Bei tariflicher Bezahlung insolvent: Streit um Löhne beim Werkhof Regensburg
Die Gewerkschaft ver.di moniert die niedrige Vergütung beim Werkhof Regensburg und fordert Tarifverhandlungen. Der Geschäftsführer nennt die Forderungen verwerflich. Tarifbezahlung hätte Insolvenz oder Massenentlassungen zur Folge, sagt er.

Seit 1984 ein Aushängeschild der evangelischen Kirche in Regensburg: der Werkhof. Foto: as
Für Diakonie und Evangelisches Dekanat in Regensburg ist der Werkhof ein Aushängeschild. Seit 1984 bietet die gemeinnützige GmbH Langzeitarbeitslosen eine Chance. Seit über 20 Jahren ist sie Inklusionsbetrieb.
Neben dem Gebrauchtwarenhaus am Auweg bietet die Werkhof Regensburg gGmbH Jobs im handwerklichen Bereich, im Gartenbau und als Umzugshelfer. Sie verleiht Buden für den Weihnachtsmarkt und bereitete in der Vergangenheit Nutzfahrzeuge für die Dritte Welt auf. Auch als Getränkelieferant für die Brauerei Thurn und Taxis war der Werkhof schon unterwegs.
Gewerkschaft: Lobende Worte, unerfreulicher Anlass
Flüchtlinge, Suchtkranke und ehemalige Straffällige bekommen hier pädagogische Begleitung – teils gefördert durch Arbeitsamt oder Jobcenter – und werden für die Rückkehr in den Arbeitsmarkt vorbereitet.
Fachkräfte unterstützen bei persönlichen Problemen, es gibt Sprach- und PC-Kurse sowie Hilfe bei Jobsuche und Bewerbungen. Laut aktueller Angabe der Geschäftsführung sind 110 Menschen beim Werkhof beschäftigt.
„Er steht öffentlich für soziale Teilhabe, Integration, Inklusion, diakonische Verantwortung und gute Arbeit für Menschen, die auf faire, verlässliche und respektvolle Arbeitsbedingungen in besonderer Weise angewiesen sind.“
So steht es in einem Offenen Brief der Gewerkschaft ver.di an Diakonie und Dekanat. Sie tragen als Träger und Gesellschafter die Verantwortung für die Werkhof Regensburg gGmbH.
Trotz der Lobesworte ist der Anlass unerfreulich.
Seit 2002: Verbindlicher einfach Tarif abgeschafft
Folgt man dem Schreiben und der Reaktion des neuen Geschäftsführers, geriet das Geschäftsmodell des Werkhofs spätestens seit Anfang der 2000er ins Trudeln. Bereits seit 2002 werden die Beschäftigten dort nicht mehr nach den kirchlichen Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) bezahlt – obwohl es so vorgegeben wäre.
Der AVR Diakonie Bayern orientiert sich – mit Einschränkungen – an den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes und ist für Arbeitgeber im Diakonischen Werk eigentlich verpflichtend. Also auch für den Werkhof, der dort bislang noch Mitglied ist.
Doch das „Hausbezahlmodell“, das der Werkhof 2002 angesichts der finanziellen Schieflage einführte, liegt bei der Vergütung teils um 20 bis 30 Prozent unter dem AVR.
Einige Probleme angegangen, Vergüntungsstruktrur unverändert
Im vergangenen Jahr kündigte die damalige Mitarbeitervertretung (MAV) – einen Betriebsrat gibt es in kirchlichen Betrieben nicht – dieses Hausbezahlmodell. Ziel: die Rückkehr zum AVR. Doch das scheint nicht ohne Weiteres möglich.
Die damalige Geschäftsführerin ging Mitte 2025 in Ruhestand. Ein Interimsgeschäftsführer übernahm kurzzeitig. Seit Anfang 2026 soll der neue Geschäftsführer Peter Astashenko es richten.
„Wir erkennen an, dass mit diesem Wechsel einige Missstände angegangen und Verbesserungen erreicht wurden“, sagt Heinz Neff, Fachsekretär Kirchen bei ver.di Bayern. Doch die Vergütungsstruktur, „der Kern des Problems“, ist nach wie vor ungelöst.
Vertrag mit christlicher Gewerkschaft geplant?
Im Gegenteil: Der Werkhof hat sich nun ganz offiziell vom Diakonischen Werk – und damit vom AVR – verabschiedet. Stattdessen will man laut ver.di Tarifverhandlungen mit der „Gewerkschaft Öffentlicher Dienst und Dienstleistungen“ (GÖD) aufnehmen.
Die GÖD gehört zu den Gewerkschaften unter dem Dach des Christlichen Gewerkschaftsbundes Deutschlands (CGB). Dieser steht seit Jahrzehnten vor allem von Seiten der DGB-Gewerkschaften in der Kritik. Der Vorwurf: Gefälligkeitstarifverträge zulasten der Arbeitnehmer.
Diakonie und Dekanat lassen Geschäftsführer antworten
„Wer sich auf die Werte von Kirche und Diakonie beruft, kann faire Arbeitsbedingungen nicht zur Verhandlungsmasse machen“, heißt es deshalb im Offenen Brief von verdi. „Wer den Werkhof als diakonisches Unternehmen führt, muss sich an die kircheneigenen Spielregeln halten und darf die AVR nicht als lästige Belastung behandeln, sondern muss sie als Ausdruck kirchlich-diakonischer Verantwortung ernst nehmen.“
Die Forderung: Evangelisches Dekanat und Diakonie sollten Gespräche mit verdi und der MAV aufnehmen, „um verlässliche Arbeitsbedingungen verbindlich zu regeln und jeden Eindruck einer AVR- oder Tarifflucht auszuräumen“.
Die Adressaten des Appells – Diakonie und Dekanat als Träger und Gesellschafter des Werkhof – reagieren nicht direkt auf das Schreiben von verdi. Sie verweisen auf die Reaktion von Werkhof-Geschäftsführer Peter Astashenko, die die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung mitunterzeichnet hat.
Geschäftsführer räumt prekäre Finanzlage ein
Er attackiert die Gewerkschaft scharf. Verdi versuche, „Aufmerksamkeit zu erhaschen und vermeintlich Öl in ein Feuer zu gießen, welches gar nicht brennt“, so Astashenko. Zugleich räumt er die prekäre Finanzlage des Werkhof Regensburg ein:
„Bei aktuell über 110 Mitarbeitern würde eine sofortige Vollanwendung des AVR eine Mehrbelastung von über 600.000 Euro bedeuten oder einen Sanierungsplan, der zwei Drittel der Stellen kosten würde.“ Vor diesem Hintergrund seien die Forderungen von verdi „verwerflich“.
Werkhof wird Thema beim Gesamtausschuss Diakonie
Der Werkhof werde ab dem 1. Januar 2027 seine Vollmitgliedschaft beim Diakonischen Werk beenden und dort nur noch Gastmitglied sein. „So wird Zeit gewonnen, um aus der fast 25-jährigen Geschichte einer Hausvergütungsvereinbarung den Weg hin zum AVR zu gehen.“
Wie lange das dauert und ob er dafür tatsächlich Gespräche mit der GÖD aufnehmen will, lässt Astashenko offen. Das Tempo gäben die „wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ vor.
Zwischenzeitlich hat sich auch der „Gesamtausschuss Diakonie“ in die Debatte eingeschaltet – wenn man so will der Konzernbetriebsrat des Verbundes der Diakonie in Bayern.
Dessen Vorsitzender Andreas Schlutter sagt: „Diakonische Glaubwürdigkeit lebt davon, dass die eigenen Standards nicht nur auf dem Papier stehen, sondern gegenüber den Beschäftigten tatsächlich gelten. “ Man werde den Vorstand der Diakonie Bayern um Klärung bitten – vermutlich auch zu der Frage, wie der Werkhof 23 Jahre lang Mitglied im Diakonischen Werk sein konnte, ohne seine Beschäftigten gemäß dessen Vorgaben – dem AVR – zu bezahlen.
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