Kunst- und Gewerbeverein Regensburg: Hundert Jahre Nabelschau
Der Kunst- und Gewerbeverein feiert sich selbst. Vom Keller herauf riecht es ein bisschen streng, denn dort stapeln sich die Leichen. Aber als Regensburger Kunstfreund lässt man sich das Feiern nicht verdrießen.

Im Katalog zur Jahresschau findet sich auch dreiste Geschichtsklitterung. Foto: PCM
„Egal, was draußen in der Welt los war, hier im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein wurde unbeeindruckt Kunst ausgestellt.“ Mit diesem Satz eröffnete Georg Haber die Ausstellung „100 Jahre Jahresschau“. Hundert Jahre! Genauso lang, hat man zumindest das Gefühl, ist Georg Haber auch schon der Vorsitzende des Vereins (und daran gemessen schaut der Mann noch ganz frisch aus der Wäsche).
Hundert Jahre geht das nun schon so: Ob in Dachau oder in Auschwitz Menschen ermordet wurden, in Regensburg hielt man unbeirrt die Kunst hoch. Wenn alles in Scherben fällt, hier ist es die Kunst, die zählt!
Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Darauf ein kräftiges Zickezackezickezacke Hoihoihoi! Und jetzt der Shantychor: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Derartige musikalische Untermalung verkniff man sich freilich bei den Feierlichkeiten; man will ja bescheiden bleiben. Mit verhaltenem Stolz begeht der Kunst- und Gewerbeverein seinen Hundertsten. Wobei die beiden Vorgängervereine, die sich 1925 zusammenschlossen, ja noch viel älter sind: Der Kunstverein wurde 1838 gegründet, der Gewerbeverein 1847.
Es müffelt im Kunst- und Gewerbeverein
Doch diese Jahreszahlen täuschen. Der Geist, der im Kunst- und Gewerbeverein vorherrscht, ist jung! Es ist der Mief der Fünfziger Jahre. Die goldenen Nachkriegsjahre, als man sich mit faustdicken Lügen durch die Entnazifizierung hindurchlaviert hatte und wieder wer war, das ist die Epoche, die im KGV fröhliche Urständ feiert.
Museumschef Sebastian Karnatz sagte im Interview mit der MZ, die Ausstellung „Tanzen und Taumeln – Die 1950er Jahre in Regensburg“ (ab 3. Oktober im Historischen Museum) lade dazu ein, über diese Zeit der Verdrängung und der Verleugnung nachzudenken. Stimmt. Man kann aber auch einfach in den Kunst- und Gewerbeverein gehen. Fünfziger Jahre live!
100 Jahre Jahresschau, aber nur 99 Jahresschauen
Aber von vorn. Worum geht es überhaupt? Man hat „99 Künstlerinnen und Künstler aus 100 Jahren Ausstellungsgeschichte“ ausgewählt, „für jedes Ausstellungsjahr eine damals vertretene Position, falls möglich, das damals gezeigte Werk“. Hinzu kommen „die 33 Preisträgerinnen und Preisträger des U40-Kunstpreises“, der erstmals 1996 vergeben wurde.
Gleich auf der ersten Seite des Katalogs, der zur Jubiläumsausstellung erschien, ist denn auch von der „bemerkenswerten Geschichte der Jahresschauen“ die Rede, „die seit 1926 nahezu ununterbrochen stattfinden“. Nahezu? – In einem einzigen Jahr gab es keine Jahresschau, das war das Jahr 1945.
Das „schreckliche Jahr“
Dazu bemerkt der Kunsthistoriker Christoph Wagner in seinem Festaufsatz: „Die lückenlose Folge der Ausstellungen wurde in diesem Annus horribilis ein einziges Mal unterbrochen.“ Und fügt bedauernd hinzu: „Bis 2025 wurden deshalb 99 Jahresschauen gezählt, obwohl das Format dann bereits auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickte.“ (Katalog, S.18)
„Annus horribilis“ ist lateinisch und heißt „das schreckliche Jahr“. Das ist immerhin ehrlich. Für den Kunst- und Gewerbeverein Regensburg war das Jahr 1945 in der Tat ein schreckliches Jahr. Die verheißenen tausend Jahre teutscher Kunst, der man sich verschrieben hatte, waren nach zwölf Jahren schon vorbei. Die Party hatte ein unschönes Ende genommen.
Amerikanische Kampftruppen im Kunst- und Gewerbeverein
Aus die Maus: „1945 wurde der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg e.V. von der amerikanischen Besatzungsmacht zunächst aufgelöst.“ Bereits zuvor war der Verein plötzlich in die Schusslinie des von ihm von Anfang an mitgetragenen 2. Weltkriegs geraten: „Das Gebäude war in den letzten Kriegstagen beschädigt worden, große Teile des Archivs gingen verloren.“
Und weil das alles für die NS-Schranzen, die den Kunst- und Gewerbeverein so umsichtig durch die Jahre 1933 bis 1945 geführt hatten, noch nicht schrecklich genug war, belegten 1945 auch noch amerikanische Kampftruppen das Gebäude, wie es in der 2013 veröffentlichten Vereinsgeschichte heißt. Kann ein teutscher Kunsttempel schmählicher entweiht werden?
Die „Normalisierung des Unrechts“
Das „schreckliche Jahr“ 1945, nur zur Erinnerung, war für die von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemten Künstler, soweit sie nicht ermordet worden waren, ein sehr schönes Jahr. Man konnte auf einmal wieder einfach so über die Straße gehen, ohne befürchten zu müssen, vom nächstbesten Uniformträger verhaftet und anschließend ins KZ verschleppt zu werden.
Für Christoph Wagner ist der KGV eine beispielhafte „traditionsreiche Kulturinstitution“, die in der NS-Zeit „zugleich Kontinuität sichern und Unrecht normalisieren konnte“. Er fügt hinzu: „Eine heutige Würdigung ihrer langen Geschichte muss diese Verstrickung nicht als Randepisode, sondern als zentralen Bestandteil der institutionellen Erinnerung behandeln.“ (Katalog, S.18)
Die NS-Zeit als „Randepisode“
Genau das ist die Frage: Ist die NS-Zeit ein „Fliegenschiss“ in der Geschichte des Kunst- und Gewerbevereins, um den berüchtigten Begriff des AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland zu bemühen, oder muss man die zwölf Jahre, in denen sich der KGV aus eigenem Antrieb den NS-Schergen andiente, als ewige Schande betrachten, die ihre Schatten bis heute wirft?
Der Katalog beantwortet die Frage dankenswerterweise auf derselben Seite, auf der Christoph Wagner davor warnt, die NS-Zeit als „Randepisode“ abzutun. Buchstäblich am Rand dieser Seite ist ein Brief an Jo Lindinger aus dem Archiv des KGVs abgebildet, in dem es laut Bildlegende um die Hängung der Femeausstellung „Entartete Kunst“ im KGV 1936 geht.
„Neue Sachlichkeit“ in Regensburg
„Entartete Kunst“ im KGV? Jo Lindinger? Zunächst zu Jo Lindinger (1907-1995). Von ihm war in der Jahresausstellung 1931 das im gleichen Jahr entstandene Ölgemälde „Die Schaukel“ zu sehen, das ein junges Paar auf einer Dachterrasse zeigt. Die nächtliche Szenerie ist in Melancholie getaucht und ganz und gar der Neuen Sachlichkeit verpflichtet und damit der Moderne, gegen die die Nationalsozialisten zu Felde zogen.

Erst Neue Sachlichkeit, dann alter Nazi: Jo Lindinger im Katalog des KGV.
Im Katalog macht sich Joseph Berlinger Gedanken zum Bild und zum Künstler: „Was hat ihn, den 24jährigen, am Stil der Neuen Sachlichkeit fasziniert? Warum hat er sich von dieser Malweise und Thematik so rasch wieder verabschiedet? Weil beides den neuen Machthabern und dem neuen Zeitgeist nicht entgegenkam? Weil er seine Karriere nicht gefährden wollte?“
Die Dinge beim Namen nennen: das geht
Es gibt also durchaus Texte im Katalog, in denen es nicht als Randepisode abgetan wird, wenn ein Künstler zu den Nationalsozialisten überlief. Berlinger bescheinigt Jo Lindinger ausdrücklich künstlerische Qualität und hoffnungsvolle Ansätze. Aber er kommt nicht auf die Idee, Lindingers Paktieren mit dem Teufel einfach auszublenden oder in die Fußnoten zu verbannen.
Nein, Berlinger zitiert Eva Demskis Mutter, deren Mann ein Bühnenbildner-Kollege Jo Lindingers am Regensburger Stadttheater war, und Eva Demskis Mutter nannte Jo Lindinger schlicht einen „alten Nazi“. Der nach 1945 die klassische Weißwaschung durchlief: zuerst für „belastet“ erklärt, dann zum „Mitläufer“ herabgestuft und wieder obenauf.
„Entartete Kunst“ als Publikumsmagnet
Doch nun zur „Entarteten Kunst“. Bereits eineinhalb Jahre vor der großen Ausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 in München eröffnet wurde und anschließend als Wanderausstellung insgesamt über zwei Millionen Besucher anlockte, zeigte der KGV von sich aus, also ohne von außen dazu genötigt worden zu sein, eine Vorgängerausstellung gleichen Titels in seinen Räumen in der Ludwigstraße.
Nur leider ist das gezeigte Beweisstück so klitzeklein am Rand abgebildet, dass man es nur mit einer Lupe lesen kann. Ein unbekannter Absender informiert Jo Lindinger mit Datum vom 11. Januar 1936 über die für den 13. Januar anberaumte Hängung der Ausstellung „Entartete Kunst“ im KGV, wobei auch noch „Baurat Schreiber“ und „Herr Wissner“ mit von der Partie sein sollen.
Tausend Jahre Party
Jo Lindinger habe sich doch, heißt es in dem Brief, „so sehr über die kommende Ausstellung gefreut“, dass es ihm wohl „ein grosses Vergnügen sein“ werde, „diese auch selbst zu hängen“. Vor dem später entfernten „Heil Hitler“ folgt noch die hämische Versicherung: „Jedenfalls haben Sie so die Möglichkeit, sich recht ausgiebig mit Ihren ‚Lieblingen‘ beschäftigen zu können.“
Und da sage einer, die NS-Zeit sei nur von Pflichterfüllung geprägt gewesen! Nein, zumindest im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein war man durchaus mit Spaß bei der Sache. Und man hätte weißgott nichts dagegen gehabt, wenn die Party, wie versprochen, tausend Jahre so weitergegangen wäre. Die Party, die für die anderen Mord und Totschlag bedeutete.
Die bittere Wahrheit steht in den Fußnoten
Und jetzt, 90 Jahre später? Erklärt Christoph Wagner für den KGV: „Es ist hier nicht der Ort, diese Geschichte im Detail auszubreiten“ – Zwischenfrage: wo eigentlich sonst, wenn nicht hier? – „aber es war uns wichtig, in unseren Anmerkungen zu den Texten diesbezügliche Hinweise zu geben.“ Wie ist das zu verstehen? Die „Verstrickung“ des KGV quasi als Subtext in den Anmerkungen?
Dem Vernehmen nach war es so, dass Wagner sich nach langem Ringen damit durchsetzen konnte, dass zu völlig verharmlosenden Texten zumindest eine Fußnote dazugesetzt wurde, in der die nackten, belastenden Fakten zu dem betreffenden Künstler genannt werden. So gesehen könnte man von dem ganzen Katalog auch einfach nur die Fußnoten lesen.
Max Wissner flüchtet auf den Balkon
Was Wagner meint, wird klar, wenn man das Jahr 1944 aufschlägt. Für dieses Jahr hat man das Ölgemälde „Der Balkon“ von Max Wissner (1873-1959) ausgewählt, das nicht nur 1944 in der Jahresschau zu sehen war, sondern auch im gleichen Jahr gemalt wurde. Es zeigt eine schematisch dargestellte, elegante Balkongesellschaft des 19. Jahrhunderts, wie die Kleidung (z.B. Zylinder) zeigt.
Was wollte Max Wissner 1944 mit diesem Bild sagen? Wolfgang Ruprecht erklärt es auf der gegenüberliegenden Seite. Er setzt Wissners Gemälde in direkten Bezug zum Zeitgeschehen: „1944: Angloamerikanische Bomberflotten legen Deutschlands Städte in Schutt und Asche, russische Verbände rücken unaufhaltsam vor, und die Amerikaner landen in der Normandie.“
Gab es 1944 Nationalsozialisten?
Wie ist das mit Wissners feiner Teegesellschaft zusammenzubringen? Ruprecht stellt dem Leser die Lage in Deutschland eindringlich vor Augen: „Im Inneren herrschen Not, Terror und Angst vor dem, was kommen soll.“ Aber das ist es ja eben: „In dieser trostlosen Zeit schafft Max Wissner ein Bild mit einem Traum, der Trost und Hoffnung gibt.“

Traum „in dieser trostlosen Zeit“: Max Wissners Teegesellschaft im Ausstellungskatalog.
Um die Sache abzukürzen: In Ruprechts Text findet sich nicht die leiseste Andeutung davon, wer für die Not, den Terror, die Angst des Jahres 1944 verantwortlich ist, nämlich die Nationalsozialisten, die diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben. Die Nationalsozialisten kommen in seinem Text nicht vor, als habe es sie nicht gegeben.
„Etwas Heiterkeit in eine schreckliche Welt bringen“
Ruprechts Bildinterpretation vermittelt den Eindruck: Schuld an Not, Terror und Angst des Jahres 1944 waren die Amerikaner, die Engländer und die Russen. Wären sie nicht gewesen, hätte es im Deutschland des Jahres 1944 so schön und unbeschwert sein können, wie es unser Künstler leider nur als utopischen Traum hinmalen konnte. Ein rundum AfD-kompatibles Geschichtsbild.
Die Absicht des Künstlers ist nun klar: „Er wollte etwas Heiterkeit in eine schreckliche Welt bringen, eine bessere Zukunft darstellen, eine Vision, die auch in auswegloser Situation lebensrettend sein kann.“ Das kommt Ruprecht bekannt vor: „Diese ist auch eine der Kernthesen des Wiener Psychiaters Viktor Frankl, der im KZ Auschwitz an seiner Vision einer Universitätslaufbahn festgehalten hatte und überlebt hat.“
Täter? Opfer? Egal!
Der Unterschied ist nur der, dass Max Wissner Amerikaner, Engländer und Russen für die Urheber von Not, Terror und Angst hielt – und sein Interpret Wolfgang Ruprecht das heute noch tut. Während der von Ruprecht an den Haaren herbeizitierte Viktor Frankl als Jude in Auschwitz selbstverständlich mitfieberte mit den angloamerikanischen Bomberflotten und den unaufhaltsam vorrückenden russischen Verbänden. Weil deren Erfolg seine einzige, winzige Überlebenschance war.
Wolfgang Ruprecht macht also nichts anderes, als den Regensburger Maler Max Wissner, der den Nationalsozialisten künstlerisch zu Diensten war, wo er nur konnte, mit dem Wiener Psychiater Viktor Frankl, der als Sozialist und Jude doppelt dem Tod geweiht war und nur durch viele Wunder überlebte, in einen Topf zu werfen. Waren wir nicht alle irgendwie in Not? Der eine in Auschwitz, der andere im Kunst- und Gewerbeverein? Ein klassischer Fall von Täter-Opfer-Gleichsetzung.
In einer Anmerkung wird alles dementiert
Dass Max Wissner den Nationalsozialisten ergeben war, erfährt der geneigte Leser des Katalogs in der einzigen Anmerkung zu Ruprechts dreister Geschichtsklitterung. Wie man hört, stammt sie nicht aus seiner Feder; Christoph Wagner musste darauf dringen. Als Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte an der Uni Regensburg war er für den KGV als Aushängeschild unerlässlich.

Im Katalog nur in einer Fußnote erwähnt: Max Wissners Hitlerjunge. Quelle: Historisches Museum Regensburg
In einer Randnotiz erfährt man also kontrafaktisch zu Ruprechts Märchen von der heilen Naziwelt, dass Max Wissner in der NS-Zeit obenauf schwamm, sich „regelmäßig an Ausstellungen nationalsozialistischer Kulturorganisationen“ beteiligte, dabei mit Porträts eines SS-Manns und eines Hitlerjungen glänzte und 1936 an der Hängung der Ausstellung „Entartete Kunst“ beteiligt war.
Max Wissner ohne Fehl und Tadel
All das, was vor allem Stefan Reichmann seit Jahr und Tag eifrig unter den Teppich zu kehren versucht. So brachte es Reichmann 2023 fertig, eine große Ausstellung zu Max Wissners 150. Geburtstag im KGV zu präsentieren und dabei sämtliche Highlights der Wissnerschen Anwanzerei an die Nationalsozialisten wie sein Hitlerjungenporträt zu umschiffen (hier nachzulesen).
Der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg deckt diese Geschichtsklitterung, ohne mit der Wimper zu zucken. Was bei diesem Verein allerdings kein Wunder ist, weil das bei ihm Tradition ist – siehe hier.
Wo ist eigentlich der Vorstand?
Wie man es schafft, derartig extrem rechte Darstellungen zu decken, das müssen sich vor allem diejenigen Vorstandsmitglieder des Kunst- und Gewerbevereins fragen, die ein eher liberales Image haben wie Wilma Rapf-Karikari, Antonia Kienberger und Toni Kobler. Bei solchen Namen im Vorstand verlässt man sich darauf, dass zumindest kein expliziter Geschichtsrevisionismus geduldet wird.
Im übrigen stellt es auch für die zahlreichen rechtschaffenen Autoren des Katalogs „100 Jahre Jahresschau“ eine Zumutung, ja eine Beleidigung dar, zusammen mit derart dreister Geschichtsklitterung zwischen zwei Buchdeckeln vereint zu sein.
Trackback von deiner Website.


