Früheres KZ-Außenlager

Gedenk-Posse um Colosseum scheint beendet

Das „Colosseum“ um 1940. Foto: Stadt Regensburg

Das „Colosseum“ um 1940. Foto: Stadt Regensburg

Zwei Stelen und eine Gedenktafel am Gebäude sollen künftig an die Geschichte und Opfer des KZ-Außenlagers Colosseum erinnern. Damit wäre eine jahrelange Serie an Verzögerungen, Verschleierung und Peinlichkeiten beendet.

„In fast grotesker Weise am Kern der Sache vorbei“: Das Urteil, das Ulrich Fritz (Stiftung Bayerische Gedenkstätten), Dr. Jörg Skriebeleit (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) und Professor Dr. Mark Spoerer (Universität Regensburg) vor ziemlich genau drei Jahren im Rahmen eines Gutachtens über die Bodenplatte vor der ehemaligen KZ-Außenstelle Colosseum fällten, fiel eindeutig aus. Klammheimlich war sie zwei Jahre zuvor verlegt worden, mit einem, so die Gutachter, verschleierndem Text, in dem die Gräuel und die mindestens 53, Zeitzeugen sprechen von 70, Toten des Colosseum nicht einmal erwähnt wurden.

Die Platte war ein weiterer Höhepunkt im jahrzehntelangen Streit um ein würdiges und historisch korrektes Andenken für die Opfer des KZ-Außenlagers (ein zusammenfassender Kommentar aus dem Jahr 2012), das in der kurzen Zeit seines Bestehens eine der höchsten Todesraten unter den Außenstellen des KZ Flossenbürg zu verzeichnen hatte. Sie war ein weiterer Höhepunkt in einer Debatte, in deren Zuge Entscheidungen verschoben oder ausgesessen wurden und bei welcher der Stadtrat über die Eigentumsverhältnisse des Gebäudes schlicht belogen worden war.

Aus Basta-Haltung wurde Einsicht und schließlich Tatendrang

Den Verantwortlichen der Stadt Regensburg schien nach ersten Protesten recht rasch klar gewesen zu sein, dass sie mit der Bodenplatte einen weiteren Bock geschossen hatten. Plötzlich war nicht mehr herauszufinden, wer den Text verfasst hatte. Und nach und nach wandelte sich die – der Koalition mit der CSU geschuldete – Basta-Haltung des damals noch dritten Bürgermeisters Joachim Wolbergs (2011: „Die Platte bleibt. Wir sind die gewählten Vertreter. Wir entscheiden.“) in eine – dem Gutachten geschuldete – Einsicht (2013: „Da habe ich einen Fehler gemacht, aber ich bin lernfähig.“) und schließlich in – dem Wahlkampf geschuldeten – Tatendrang („Heute bin ich auch dafür, dass diese Platte entfernt wird.“). Spätestens im Mai 2015 sollte die Platte verschwunden sein, so der nun als Oberbürgermeister amtierende Wolbergs zur Mittelbayerischen Zeitung.

Die Gedenkplatte soll entfernt und durch Stelen und eine Tafel am Gebäude ersetzt werden. Foto: Archiv

Die Gedenkplatte soll entfernt und durch Stelen und eine Tafel am Gebäude ersetzt werden. Foto: Archiv

Nun, ein knappes Jahr später, soll die Platte tatsächlich weg. Noch vor dem 23. April wird sie entfernt. Zwei Gedenkstelen und eine Gedenktafel am Gebäude sollen „künftig an die Geschichte und die damit verbundenen Gräuel der KZ-Außenstelle Colosseum in Stadtamhof erinnern“. Sie sollen im „Corporate Design“ der Außenlager des KZ Flossenbürg gestaltet sein. Das meldet die Stadt gestern Abend in einer aktuellen Pressemitteilung.

Historische Daten und Fakten zum Colosseum und zum KZ Flossenbürg sowie Zeitzeugenberichte in deutscher und englischer Sprache sollen darauf zu lesen sein (der Gestaltungsvorschlag als PDF). „Der Runde Tisch Erinnerungs- und Gedenkkultur, der am heutigen Abend tagte, begrüßte den Vorschlag des Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Recherche gegen Widerstände und Drohungen

Kämpft seit 1982 für ein würdiges Gedenken: Hans Simon-Pelanda. Foto: Archiv

Kämpft seit 1982 für ein würdiges Gedenken: Hans Simon-Pelanda. Foto: Archiv

1982 hatte eine Schulklasse der Berufsfachschule die lange vergessene Geschichte des Colosseum im Rahmen einer gemeinsamen Abschlussarbeit wieder aufgedeckt. Der damalige Lehrer und heutige Vorsitzende der „ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg“, Hans Simon-Pelanda, hatte dabei gegen den Widerstand städtischer Archivare und Politiker zu kämpfen. Unter anderem wurde ihm gedroht, dass er keine Festanstellung bekommen werde, wenn diese Arbeit öffentlich gemacht werden würde.

Beim Gedenkweg für die Opfer des Faschismus, der alljährlich am 23. April stattfindet, wurde über Jahrzehnte ein angemessenes Gedenken gefordert. Im letzten Jahr fand der Gedenkweg auf Initiative von OB Wolbergs nun auch zum ersten Mal unter Ägide der Stadt Regensburg statt. Die CSU, welche die jahrelangen Verzögerungen in erster Linie zu verantworten hat, nahm geschlossen nicht teil.

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Kommentare (6)

  • Betonkopf

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    Also seinen Meinungswandel kann man Wolbergs sicher nicht vorhalten. Hat er halt einen Fehler gemacht, er gibt es ja auch zu. Und Fehler sind notwendiges Element jedes inhaltlich bedeutenden Verhaltens (T. Fischer). Also nie Politikern trauen, die keine Fehler machen.

    Etwas anderes ist es mit der Verzögerung bei der Entfernung der Platte und der Neugestaltung. Das ist wirklich ärgerlich, dass das so lange dauerte trotz großer Ankündigung. Aber gut, besser spät als nie.

  • Hörmann

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    Die CSU nimmt nicht teil? Warum wundert mich das nicht, erbärmliche schwarzbraune Haselnüsse, können wohl nicht anders, als sich bei den Hardcore-Nazis anzubiedern. Herrn Simon-Pelanda „die Festanstellung“ zu verweigern ist in der Tradition der BVP, unter deren Ägide schon Elly Maldaque in den Tod getrieben wurde.

  • Grips

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    Neben jeder Gedenktafel sollte eine Tafel hänge, wer nicht gedenken will: Das fände ich sogar das spannendere , weil aktuelle: Daraus wird sichtbar, wer von seiner Ideologie/Denke her den Tätern von damals jedenfalls in Teilen nahe steht. Wobei mir da klassisch in Regensburg die CSU mit ihrem Ortschef und Altnazibürgermeiste Hans Herrmann einfällt, der dann in den 50igern ganz der alte die Polizei auf die Demonstranten gegen das Verbot des Spielfilms „Die Sünderin mit Hildegar Knef schiessen lassen wollte. Auch bei OB Schaidinger hat sich mir alles aufgestellt , als er den Besuch der Ausstellung über die Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht 1939-45 ablehnte , weil sein Vater auch Soldat gewesen sei.
    Aber auch bei den fleissigen Mit-Gedenkern von der katholischen Kirche stellt sich die Frage, warum sie der Opfer mitgedenken, statt ihr Bündnis mit den Nazis (sogen. Reichskonkordat von 1933) und ihre hiesige Kollaboration mit den Nazis, siehe zum Beispiel Erzbischof Buchberger, zu bedenken und zu bedauern.

  • Beobachter

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    Altbürgermeister Weber und OB Meier wollten ein würdiges Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus in Regensurg. Hintertrieben wurden ihre Bemühungen von der CSU, dem Klerikalen Hopfner, dem Verein Pro Stadtamhof, den vorgenannten Historikern und Archivaren und anderen leitenden Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Einer ist noch heute als Verwaltungsreferent in einer Spitzenstellung und für die Gedenkveranstaltungen verantwortlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass alles solange dauert.

  • menschenskind

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    Wer sich den Gedenkplattentext durchliest wird mit einem altbekannten Phänomen konfrontiert.

    Auf deutschen Gedenktafeln zu den Verbrechen des Dritten Reiches werden fast stets die Nazis, die Nationalsozialisten, das NS-Regime, nicht hingegen namentlich die Deutschen, die Bayern, die Münchner, die Regensburger, die Flossenbürgener etc. als Täter genannt.
    Grundsätzlich werden keine Namen von Tätern verewiglicht, obwohl diese heute in der Regel ernsthaften Historikern durchaus bekannt sind. Es handelte sich bei den Haupttätern nämlich meist um die führenden Familien am Ort, solche Familien, die auch heute noch Einfluss ausüben und die über ihre politischen Vertreter (CSU, Freie Wähler)dafür sorgen, dass der Familienname nicht ‚beschmutzt‘ wird.

    Hier einige wertvolle Gedanken mehr zu den Sünden gegenwärtiger, bundesrepublikanischer (bayerischer!) Gedenkkultur.

    Zitat haGalil aus einem Deggendorf-Artikel:
    22) Ganz typisch für die Wortwahl bei den in Stein verewigten ‚Gedenksprüchen‘ in der BRD bei solchen Gelegenheiten ist, dass die Täter der Jahre 1933 bis 1945 so gut wie nie genannt werden. Selbst wenn die Mörder, Schinder und Denunzianten namentlich bekannt sind, werden sie auf Mahnmalen anonymisiert. Jedoch nicht nur Personennamen werden unterdrückt, sondern auch jedwede nationalen, regionalen oder lokalen Bezüge. Vollkommen undenkbar wäre es, wenn auf so einem Gedenkstein etwa „Deutsche“, „Bayern“, „Niederbayern“ oder gar „Deggendorfer“ als Verursacher, Verantwortliche oder Täter in Marmor oder Granit gemeißelt, angeprangert werden würden. Lieber verbirgt man sich hinter platten, beliebigen, alles oder nichts ausdrückenden Formeln wie „Die Barbarei des Nationalsozialismus“, „Ein mörderisches Regime“, „Die Nationalsozialisten“, „Das Unrecht des NS-Staates“, oder, noch eleganter, man bedient sich eines unpersönlichen Passivs: „…wurden abgeschlachtet/niedergemetzelt/ermordet“. Die deutsche Sprache lässt sich mit ein wenig Geschick für solche Zwecke geradezu meisterlich biegen, beugen, korrumpieren.

    Jedenfalls braucht(e) sich, auf diese schonende Weise mit Gedenkworten konfrontiert, tatsächlich niemand im Lande der Täter persönlich angesprochen, niemand zum echten Nachdenken veranlasst, niemand mit Verantwortung belastet oder gar betroffen fühlen.

    Ein unpersönliches ‚Es‘ übernimmt die Funktion des Sündenbocks, wird kollektiv ‚aus dem Dorf getrieben‘ und ‚Alles‘ ist scheinbar wieder gut. Genau so, und nicht anders, sieht unser feiger und verlogener Umgang mit unserer ungeliebten Vergangenheit seit nun schon drei Generationen aus und eine etwaige Änderung dieses Zustands ist nicht in Sicht.
    http://www.hagalil.com/2012/06/deggendorf-13/

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