Initiative fordert gemeinsamen Gedenkort für Regensburger Opfer des Nationalsozialismus am Dachauplatz
Hinterbliebene von Opfern des NS-Regimes erzählen ihre Geschichten. Vereine, Gewerkschaften und Bürger fordern zusammen mit ihnen einen zentralen Erinnerungsort am Dachauplatz. Der Oberbürgermeister reagiert verhalten, die Stadtratsfraktionen sind gespalten und die katholische Kirche antwortet nicht.

Der Dachauplatz soll zenrraler Gedenkort in Regensburg werden – so die Forderung. Foto: as
Es riecht nach Fett und gebratenem Fleisch. Auf einer Bank schläft ein Obdachloser. Seine Bierdose ist umgekippt, das Bier tropft auf den Boden. Im Hintergrund plätschert leise ein Brunnen, über allem dröhnt der Verkehrslärm.
Der Dachauplatz lädt nicht zum Verweilen ein. Hier bestellt man Burger, kauft ein oder wartet auf den Bus. Nur Obdachlose, die sonst nirgends erwünscht sind, trinken Wein aus dem Tetrapak. Wenige wissen, dass der Dachauplatz einst das Zentrum des NS-Viertels von Regensburg war.
360 Grad: Rundherum nur Nationalsozialismus
Steht man in der Mitte des Platzes und dreht sich einmal um die eigene Achse, reiht sich ein ehemaliger NS-Bau an den nächsten.
Wo heute das historische Museum ist, war damals das Ostmark-Museum. In der nahtlos anschließenden Minoritenkirche war 1937 die sogenannte Bruckner-Feier. Dort lauschte Adolf Hitler dem Gesang der Domspatzen.

Aufführung der Domspatzen zur Brucknerfeier am 6. Juni 1937 in der Minoritenkirche, mit Domkapellmeister Prof. Dr. Theobald Schrems. Foto: Stadt Regensburg
Das graue Gebäude in dem heute ein Supermarkt ist, war in den Dreißigerjahren das Gesundheitsamt – verantwortlich für die hundertfache Sterilisation von Menschen.
Was nicht Platz fand an diesem Platze, der damals Moltkeplatz hieß, wurde in der Nähe angesiedelt. Dort wo heute die IHK ist, war damals die Schwarzhaupt-Villa. Der zwangsarisierte Bau beherbergte dann die NSDAP-Kreisleitung.
Zum Stehen kommt die braune Pirouette vor dem Minoritenweg, mit Blick auf die Polizeiwache. Die Polizeidirektion hat 1937 das neugebaute Gebäude bezogen. Während des NS-Regimes wirkte dort auch die Geheime Staatspolizei, kurz Gestapo . Im Keller des Gebäudes befanden sich die Folterzellen.
„Wir wissen, dass im Zusammenhang mit der Neupfarrplatz-Gruppe als auch mit dem 23. April in diesem Keller versucht wurde, Geständnisse zu erpressen oder Leute zu brechen“, sagt Hans Simon-Pelanda. Er ist Ehrenvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg e.V.
Der erhängte Domprediger
Am 23. April 1945 fand in Regensburg eine Demonstration statt, an der angeblich mehrheitlich Frauen teilnahmen. Domprediger Johann Maier, versuchte die Anwesenden zur Ordnung zu rufen und appellierte an sie, keinesfalls Forderungen zu stellen. NS-Männer verhafteten ihn, verurteilten ihn standrechtlich und richteten ihn in der darauf folgenden Nacht auf dem Moltkeplatz hin.

1941: Kundgebung der HJ auf dem Moltkeplatz (heute: Dachauplatz). Foto: Stadt Regensburg
Für die katholische Kirche gilt Maier seit den ersten Nachkriegstagen als Märtyrer und Identifikationsfigur. Er sei den Opfertod gestorben, um die Stadt zu retten. Ein zweites Opfer war Michael Lottner. Er wurde schon vor der Erhängung des Dompredigers umgebracht und als Toter an den Galgen gesetzt. Auch Josef Zirkl fand an diesem 23. April den Tod durch Täter des NS-Regimes.
Der Tag der Opfer des Faschismus und der Dachauplatz
Simon-Pelanda erzählt, dass die amerikanische Militärverwaltung Gerhard Titze 1946 als Oberbürgermeister einsetzte. Auf Drängen von Opfern, die das NS-Regime überlebt hatten, führte der Regensburger Bürgermeister einen „Tag der Opfer des Faschismus“ ein – am 10. März 1946.
Außerdem benannte Titze den Moltkeplatz in Dachauplatz um. Der Name sei bewusst als Symbol gewählt worden. Dachau, das erste Konzentrationslager, die Terror-Zentrale des Reichs. Dachau, wo die meisten SS-Männer ausgebildet wurden.
Die Gedenkfeiern des 10. März als „Tag der Opfer des Faschismus“ endeten allerdings im Laufe der 1950er Jahre jäh. Warum – das könne er nicht mehr rekonstruieren, sagt Simon-Pelanda
Im November 1975 weihte der damalige Bischof Rudolf Graber zusammen mit OB Schlichtinger eine Stele auf dem Dachauplatz ein – zum Gedenken an Domprediger Maier, Michael Lottner und Josef Zirkl.

Die Einweihung der Stele durch OB Rudolf Schlichtinger im November 1975. Foto: Stadt Regensburg
Die Initative und ihre Forderung: Dachauplatz als zentraler Gedenkort
„Damit hat der Platz wenigstens ein Erinnerungszeichen. Hier sollte aber der Platz für alle sein“, bringt Hans Simon-Pelanda die Forderung seiner Initiative auf den Punkt. Und weiter sagt er: „Für uns gibt es keine Alternative zum gemeinsamen Gedenkort Dachauplatz.“
Helga Hanusa von Keine Bedienung für Nazis e.V. ergänzt, dass der Prozess der Gestaltung des Platzes mit breiter Bürgerbeteiligung erfolgen müsse.
„Es ist uns nicht gedient, wenn irgendjemand aus Berlin ein schönes Museum designt. Wenn wir selbst sehr viel Kompetenz in Regensburg haben“, so Hanusa. Die Stadt sei aufgefordert, zeitnah ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten.

Helga Hanusa und Hans Simon-Pelanda sind Sprecher der Initiative. Foto: rr
Helga Hanusa und Hans Simon-Pelanda erzählen das am 20. Juli 2026 im Rahmen einer Pressekonferenz im Colosseum in Stadtamhof. Dort stellten sie eine Initiative vor, sie steht unter dem Motto: Dachauplatz – am zentralen Gedenkort Erinnerung gestalten
Zusammen mit Organisationen wie Pax Christi, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Nachkommen von Opfern des Nationalsozialismus, wie Maria Schneider, appellieren sie an Stadtverwaltung, Politik und Bürgerschaft.
Endlich den Mantel des Schweigens lüften
Maria Schneider ist adrett gekleidet und akkurat frisiert. Bedächtig, aber bestimmt tritt sie ans Mikrofon im Colosseum:
„Ich bin die Enkelin von Johann Schindler, einem Mitglied der Neupfarrplatz-Gruppe. Meinem Großvater wurde das Abhören von Feindsendern vorgeworfen. Aus diesem Grund verhafteten ihn NS-Schergen im Jahre 1942.
Zusammen mit den anderen Mitgliedern der, von der Gestpao bezeichneten, Neupfarrplatz-Gruppe wurde er in einem Viehtransporter ins KZ Flossenbürg gebracht. Dort wurde er in der ersten Verhörnacht zu Tode gefoltert.
Mein Großvater wurde nur wenige Stunden nach seinem Tod im lagereigenen Krematorium verbrannt, um alle Spuren zu verwischen. Meine Großmutter musste mit dem Zug dorthin fahren, um die Urne mit der Asche ihres Mannes abzuholen.“
Zeit seines Lebens habe ihr Vater kein offenes Feuer ertragen – nicht einmal eine Kerze. Immer wenn es an der Haustür klingelte, zuckte er zusammen.

Die Unterstützer der Initiative vor dem Colosseum in Stadtamhof. Foto: rr
Doch er sprach mit niemandem darüber. Erst als man zur Neupfarrplatz-Gruppe forschte, öffnete er sich den Wissenschaftlern und seiner Familie. Sein Vater bekam einen Stolperstein und er schaffte es dadurch, besser mit der Vergangenheit umzugehen.
„Kriech, Vogel aus dem Bett und zieh dich an. Wir werden dir die Flügel schon stutzen!“
Auch Frank Wetzold und Martin Thema-Sattler erzählen die Geschichten ihrer Vorfahren. Um zu mahnen und um den dringenden Wunsch nach einem gemeinsamen Gedenkort am Dachauplatz zu unterstreichen. Martin Thema-Sattler liest aus einem Stenogramm seines Großvaters, dass dieser im Zuge seiner Verhaftung angefertigte:
„Die Aufregungen und teilweise Arbeitsüberlastung führten mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Da ich 39 Grad Fieber hatte, blieb ich Donnerstag im Bett. Um drei Uhr nachmittags und nach unserem freigebenden Verhör öffneten mir bekannte Gestapo-Gesichter, die Tür.
Zuerst durchwühlten sie alle meine Sachen, dann meinte einer: ‚Kriech, Vogel aus dem Bett und zieh dich an und wir werden dir die Flügel schon stutzen.‘“
An der Stelle endet das Stenogramm. Was sein Großvater in Dachau erlebte, weiß Thema-Sattler nicht. „Meine Familie leidet bis heute darunter.“
Sehen Oberbürgermeister, Rathauskoalition und Opposition Handlungsbedarf am Dachauplatz?
„Die Gedenk- und Erinnerungskultur ist für mich ein unglaublich wichtiges Anliegen – gerade in der heutigen Zeit“, antwortet OB Thomas Burger auf Nachfrage unsrer Redaktion. Die Stadt und das historische Museum seien bereits im Planungsprozess für einen zentralen Gedenkort.
Unabhängig davon sehe die Stadt den Bedarf, das Areal um das Mahnmal am Dachauplatz aufzuwerten. Konkrete Pläne gebe es dazu allerdings nicht.
Koalition ist weder für noch gegen Erinnern am Dachauplatz
SPD-Fraktionsvorsitzender Alexander Irmisch antwortet im Namen der Rathauskoalition .Als Koalition begrüße man die Initiative. Man freue sich auf einen transparenten Austausch mit Angehörigen von Verfolgten des Nationalsozialismus und langjährigen Aktivisten.
„An dessen Ende soll nicht nur ein weiteres Gedenkzeichen, sondern ein lebendiger Ort des Erinnerns stehen.“
Die Brücke schert aus
Nur eine Fraktion der Koalition gibt eine eigenes Statement ab – die Brücke.
Sie begrüße den Vorstoß der Initiative ausdrücklich. Und fordert, zügig die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Kirchen, Zivilgesellschaft und den Initiatoren zu beginnen.
„Deshalb gehen wir davon aus, dass es kurzfristig Kontakte zwischen der Stabsstelle Erinnerungskultur bei der Stadt Regensburg und den Initiatoren geben wird“, antwortet Fraktionsvorsitzender Joachim Wolbergs.
Das sagen die Christsozialen und die Linken
Für die CSU ist der Dachauplatz schon der zentrale Gedenkort für die NS-Zeit in Regensburg. Manche der umliegenden Gebäude trügen bereits entsprechende Hinweistafeln. Sie zu modernisieren oder digitalisieren, halte man für sinnvoll.
Einen kompletten Umbau des 2015 neugestalteten Platzes sehe man finanziell zunächst kritisch – mache dies aber von der konkreten Idee abhängig, die umgesetzt werden solle, so Fraktionschef Michael Lehner.
„Wir begrüßen die Idee, gemeinsam zu erinnern“, schreibt Sebastian Wanner von der Linkspartei. Das Erinnern müsse aber auch in Handeln übergehen. Die Stadt müsse zusätzliche Orte historisch erklären und kennzeichnen und Straßen mit NS-Bezug umbenennen.
Ein Appell an die Bürger
Helga Hanusa und Hans Simon-Pelanda sitzen auf dem Podium und schließen eine bewegte Pressekonferenz mit einem Appell:
„Deswegen unser Aufruf an alle Regensburger Bürgerinnen und Bürger. Wenn es euch das wert ist, dann rührt euch. Unterschreibt für den Dachauplatz und wir übergeben es der Stadt.“
Während sie sprechen rauscht auf dem Dachauplatz der Verkehr. Busse kommen und gehen, Menschen holen Burger. Fast niemand bleibt stehen. Genau das will die Initiative ändern.
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