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Im Runtingersaal

„Die bösartigste Figur auf dem Gebiet der lizenzierten Presse“. Ein Vortrag in Regensburg über PNP-Gründer Hans Kapfinger

Karl Friedrich Esser und Hans Kapfinger: Michael Hellstern referierte über die Anfänge von MZ und PNP beim Historischen Verein im Runtingersaal in Regensburg. Die Tageszeitung interessiert das nicht.

Die Dissertation von Michael Hellstern vergleicht die Entstehung und Anfangszeit von MZ und PNP.

Ein Journalist, der von sich in der dritten Person schreibt, ist kein Journalist, sondern ein Propagandist. Diesen einfachen Merksatz missachteten die Amerikaner, als sie im Mai 1948 sehenden Auges zuließen, dass ein „Dr. Hans Kapfinger“ das Buch „Die neue bayerische Presse“ herausgab. Darin stellte Kapfinger, der von den Amerikanern 1946 die Lizenz für die Passauer Neue Presse (PNP) erhalten hatte, seine bayerischen Kollegen vor – und sich selbst, in der dritten Person. Das liest sich dann so:

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„Auch nachdem Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler geworden war, setzte Dr. Kapfinger seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus fort.“

Bis hierhin ist das noch nicht gelogen. Denn genau fünf Wochen setzte Kapfinger (1902 – 1985) seinen konservativen Kampf gegen die Nazis noch fort, im Straubinger Tagblatt, dessen Chefredakteur er mit seinen 30 Jahren war. Doch dann verließen sie ihn. Dann schwenkte er um. Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933, bei der die NSDAP auf fast 44 Prozent kam, plädierte Kapfinger „für eine loyale Zusammenarbeit mit der NSDAP“.

Indes, die konservativ-katholische Bayerische Volkspartei (BVP), für die er da schrieb, brauchte sich den Nazis nicht mehr anzudienen. Hitler hatte das Heft längst in der Hand. Am 22. März 1933 wurde das Konzentrationslager Dachau errichtet, tags darauf stimmte der Reichstag für das Ermächtigungsgesetz, allein die Sozialdemokraten stimmten todesmutig dagegen (die SA-Schläger waren bereits im Saal aufmarschiert), die Kommunisten konnten nicht mehr dagegen stimmen, sie waren entweder in „Schutzhaft“ oder auf der Flucht.

„Der Übereifer einiger Unterführer“

In diesem historischen Moment findet Kapfinger die richtigen Worte, den flächendeckenden Staatsterrorismus angemessen einzuordnen: „Mit jeder Revolution oder Umsturzbewegung“ – die Nazis feierten die Machtübergabe an sie als Revolution – „sind erfahrungsgemäß unschöne Begleiterscheinungen verbunden.“

Doch keine Bange, Kapfinger hat einen Draht zu höheren Stellen: „Wie wir erfahren, sollen aber diese“ – die unschönen Begleiterscheinungen nämlich – „die oft aus dem Übereifer einiger Unterführer entstanden sind, abgebremst werden.“ Wenn das der Oberführer wüsste! Dass einige seiner Unterführer in ihrem Übereifer in ganz Deutschland jeden, der nicht rechtzeitig den rechten Arm ausstreckt, krankenhausreif prügeln!

Unser lieber Oberführer würde dieses inhumane Vorgehen sicher nicht billigen! Wo unser lieber Oberführer so ein Menschenfreund ist! Deshalb, meine lieben katholischen Volksgenossen:

„Denken wir in dieser schicksalsschweren Stunde unseres Landes an das, was uns alle einigt: An unsere Liebe zu Bayern, zu Deutschland!“

Wenn Sie also auf der Straße zufällig wo vorbeikommen, wo gerade einem Sozialdemokraten von SA-Männern der Schädel eingeschlagen wird, ertragen Sie den unangenehmen Anblick und die unschönen Geräusche, beißen Sie die Zähne zusammen, denken Sie an Ihr liebes Vaterland und gehen Sie ruhig weiter!

Ein echter Kapfinger. Kein Wunder, dass nach diesem Mann in Passau eine Straße und ein Studentenheim benannt ist.

„Meinungsmacher mit dunkler Vergangenheit“

Worum geht es hier eigentlich? Darum: Vor einem Jahr erschien im Verlag Friedrich Pustet die Doktorarbeit von Michael Hellstern, die unter dem Titel „Meinungsmacher mit dunkler Vergangenheit“ auf 448 Seiten „die Heimatpresse in Bayern von 1945 bis 1962 am Beispiel der Passauer Neuen Presse und der Mittelbayerischen Zeitung“ (so der Untertitel) untersucht.

regensburg-digital hat darüber ausführlich berichtet:

PNP-Herausgeber mit brauner Vergangenheit: die Legenden von Hans Kapfinger – wissenschaftlich demontiert

 

Passauer Neue Presse (PNP) und Mittelbayerische Zeitung (MZ)? Da war doch was?! Falls es jemand vergessen haben sollte: 2021 hat die PNP die MZ geschluckt. Aufgekauft. Auf der MZ steht zwar noch MZ drauf, aber das ist Etikettenschwindel, es handelt sich eigentlich um die PNP, die ihren Einflussbereich auf Regensburg und die Oberpfalz ausgedehnt hat.

Doch es ist Zufall, dass Hellsterns Doktorarbeit die Anfangsjahre ausgerechnet von MZ und PNP untersucht und die beiden Lizenzzeitungen einander gegenüberstellt. Mit dem Kauf der MZ durch die PNP 2021 hat das nichts zu tun. Zu dem Zeitpunkt war Hellstern längst an der Arbeit an seiner Dissertation, auch wenn diese erst 2025 (im Pustet Verlag) erschien. (Für die Herren und Damen, die sich mit fremden Doktorfedern schmücken: Eine ehrliche Doktorarbeit wie die von Michael Hellstern schreibt sich nicht so nebenbei, das dauert ein paar Jahre.)

Die Mittelbayerische verliert genau einen Satz über Hellstern

Auf jeden Fall hätte die MZ doppelten und dreifachen Grund, über Michael Hellsterns Doktorarbeit zu berichten, sich eingehend mit ihr auseinanderzusetzen. Schließlich geht es darin um die MZ in mehrfacher Hinsicht: um die Anfänge der MZ selbst, aber gleichzeitig auch um die Anfänge der PNP, die sich schließlich 75 Jahre später die MZ einverleibte.

Doch der Name Hellstern tauchte in der MZ bis dato genau ein einziges Mal auf. In einem langen, launigen Jubiläumsartikel zum 80. Geburtstag der MZ am 23. Oktober 2025 („Was muss das für eine bewegte Zeit für Journalisten gewesen sein?“) wird Michael Hellsterns Dissertation mit einem Satz erwähnt. Man kann der MZ also nicht nachsagen, sie hätte Hellstern komplett ignoriert.

Ein Feigenblatt-Artikel in der PNP

Wie auch die PNP pflichtschuldigst berichtete, als Michael Hellstern am 14. Mai 2025 an der Passauer Uni den Nachwuchsförderpreis des Vereins für Ostbairische Heimatforschung erhielt und über seine Doktorarbeit referierte. Einmal (nämlich am 16. Mai 2025) stand in der PNP also tatsächlich bereits zu lesen, dass ihr hochverehrter Gründungsvater „entgegen seiner eigenen Darstellung kein Widerstandskämpfer“ war, sondern „‚fast die gesamte Zeit des Dritten Reiches über stets eine Festanstellung im Pressewesen’“ hatte, dabei gut verdiente und „‚von NS-Größen protegiert‘“ wurde.

Auch dass Kapfinger nebenbei 1940 in Berlin günstig eine „arisierte“ Villa erstand, war also nun tatsächlich einmal in seiner PNP zu lesen, ebenso, dass seine angebliche Beteiligung an der „Aktion Riemenschneider“ nicht der Rede wert war – auch wenn Kapfinger es fertigbrachte, dafür als Widerstandskämpfer entschädigt zu werden.

Selbst die „enge Zusammenarbeit mit Gerhard Freys ‚Deutscher Soldaten-Zeitung‘“ wird erwähnt, auch dass Frey bei der PNP volontiert hatte. Man hätte dem Zeitungsleser nur noch erklären müssen, wer Gerhard Frey war, nämlich die zentrale rechtsextreme Figur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kapfingers Lizenz: mit unlauteren Mitteln erschlichen

Sogar die einfache Schlussfolgerung aus dem allen stand an diesem 16. Mai 2025 schwarz auf weiß in der PNP: Hätten sich die Amerikaner nicht derart von Hans Kapfinger hinters Licht führen lassen, was seine Tätigkeit in der NS-Zeit angeht, sie hätten ihm nie und nimmer die Lizenz für die PNP überreicht.

Aber mit diesem einen Eingeständnis muss es dann auch wieder gut sein. Es sieht nicht so aus, als habe die PNP vor, über das Thema Kapfinger noch einen weiteren Satz zu verlieren. Man muss es nicht übertreiben. Nicht dass sich da noch was festsetzt. Und das hohle Denkmal noch ins Wanken gerät. Achtzig Jahre lang, von 1946 bis 2025, war der PNP permanent zu entnehmen, dass Hans Kapfinger ein tadelloser, selbstloser Kämpfer für die gute Sache und ein lupenreiner Demokrat war. E i n e n bösen Artikel verträgt so ein Monument schon. Aber zwei müssen es nicht sein.

Eine achtzig Jahre lange Märchenstunde ist zu Ende

Um genau zu sein: Auch als Michael Hellstern am 15. Oktober 2025 in der Stadtbibliothek Dingolfing über seine Doktorarbeit referierte, berichtete die PNP darüber. Man möchte sich ja nichts nachsagen lassen. Aber kann eine achtzig Jahre währende Märchenstunde durch zwei Zeitungsartikel entkräftet werden?

Müsste die PNP angesichts der Tatsache, dass sie ihre Leserschaft achtzig Jahre lang mit Falschinformationen bezüglich der Person ihres Gründers Hans Kapfinger fütterte – müsste die PNP da nicht eine große Serie starten?

Ein Jahr lang einmal in der Woche einen ganzseitigen Artikel, um endlich die Wahrheit auf den Tisch zu bringen, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Denn seiner Leserschaft über mehrere Generationen hinweg einen Bären aufzubinden, ist das eine. Aber dann, als die Sache aufgeflogen ist, einfach zu sagen: Ja, okay, stimmt. Und dann zur Tagesordnung überzugehen – zeugt das nicht erneut von einer tiefen Verachtung der Leserschaft?

Ein Emissär erkundet die Lage

Man könnte also sagen, dass die PNP die späte Aufdeckung der falschen Fassade des Hans Kapfinger zwar nicht aktiv, aber immerhin passiv eingesteht, indem sie über Vorträge von Michael Hellstern in ihrem Verbreitungsgebiet berichtet. Seltsam ist aber nun, dass die MZ nicht einmal das macht.

Hellstern referierte am 23. Oktober 2025 in Regensburg im Akuso in der Roten Hahnengasse. So eine Veranstaltung in so einem kleinen, linksverdächtigen Lokal (allein der Name Akuso! Man denkt nachgerade an Zola! Der Straßenname tut ein übriges) kann die MZ schon mal übersehen?

Unter den 13 linksverdächtigen Zuhörern war indes auch eine Person, die von diesem Verdacht unter allen Umständen auszunehmen ist: Gerd Otto. Genau, der: Chefredakteur der MZ 1985 bis 2005 und bis heute mit seinen 85 Jahren Wirtschaftsredakteur dortselbst. Im übrigen ist Gerd Otto durch einen längeren Beitrag zur Regensburger Pressegeschichte im Regensburger Almanach 2014 einschlägig ausgewiesen. Allein, Gerd Otto war an diesem Abend anscheinend rein privat im Akuso. In der MZ erschien über Hellsterns Vortrag: nichts.

Hellstern wird von Passau aus erledigt

Kann es sein, dass die neuen Passauer Zeitungsherren der MZ einen Maulkorb verpasst haben? Dergestalt, dass die MZ die wissenschaftlichen Enthüllungen von Michael Hellstern zu ignorieren habe und sich allein die PNP darum kümmere, den Fall Hellstern feigenblattmäßig zu erledigen?

Die Nichtbeachtung von Hellsterns Vortrag im Akuso im vergangenen Oktober seitens der MZ ginge ja noch an; doch unlängst trat Hellstern erneut in Regensburg an, seine zeitungsgeschichtlichen Ausgrabungen zu präsentieren, und diesmal waren Lokal und Veranstalter über jeden Zweifel erhaben. Auf Einladung des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg sprach Michael Hellstern am 21. Januar 2026 im Runtingersaal über die „Meinungsmacher mit dunkler Vergangenheit“.

Es kamen 50 Zuhörer. Und in der ersten Reihe war die Chefredaktion der MZ vollständig präsent, könnte man meinen. Nein, falsch gemeint, die MZ glänzte durch vollständige Abwesenheit. Sie schickte offensichtlich auch keinen freien Mitarbeiter hin, denn seit vier Wochen warten die Zuhörer des Vortrags vergeblich darauf, dass die MZ darüber berichtet.

Kapfingers Kontrapunkt: Karl Friedrich Esser

Das Tragische daran: Was die MZ selbst betrifft, also die MZ ohne PNP, die MZ bis 2021, die kommt in Hellsterns Doktorarbeit relativ gut weg. Nimmt man den MZ-Gründer und Lizenzträger, Karl Friedrich Esser, dann kommt sie sogar sehr gut weg. Denn dieser Karl Friedrich Esser (1880-1961) war in jeder Beziehung das genaue Gegenteil seines (fast 23 Jahre jüngeren) Passauer Kollegen Hans Kapfinger.

Karl Friedrich Esser war erstens ein durch und durch ehrlicher Mensch. Er war zweitens Sozialdemokrat mit Leib und Seele, der die Weimarer Republik mit Zähnen und Klauen verteidigte, bis er sich in Dachau wiederfand. Ja eben: Karl Friedrich Esser war drittens das, was Kapfinger nur vorgab zu sein, ein Verfolgter des NS-Regimes.

Die MZ stellt ihre Lichtgestalt unter den Scheffel

Die MZ-Chefredaktion hätte sich also, wäre sie denn bei Hellsterns Vortrag am 21. Januar 2026 im Runtingersaal anwesend gewesen, im Glanz der Lichtgestalt Karl Friedrich Esser sonnen können. Allein, es sollte nicht sein, es durfte nicht sein. Weil der Blick auf den aufrechten Demokraten Karl Friedrich Esser klarmacht, dass man durchaus nicht zwangsläufig zu den Nazis überlaufen und ihnen nach dem Mund schreiben musste, wie es Hans Kapfinger geradezu bilderbuchmäßig vorexerziert (und anschließend 40 Jahre lang rundum verleugnet) hat.

Nein, es gab auch Journalisten, die sich am 8. Mai 1945 nichts vorzuwerfen hatten, weil sie die langen zwölf Jahre zuvor ihren Anstand und ihre Ehre nicht an der Garderobe abgegeben hatten.

Dieser Fremde ist nicht von hier

Leute wie Karl Friedrich Esser. Der Mann war Finanzbeamter und kam mit dreißig Jahren aus München nach Regensburg als Verwalter der Dörnbergschen Waisenfonds-Stiftung. Also kein alteingesessener Regensburger. Noch dazu kein Katholik, sondern Protestant. Und selbst aus der protestantischen Kirche trat er 1926 aus, „als eine schwarz-weiß-rote Flagge auf seiner Kirche gehisst werden sollte“, wie es bei Hellstern heißt.

Die schwarz-weiß-rote Flagge war in der Weimarer Republik das Erkennungszeichen der Feinde der Republik (bei den Neonazis ist sie es bis heute, aber auch schwarz-rot-gold ist bei Rechtsaußen zunehmend beliebt).

Esser in Dachau

Und dann auch noch Sozialdemokrat. Als solcher wurde Karl Friedrich Esser in den Stadtrat gewählt, wurde SPD-Fraktionsvorsitzender und schrieb nebenbei hunderte von Artikeln für SPD-Zeitungen. Ein kompromissloser Kämpfer gegen die NSDAP seit deren Gründung 1920. Keine Frage, dass die Nazis 1933 sofort auf ihn losgingen. Vom 10. bis zum 19. März wurde er in „Schutzhaft“ genommen, am 3. Juli 1933 nach Dachau verschleppt und erst am 21. März 1934 wieder freigelassen, nur unter der Bedingung, dass er von Regensburg wegziehe.

Esser zog nach München und leistete den ihm auferlegten Zwangsmaßnahmen Folge. Obwohl er aus der SPD aus- und in verschiedene NS-Organisationen eintrat, wurde er Ende August 1944 ein weiteres Mal für über vier Wochen nach Dachau verschleppt, insgesamt wurde er zehn Monate dort gefangengehalten und gequält.

Ein „sehr positiver Bericht“ über Dachau

Währenddessen erschien in dem von Hans Kapfinger verantworteten Straubinger Tagblatt bereits Ende März 1933 eine Reportage über das neue Konzentrationslager Dachau. Es war ja das erste offizielle, sozusagen reguläre KZ, die Bevölkerung sollte erfahren, wer dort warum gefangengehalten wurde, und warum das für die „Volksgemeinschaft“ von Vorteil war. Es war ein „sehr positiver Bericht“, wie Hellstern schreibt. Man erfuhr, „dass bisher 200 Kommunisten im Lager inhaftiert seien, das Lager aber für 5000 Personen ausgebaut werden solle“.

Zuvor schon hatte Kapfinger Hitlers hasserfüllte Triumphrede anlässlich der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes gewürdigt:

„Der Reichskanzler Hitler hat im Reichstag eine Rede gehalten, […] die auch wir unterschreiben können.“

Während Kapfinger, von einer kurzen, vermutlich nur Stunden dauernden Festnahme Anfang Mai 1933 abgesehen, die ganzen zwölf Jahre bis 1945 durchgehend obenauf schwamm, als Pressechef der Leipziger Messe Reden für Goebbels schrieb und gut verdiente, konnte sich Esser gerade so durchschlagen, wurde, wenn er nicht sowieso in Dachau übelsten Misshandlungen ausgesetzt war und schwerste Zwangsarbeit leisten musste, durchgehend überwacht und konnte am Ende froh sein, die NS-Herrschaft überlebt zu haben.

Widerworte gegen Hitler – womöglich nur geträumt

Von Kapfinger dagegen wird bis zum heutigen Tag kolportiert, er habe nach der Machtübergabe an Hitler im Straubinger Tagblatt noch gefordert, „dass die Mitglieder des neuen Reichskabinetts unter Hitler auf ihren Geisteszustand untersucht würden, bevor ihnen das Wohl des deutschen Volkes anvertraut werden könne“. Hat eigentlich mal jemand das Straubinger Tagblatt durchgeblättert, ob sich der mutige Satz dort findet? Derjenige, der das erste Halbjahr 1933 des Straubinger Tagblatts zuletzt am eingehendsten studiert hat, ist Michael Hellstern.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob er dort auf Kapfingers unerhörte Provokation gegenüber den Nazis gestoßen sei, antwortete Hellstern im Runtingersaal: Nein. Auf die Nachfrage, ob Kapfinger seine freche Äußerung wider den frischgebackenen Tyrannen nur geträumt haben könnte, reagierte Hellstern mit einem stummen Nicken: Durchaus möglich.

Astrid Freudenstein über Hans Kapfinger

Im BR-Band “Tradition verpflichtet” wurde Hans Kapfinger von Astrid Freudenstein gelobhudelt.

Wie bei regensburg-digital bereits zu lesen, hat sich auch die jetzige Regensburger OB-Kandidatin der CSU Astrid Freudenstein in ihrem früheren Leben als BR-Journalistin schon einmal sehr tiefschürfend mit Hans Kapfinger befasst. In einem Radio-Beitrag für die BR-Serie „Tradition verpflichtet – Große Familien in Bayern“ beleuchtete sie „Die Verlegerfamilie Kapfinger-Diekmann und die Passauer Neue Presse“, der Beitrag konzentriert sich aber auf Hans Kapfinger, der auch mit dem Titel gemeint ist: „Ein Provokateur aus Überzeugung“.

Beim BR fand man die eigene Serie so gelungen, dass man die Texte 1999 als Buch herausbrachte, sodass Freudensteins Erkenntnisse über Kapfinger auf neun Seiten gedruckt nachzulesen sind. Um die Sache abzukürzen: Freudensteins Beitrag hat ungefähr das kritische Potential eines nordkoreanischen Rundfunkbeitrags über Kim Jong-un. Launig und beschwingt schreibt sie über die üblen Machenschaften des Passauer Pressezaren hinweg.

Zum Beispiel bringt sie das gerade eben angeführte „Zitat“, wonach Kapfinger 1933 im Straubinger Tagblatt Zweifel am Geisteszustand der gerade installierten Hitler-Regierung geäußert hätte, so, als würde sie direkt aus dem Zeitungsarchiv zitieren. Allerdings ohne Datum. Sie kann auch keines nennen, da sie sich die Mühe gespart hat, ins Zeitungsarchiv zu gehen. Sie hat das „Zitat“ ganz offensichtlich aus einer anderen Quelle, nämlich aus dem eingangs besprochenen Buch „Die neue bayerische Presse“ von 1948, in dem der Hans Kapfinger von 1933 als knallharter Widerstandskämpfer dargestellt wird.

Der nicht genannte Autor dieser Widerstandslegende heißt freilich auch Hans Kapfinger. Es ist ja dann doch überzeugender, wenn man die Heldenmärchen über sich selbst in der dritten Person schreibt. Man muss halt darauf hoffen, der geneigte Leser werde sich schon nicht die Frage stellen, wer das geschrieben hat.

Kapfinger auf dem Spiegel-Titel

Auch dass Kapfinger schon in der guten, alten Adenauer-Zeit heftig angegriffen wurde, dass es gerichtlich festgestellte Zweifel an seiner NS-Verfolgung gab, ist für Astrid Freudenstein nur Anlass für einen humorvollen Einschub:

„Der kantige Publizist aus Passau war sogar dem ‚Spiegel‘ einmal eine Titelstory wert. Am 14. März 1962 erschien das Nachrichtenmagazin mit Kapfingers Konterfei auf Seite Eins. Nur in und um Passau gab es den ‚Spiegel‘ an diesem Montag nicht zu kaufen. Bis heute erzählt man sich, Kapfinger selbst habe damals in aller Frühe sämtliche Hefte in der Stadt aufgekauft.“

Okay, wenn das stimmt, konnte man die Titelgeschichte des Spiegel Mitte März 1962 in Passau nicht lesen. Aber Astrid Freudenstein hätte sie 1999 lesen können. Der Spiegel stand damals komplett gebunden griffbereit im Lesesaal der Regensburger Uni. Mittlerweile ist alles digitalisiert, das heißt noch einfacher zugänglich, der Spiegel selbst stellt den Text von 1962 bereit.

„Der Spezi“: im Nichts verhallt

Jetzt könnte man einwenden, wenn der Spiegel 1962 einem konservativ-katholischen Zeitungsverleger aus Niederbayern und noch dazu einem engen Strauß-Freund (so lautet denn auch die Überschrift: „Der Spezi“) eine Titelgeschichte widmet, dann wird es sich halt um polemische Unterstellungen handeln. Nur, wenn man Michael Hellstern fragt, was er nach jahrelangen Recherchen zum Thema zu dem eingehenden Kapfinger-Porträt des Spiegel von 1962 sagt, dann antwortet er unumwunden: „Da steht schon alles drin.“ Hellstern im Runtingersaal: „Die Spiegel-Titelgeschichte über Kapfinger ist sehr gut. Sie ist nur im Nichts verhallt.“

Im übrigen: Wenn auch nur ein Jota an der Darstellung des Spiegel angreifbar gewesen wäre, wäre das Hamburger Nachrichtenmagazin sofort von Kapfinger mit Klagen überzogen worden. Von eben dieser Klagefreudigkeit Kapfingers, zum Beispiel gegen den populären Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt von der SPD, den ernstzunehmenden Herausforderer Adenauers, handelt nicht zuletzt der Spiegelartikel.

Plötzlich muss Kapfingers großes Idol zurücktreten

Nebenbei, ein gutes halbes Jahr nach dem Kapfinger-Spiegel erschien im Oktober 1962 jener Spiegel mit der Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“, der die „Spiegel-Affäre“ auslöste. Verteidigungsminsiter Franz Josef Strauß ließ Herausgeber Rudolf Augstein verhaften, Bundeskanzler Konrad Adenauer nannte den Spiegel-Artikel einen „Abgrund von Landesverrat“, doch sie kamen nicht durch damit. Der regierungsamtliche Angriff gegen den Spiegel wurde als Angriff auf die Pressefreiheit verstanden. Strauß musste zurücktreten, die Stimmung im Lande war klar gegen ihn, auch der Bundesgerichtshof gab dem Spiegel im nachhinein recht.

Den Amis dämmerte schon bald, dass sie von diesem Hans Kapfinger hinter die Fichte geführt worden waren. Insbesondere der Presseoffizier des Office of Military Government for Bavaria Ernst Langendorf war ihm auf der Spur. 1951 schreibt Langendorf in einem Brief über Kapfinger:

„There is no doubt that Dr. Kapfinger is the most vicious character in the field of the ex-licensed press.“

Auf Deutsch:

„Zweifellos ist Dr. Kapfinger die bösartigste Figur auf dem Gebiet der einst lizenzierten Presse.“

Kapfinger füttert die undemokratischen Gefühle

Seit drei Jahren versuche man, belastendes Material gegen Kapfinger zu sammeln, um ihm die Lizenz entziehen zu können, doch das gelinge nicht, trotz „seiner ständigen nationalistischen Texte, Angriffe auf Displaced Persons [sprich: Überlebende des Holocaust] und seiner Attacken auf die Besatzer“, wie Hellstern Langendorf wiedergibt. Kapfinger füttere „mit seinen Leitartikeln und Kommentaren weiterhin die undemokratischen Gefühle des Großteils seiner Leser“, bei denen es sich vornehmlich um „Anti-Demokraten, Nationalisten“ und nicht zuletzt um Antisemiten handle.

Ernst Langendorf hatte keinen Erfolg. Hans Kapfinger kam durch mit seinen Lügengeschichten, er konnte ungehindert die NS-Täter verharmlosen und der nächsten Generation von Rechtsextremisten wie Gerhard Frey den Weg ebnen. Wenn man sich heute fragt, woher die AfD ihre Stärke gerade in Niederbayern bezieht, bei Hans Kapfinger fing alles an.

Von der Kanzel herunter gegen die MZ

Karl Friedrich Esser hat unterdessen mit dem Tagesanzeiger eine konservativ-katholische Konkurrenz gegen seine Mittelbayerische erhalten. Und weil das noch nicht genug ist, werben die katholischen Pfarrer im Verbreitungsgebiet der MZ in der Sonntagsmesse für den Tagesanzeiger und machen die MZ schlecht.

Was macht Karl Friedrich Esser?

Er klappert die katholischen Pfarrhäuser ab und redet mit den Pfarrern. Versucht ihnen ihre Feindseligkeit auszureden. Man weiß nicht, was er ihnen gegenüber ins Feld führt. Vielleicht seine Bekanntschaft mit den nicht wenigen katholischen Pfarrern im KZ Dachau. Ein protestantischer Sozialdemokrat klingelt bei einem katholischen Pfarrer: Hallo, nicht erschrecken, hier ist nicht der Teufel! Hier ist nur die demokratische Republik! Darf ich reinkommen?

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Kommentare (1)

  • Mr. T.

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    Kann es sein, dass der MZ ihr Karl Friedrich Esser mittlerweile peinlicher ist, als die PNP stolz auf ihren Hans Kapfinger ist?

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