Neue Erkenntnisse und Entwicklungen in der Psychiatrie

PM der Medbo

Von links: Dr. Fried Eckard Seier, Dr. Michael Ziereis, Dr. Dr. Helmut Hausner, Prof. Dr. Hermann Spießl, Prof. Dr. Thomas Baghai, Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Dr. Matthias Dobmeier, Prof. Dr. Wolfgang Schreiber und Prof. Dr. Rainer Rupprecht.

Von links: Dr. Fried Eckard Seier, Dr. Michael Ziereis, Dr. Dr. Helmut Hausner, Prof. Dr. Hermann Spießl, Prof. Dr. Thomas Baghai, Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Dr. Matthias Dobmeier, Prof. Dr. Wolfgang Schreiber und Prof. Dr. Rainer Rupprecht.

Ostbayern-Symposium

 

11.05.2015. Ein „Who is who“ der Psychiatrie in Ostbayern gab sich beim Ostbayern-Symposium am Bezirksklinikum ein Stelldichein, welches von Prof. Dr. Rainer Rupprecht bereits zum  zweiten Mal in Regensburg ausgerichtet wurde. „Mit dem Ostbayern-Symposium ist Prof. Dr. Rainer Rupprecht im Begriff, eine Tradition zu begründen“, sagte der  Direktor des Geschäftsbereichs Medizinische Leistungen der medbo, Dr. Fried Eckard Seier, angesichts der vielen namhaften Psychiater, die einen ganzen Tag lang tagten. Ins Leben gerufen wurde das Ostbayern-Symposium im vergangenen Jahr von Prof. Rainer Rupprecht, dem Ärztlichen Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum und Inhaber des entsprechenden Lehrstuhls.

 

Das Symposium dient dazu, versorgende Ärzte, Forscher und Experten im Großraum Ostbayern über neue Erkenntnisse und Entwicklungen im Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie zu informieren, wie Dr. Seier erklärte. Kollegialer Dialog und Austausch im ostbayerischen Raum finden hier eine wichtige Plattform. Prof. Dr. Rupprecht ist die Vernetzung innerhalb der Region Ostbayern wichtig, aber auch die Positionierung des Standorts Regensburg sowohl auf Bundesebene als auch auf internationaler Ebene. Dies betrifft sowohl aktuelle gesundheitspolitische Fragestellungen aber auch die Sichtbarkeit  in der Forschung. So ist Prof. Rupprecht Koordinator des nationalen vom Bundeswissenschaftsministerium geförderten Forschungsverbunds „Neue Strategien zur optimierten Behandlung der Depression“ Dreh- und Angelpunkt namhafter Kliniken in ganz Deutschland.

 

Dem Chefarzt des jüngsten Zentrums der medbo im Cham, Dr. Dr. Helmut Hausner, stand es zu, das Vortragsprogramm zu eröffnen. Er ging auf die Meditation als psychotherapeutische Behandlungsform ein. „Meditation ist in“, stellte er nicht nur in Hinblick auf Volkshochschulprogramme fest, auch seien wissenschaftliche Studien zu diesem Thema sprunghaft angestiegen. Mit einer Meditationstechnik könne man  entsprechend auf das bewusste Erleben eingreifen. Dies belegte er anhand verschiedener Untersuchungsergebnissen mittels EEG. Diese Wirkung könne man in der Medizin bei Angstzuständen und Depressionen nutzbar machen. Hausner berichtete, dass er und sein Team in Cham  Patienten Meditation als weitere zusätzliche Therapieform anbieten.

Als Vertreter der niedergelassenen Kollegen führte Dr. Matthias Dobmeier die Versorgungssituation von Patienten mit bipolarer Störung aus dem Blickwinkel eines niedergelassenen Psychiaters aus. So behandeln die niedergelassenen Psychiater einen Großteil der Patienten, hätten aber im Gegenzug fast keinen Einfluss auf die Formulierung der Behandlungsleitlinien. „Chronisch langjährige Erkrankte brauchen eine Konstante“, stellte er fest, in dem Sinne, dass ein Arzt sie ein Leben lang begleiten solle.

Dass die moderne Elektrokonvulsionstherapie eine wichtige Therapieoption darstellt, legte Prof. Dr. Thomas Baghai aus Regensburg dar. Vor allem bei schwersten Depressionen, die auf eine kombinierte medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung nicht ansprechen, kann die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) eine hilfreiche Behandlungsoption darstellen. Sie findet heutzutage in Vollnarkose und kompletter Muskelrelaxation statt und sollte z. B. schwer leidenden Depressionspatienten auf Wunsch angeboten werden.

Depressive Syndrome bei Schizophrenie würden unterschätzt oder nicht erkannt, berichtete Prof. Dr. Hermann Spießl aus Landshut, ein Großteil der Schizophrenie-Patienten leide auch unter depressiven Symptomen. Diese treten sowohl in Früh- als Spätphasen der Erkrankung auf. Gerade bei depressiven Symptomen in der Rückbildungsphase der schizophrenen Akutsymptomatik sei eine Behandlung mit Antidepressiva sinnvoll. Spießl diskutierte dabei unterschiedliche Behandlungsoptionen.

Dem Thema Alter und Altern, das alle betrifft und unumkehrbar ist, widmete sich Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Ärztlicher Direktor in Mainkofen. Für das „Ziel die Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten“, nannte er Mobilität als den entscheidenden Faktor. Bisher erfolgten Untersuchungen zum Zusammenhang von Mobilität und Demenz nur aus rückschauender Sicht. Schreiber berichtete von einer aktuellen Untersuchung, die prospektiv Ernährung und Bewegung von Testpersonen festhält und deren Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit überprüft. Schon nach einem Testzeitraum von nur zwei Jahren könne man feststellen, dass regelmäßige Bewegung sich positiv auswirke und das Demenzrisiko vermindere.

Darf ein psychisch Kranker den Freitod wählen? Diese höchst spannende Frage erörterte Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf. „Die Selbstbestimmung ist eine der vier Prinzipien ethischen Handelns in der Medizin“ erläuterte der Bayreuther Ärztliche Direktor. Fast 90 Prozent aller Suizide liege aber eine psychische Erkrankung zu Grunde, die häufig behandelbar sei,  und der Suizidwunsch halte in fast allen Fällen nicht an. Lediglich sechs bis zwölf Prozent der Patienten wiederholten einen Suizidversuch, wenn der erste Versuch nicht gelinge.  Meist sei der Suizidversuch das Ergebnis einer sehr kurzfristigen Entscheidungsfindung, in 90 Prozent der Fälle binnen eines Tages und bei der Hälfte binnen einer Stunde. „Die meisten Suizidenten sind nicht in einer selbstbestimmten Verfassung und ihre Fähigkeit zur autonomen Entscheidung ist massiv beeinträchtigt“, folgerte der Bayreuther Psychiater.

Im Vortrag von Prof. Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des Inn-Salzach Klinikums Gabersee, wurden die Entstehungsbedingungen von Angst- und Angsterkrankungen diskutiert. Angsterkrankungen als häufigste psychische Störungen haben unterschiedliche Ursachen: so spielen sowohl psychologische als auch genetische und neurobiologische Faktoren in der Entstehung eine wichtige Rolle. Unter den neurobiologischen Mechanismen gilt insbesondere eine Überaktivität des sogenannten Furchtnetzwerkes im Gehirn als relevant. Therapeutisch müssen daher sowohl psychotherapeutische als auch medikamentöse Verfahren gut ineinander greifen, um Patienten optimale Genesungschancen zu ermöglichen.

Abschließend referierte Dr. Michael Ziereis aus Wöllershof über die Versorgungssituation für psychisch Kranke in der Oberpfalz. Einer eher höheren Versorgungsdichte an Hausärzten steht eine niedrigere Versorgungsdichte bei Fachärzten und Psychotherapeuten gegenüber, besonders in den ländlichen Regionen. Gegenläufig stellt sich die Krankenhausversorgung dar: Während die Krankenhausaufnahme im Landesvergleich eher niedrig ist, liegt die Inanspruchnahme bei den Psychiatrischen Institutsambulanzen eher höher. Besonders bei der Behandlung schizophrener Erkrankungen kann die Betreuung in Institutsambulanzen stationäre Aufnahmen vermeiden.

Der gute Besuch des Ostbayern Symposium zeigte, dass die Veranstaltung dazu beiträgt, eine ostbayerische Identität über die Bezirksgrenzen hinweg zum Wohle der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung im ostbayerischen Raum zu schaffen.

 

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Kommentare (4)

  • menschenskind

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    In seinem Schlüsselroman Bayerns, in „Erfolg“ (1929), erwähnt Autor Lion Feuchtwanger eine Statistik, wonach Bayern eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Fällen für die Psychiatrie aufweist, verglichen mit den anderen Teilen des damaligen Deutschen Reiches. Da dieser Autor gewöhnlich sorgfältig recherchierte, ehe er Behauptungen zu Papier brachte, so jedenfalls beschreiben ihn seine Biografen, muss man wohl davon ausgehen, dass es tatsächlich Statistiken mit solchen Daten gab. Ein befragter Psychotherapeut bestätigte mir auf Anfrage, ja, Bayern läge in den Statistiken recht weit oben.

    Eine andere Statistik von 2011 weist uns Bayern als das Bundesland mit den meisten Suiziden aus.

    Zu den Ursachen befragt, konnte oder wollte keiner, den ich befragte, Stellung beziehen.
    Lediglich ein Historiker wies auf den Inzest hin, der in gewissen bäuerlichen Kreisen Ost- und Südbayerns, noch bis in die 1960er Jahre, und gar nicht so selten, vorkam.

    Weiß vielleicht ein Mediziner oder Psychotherapeut oder anderer Spezialist eine Antwort, eine plausible Antwort, warum bei uns gar so viele Mitmenschen psychische Probleme hatten und offensichtlich noch haben?
    Danke für die Antwort schon im Voraus.

  • Veronika

    |

    @menschenskind: Danke vielmals!
    Nimmt man dann noch die Dinge um Mollath etc., den bayerischen Kirchenwahn, dann weiß man wo man ist. Die Oberpfalz soll jetzt ja noch besser mit psychiatr. Tageskliniken ausgebaut werden. Hat man Angst, dass die Leute demnächst aus der Oberpfalz, vielleicht sogar Bayern flüchten? ;-)

  • jeffrey

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    Kommentar gelöscht. Unterlassen Sie Beleidigungen.

  • Mathilde Vietze

    |

    Zu Veronika: Ich bin eine kritische Katholikin, die sich
    zum Ärger der „gottgewollten Obrigkeit“ immer wieder
    zu Wort meldet. Doch trotz aller Kritik: Die beiden
    großen Kirchen bieten eine Vielzahl (meist kostenlosen)
    Hilfen an und zwar solche, die bewußt überkonfessionell
    gehalten werden, sodaß keiner Angst haben muß, in
    irgendeiner Weise beeinflußt oder gar manipuliert zu
    werden.

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