Entdecke Veranstaltungen in Regensburg Alle Kultur Oekologie Soziales Kino

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus für Regensburg!

Hallo. Schön, dass Sie hier lesen oder kommentieren. Fast noch mehr freuen würden wir uns, wenn Sie die Arbeit von regensburg-digital mit einem kleinen (gern auch größerem) Beitrag unterstützen. Wir finanzieren uns nämlich nur zu etwa einem Drittel über Werbeanzeigen. Und für die gibt es bei uns auch ausdrücklich keine zusätzliche Gegenleistung, etwa in Form von PR-Artikeln oder Native Advertising.

Mehr als zwei Drittel unseres Budgets stammt aus Spenden – regelmäßige Beiträge von etwa 300 Mitgliedern im Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.

Anders ausgedrückt: Wir bauen auf Sie – mündige Leserinnen und Leser, die uns freiwillig unterstützen. Seien Sie dabei – mit einem einmaligen oder regelmäßigen Beitrag. Herzlichen Dank.

Spenden Sie mit
Buchvorstellung

Treffer einer politischen Waffe: Regensburger Bildband zum Widerstand gegen die WAA

Mit 488 Bildern des Regensburger Fotografen Herbert Baumgärtner dokumentiert der Bildband „WAA NIE!“ den  Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. 

Mit seiner Nikon F2 hat Herbert Baumgärtner hat Proteste gegen die WAA über die Jahre aus nächster Nähe dokumentiert. Foto: as

Manchmal musste er sich als Frau verkleiden, um unbemerkt von der Polizei seine Filmdosen in Sicherheit zu bringen. Gelegentlich fielen die Beamten auf die zur Ablenkung eingesteckten Filmrollen herein. Doch es kam auch vor, dass die Einsatzkräfte Herbert Baumgärtner seine Dosen und Kamera abnahmen, die Filme mit einem lauten „Ratsch“ herausrissen und die Fotos dieses Tages unwiederbringlich zerstörten.

WERBUNG

Trotzdem sind es über 2.500 Aufnahmen geworden, mit denen der Regensburger Fotograf den hartnäckigen und letztlich erfolgreichen Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf dokumentiert hat. Die beeindruckendsten 488 dieser Bilder sind nun in einem Bildband bei der Edition Bunte Hunde erschienen – 40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, die den Protesten in Wackersdorf weiteren Zulauf bescherte, gerade als das dortige Hüttendorf geräumt wurde.

Für Franz Josef Strauß das „Werk des Teufels“

Diese Fotos dokumentieren die Anfänge des Baus und den wachsenden Widerstand, der vom linksautonomen Spektrum bis hinein in christlich-konservative Kreise reichte. Sie zeigen aber auch die brutale Gewalt, mit der Ministerpräsident Franz Josef Strauß gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Zäune und Stacheldraht. Schlägstöcke, Wasserwerfer, Tränengas. Polizeitruppen aus Berlin, die dort wegen ihrer massiven Gewalt nicht mehr eingesetzt werden konnten und von Strauß eigens angefordert wurden, um den Widerstand zu brechen. Viele Aufnahmen wirken wie aus einem Kriegsgebiet.

Den Protest gegen die WAA, die er in der strukturschwachen Oberpfalz leicht durchzusetzen glaubte, bezeichnete Strauß als „Werk des Teufels“. Der Tod des mächtigsten politischen Befürworters der Anlage am 3. Oktober 1988 läutete das Ende der WAA ein.

Fotos sprechen für sich

Untertitel oder belehrende Bildtexte braucht es keine. Die nach thematischen Kapiteln zusammengestellten Fotos sprechen für sich und entfalten ihre ganz eigene Wucht. „Der Herbert hat einfach ein grandioses Auge“, sagt Verleger Herbert Wittl, der zusammen mit seiner Frau seit 26 Jahren den Kleinverlag Edition Bunte Hunde betreibt.

Hier erscheinen beliebte Kinder- und Wimmelbücher, aber auch solche, mit denen Wittl manchen als Nestbeschmutzer galt. Über Stolpersteine und Zwangsarbeiter – zu einer Zeit, als man das in Regensburg nicht gerne sah.

Die städtische Touristinformation habe sich seinerzeit gesträubt, diese Bücher in ihrer Auslage zu präsentieren, erzählt Wittl. Auch mit dem Büchlein zum „Sündenfall am Donaumarkt“ machte sich sein Verlag bei den Stadtoberen nicht beliebt.

Erschien es doch zu einer Zeit, als die großen Parteien in Regensburg dort eine Stadthalle durchzusetzen gedachten. Da wollte man ungern daran erinnert werden, dass die Stadt in Besitz des Areals kam, weil sie die dortigen Häuser den meisten Eigentümern abgepresst hatte, um eine Stadtautobahn mit Verkehrsknotenpunkt am Donaumarkt zu bauen.

„Wie ein Asteroid vom Himmel“

Seit Anfang der 2000er Jahre kennen sich Wittl und Herbert Baumgärtner. Und ebenso lange sprachen beide über die Idee, doch endlich einen Bildband mit seinen Fotos zur WAA herauszubringen. Doch irgendwie hat es nie geklappt.

Als Baumgärtner im letzten Jahr dann einige seiner Fotos in den Räumen von AKUSO (Aktion Kultursozial e.V.) ausstellte, habe das bei ihm eingeschlagen „wie ein Asteroid vom Himmel“, sagt Wittl.

Zusammen mit Sabine Watzlawik, Wolfgang Otto und Ursel Wagner von AKUSO ging man das Projekt an. „Das klappt nur im Team“, sagt Wittl. Und nun ist das Buch fertig – eine Möglichkeit für die Zeitzeugen, sich zu erinnern, und für die Jüngeren eine neue Erfahrung.

Mit der Donau-Presse-Agentur zum Presseausweis

Wie konnte es passieren, dass die Staatsmacht mit solcher Gewalt gegen die eigenen Bürger vorging? Aber auch ein Blick darauf, wie einig man sich über alle Unterschiede hinweg sein kann, wenn es um ein gemeinsames Ziel geht. „Das wäre heute manchmal auch wünschenswert“, sagt Wittl.

Herbert Baumgärtner hält sich bei der Buchvorstellung am Mittwoch zurück. Er habe seine Kamera, eine Nikon F2, immer auch als „politische Waffe“ begriffen, erzählt er. Um zu dokumentieren und festzuhalten, was da passiert.

Herbert Baumgärtner zusammen mit Verleger Herbert Wittl und Ursel Wagner und Wolfgang Otto von AKUSO (v.r.). Foto: as

Zusammen mit einem Freund gründete Baumgärtner damals die Donau-Presse-Agentur, DPA, um sich als Journalist ausweisen zu können. Seine Fotos erschienen in Lokalzeitungen und Protestmagazinen. Aussagekräftige Fotos von einem Todesfall, die er per Post zur taz nach Berlin schickte, verschwanden auf unerklärliche Weise. Der Arm des CSU-Ministerpräsidenten Strauß reichte weit.

Einführung von Heribert Prantl

Begleitet wird der Fotoband von einer Einführung von Heribert Prantl. Der stand persönlich der WAA skeptisch gegenüber, war aber damals als Staatsanwalt auch Teil der Staatsgewalt, die gegenüber ihren Bürgern massive Grenzüberschreitungen beging und Demonstranten mit fadenscheinigen Vorwürfen vor Gericht brachte.

Prantls Erfahrung:

„Wenn ein Demonstrant von der Polizei weggetragen werden musste, wurde er wegen ‘Widerstand’ angeklagt, weil er sich ‘schwer gemacht’ hatte. Wenn sich aber bei der Gerichtsverhandlung alles im anderen Lichte als angeklagt darstellte, durfte der Staatsanwalt nicht einfach Freispruch beantragen (…). Der sonst so souveräne Sitzungsstaatsanwalt (…) war strikt gehalten, bei seinem Vorgesetzten nachzufragen. Und der Oberstaatsanwalt fragte dann beim Generalstaatsanwalt nach, und der General sagte dann natürlich, dass es kein Pardon, keinen Freispruch und keine Einstellung gibt.“

Der Widerstand von Wackersdorf sei ein kleiner Widerstand, der Großes bewirkt habe, schreibt Prantl. Er sei „die bewegende Kraft, deren das Recht und der Rechtsstaat zu ihrer fortwährenden Erneuerung und damit zur Verhinderung ihrer Entartung bedürfen. Gemeint sind Widerstand und Zivilcourage. “

Am 31. Mai 1989 wurde der Bau der WAA nach vier Jahren eingestellt.


Herbert Baumgärtner: WAA NIE! Bilder eines Widerstands. Herausgegeben vom Förderkreis AktionKulturSozial e.V. Edition Bunte Hunde. Regensburg 2026.


Trackback von deiner Website.

SUPPORT

Ist dir unabhängiger Journalismus etwas wert?

Dann unterstütze unsere Arbeit!
Einmalig oder mit einer regelmäßigen Spende!

Per PayPal:

Per Überweisung oder Dauerauftrag:

 

Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14 7509 0000 0000 0633 63
BIC: GENODEF1R01

Kommentare (1)

  • KW

    |

    Ob der perversen Machtfülle die FJS damals innehatte, bekommen vermutlich viele AgDler und CxUler heute noch feuchte Träume und stehen innerlich stramm vor dem damaligen Gott.
    Gut, dass es mit der WAA letztendlich ausging wie es ausging.

    3
    0

Kommentieren

Ich bestätige, dass die hier von mir eingegebenen persönlichen Daten auf regensburg-digital.de bis auf Widerruf gespeichert werden dürfen.
drin