entweder auf mündlichen Erzählungen oder Persilscheinen für Entnazifizierungsprozessen ihre Heldenbiografie aufbauen. Sie haben ungefähr den wissenschaftlichen Wert von Geschichterln bei Sippentreffen über ehemals adelige Herkunft mit beim Kartenspiel verlorenen Titeln.

    In deutschen Kommissarinnen-Krimis wird gelegentlich jemand nach einem Alibi gefragt, hat aber keines. Da springt überraschend jemand bestätigend ein, man habe die Zeit positiv miteinander verbracht. Bis zur Erkenntnis der überraschend entlasteten Person, der falsche Zeuge habe nicht ihr sondern sich selbst ein Alibi gegeben, dauert es noch einige Szenen.

    Ein Nazi in einem mir vorgelegenen Originalbrief zeigte die Zurückhaltung einer großen Messingstatue durch einen Entscheidungsträger als Wehrkraftzersetzung an; bezeichnet das jemand hingegen als Heldentat, verrät die Wortwahl über den Autor, er sei wohl selbst ein Christ, Humanist oder sonstwas heute edel Bewertetes – immer schon gewesen selbstredend.

  • Mr. T.

    |

    Der Artikel ist keine Verunglimpfung, sondern eine Relativierung von Boll. Er führt nur diejenigen auf den Boden der Tatsachen zurück, die Boll schon irgendwo zwischen den Scholls und Georg Elser auf der Widerstandsskala einsortieren wollen.

  • Günther Herzig

    |

    . @Giesinger:
    Als der Krieg zu Ende war, war ich 3 Jahre alt. Wissen aus der Zeit des 1000-jährigen Reichs wurde uns lange nicht in der Schule vermittelt, eigentlich sowieso nicht systematisch. Ich erinnere mich an einen einzigen Lehrer am Neuen Gymnasium in Regensburg, Walter Wiesinger, ein wunderbarer Mensch, der es offenbar nicht ertragen hat, dass uns als erster Nachkriegsgeneration alles an Kenntnis aus dieser Zeit vorsätzlich vorenthalten wurde.
    Zuhause gab es einen Vater, der einerseits immer wieder erzählte, dass er Altpartei-genosse war (Mitglied vor 1933), auch „Blutordensträger“ (irgendwie schon aktiv, als die Nazis in München an der Feldherrnhalle den Putsch probten); nach der Machtergreifung in die NSDAP eintretende bezeichnete er als „Märzveilchen“; er beschwerte sich, dass jemand anderer anstelle von ihm Reichsärzteführer geworden ist. Dann hätten sie ihn wahrscheinlich in Nürnberg zum Tode verurteilt. Er beschwerte sich, dass er zu Unrecht noch als „Mitläufer“ aus der Entnazifizierung hervorging, obwohl er absolut nichts gewusst und nichts getan habe. All diese Details aus dieser Zeit wurden in homöopathischen Dosen, zu rein zufälligen Gelegenheiten als Randnoten teils widerwillig offenbart, sozusagen Gesinnungsglobuli. Geredet wurde über diese Zeit nur, wenn zu schweigen verdächtiger gewesen wäre.
    Was über Boll bekannt wurde, kann ich absolut nachvollziehen, weil mir mit zunehmendem Alter immer mehr bewusst wurde nach welchen sich immer wiederholenden Verhaltensmustern die Generation der Väter handelte. Und ich glaube noch nicht einmal, dass sich viele schämten für ihr Leben im 3. Reich.
    Was mich jetzt aber erschreckt, weil ich es auch nicht wusste, wie viele Personen mit erheblicher Nazivergangenheit, in unserer Bundesrepublik weiterhin Macht und Einfluss hatten, in diesem Artikel ein Name für alle: Goppel. Und dass Leute, wie Boll, die sich durch aktives Wegschauen über die Zeitenwende gerettet haben, dann später bereitwillig Orden annahmen, ist entsetzlich.
    Es wäre so viel mehr zu sagen. Einerseits scheue ich den notwendigen zeitlichen Einsatz, andererseits weiß ich immer noch zu wenig. Und schließlich ist mir vieles einfach zu unappetitlich. In meinem Alter habe ich auch darüber nachzudenken, das bisschen verbliebene Zeit nicht zu vergeuden

  • Wie Walter Boll zum Widerständler wurde » Regensburg Digital

    |

    […] Anlässlich dieser Eröffnungsfeier, die wiederum von den Regensburger Domspatzen unter Theobald Schrems gestaltet wurde, lobte die Mittelbayerische unter der Überschrift „Regensburger Museum – ein Mittelpunkt deutscher Kultur“ sowohl die Konzeption des Hauses als auch seinen Schöpfer über den grünen Klee. Auch als das Historischen Museum im Frühjahr 2015 zum 250. Jubiläum der Regensburg Loge eine Ausstellung präsentierte, blieben die angeblichen Verdienste von Walter Boll bezeichnenderweise unerwähnt. [Nachtrag vom 8. Juni 2019: Dies ist nicht korrekt. Boll  wurde in der Ausstellung „eine wichtige Rolle während der Dunklen Zeit“ zugeschrieben. Ausführlich siehe hier.] […]

  • Giesinger

    |

    Vielen, lieben Dank für Ihren Kommentar, Herr Herzig!

    Bleiben Sie gesund, so wie es geht!

    Herzliche Grüße, da Giesinger.

  • Mathilde Vietze

    |

    Ich, Jahrgang 1940, habe von 1954 bis 1957 die Realschule der Armen Schulschwestern
    besucht und wundere mich heute noch, warum wir in der Klosterschule sowohl von
    den Schwestern, wie auch von den geistlichen Religionslehrern ausführlich über die
    Gräuel des Nazi-Regimes aufgeklärt wurden. Ich bin dafür heute noch dankbar.

  • Peter Morsbach

    |

    Lieber Herr Herzig,
    wie schön, dass sie den großartigen, sensiblen und so feingeistigen Walter Wiesinger nennen! Ich habe ihn verehrt wie kaum einen anderen Lehrer!
    Herzlich, Peter Morsbach

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