Bischof trifft sich mit Gewalt-Betroffenem

Der Bischof bereut. Wird auch das Bistum Buße tun?

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Bischof Rudolf Voderholzer traf eine Betroffenen des „Terror-Systems“ in der früheren Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen.  

Gastbeitrag von Wolfgang Blaschka 

Dem Beschwerdeführer war es bitter ernst: Er wollte eine detaillierte schriftliche Stellungnahme des Bischofs von Regensburg zu den grausamen Verhältnissen in Etterzhausen, unter deren Nachwirkungen er bis heute leidet, und eine bischöfliche Bitte um Vergebung, wenngleich Dr. Rudolf Voderholzer für damalige Vorkommnisse keine persönliche Verantwortung trägt. Doch sein Bistum hat die früheren Zustände und deren Folgen sehr wohl zu verantworten.

Treffen mit Begleitperson

Als der ehemalige Domspatz Anfang der sechziger Jahre an einer tagelang verspätet behandelten Meningitis laborierte, begann ein Leidensweg, der sein gesamtes Leben prägen sollte: Seitdem bekam er immer wieder kehrende epileptische Anfälle, die nicht nur seinen beruflichen Werdegang, sondern auch Intimbeziehungen empfindlich beeinträchtigten. Sein aus dem Weltkrieg verhärteter Vater wollte ihm bis ins hohe Alter nicht glauben, was er von Etterzhausen zu erzählen wusste. Daher bestand er auf dem Bischofsbrief, um ihn dem Vater noch vor dessen absehbarem Tod vorhalten zu können: Schau her, Paps, hier steht es schwarz auf weiß. Das Domspatzenheim war ein Terror-System. 

Der heute 61jährige bekam tatsächlich, was er wollte: Ein offenes Ohr und einen ausführlichen Brief des Bistums-Vorstehers. Bis es soweit war, hatte es allerdings lange gedauert. An die 30 E-Mails gingen hin und her betreffs Örtlichkeits- und Termin-Findung sowie aller möglichen Modalitäten, bis hin zu der Frage, ob er denn eine Begleitperson mitbringen dürfe. Er nahm sie dann einfach mit. Auch der Bischof hatte seine Bistums-Beauftragte für Gewalt-Delikte im Schlepptau. Im Anschluss an die Herbstversammlung der bayerischen Amtskollegen in Freising nahm sich der Oberhirte endlich Zeit und kam nach München zur Aussprache.

Kein entwürdigender Canossa-Gang für den Bischof

Er zeigte sich ernsthaft betroffen und räumte schwere Fehler und Versäumnisse der Kirche ein, insbesondere was die völlig verfehlte Personalpolitik der damaligen Zeit anbelangt. Total untaugliche Leute seien da auf Kinder losgelassen worden, ohne pädagogische Eignung und Qualifikation. Das „Terror-Regime“, wie er es zutreffend nannte, beschäme ihn zutiefst angesichts des Leides, das den kleinen Vorschulsängern angetan wurde. Er könne nur an seine Predigt im Dom anknüpfend seine damalige Bitte um Vergebung nun persönlich wiederholen. Es wurde kein entwürdigender Canossa-Gang für den Bischof, geriet aber auch nicht zum einvernehmlichen Versöhnungsgespräch. Der ehemalige Domspatz blieb hartnäckig. Er ließ sich nicht von Worten einlullen, sondern forderte konkrete Taten. Vier wesentliche Punkte waren ihm neben seinem persönlichen Anliegen wichtig:
 
– möglichst rasch eingeleitete Maßnahmen zur Erzielung handfester Ergebnisse bezüglich transparenter, das heißt also auch öffentlich gemachter Aufklärung, sowohl bezüglich detaillierter Vorkommnisse als auch die Systematik im Ganzen betreffend,
 
– das sofortige Ingangsetzen eines Verfahrens zur Aberkennung päpstlicher Ehrentitel für lebende und verstorbene Personen, die diese Würdigung aufgrund Ihres schändlichen Verhaltens nicht verdient haben, und die Zurücknahme entsprechender Widmungen,
 
– die Einleitung eines mit den ehemals Betroffenen in der zu bildenden Kommission einvernehmlich zu definierenden Verfahrens zur Auszahlung angemessener Entschädigungs- bzw. Wiedergutmachungs-Summen zugunsten der von Gewalt, Psychoterror und sexuellen Übergriffen Betroffenen, nicht nur in Etterzhausen und Pielenhofen, sondern für die Regensburger Domspatzen insgesamt,
 
– sowie eine jeweils persönliche wie auch öffentliche und öffentlichkeitswirksame bischöfliche Bitte um Verzeihung. Eine Predigt im Regensburger Dom oder eine Verlautbarung im Bistums-Rundbrief wird dazu wohl nicht genügen, wie wir gesehen haben. Dagegen wären echte Fakten mit konkretem Nachrichtenwert die beste Garantie, um auf die Titelseiten und in die Nachrichtensendungen zu gelangen.

Es geht um Transparenz, nicht um Trostpflaster

Von der Erfüllung dieser Forderungen wird abhängen, wieweit die Bekenntnisse des Bischofs glaubwürdig sind, und damit auch die Verlautbarungen des Bistums, das bis vor nicht allzu langer Zeit so verbohrt verschwiegen und vertuscht hatte, was nicht mehr zu verleugnen war. Da wurden abweisende Serienbriefe verschickt, die die Opfer schlimmster Übergriffe als unglaubwürdig diffamierten und beleidigten. Das begann sich zwischenzeitlich zu ändern. Mit pauschalen Anerkennungszahlungen an ehemalige Vorschüler in Etterzhausen und Pielenhofen von 2.500 Euro pro Geschädigten wollte man das Thema zunächst möglichst geräuschlos vom Tisch bekommen. Doch daraus allein konnte nichts Vernünftiges werden, denn es geht um Transparenz, nicht um Trostpflaster. 

Ein Ort, an dem Kindheiten zerstört wurden, aber nicht der einzige:  die ehemalige Domspatzen-Vorschule in Ettertzhausen: Foto: SWR/ Mona Botros

Ein Ort, an dem Kindheiten zerstört wurden, aber nicht der einzige: die ehemalige Domspatzen-Vorschule in Ettertzhausen: Foto: SWR/ Mona Botros

Inzwischen wurde ein außenstehender Rechtsanwalt mit der unabhängigen Überprüfung der kirchen-internen Aufklärung der über Jahrzehnte begangenen Verbrechen beauftragt. Eine paritätisch besetzte Kommission aus Bistums-Vertretern und Betroffenen soll nächstes Jahr über geeignete Schritte zum Interessensausgleich zwischen der Kirche und den geschundenen Domspatzen beraten. Fast täglich melden sich mehr Leidtragende beim Bistum. Auch dazu hat Herr Voderholzer ausdrücklich aufgerufen und ermuntert. Zudem erklärte er sich bereit, mit jedem persönlich zu sprechen, der das wünscht. Nur von Fußwaschungen war noch keine Rede.
 
Die bescheidene Zahlung „in Anerkennung des Leids“ wollte der Betroffene explizit nicht in dem Bewusstsein genommen haben, dass damit alles bereinigt sei, schon gar nicht vergeben und vergessen. Jetzt geht es um Aufklärung. Historisch ein Reizthema für die Römisch-Katholische Kirche, doch unabdingbar. Für eine Glaubensgemeinschaft sollte Glaubwürdigkeit die Existenzfrage sein.

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Kommentare (13)

  • Ralf Bart

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    Es geht den Kirchen nicht um Aufarbeitung und um Transparenz am wenigsten.
    Wer will schon mit den Schandtaten in der Öffentlichkeit stehen und dann auch noch dafür haften.
    Eine transparente Aufarbeitung könnte auch noch wesentlich mehr Opfer und Täter zum Vorschein bringen, dass sicher so nicht von den Kostümträgern gewollt ist.
    Und genau deshalb, auch wegen der herangehensweise der Kirchen, sind die heutigen Entscheider morlisch, ethisch mit den Tätern gleichzusetzen.

  • Rudolph B

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    Ein sehr gut geschriebener Bericht zum Thema Etterzhausen,
    Danke Wolfgang Blaschka!
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    Der Dom, die Spatzen und der Pfaff
    Vergewaltigungen und Prügelstrafen bei den Regensburger Domspatzen
    Von Wolfgang Blaschka, München
    http://www.kritisches-netzwerk.de/forum/vergewaltigungen-und-pruegelstrafen-bei-den-regensburger-domspatzen
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    Katholische Kirchenkriminalität: Stockschläge und Stoßgebete
    Persönliche Erfahrungen eines Regensburger Domspatzen
    Von Wolfgang Blaschka, München
    http://www.kritisches-netzwerk.de/forum/katholische-kirchenkriminalitaet-stockschlaege-und-stossgebete

  • Kanonikus2L

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    Danke für diesen Gastbeitrag! Stellt sich die Frage, ob der Regensburger Bischof diese leisten kann und darf. Vor allem das „dürfen“ könnte problematisch sein. Wie erst vor kurzer Zeit bekannt geworden, soll zumindest einer der höheren pädofilen Geistlichen damaliger Zeit in ein regelrechtes System von Kinderhandel verwickelt gewesen sein. Jemand der damals eine zeitlang zeitlich wie räumlich in Regensburg war, dem immer wieder Chancen gegeben wurden, und der beide Ratzingers – beide sehr kirchenmusikbeflissen – gekannt haben mußte. Hier dürfte der derzeitige Regensburger Bischof viel zu schlucken haben und jede Menge an „Selbstaufgabe“ beweisen müssen.

  • Angelika Oetken

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    Von wegen „nicht glauben, was er von Etterzhausen zu erzählen wusste“:

    etwas, das so viele Missbrauchsopfer kennen. Und bei näherem Hinsehen stellt sich dann heraus, dass fast alle Bescheid wussten.

    Betroffene stehen dann vor der schwierigen Entscheidung, wie sie damit umgehen wollen. Manchmal ist es am gesündesten, sich von Menschen, die bereit waren krasses Unrecht mitzutragen ab- und solchen, die menschlich kompetenter sind zuzuwenden.

  • R.B.

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    Treffen in der heutigen Zeit finde ich auch ok, aber wenn es auch ausführlich um das Thema Etterzhausen geht, dann müssen auch alle Punkte mit auf den Tisch und richtig aufgearbeitet werden. Auch müssen diese vielen Betrügereien dieser damaligen Stiftung ausführlich auf den Tisch. Es kann nicht sein, dass damals eine Vielzahl von Domspatzeneltern in Etterzhausen nur abkassiert wurden – und wir die Jungen dann um unsere Zukunft gebracht wurden! Sehr sehr viele Jungen mussten damals dort in Etterzhausen die Klassen wiederholen, die dann eben wenn man 3 Jahre dort bleiben musste , auch so um die 10.000 DM damals gekostet haben.
    Hoc factum homines concusserat.
    Dieses Ereignis hatte die Menschen sehr erschüttert.

  • Nichtkanoniker

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    Interessant, daß man jetzt wo „Umsatzeinbussen“ drohen und man sogar das Gymnasium kleiner bauen muss (RD hat berichtet) plötzlich so etwas wie „Aufarbeitung“ inszeniert wird. (Ein Betroffener „darf“ nach Jahrzehnten mit einem Bischof sprechen!) Das ganze wird dann gleich medienwirksam publiziert.
    In Wirklichkeit sind das wohl neue Ablenkungsmanöver, Opium für das Volk eben.

  • Ralf Bart

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    Ohne Aufarbeitung kann man keine wirkungsvolle Prävention betreiben.

  • RB

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    @ Angelika Oetken,
    lese ihre Beiträge immer wieder sehr gerne, und vielen Dank für die letzten guten Internetlinks.
    Zum Thema Priester und der Unzucht; Ich finde , dass eben auch der Zölibat daran eine große Schuld hat, eben weil in den letzten Jahrzehnten auch viele Kinder von Priestern missbraucht wurden. ((( Der Zölibat (von lateinisch caelebs‚ „allein, unvermählt lebend“, lateinisch caelibatus, „Ehelosigkeit , nichtfachsprachlich auch das Zölibat) ist im Christentum das Versprechen, für das weitere Leben die Verpflichtung zur Ehelosigkeit zu übernehmen. )))

    http://www.taz.de/Homosexualitaet-unter-Katholiken/!5235074/

  • Angelika Oetken

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    @RB,

    Danke schön!

    Zum Zusammenhang von Zölibat und Pädokriminalität:

    inwieweit das Gebot des Zölibats unter Priestern Missbrauchskriminalität fördert wird sehr kontrovers diskutiert. Ähnlich wie die These, dass ein Erwachsener Kinder missbraucht, weil er keinen anderen Erwachsenen findet, um sich sexuell zu befriedigen.
    Wenn man einer traditionellen Sicht folgt, nach der es für Männer typisch ist, andere sexuell auszubeuten und sich an ihnen abzureagieren und für Frauen (und Kinder) rollenkonform ausgebeutet zu werden, dann ergibt so eine Schlussfolgerung durchaus Sinn. Allerdings wurde mir noch kein Täter, keine Täterin (auch kein Priestertäter) beschrieben, der von anderen als unkomplizierter, geschweige denn normaler Mensch vorgestellt worden wäre. Vorausgesetzt diese „anderen“ waren fähig und bereit, darüber Auskunft zu geben. Und die MissbraucherInnen, die ich selbst kennen gelernt habe, waren bzw. sind allesamt psychosozial zutiefst verwahrloste, auffällige und meistens sehr unangenehme Menschen. Durchaus nützlich, aber leicht als nicht ganz sauber zu erkennen. Das bemerkt man schnell, sofern man bereit ist, hinter die üblichen Fassaden zu blicken.
    Hans Küng zum Zölibat: http://www.sueddeutsche.de/politik/missbrauch-an-klosterschulen-zoelibat-und-missbrauch-1.9568
    Hier Klaus Mertes und Klaus Beier über ihre Sicht auf das Thema http://www.tagesspiegel.de/berlin/gespraech-ueber-missbrauch-was-hinderte-die-kirche-den-opfern-zuzuhoeren/3786812.html

    Ich sehe es inzwischen so: auch bei größtem Triebdruck, selbst unter dem Einfluss von Hormonpräparaten, wie man sie Tieren zur Anregung des Geschlechtstriebes verabreicht, hätte so ein Täterpriester doch leicht auch einen anderen Erwachsenen gefunden , mit dem oder der er hätte Sex haben können. Notfalls eben eine Prostituierte. Oder einen Mann, der für sexuelle Dienstleistungen bezahlt wird. So jemanden zu finden ist keine Kunst. Meistens entwickeln sich entsprechende „Verhältnisse“ schon während der Ausbildungszeit der Priesterkandidaten. Und deshalb halte ich es für wahrscheinlicher, dass die missbrauchenden Priester deshalb Kleriker wurden, weil sie schon vorgeschädigt in die Ausbildung gingen. So wie Dr. Deininger es in dem Interview beschreibt. Opfer berichten ja von regelrechten „Täternestern“, also Priesterseminaren, in denen Ausbilder bzw. Lehrer sich ihren Missbrauchernachwuchs auswählen, heranzüchten und gezielt weiter vermitteln.

    Ich frage mich: gibt es einen günstigeren Tatort für einen Pädokriminellen als ein katholisches Internat voller Grundschüler? Noch dazu in einer Zeit, in der die meisten Menschen vor der Kirche kuschen mussten oder wollten? Abgesehen davon, werden die Domspatzentäter als ausgewiesene Sadisten beschrieben. Solche Leute sind eh schwer gestört. Die finden im normalen Leben schwer einen Platz. Bei den Domspatzen schienen sie dagegen gerade richtig zu sein.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • Mathilde Vietze

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    Ich teile Angelika Oetkens Ansichten in einigen Punkten:
    Es gibt – von Haus aus verklemmt erzogene – junge Männer,
    die den Priesterberuf wählen. Die anderen aber, so sie den
    Zölibat wirklich nicht aushalten, suchen sich e r w a c h s e n e
    Frauen, bzw. wenn die schwul sind, Männer.
    Die Pädokriminellen sind eine ganz eigene Spezies, die den
    ganzen Priesterstand in Verruf bringt.

  • menschenskind

    |

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