Befremden über Hans Herrmann-Stellungnahme

Am Donnerstag hat der Holocaust-Überlebende Ernst Grube bereits scharfe Kritik an der Stellungnahme von Dr. Werner Chrobak und Prof. Dr. Bernhard Löffler zu NS-Bürgermeister Hans Herrmann geübt. Auch unser Leser Stefan Hanke, Kulturförderpreisträger der Stadt Regensburg und Macher des Foto-Projekts „KZ überlebt“, hat das Pamphlet unter die Lupe genommen. Wir veröffentlichen hier seinen Leserbrief.
BVP, NSDAP, CSU und immer auch Katholik: Bürgermeister Hans Herrmann (re., mit Domkapellmeister Theobald Schrems). Foto: privat

BVP, NSDAP, CSU und immer auch Katholik: Bürgermeister Hans Herrmann (re., mit Domkapellmeister Theobald Schrems). Foto: privat

Mich befremdet die Schlussbemerkung in der Stellungnahme der von der Stadt beauftragen Historiker Dr. Werner Chrobak und Prof. Dr. Bernhard Löffler: „Hans Herrmann war weder ungewöhnlich böse, noch ungewöhnlich gut, er vereinigte vielmehr in seiner Person Licht und Schatten, wie dies bei den allermeisten Menschen der Fall ist. Das Dritte Reich war wesentlich getragen von diesen „ganz normalen Deutschen“. Und zum Schluss:
„Die Frage wird vermutlich sein, ob sich eine pädagogische Erziehungsanstalt den Namen einer Persönlichkeit mit vielen Graustufen und auch Schattenseiten gibt und sich damit an der Normalität eines komplizierten Lebens orientiert, oder ob man sich programmatisch ein möglichst makelloses Vorbild schaffen und eine Lichtgestalt wählen will“.
Hans Herrmann war nicht nur in der Partei, sondern auch förderndes Mitglied der SS, er setzte sich selbst noch nach Kriegsende für Pensionsforderungen von Nazi-Kollegen ein. Da spielt es keine Rolle mehr, ob „Herrmann auch persönlich nach 1933 praktizierender Katholik mit regelmäßigem Sonntagskirchenbesuch blieb“ (Zitat Stellungnahme). Für die Millionen Opfer des verbrecherischen Wahnsinns der Nazi-Diktatur gab es keine „Normalität eines komplizierten Lebens“ sondern nur Leid und Tod. Die Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, politischen Verfolgten, Kriegsgefangenen etc. stand unter der Leitung von Reichsführer-SS Heinrich Himmler mit seinen Truppen. Hans Herrmann war ein Fördermitglied eben dieser Mörderbande. Das ist ein Fakt! Es löst bei mir Befremden aus, wenn man in dem Resümee der Historiker liest, dass bei der Beurteilung der Person Hermann immer auch der jeweilige Zeitgeist eine große Rolle spielt.
„Was der Historiker sicher nicht macht, ist historische Phänomene einfach nach dem aktuell gültigen Zeitgeist zu beurteilen oder auf das Brett der heutigen Formen erinnerungspolitischer Korrektheit zu spannen. Der Zeitgeist ist bekanntlich ein wandelbares Ding; 1933 wehte er anders als 1955 oder 2014.“
Würden die Historiker dies auch sagen, wenn sie an der Rampe von Birkenau gestanden wären? Die größte menschliche Katastrophe des 20. Jahrhunderts wurde durch die Nationalsozialisten vollzogen, gestützt von Millionen Mitläufern. Dies ist einfach ein wissenschaftlicher Fakt. Kann sich diese Einschätzung durch neuen Zeitgeist wieder wandeln, Gott bewahre! Hans Herrmann war ein kleines aber doch funktionierendes Rädchen in dieser Tötungsmaschine, ein Mitläufer mit hohem kommunalen Amt und Verantwortung. Der Lehrkörper der Schule, die Eltern der Schüler wie die Schüler selbst sollten überlegen, ob sie so einen Mitläufer als Namenspatron ihrer Schule haben wollen. Soll tatsächlich das Leitbild transportiert werden, alles ist ohne Konsequenz und harmlos, wenn es nur endlos viele gibt, die auch mitgemacht haben? Warum hängt man an diesem Schulnamen so fest? Warum gibt es nicht einen Schulnamen, der z.B. an Domprediger Johann Maier und an die anderen mit ihm ermordeten Opfer erinnert, warum nicht einen „Park der Opfer des 24. April 1945“? Vielleicht würde es der Schulfamilie in ihrer Entscheidungsfindung helfen, die Gedenkstätte Flossenbürg zu besuchen, und am Ende wäre man vielleicht stolz, den Namen „Dietrich Bonhoeffer Schule“ tragen zu können. Ob diese eben genannten Menschen „Lichtgestalten“ sind, vermag ich nicht zu sagen, aber sie wären mehr als geeignet, Namensgeber einer Schule zu sein. Stefan Hanke, Sinzing

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Kommentare (8)

  • Mathilde Vietze

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    Es wäre sinnvoll, die Schule umzubenennen. Dabei hätte
    ich u.a. den Vorschlag „Maximilian-Kolbe-Schule“. Eine
    ganze Reihe von wesentlich kleineren Städten hat Straßen,
    Schulen u.ä. nach Maximilian Kolbe benannt.
    Mir wäre es wichtig, daß auch in Regensburg sein Andenken
    gewürdigt wird.

  • Florian Eckert

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    Das ist schon wirklich tragisch: Bei der Berarbeitung eines eklatanten Altfalls von Schönfärberei eine neuen Fall von Schönfärberei produzieren…nächste Runde bitte!

  • Christian Feldmann

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    „Heldentum? Nein, zivile Gesundheit!“

    Na ja, das Fazit des sonderbaren „Gutachtens“ der beiden sonst durchaus schätzenswerten Historiker ist alles andere als ergiebig, aber leider auch nicht falsch: Hans Herrmann sei „weder ungewöhnlich böse noch ungewöhnlich gut“ gewesen, sondern eine Mixtur aus „Licht und Schatten, wie dies bei den allermeisten Menschen der Fall ist. Das Dritte Reich war wesentlich getragen von diesen ‚ganz normalen Deutschen‘.“ Nur darf man doch um Himmels willen nicht stehen bleiben bei so einer achselzuckend vorgetragenen Allerweltsweisheit, mit der man alles erklären, verdrängen und zukleistern kann.

    Ach nein, Helden hätte es gar keine gebraucht im Reich der Hakenkreuzler und keine selbstmörderischen Widerstandsaktionen – zumindest nicht in den ersten Jahren des Nazismus, als noch nicht hinter jeder Wand ein Spitzel lauerte und der gnadenlose Terror sich noch nicht wie ein Spinnennetz über das Land zog. Helden hätte es gar keine gebraucht, bloß ein wenig Vernunft und Zivilcourage, äußerte etwa kurz nach dem Krieg der Dominikanerpater Franziskus Stratmann; er hatte sich gemeinsam mit dem knorrigen Berliner Dompfarrer Bernhard Lichtenberg – das war jener, der drei Jahre lang jeden Abend öffentlich für die verfolgten Juden und für die KZ-Häftlinge betete, bis ihn zwei Studentinnen denunzierten und ins Gefängnis brachten – im pazifistischen „Friedensbund der deutschen Katholiken“ engagiert und war dafür schon 1933 ebenfalls in den Knast gewandert.

    Stratmann: „Dass das deutsche Volk, um das nationalsozialistische Unheil zu verhindern, aus lauter ‚Helden‘ hätte bestehen müssen, kann ich nicht gelten lassen. Es hätte nur aus simplen, aber politisch vernünftig denkenden und entschlossen handelnden, bzw. einfach an ihrem Ort stehenbleibenden Staatsbürgern bestehen müssen. Der ‚Widerstand‘ wäre dann von selbst dagewesen: in jedem Beamten, der sich verfassungswidrige und wahnsinnige Anordnungen auszuführen geweigert hätte, in jedem Professor und Lehrer, der nach wie vor bei der zuvor von ihm erkannten wissenschaftlichen Wahrheit geblieben wäre, in jedem Pfarrer, der fortgefahren hätte, das unverkrümmte Evangelium zu verkündigen, in jedem Offizier, der an dem, was er früher für seine Ehre hielt, festgehalten hätte, und in jedem schlichten Mann, der nach wie vor zu seinem eigenen und zum gemeinsam verbrieften Recht gestanden wäre. Heldentum? Nein, zivile Gesundheit! Mündigkeit statt des trostlosen Sichführenlassens! (…) Als ob man durchaus ein Held sein müsste, um kein Waschlappen zu sein! (…) Fragte man mich: Wer hat mehr Verantwortung dafür, dass die Dinge in Deutschland so gelaufen sind, das halbe Prozent Gangster oder die 99 Prozent der Ordentlichen, so würde ich ohne weiteres sagen: diese, die Ordentlichen.“

    Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wenn schon „ganz normale Deutsche“ als Schulpatrone, dann meinetwegen eine „Trümmerfrauen-Schule“ – aber doch nicht Herrmann, diese Beamtenseele, der man irgendwann mal das Rückgrat herausoperiert hat. Dutzende anständiger Namenspatrone stünden bereit, neben dem genannten Maksymilian (er war Pole, bitte schön) Kolbe etwa Carl von Ossietzky, Dietrich Bonhoeffer, Antonia Pfülf, Hans und Sophie Scholl … Am sinnvollsten wäre wohl eine Benennung nach Regensburgern mit Zivilcourage: Johann Maier … Hans Weber … Johann Igl … Josef Haas, der Arm- und Beinamputierte aus der Neupfarrplatzgruppe … oder, endlich, endlich, die wunderbare, menschenfreundliche, eigensinnige, unglückliche Elly Maldaque!

    Christian Feldmann

  • Martin

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    Man könnte grundsätzlich überlegen, ob die Benennung öffentlicher Bauten nach Personen nicht langsam überholt ist. Ein Risiko birgt sie immer. Nicht nur, weil unangenehme Seiten des Namenspatrons ans Licht kommen könnten, sondern weil sich in vielen Fällen die Auffassung späterer Generationen, wer sich besondere Verdienste erworben hat, drastisch ändern kann. Man beachte nur all die Denkmäler für wackere Generäle, für die es heute sicher keine breite Zustimmung mehr gäbe!

    Warum müssen so viele öffentliche Bauwerke nach Personen benannt werden? Den meist verblichenen Personen hilft’s nichts mehr, und ein Ansporn oder Vorbild für die Nutzer der jeweiligen Einrichtung ist der Name meist auch nicht. Warum kann eine Schule nicht einfach „Berufsschule“ oder „Gymnasium“ heißen?

  • Remission

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    Es stellt sich die Frage, ob „Licht“ und „Schatten“ dieses „normalen Deutschen“ nicht einfach Ausdruck des ganz „normalen“ Opportunismus derjenigen Deutschen ist, die sowohl vor 1933 wie auch nach 1945 Karriere machen wollten.

    Diese zu Vorbildern erklären zu wollen ist Chuzpe derjenigen, die sich mit genau diesen „normalen Deutschen“ gut identifizieren können, weil sie sich heute wie damals ähnlich verhalten würden.

  • Aufwertung

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    Aufwertung durch Abwertung

    „Befremden“ ist zu harmlos – es war und ist abscheulich. Rassismus und Völkermord war auch damals ein Ausbund an Niedertracht, nur hatte man es seinerzeit meist (offen oder heimlich) genossen und sich darin gesonnt, zur auserwählten Rasse zu gehören. Die Mehrheit bestand nicht aus Mitläufern, sondern man war begeistert, gebauchpinselt, erhöht, war Nutznießer. Der „Zeitgeist“ ist darin weniger wandelbar als mancher denkt. Chauvinismus sucht sich heute neue Felder und Gelegenheiten – wer meint wirklich, das wäre einfach verschwunden?

    Mein Vorschlag: Ein „Heinrich-Himmler-Denkmal“ in entsprechender Gestaltung, denn auch das Abscheuliche braucht seine Mahnmale. Wie könnte das ausssehen? Hat hier jemand Ideen?

  • „Ein echtes Vorbild ist er nicht.“ » Regensburg Digital

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    […] Die Stadt gab bei Stadtheimatpfleger Dr. Werner Chrobak und Professor Bernhard Löffler ein Gutachten zu dem wandelbaren Politiker in Auftrag. Herauskam am Ende ein von Löffler und Chrobak so bezeichneter „engagierter Diskussionsbeitrag“, der – das zeigt eine genaue Analyse – krassen Fehlstellen und eklatanten Beschönigungen enthält. Der Holocaustüberlebende Ernst Grube bezeichnete die Stellungnahme als „Larifari“. Auch von anderen Seiten kam Kritik. […]

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