Mehdorns rollende Fastenkur

Will sich die Bahn an den Bordbistros gesund sparen? Foto: wikipediaWer seine Speckröllchen von den Weihnachtsfeiertagen loswerden möchte, sollte mit der Deutschen Bahn fahren. Die verordnet ihren Passagieren derzeit eine ungewollte Fastenkur. In den Intercity- (IC) und Eurocity-Zügen (EC) fehlen immer öfter die Bordbistros. Den Fahrgästen des IC 2096 beispielsweise verordnete die DB AG am vergangenen Sonntag eine Nulldiät. „Aus technischen Gründen muss unser Bistro heute leider geschlossen bleiben. Stattdessen bieten wir Ihnen gerne kalte Getränke und Snacks an“, so die Durchsage des Zugbegleiters. Wer glaubt, es handelt sich hier um einen Einzelfall der irrt sich. Haste ne Stulle für mich? Seit Jahreswechsel müssen immer mehr Fahrgäste bei ihrer Fahrt mit einem IC oder EC auf das Bordbistro verzichten. Lediglich die Passagiere der ICEs kommen noch regelmäßig in den Genuss eines Bordbistros. Wer mit einem IC oder EC reist, sollte sich also mit Reiseproviant ausrüsten – im Zug selbst ist Schmalhans Küchenmeister. Manchmal weist ein Zugbegleiter die Fahrgäste freundlich darauf hin, dass das Bistro im Zug nicht geöffnet ist. Dazu bedienen sich die Mitarbeiter von Bahnchef Mehdorn gerne diverser vorgefertigter Ausreden wie „Aus technischen Gründen können wir ihnen heute leider keine warmen Speisen und Getränke anbieten“ oder „In unserem Zugverband fehlt heute leider der Speisewagen“. In vielen Fällen weisen nur Anzeigetafeln darauf hin, dass sich der Wagon mit dem Bistro nicht im Zugverband befindet. Wer nichts zu essen dabei hat und länger im Zug sitzen muss, kann sich nur noch bei einem Servicemann an dessen Minibar mit lecker Softgetränken und Süßigkeiten versorgen – sofern ein solcher mobiler Süßwarenhändler im Zug mitfährt. Ein Berliner Bahnreisender fragte nach einer Hungerattacke einen Mitreisenden, der ihm im IC gegenüber saß „Tschuldigung, haste auch ne Stulle für mich?“ Bordbistros kosten zu viel Geld Gerne sieht sich Bahnchef Mehdorn in seinen hoch tragenden Plänen als direkter Konkurrent zu den Fluglinien. Doch im Gegensatz zu der DB AG funktioniert die Bewirtung in den Flugzeugen. Oft ist im Flugpreis, je nach Dauer des Fluges, ein Essen an Bord inklusive. Bei den Billigfliegern können Passagiere die Verpflegung im Flugzeug kaufen. Die DB AG greift ihren Fahrgästen, die hungrig sind, gut in die Tasche. So kosten, laut der aktuellen DB-Speisekarte, 0,2 Liter Apfel- oder Orangensaft satte 2,90 Euro im Bordbistro oder Speisewagen. Wenn vorhanden. Für eine Leberkässemmel mit Getränk offeriert die DB AG einen Sparpreis von 4,70 Euro. Was Fehlschläge in Sachen Kundenservice angeht, hat die DB AG einen reichhaltigen Erfahrungsschatz. So verfiel der DB-Vorstand 1993 der Idee, dass Speisen in den ICE-Zügen mindestens 24 Stunden zuvor bestellt werden müssen. Das vorbestellte Essen sollte dann den Bahnfahrern an die reservierten Sitzplätze serviert werden. Unnötig zu erwähnen, dass sich diese Idee als grandioser Schlag ins Wasser erwies. Auffällig ist, wie vielen ICs und ECs die Bordbistros und Speisewägen seit dem Jahreswechsel fehlen. Was derzeit von der DB AG noch als Ausnahme dargestellt wird, hat in Wirklichkeit Methode. Vor dem Börsengang will sich die DB AG gesund sparen. Ein Zugbegleiter erklärt auf Nachfrage: „Das ist doch klar. Die regelmäßige Instandhaltung eines Bistrowagens kostet viel Geld. Ein solcher Wagon nimmt im Zugverband nur unnötig Platz weg. Die Personalkosten für einen Servicemann mit Minibar sind außerdem sicher geringer, als bei einem Bordbistro.“ Reisende mit der Bahn sollten zukünftig – neben guter Lektüre für Verspätungen – auch ausreichenden Essen und Trinken einpacken. Ansonsten nimmt man unfreiwillig an Bahnchef Mehdorns rollender Fastenkur teil.

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Kommentare (2)

  • NachDenkSeiten - Die kritische Website » Hinweise des Tages

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    […] Mehdorns rollende Fastenkur Wer seine Speckröllchen von den Weihnachtsfeiertagen loswerden möchte, sollte mit der Deutschen Bahn fahren. Die verordnet ihren Passagieren derzeit eine ungewollte Fastenkur. In den Intercity- (IC) und Eurocity-Zügen (EC) fehlen immer öfter die Bordbistros. Seit Jahreswechsel müssen immer mehr Fahrgäste bei ihrer Fahrt mit einem IC oder EC auf das Bordbistro verzichten. Lediglich die Passagiere der ICEs kommen noch regelmäßig in den Genuss eines Bordbistros. Wer mit einem IC oder EC reist, sollte sich also mit Reiseproviant ausrüsten – im Zug selbst ist Schmalhans Küchenmeister. Quelle: Regensburg Digital […]

  • Big Easy

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    Jeder Anbieter von Waren oder Dienstleistungen möchte verdienen. Das ist legitim, so sind die allgemein akzeptierten Regeln.

    Die Frage wird sein, ob die Reisenden bereit sind, die Kosten für einen First-Class-Service aufzubringen.

    So wie ich meine Mitmenschen kenne würden die ohne mit der Wimper zu zucken, für ein Brötchen mit echtem Naturlachs 0,50 € und für ein Schnitzel mit Beilagen 2,. € auf den Tisch legen. Werden aber die Preise verlangt, die ein Anbieter verlangen muß, um auf seine Kosten (o.k. und ein bißchen Gewinn) zu kommen, dann wird vornehm Verzicht geübt.Geiz ist schließlich geil.

    Bestellen und Essen wie ein Herr, aber bezahlen wie ein Kutscher, das geht nicht.

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