Tausende beim Gaudiwurm

Mit einem Sarg am Ende des Gaudiwurms zeigten die Faschingsgesellschaften Narragonia und Lusticania, dass sie die Verschiebung ihres Umzugs vom Holocaust-Gedenktag am 27. Januar auf den Faschingssonntag nicht so lustig fanden. Der „Faschingsumzug von 50 Wägen” wurde „vereitelt”, meinen die Narren und machen ihrem Namen damit alle Ehre. Mehr zum CSU-Wahlkampf: Heute bei uns. Foto: StaudingerKaiserwetter: Trotz Verschiebung ist der Faschingszug ein voller Erfolg Auf dem Haidplatz nähert sich um kurz vor elf, noch vor Eintreffen des Faschingszuges, die Stimmung einem ersten Höhepunkt: Der Oberpfalzexpress – ein kleiner bunter Mann mit Quetschn – spielt erst den „Anton aus Tirol”, dann einen Zwiefachen und ein älteres Pärchen beginnt ausgelassen zu tanzen. Unterstützt wird der Oberpfalzexpress von einem echt Kölschen Jung, der in Narragonen-Uniform und mit Sonnenbrille auf die „warmen Würstel” hinweist, in Richtung der Faschingsmuffel wettert und das Bier der „zahlreichen Regensburger Traditionsbrauereien” anpreist. „Ihr seid’s ja super drauf”, ruft der Oberpfalzexpress über den Haidplatz. Derweil schlängelt sich der Gaudiwurm unter den Augen tausender Zuschauer – viele bunt verkleidete Kinder – gerade um den Dom herum. Marschmusik und Fanfaren begleiten das bunte Treiben der Faschingsgesellschaften – Narragonia und Lusticania, die ihre Jubiläen feiern, der Saturnalia aus Neutraubling, Larifari aus Diesenbach und auch der CSU aus Regensburg. Deren kleiner Zug wird vom schmucken Wahlkampf-BMW von Spitzenkandidat Hans Schaidinger angeführt. Und auch wenn die Regensburg-Fähnchen an der Seite, das auf die Motorhaube geklebte Welterbeschild und Hansens Konterfei an der Seite nicht so richtig lustig sind – mit der Aufschrift „Charakter, Leistung, Kompetenz” beweist die christsoziale Gauditruppe in originellen Ratsherrn-Kostümen so richtig Humor. Ihr Anführer Hans Schaidinger zeigt eine fast aggressive Volksnähe – manche Kinder zucken hinter den Absperrbändern ein wenig ehrfurchtsvoll zurück, wenn der oberste Ratsherr laut „Radi, Radi” rufend auf sie zurennt. Hinterdrein taumeln sieben Zwerge (Die „Sieben jungen Ortsvorsitzenden” der CSU), schmeißen Süßes unters Volk, beobachtet von Ordnern der Jungen Union, die sich alle Schilder mit der Aufschrift „Weiße Weste” auf den Rücken geheftet haben. Am Haidplatz strecken sich unterdessen mindestens 50 frenetisch klatschende „Hände zum Himmel”, während der Oberpfalzexpress musikalisch die nächste Eskalationsstufe erreicht. Als er dann noch den Witz vom 84jährigen erzählt, der den Omnibus-Führerschein machen will, weil ihn die Polizei nicht mehr Auto fahren lässt, verschluckt sich ein als bayerischer Trachtler verkleideter 60jähriger fast an seinem fünften Bier. „Ihr seid’s ja super drauf”, schallt es wieder von der Bühne über den Platz. Aber schon hat sein Kollege aus Köln die „Zugspitze” in Haidplatznähe ausgemacht. Und tatsächlich – der knallgelbe Sanitätswagen der Regensburger Bereitschaft II biegt ums Eck und man hört die Fanfaren schon „Da sprach der alte Häuptling der Indianer” spielen. Die Narren haben Kaiserwetter erwischt. Die Sonne leuchtet vom strahlendblauen Himmel. Daschmecken jung und alt auch um elf schon Schnaps und Bier, Gummibär und „warme Würstel”. „Allen Miesmachern und Spöttern zum Trotz”, hört man es wieder in bestem Kölsch von der Bühne, „stehen wir heute auf einem vollen Haidplatz.” Recht hat er. Dicht an dicht drängen sich die Leute. Und als der Karnevalsprofi zum „Lusticania, ole”- und „Radi,Radi”-Rufen auffordert machen sogar ein paar mit. Der Ratsherr Schlegl Herbert, soeben auf dem Platz eingetroffen, postiert derweil wie zufällig das CSU-Täfelchen vor der Bühne und der Schaidinger Hans wagt – verbissen in die Kameras grinsend – ein Tänzchen mit seinen Ratsdamen Rosi Thoma und Heide Velten. Dabei schreit er immer wieder „Radi, Radi”. Schließlich wird er unter dem tosenden Applaus Dutzender Menschen auf die Bühne geführt. Eine Rede von sieben bis acht Stunden kündigt Schaidinger vor den tausenden von Zuhörern an, die diesen Witz so lustig finden, das sie in schierer Teilnahmslosigkeit erstarren. Als er „Lusticania, ole” und „Radi, Radi” ruft, wagen nur wenige, es ihm gleich zu tun. Schließlich übergibt der oberste Ratsherr den Narren – wenn auch widerwillig – die Schlüssel zur Stadt, die sie jetzt bis Faschingsdienstag regieren dürfen. Dann drängelt er sich aber doch noch Mal ans Mikro und erntet den verdienten Beifall. Die Stadt ist schließlich in Narrenhand. Eine knappe halbe Stunde später sieht man zwei der sieben Zwerge – einen schmächtigen und einen dicklichen – in den am Domplatz geparkten Wahlkampf-BMW steigen und weg fahren. Die Mützen sind schon lange vom Kopf, die Blicke etwas gestresst. Der Haidplatz ist voll, es wird gefeiert, getanzt, gesungen und gesoffen. Man ist „super drauf”, während die Straßenreiniger, die dem Zug auf dem Fuß gefolgt sind, Gummibärchen und Luftschlangen aufkehren.

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