Wählen Sie anständig!

\"Bayern, wählt anständig!\" Dr. Günther Beckstein. Foto: Archiv/StaudingerEndlich hat es der bayerische Ministerpräsident, Dr. Günther Beckstein, wieder in die Schlagzeilen geschafft. Ganz alleine, ohne zur Hilfenahme seines niederbayerischen Parteivorsitzenden Erwin Huber. Dabei war der Anlass für die Furore um den bayerischen Ministerpräsidenten denkbar simpel. Er hatte keinen Vorschlag zur Pendlerpauschale geäußert oder wie im Freistaat der Nichtraucherschutz noch besser aufgeweicht werden kann, nein: Ein Satz in der Passauer Neuen Presse vom 2. August löste diesen Sturm im sommerlichen Blätterwald Bayerns aus. Der bayerische Landesvater sagte: „Ein anständiger Bayer wählt CSU – das streben wir auch in Zukunft an.“ Ein Satz der, wäre er aus dem Munde von Franz-Josef Strauß gekommen, kaum Beachtung gefunden hätte. Von ihm war man andere rhetorische Kaliber gewohnt. Was ist ein anständiger Bayer? Dieser Satz vom bayerischen Ministerpräsidenten verdeutlicht, dass der Wahlkampf in Bayern von der CSU offensichtlich polarisierend geführt wird. Hier die anständigen Bayern, dort das „Gschmoaß“. Leider bleibt Dr. Günther Beckstein schuldig, wie die Legaldefinition eines anständigen Bayerns im Detail aussieht. Immerhin ist nun klar, dass anständige Bayern CSU wählen. Wahrscheinlich hat ein anständiger Bayer folgende Charakteristika: Er/sie sieht den Bayerischen Rundfunk im Fernsehen an, hört Antenne Bayern als Radio, stärkt sich intellektuell mit der Bildzeitung und dem Bayernkurier, isst nur bodenständige Küche (Schweinsbraten mit Knödl), trägt Dirndl/Lederhose und Laptop, gehört einer der großen christlichen Kirchen an (geht in das Gotteshaus brav an jedem Sonn- und Feiertag), kennt keinen bayerischen Oppositionspolitiker namentlich und hat einen „Atomkraft? Ja bitte!“-Aufkleber am gewienerten BMW kleben. Eine Frage drängt sich auf: Der amtierende bayerische Ministerpräsident ist gebürtiger Hersbrucker. Mittelfranken. In dem 12.000 Einwohner zählenden Städtchen regiert seit 1986 Wolfgang Plattmeier. Ein Sozi. Seine Stellvertreterin, Brigitta Stöber, ist ebenfalls bei den Roten. Sind die Hersbrucker jetzt unanständige Bayern? Nach dem Becksteinschen Weltbild: Ja! Denn wären sie anständige Bayern, hätten sie CSU gewählt. An sich sind die Franken (egal ob Ober-, Mittel- oder Unter) somit unanständig. Hochburgen der bayerischen Staatspartei fahren andere Wahlergebnisse ein, als sie dort erzielt werden. Wäre eine Loslösung Frankens von Bayern , wie es die fränkische Separatistenseite www.bayern-wolln-mer.net fordert, gar besser für alle Beteiligten? Die Weltformel der CSU Seit Jahrzehnten schaffte es die CSU, was man anerkennen muss, den Bayern folgende einfache Formel in die Köpfe einzutrichtern: Bayern = CSU = Wohlstand = Ordnung Eine Weltformel die bis vor Kurzem im Freistaat noch Bestand hatte. Dabei ist es gerade das unanständige, was die Bayern so fasziniert und bewundern lässt. Die bayerischen Könige sind, bis auf Ludwig II, kaum präsent, hingegen kommt am 21.August ein neuer Heimatfilm von Marcus. H. Rosenmüller (bis 2008 Gemeinderat für die Sozis in Hausham) in die Kinos: Räuber Kneißl. Die bösen Buben und Wildschützen, welche sich gegen die Obrigkeit auflehnten, sind nach wie vor präsent und offensichtlich beliebt. Ebenso brachte Bayern intellektuelle Querköpfe hervor: Bert Brecht, Oskar Maria Graf, Karl Valentin – um nur drei zu nennen. Diese wären, nach heutigen Becksteinschen Maßstäben, unanständige Bayern. Über die Initiatoren der Räterepublik von 1918, ihnen ist es zu verdanken, dass sich Bayern des Königshauses entledigte, muss nicht viel gesagt werden: Unanständig! Ebenso fällt seit letzten Samstag die vielfältige bayerische Kabarettistenszene, angeführt von der Biermösl Blosn, Gerhard Polt und Siggi Zimmerschied, unter das Attribut „unanständig“. Wie lebt ein unanständiger Bayer? Auch wenn hier noch umfangreiche Feldforschung betrieben werden muss, lebt ein unanständiger Bayer wahrscheinlich nicht anders, als ein anständiger Freistaatler. Der einzige Unterschied: Er macht sein Kreuzl bei Wahlen an anderen Stellen oder geht gar nicht zur Abstimmung. Ein unanständiger Bayer steht diesem bayerischen Konglomerat aus Staatsregierung, CSU, Klerus und Medien kritisch gegenüber. Was das neue politische Tandem der CSU tut und spricht, interessiert ihn nicht sonderlich. Dabei hat das dynamische Duo Beckstein/Huber dem früheren Ministerpräsidenten Stoiber eines voraus: Beide decken mit ihrer Konfessionszugehörigkeit die evangelische und katholische Wählerschaft in Bayern ab. Das schaffte selbst Dr. Stoiber in seinen Glanzzeiten nicht.

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Kommentare (5)

  • Veits M.

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    In der subtilen Unterstellung, einjeder, der nicht CSU wähle, sei „unanständig“, liegt die sittliche Verwahrlosung der Beckstein´schen Formel und eine Beschädigung des Amtes des Bayerischen Ministerpräsidenten. – Ein Amtsinhaber, der auf dieser Weise dem politischen Pluralismus eine Absage erteilt, läuft Gefahr, als demokratischer Spielverderber ins politische Abseits zu geraten.

  • Anna W.

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    I gib an Beckstein recht, i bin anständig und wähle CSU.

  • Riepl Stadtrat FW

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    Des hod „an-Stand“ sagt der Bayer, wenn er jemand oder etwas als positiv, gelungen und bewährt bezeichnet. Das was der Beckstein sagen will stammt nicht aus den bayerischen Benimmregeln, sondern ist dem Hochdeutschen(preußischen) entliehen. Soll uns sagen,die Dinge die die CSU vorgibt seien anständig und deshalb wählbar.
    Anständig ist der, der sich um „an Stand“ ständig bemüht. Und das soll den in der CSU gegeben sein? Ich kenn dort keinen. Deshalb will ich gar nicht „anständig“ sein, sondern bemühe mich „an Stand“ zu erreichen ohne Becksteinverweis und wegen der CSU.

  • Hans Mirwald

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    Was der Ministerpräsident hoffentlich zu Gesicht bekommt, sind die Leserbriefe in eben dieser PNP zu seiner „These“ im Interview vom 2. August. Da mach ich’s mir jetzt leicht, und zitier nur die Überschriften (ausnahmslos) aller recht deftigen Beiträge aus der Dienstagsausgabe: „Eine Beleidigung“, „Verächtliches Niveau“, „Höchstens 30 Prozent“, „Das Nest beschmutzt“ und „Arroganz“ wird ihm da attestiert u./o. vorgeworfen. Danke, Niederbayern.

  • Hubert Wittmann

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    Sind anständige Bayern dann auch, wie die CSU, für eine deutsche Beteiligung am Irak Krieg. Da bin ich doch lieber unanständig!

    Wie „anständig“ die Vorväter der CSU waren kann man übrigens in einem SZ Leserbrief von Dr. Rudolf Schöfberger nachlesen

    http://spd-oberpfalz.sozi.info/?mod=content&menu=9&page_id=5292

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