Alleinerziehend in Regensburg

„Eher mit Hunden in eine Wohnung als mit Kindern“

Eine alleinerziehende Mutter, die Hartz IV bezieht, über die Situation in Regensburg. Gastbeitrag im Rahmen eines Projektseminars an der Universität Regensburg.

Von Sara Dec und Christoph Honold

Jobcenter

Es geht um Anna. Anna ist höchstens Anfang 30, genau muss man das aber nicht wissen. Sie hat zwei Kleinkinder und schafft es deshalb zeitlich nicht mehr, weiter im Einzelhandel zu arbeiten. Anna ist alleinerziehend und bezieht Hartz IV. Wie schon der Sozialbericht der Stadt Regensburg feststellt, „sind dabei große Haushalte mit mehreren Kindern und Alleinerziehende [besonders schlecht] gestellt.“ Im Gespräch erzählt Anna, wie sie ihr „Familienunternehmen“ führt.

Hektik und Hartz IV

„Ich wollte nie Hartz-4 bekommen. Ich habe immer versucht alles selbst zu regeln, bis die Schulden einfach zu groß wurden, und ich gesagt habe, das geht nicht mehr.“ Es sind viele Kosten, die auflaufen, wenn frau versucht, alles selbst zu regeln: G.E.Z., Kinderbetreuung, die ganzen Freizeitangebote, Miete, Essen. „Dann gehen die Kinder mit der Schule auf einen Ausflug, sie gehen ins Theater. Das muss man ja alles bezahlen“, sagt Anna. Wenn man Hartz IV bekomme, werde das alles übernommen. „Wenn das jetzt ein Außenstehender hört, dann heißt es gleich: Wir müssen aber dafür arbeiten und die bekommt das. Aber dass ich vorher alles alleine stemmen musste, das sehen die nicht.“

„Es wird einzig und allein die Frage gestellt, wo meine Kinder sind.“

Hartz IV ist eine Sackgasse, gerade für alleinerziehende Mütter. Selbst wenn man Sozialhilfe bekommt und seinen Tagesablauf – zumindest im Laienverständnis – selbst organisieren kann, muss man dennoch festgesetzte Termine wahrnehmen. Behörden, Anträge, Beratungsstellen. Alle sechs Monate muss ein neuer Antrag für Hartz IV gestellt werden. Die Mühen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, sind schier end- und hoffnungslos: „Ich habe versucht irgendetwas zu bekommen, was von der Arbeitszeit her passt. Aber als Mutter braucht man öfter Urlaub, man braucht flexiblere Arbeitszeiten, man ist öfter krank durch die Kinder. Wenn man alleinerziehend ist, dann bekommt man einfach nichts.“ Die Unternehmen, bei denen sie sich bislang vorgestellt hat, seien ihr nie entgegengekommen. „Es wird einzig und allein die Frage gestellt, wo meine Kinder sind.“

Zuschussmöglichkeiten kommen bei Betroffenen nicht an

Hinzu kommt, dass die Einrichtungen – egal ob Kita oder Kindergarten – die dazu da sein sollten, Eltern neben der pädagogischen Förderung der Kinder das Arbeiten zu ermöglichen, gerade bei sozial Schwächeren den gegenteiligen Effekt bewirken, meint Anna: „Diejenigen, die kein Hartz-4 bekommen, werden sehr benachteiligt. Die anderen kriegen das alles. Aber Personen, die zum Beispiel 50 Euro über dem Existenzminimum haben, die kriegen gar nichts, gar nichts!“

Offenbar kommen die – noch zu  Zeiten der großen Koalition eingeführte – soziale Staffelung der Kindergartengebühren und die Möglichkeit, die Kosten für eine Kindertagesstätte vom Jugendamt übernehmen zu lassen, nicht bei jedem an.

Dabei sind die Kindergartenkosten mit 200 Euro pro Kind noch das kleinere Übel. Die Kosten für die Krippe hingegen würde Anna niemals aufbringen können: „Für die Kita, wie ich sie eigentlich jetzt bräuchte, damit ich in meinen alten Beruf wieder reinkomme – und dann ist meine Arbeitszeit nicht mal gedeckt (Einzelhandel) – würde ich 580 Euro zahlen.“

Arbeiten, für einen Lohn, von dem nichts bleibt oder Hartz IV

Zwar hat jedes Kind das Recht auf einen Kitaplatz. „ Aber keiner sagt, wo der Kitaplatz ist. Er kann auch in Buxtehude sein. Man hat zwar einen Rechtsanspruch darauf, dass man einen Platz bekommt, aber nicht wo. Der könnte auch 20 Kilometer außerhalb sein.“ Wenn sie das einklagen wollte, stünde Anna vor dem nächsten Problem: Woher das Geld für den Rechtsschutz nehmen? „Schönrederei“ nennt sie das.

Anna steckt in einer Zwickmühle. Arbeiten, die Kinder in den Kindergarten und die Krippe bringen, sich um die Betreuung der Kinder während der restlichen Arbeitszeit kümmern und den Haushalt organisieren. All das für einen Lohn, von dem nichts übrig bleibt. Oder Hartz IV beziehen und versuchen, so gut es geht davon zu leben, gezwungen nichts zu haben, um diese Existenzsicherung immer wieder bewilligt zu bekommen.

Stadtpass für ein Mindestmaß an Selbstverwirklichung?

Das Armutsforum Regensburg sammelte im Sommer noch Unterschriften für den Stadtpass. Mittlerweile sind auch genügend Unterschriften für einen Bürgerentscheid beisammen – als Monatspreis stehen zehn Euro im Raum. Neben einem RVV-Ticket soll der Stadtpass auch vergünstigen Eintritt in städtische Einrichtungen beinhalten.

Die Koalition hat zwar einen solchen Stadtpass ausdrücklich im Programm, die Ausgestaltung ist noch ungewiss. Insofern ist bislang auch unklar, ob es nicht doch zum Bürgerentscheid kommen wird.

Im Sozialbericht 2011 wird ausdrücklich erwähnt, dass „allen Bevölkerungsgruppen in Regensburg eine akzeptable Lebensperspektive [geboten werden soll], die wenigstens ein Mindestmaß an persönlicher Selbstverwirklichung zulässt“. Weiter heißt es, dass „einer dauerhaften gesellschaftlichen Ausgrenzung von größeren Teilen der städtischen Bevölkerung daher entschieden entgegen gewirkt werden“ müsse.

Gegen zehn Euro im Monat den öffentlichen Nahverkehr nutzen zu können und nur die Hälfte des üblichen Eintrittspreises in städtischen Kultureinrichtungen zu zahlen wäre eine durchaus „eingliedernde“ Maßnahme, von der auch Anna profitieren würde: „Also ich persönlich würde das auf jeden Fall nutzen. Ich würde mit meinen Kinder gerne ins Museum gehen und Bus fahren. Wir fahren ja alles mit dem Fahrrad.“ Sie hätte weniger Schwierigkeiten, sich einerseits mit ihren Kindern problemloser in der Stadt zu bewegen, andererseits wäre sie nicht mehr darauf angewiesen, sich von Freunden den Wagen auszuleihen, um ihre Einkäufe zu erledigen. Zur Tafel, zum Kinderbasar, zum Supermarkt. Sie könnte die Freizeit der Kinder gestalten, ohne viele Angebote außen vor lassen zu müssen.

Ein Ausweis für alles

Anna spricht sich für einen universalen Ausweis aus, der als Nachweis über die eigene „Bedürftigkeit“ gelten könnte. Das würde nicht nur jede Menge Zeit und Aufwand sparen, das sich ständig wiederholende Nacktsein vor den Behörden wäre auch nicht mehr so unangenehm. Einmaliges Vorlegen und Ruhe. „Dann muss man sich wieder rechtfertigen und wieder überall seine Sachen vorlegen. Das könnte man vielleicht vereinfachen wie es jetzt auch hier in der Tafel schon gemacht worden ist. Oder was noch besser wäre, wäre eben der Stadtpass.“

In der Regensburger Tafel, die weit im Stadtosten liegt, erhält man nach einmaliger Anmeldung, bei der natürlich auch Nachweise gefordert werden, eine persönliche Karte, sodass die Mitarbeiter ablesen können, in welchen Mengen Nahrungsmittel an die Besucher ausgegeben werden – ausschlaggebend dafür ist die Anzahl der Familienmitglieder – und der Ablauf insgesamt schneller vonstatten geht.

Wohnungsnot vor allem bei sozial Schwächeren

Annas Wohnung ist bald zu klein. Wenn das ältere Kind in die Schule kommt, wird kein Platz für einen Schreibtisch im ohnehin geteilten Kinderzimmer sein, einen Rückzugsort gibt es in der ganzen Wohnung sowieso für niemanden.

Eigentlich ist es „Aufgabe der Sozialhilfe […], (…) den Leistungsberechtigten die Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht“. Das Persönlichkeitsrecht, das auch Recht auf Privatsphäre einräumt, ist im Grundgesetz zur Menschenwürde zwar verankert, leider nur etwas zu schwammig formuliert. Ob es nun menschenwürdig ist, sich mit seinen eigenen beiden Kindern in eine Wohnung ohne Privatsphäre zu zwängen, ist also nicht geregelt.

„Es ist so, dass ich mir keine andere Wohnung leisten kann. Wir haben jetzt noch einen Quadratmeterpreis von 5,09 Euro, der ist gestiegen auf 6,39 Euro und alle anderen sind viel, viel höher. Ab acht Euro aufwärts.“ Dabei sucht sie vor allem über Wohnungsgenossenschaften: „Ja, also Kinder sind ganz unbeliebt bei Genossenschaften. Das ist so, dass man eher mit Hunden und Tieren in eine Wohnung kommt als mit Kindern.“

Bei privaten Anbietern sucht Anna erst gar nicht, das Kündigungsrisiko ist ihr zu hoch. Abseits von einem eventuellen Eigenbedarf der Vermieter sind die explodierenden Mietkosten einfach nicht aufbringen.

Aber sind Kinder in Wohnungen gerade bei Genossenschaften so unwillkommen? Wer speziell diese Thematik im städtischen Sozialbericht zu suchen beginnt, erhält keine vernünftige Information. Es lässt sich lediglich herausfinden, dass die Quadratmeterpreise steigen und dass die Herausgeber die Konzentration des sozialen Wohnungsbaus auf einzelne Stadtgebiete kritisieren.

Mangelnde Information?

Werden sozial schwächer Gestellten Kita Plätze tatsächlich verwehrt oder herrscht einfach Mangel an Aufklärung?

Bei Anna werden die Kosten für den Kindergarten vom Jugendamt getragen, aber bei Krippenplätzen sieht die Lage nach wie vor schlecht aus. Auch ansonsten wirkt ihre Situation so, als ob ihr immer wieder Steine in den Weg gelegt würden. Wann Anna wieder arbeiten gehen kann, weiß sie nicht. Und ob sie überhaupt eine Stelle findet, erst recht nicht.

Im Rahmen des Projektseminars Armut in Regensburg. Strategien der Bewältigung an der Universität Regensburg befragten angehende Kulturwissenschaftler Personen, die in irgendeiner Weise von (materieller) Armut betroffen sind. Die Zielsetzung bestand darin, vor allem die individuellen Umstände abseits von jeglichen Stigmata offenzulegen und ein Stück näher ins Bewusstsein zu rücken. Im Fall von Anna fielen im Vergleich mit dem Sozialbericht, der zuvor Armutsbericht genannt wurde, erhebliche Differenzen auf.

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Kommentare (5)

  • erik

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    mit der Agenda 2010 bzw. den Hartz-Gesetzen wurde das Grundgesetz für Teile der Bevölkerung ausser Kraft gesetzt! Von fordern und fördern so gut wie keine Spur mehr, es geht nur noch um fordern bzw. einsparen um Mittel für andere und anderes frei zu machen, quasi eine Enteignung durch die Hintertür! Ergebnis: die Verarmung und Verelendung ganzer Landstriche und Bevölkerungsgruppen!
    Der Umbau des Gesundheitswesen und die damit verbunden Streichungen von Leistungen der gesetzlich Versicherten kommt da noch erschwerend oben drauf! Daran ändern auch manipulierte Statistiken (wie z.H. die Arbeitslosenstatistik, Statistiken zur Vermögensverteilung usw.), die von der Medien-Mafia gebetsmühlenartig verbreitet werden, nichts!
    Aus den Antworten des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage geht hervor, in Deutschland arbeiten einem Medienbericht zufolge inzwischen 40 Prozent mehr Menschen in teilzeit als zur Jahrtausendwende. Die Zahl der Erwerbstätigen mit reduzierter Stundenzahl habe von 6,8 auf 9,6 Millionen zugelegt.Die Zahl der Vollzeit-Beschäftigten ist den Angaben zufolge von 2001 bis 2012 leicht von 25,95 auf 25,92 Millionen gesunken. 7,8 Millionen der Teilzeit-Beschäftigten sind demnach Frauen. Das entspreche einem Anteil von mehr als 80 Prozent. Fast jeder zweite Teilzeit-Job umfasse weniger als 20 Wochenstunden. Um diese Zustände zu vertuschen, hier die neuesten Statistik-Tricks der Agentur für Arbeit um Beschäftigtenzahlen hochzuschrauben:
    Konkret wurden vier neue Personengruppen in die neue Berechnung einbezogen:
    -Menschen in Behindertenwerkstätten oder ähnlichen Einrichtungen
    -Menschen in Jugendhilfeeinrichtungen
    -Personen, die ein freiwilliges soziales, ein freiwillig ökologisches Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst leisten
    -Nebenerwerbslandwirte
    Durch diese rein statistische Erweiterung gelten nun zusätzlich rund 400.000 Personen als sozialversicherungspflichtig beschäftigt.
    Vertreter vom Deutschen Gewerkschaftsbund kritisieren:“Die sozialversicherte Beschäftigung wird dadurch auch um Personen erweitert, die nicht erwerbsfähig sind und kein Markteinkommen erzielen“.

  • Klaus Memmer

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    Hartz IV, und wer hat’s erfunden: SPD

  • Jeanette Kamrowski

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    Solang eine Industrienation wie Deutschland so mit seinen Mütter umgeht, sind wir vom Aussterben bedroht.
    Dafür wird vom Fachkräftemangel gesprochen, um die Zuwanderung zu rechtfertigen und der Industrie die Verantwortung abzunehmen für mütterfreundlichen Arbeitsplätze zu sorgen.
    Es wird durch noch mehr Arbeitnehmer, das Angebot für die Arbeitgeber vielfälltiger und ganz nebenbei kann man da am Lohn schrauben.
    Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste verstaatlicht und versteuert wird in Luxenburg. Und munter schauen alle zu und sprechen von Einzelfällen.
    Erst wenn der Letzte seine Arbeitsplatz verloren und der Großteil der Bevölkerung in Armut lebt, werden die Menschen feststellen das der Trödel aus der Werbung uns nicht weiter bringt.
    Wir könnten miteinander handeln nicht Links gegen Rechts, Arm gegen Reich, Jung gegen Alt, doch ist das garnicht gewollt.
    Durch regelmäßige Berichterstattungen „Welche Sau gerade durchs Dorf getríeben wird“ machen wir ein Miteinader kaputt.

  • Wolfgang

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    Dieser ‚Erlebnisbericht‘ ist mir in weiten Teilen zu unkritisch.
    Konkrete Zahlen zu den Lebensumständen fehlen hier und es liest sich eher wie eine Werbung für einen Stadtpass.
    Nicht, dass ich diesen unbedingt ablehne oder daran zweifle, dass es ‚Anna‘ oder ähnliche Fälle schwer haben und keine Seltenheit sind.

    Ob man mit Kleinkindern wie in diesem Fall ins Theater muss oder Busfahren für diese wirklich so teuer ist…nun ja. Auch wird mit keinem Wort erwähnt, ob oder warum nicht der Vater in die finanzielle Pflicht genommen wird.
    Für mich ist dieser Fall nicht sonderlich gut gewählt oder aufgearbeitet.

    Schade.

  • Jeanette Kamrowski

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    @Wolfgang
    Sie haben Recht, es ist ein „Erlebnisbericht“ was beinhaltet den das Wort „Erlebnis Bericht“.
    Wir sind gebrägt auf Fakten, fragen Sie sich warum und voher „Fakten Fakten und an die Le,,,,,, denken.“
    Es hat alles ein System, damit kann man sehr gut die Menschlichkeit bei Seite schieben und es sind nicht die, in den unteren Ebenen, die sind angestellt (also wir, die Masse)
    Das soll nicht auf sie als Mensch bezogen sein, sie können nur ihre Umgebung spiegeln. Ich denke sie sind ein mitfühlender Mensch und zeigen das in ihren Handeln, stehen sie dazu.
    Unrecht wird nicht Recht, weil die Fakten fehlen.

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