Bösartiger Tumor beflügelt die Wissenschaft

Im Jahr 1951 starb im Johns Hopkins Hospital in Baltimore, Maryland, USA, eine schwarze Frau mit nur 31 Jahren an einem bösartigen Tumor des Gebärmutterhalses. Sie stammte aus sehr einfachen Verhältnissen und hatte mit 14 Jahren das erste der fünf Kinder bekommen, die sie hinterließ. Im Januar des Jahres 1951 war sie ins Krankenhaus gekommen, weil sie selbst schon vor längerem einen Knoten am Gebärmutterhals gefunden hatte, der schmerzte und inzwischen blutete. Eine Biopsie ergab die Diagnose eines ungewöhnlich bösartigen Tumors. Trotz Radiumbehandlung und Bestrahlung verstarb die Patientin unter schlimmen Schmerzen noch im Oktober desselben Jahres. Soweit das traurige und gleichzeitig millionenfach geteilte Schicksal der Patientin Henrietta Lacks. Was ihren Fall einzigartig macht, ist die Tatsache, dass kurz vor ihrem Tod Gewebeproben ihres Tumors genommen und in eine Petrischale gegeben worden waren. Diese Zellen starben im Gegensatz zu allen bis dahin verfügbaren Proben nicht nur nicht ab, sondern vermehren sich bis heute rasant, wurden in gigantischen Mengen gezüchtet und in die ganze Welt verschickt und waren unter dem Namen HeLa an sehr vielen Forschungen und wissenschaftlichen Entdeckungen beteiligt. Sie waren in den meisten Instituten die menschliche Standardzelllinie (obwohl es sich um Krebszellen handelt, haben sie viele elementare Eigenschaften mit anderen Zellen gemeinsam) und sind auch heute noch allgegenwärtig. So groß die Leistungen der beteiligten Wissenschaftler bei den Forschungen mit HeLa-Zellen waren, so unsensibel war ihr Umgang mit den Betroffenen. Henrietta Lacks erfuhr nie, dass ihr eine Gewebeprobe entnommen war (auch heute sind Ärzte im übrigen nicht dazu verpflichtet, bei Gewebeproben das Einverständnis der Patienten einzuholen). Die Familie entdeckte viele Jahre später durch Zufall über eine Labormitarbeiterin die Existenz der HeLa-Zellen. Kurz danach rief eine Hilfskraft an und wollte den Angehörigen zum Zweck weiterer Forschungen Blut abnehmen. Auch bei dieser Gelegenheit wurden die Kinder von Henrietta Lacks nicht ausreichend informiert und aufgeklärt. Sie dachten, es sollte getestet werden, ob sie den gleichen Krebs hätten wie ihre Mutter, und warteten wochenlang ängstlich auf einen Anruf aus dem Krankenhaus mit dem Befund, der natürlich nicht kam. Ab 1976 interessierten sich Journalisten für die Geschichte hinter HeLa; damals erschien ein Buch, das die komplette Krankenakte von Henrietta Lacks enthielt, die die Familie niemals zu Gesicht bekommen hatte. Dieser Bruch der ärztlichen Schweigepflicht führte dazu, dass die Familie immer wieder mit Journalisten und auch Wissenschaftlern zu tun bekam, die ihnen von Henriettas angeblicher Leistung und der Bedeutung ihrer Zellen für die Wissenschaft erzählten und sie dadurch belasteten und verwirrten. Die Kinder hatten unter dem frühen Tod ihrer Mutter schmerzlich gelitten (als Henrietta starb, war ihr jüngstes Kind erst ein Jahr alt; die Kinder wuchsen danach unter sehr schwierigen Bedingungen bei Verwandten auf). Insbesondere Henriettas Tochter Deborah wurde durch die kaum begreiflichen Informationen über angeblich unsterbliche Zellen ihrer Mutter in Reagenzgläsern stark belastet; sie stellte sich ein ganzes Dorf voller Klone ihrer Mutter und anderes vor und erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche. Ein anderer Verwandter wird mit den Worten zitiert: „Hier in der Gegend kapiert keiner, wie sie tot sein kann und das Zeug lebt noch. Das is´n richtiges Rätsel.“ (S. 121). Wieder andere in der Familie glaubten, Henrietta sei buchstäblich unsterblich geworden und als Engel zurückgekehrt, um Leidenden zu helfen. Im Lauf der Zeit gab es zwar verschiedene Ehrungen und Feierlichkeiten zur Würdigung von Henrietta Lacks, aber niemand bot eine Entschuldigung für die unautorisierte Gewebeentnahme und die Preisgabe ihrer Identität oder eine finanzielle Entschädigung der Familie an. Der Forscher, der die ursprüngliche Probe von Henriettas Tumor genommen hatte (George Gey), hatte sich daran zwar nicht bereichert, sondern die Zellen kostenlos weitergegeben; später gab es aber Technologieunternehmen, die die Zellen verkauften und davon lebten. In dieser Hinsicht ist die Geschichte der HeLa-Zellen auch eine Geschichte der Ausbeutung einer schwarzen Frau aus der Unterschicht im Dienste der medizinischen Forschung. Rebecca Skloot hat viele Jahre an diesem Buch gearbeitet und eine Unmenge von Details zusammengetragen, was ihre Erzählung streckenweise unübersichtlich werden lässt. Sie hat sich aber ganz auf die Begegnung mit Henriettas Familie, insbesondere ihrer Tochter Deborah, eingelassen und sie in die Recherchen intensiv einbezogen, hat im Lauf der Jahre ihr Leben bis zu einem gewissen Grad geteilt, was sicher die einzige Möglichkeit war, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. Sie hat den einzelnen Familienmitgliedern auf diesem Weg viel von der längst überfälligen Aufklärung und Information vermittelt. Insgesamt leistet sie mit ihrem Buch ein wichtiges Stück Aufarbeitung der Geschichte der medizinischen Forschung. Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks. New York, 2010

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Kommentare (2)

  • politisch korrekt?

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    interessanter und wichtiger artikel, danke dafür!
    ich möchte trotzdem anmerken, dass man „Schwarz“ in dem zuammenhang als adjektiv ebenfalls groß schreiben sollte. dieser begriff ist von Schwarzen Deutschen selbst gewählt worden.
    danke für die beachtung dessen in folgenden artikeln!

  • Pragmatiker

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    Mag sein, aber von welchen Schwarzen wurde dieser Begriff „gewählt“?
    Will sagen: Wer bzw. welcher Verein hat diese Leute dazu legitimiert, für ihre vielen zehntausend Kollegen gleicher Hautfarbe zu sprechen?

    … ich wäre jedenfalls definitiv nicht einverstanden, wenn irgendein für Hautfarbe zuständiger Verein in Bonn, Berlin oder Hintertupfing über meinen Kopf hinweg bestimmen würde, dass man mich künftig in Presseartikeln z.B. als „Kaukasier“ oder sonstwie bezeichnen MUSS

    (http://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasische_Rasse)

    Kurz: Es ist mir ziemlich schnurz, ob man „Bayer“, „Deutscher“, „Weißer“, „Europäer“ oder sonstwie zu mir sagt (und ob man das klein oder groß schreibt). Solange man mich nicht konkret beleidigt, ist das doch sowas von piepschnurzegal!!

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