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Demonstration

Regensburgs Psychotherapeuten sind sauer

Rund 300 Menschen haben am 21. Mai auf dem Regensburger Haidplatz gegen Kürzungen in der Psychotherapie protestiert. Auslöser ist das geplante GKV‑Beitragsstabilisierungsgesetz.

„Suizid ist die häufigste Todesursache bei Jugendlichen“, antwortet Alex als er nach seiner Botschaft an die Bundesregierung gefragt wird. In der Hand hält er ein Schild, darauf steht:

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Wir atmen ein – wir RASTEN aus!

Neben ihm ist Klara, auch sie trägt ein Plakat. Ihre Arme sind über und über mit Narben bedeckt. Beide befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung. Die Narben, die dort versorgt werden, sind für das menschliche Auge nicht sichtbar. Trotzdem kann ihre Versorgung lebensnotwendig sein. Das könnte bald schwierig werden.

Denn die Bundesregierung plant Kürzungen bei Psychotherapeuten. Am Ende müssten Erkrankte länger auf einen dringend benötigten Therapieplatz warten. Deshalb sind Alex und Klara heute hier – zusammen mit 300 weiteren Menschen. Um gegen das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz zu demonstrieren.

Bedarf an Therapieplätzen kann jetzt schon nicht gedeckt werden

Beate Leinberger steht auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens. „Unser Berufsstand wurde noch nie so abgewertet wie heute“, ruft die Psychotherapeutin ins Mikrofon. Dabei sei der Bedarf höher denn je. Nach Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention nahmen sich im Jahr 2024 in Deutschland 10.372 Menschen das Leben. Das sind 28,3 Menschen pro Tag.

In Bayern warten Patienten im Mittel 108 Tage auf einen Therapieplatz, so die Psychotherapeutin. Und das bereits vor der geplanten Reform. Ihr Kollege Bittner nennt die Reform deshalb auch „Wartezeitverlängerungsgesetz“.

Fehlt der Respekt vor psychotherapeutischer Arbeit?

Leinberger fordert die Bundesregierung auf, Respekt vor der psychotherapeutischen Arbeit zu haben. „Erfüllt, was ihr im Koalitionsvertrag versprochen habt“, ruft sie der Bundesregierung zu.

Pfiffe, Trommeln und Rufe dröhnen über den Haidplatz. Die Rednerin hat einen Nerv getroffen. Die Menge skandiert: „Ohne Finanzierung, keine Therapie.“

Die Stimmung ist aufgeheizt. Leinberger ruft, die Politik werfe den Psychotherapeuten Faulheit und Raffgier vor. Dabei gehörten sie zum Mittelstand und trügen das Land. Sie hätten es nicht verdient, dass so mit ihnen umgegangen werde.

So teuer ist eine Psychotherapeuten-Ausbildung – und solange dauert sie

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten dauert gut zehn Jahre. Nach Bachelor- und Masterstudium folgt eine Ausbildung zum Therapeuten. Diese kostet je nach Fachrichtung mindestens 25.000 Euro. Zusätzlich müssen die angehenden Psychotherapeuten eine sogenannte Selbsterfahrung machen – eine Therapie auf eigene Kosten.

Am Ende dieser berufsbegleitenden Ausbildung steht eine Approbationsprüfung. Wer die besteht, darf sich ins Ärzteregister eintragen lassen. Ein Kassensitz, um eine eigene Praxis führen zu können, kostet in Regensburg nochmal circa 30.000 Euro. Dafür nähmen die meisten einen Kredit auf, weil die Reserven durch Studium und Ausbildung längst aufgebraucht seien, sagt Laura Olcher.

„Wer diesen Weg geht, der tut das nicht aus finanziellem Anreiz. Der tut das aus Leidenschaft“, so die Psychotherapeutin. Denn Therapeuten verdienen durchschnittlich nur 46 Euro pro Stunde. Während ihre Facharztkollegen 91 Euro pro Stunde bekommen. Im Auge der drohenden Kürzungen fürchten viele deshalb ein Nachwuchsproblem.

Wo soll gekürzt werden?

Trotzdem wolle die Regierung den Therapeuten ihren Stundensatz kürzen, so Dr. Steffie Sauer. Die Kinderpsychologin erzählt, dass bereits 4,5 Prozent gekürzt wurden. Bei einem durchschnittlichen Stundensatz von 120 Euro macht das 5,40 Euro aus. Doch das ist nur der Anfang.

Die Rede sei von bis zu 40 Prozent, sagt die Kinderpsychologin. Außerdem solle die Anzahl pro Kassensitz auf 36 Patienten pro Woche begrenzt werden. Die meisten Therapeuten hätten einen halben Sitz – das bedeutet 18 Patienten pro Woche. Bisher durfte man auch mehr als das betreuen. Aber auch das könnte bald Geschichte sein. Leidtragende seien am Ende die Patienten, so Sauer.

Stimmen von SPD, Grünen und den Kassen – CSU war nicht zu erreichen

Die Stellungnahme des GKV-Spitzenverbandes bezeichnet diese Reform als „unumgänglich“. Denn bereits 2024 hätten Krankenversicherungen und Gesundheitsfonds ein Defizit von zehn Milliarden Euro ausgewiesen. Steuere man nicht gegen, sei 2027 eine Lücke von mehr als 15 Milliarden Euro zu erwarten.

Die Bundestagsabgeordnete der SPD, Carolin Wagner weiß um dieses Dilemma. Einerseits verstehe sie die Sorgen und Nöte von Therapeuten und Patienten. Anderseits „drohen Defizite in Milliardenhöhe“.

Deshalb müsse man das System reformieren, damit es bezahlbar bleibe und eine qualitativ hochwertige Versorgung aufrecht erhalten werden könne.

Weitaus kritischer sieht das der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Schmid. Die geplante GKV-Reform reformiere nicht das kaputte System, sondern stopfe einfach die großen Finanzlöcher. Das gehe zulasten von Versicherten und Betrieben.

Die Bundesregierung verteile die Reformlasten nicht fair auf die gesamte Gesellschaft. „Sie belastet einseitig Versicherte und Betriebe. Und schont gleichzeitig große Krankenhauskonzerne und die Pharmaindustrie“, so der Grünen-Politiker.

Peter Aumer von der CSU sitzt ebenfalls im Bundestag. Trotz Anfrage unserer Redaktion war er nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Ausgaben- statt Einnahmeproblem

Simon ist etwas später zur Demo gekommen und hat sich dem gerade beginnenden Umzug angeschlossen. Gemeinsam ziehen die gut 300 Menschen durch die Regensburger Innenstadt und zurück zum Haidplatz.

Er erzählt wie schwierig es für ihn war, einen Therapieplatz zu bekommen. Über ein halbes Jahr habe er gesucht. Die Situation war sehr belastend. Deshalb habe er für die Reformpläne der Bundesregierung kein Verständnis. Der Staat habe ein Ausgaben- kein Einnahmeproblem.

Das sagt auch Grünen-Politiker Schmid. Er schlägt vor, das Kostenproblem mit einer nachhaltigen Strukturreform zu lösen. Konkret heißt das, „die Preise für überteuerte Medikamente zu senken oder überflüssige Parallelstrukturen bei der Versorgung abzubauen“.

Kommende Woche tausche er sich bei einem Pressegespräch mit Psychotherapeuten in Regensburg aus. Er hoffe sehr, dass die Botschaft bei den Abgeordneten der Regierungsfraktionen ankomme.

Da trifft es sich gut, dass seine SPD-Kollegin Wagner ebenfalls daran teilnimmt. Sie ist Teil der Regierungskoalition und trägt diese Reformen mit.

Peter Aumer von der CSU ist bei diesem Gespräch nicht anwesend. Laut Kreisen um das Aktionsbündnis Psychotherapie Regensburg bekommt er einen eigenen Pressetermin. Dieser stehe aber noch nicht fest.

Alex, Klara, Simon und die anderen Patientinnen, fühlen sich von der Politik alleine gelassen. Man hört ihre Wut und ihre Enttäuschung. Während sie durch die Stadt ziehen skandieren sie immer wieder: „Hört uns zu, schaut uns an, Psychotherapie geht jeden an.“

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