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Im Colosseum in Stadtamhof

Rassistischer Anschlag von Hanau: Ausstellung erinnert an Opfer aus Regensburg

„Neun Hanauer Gesichter und eines aus Regensburg.“ Mit diesen Worten ist die am Samstag gestartete Ausstellung im Colosseum in Stadtamhof überschrieben. Derya Saraçoğlu verarbeitet damit ihren eigenen Verlust. Ihr Freund und Schwager Fatih Saraçoğlu ist eine von neun Personen, die am 19. Februar 2020 von einem rechtsextremistischen Attentäter aus rassistischen Motiven in Hanau ermordet wurden.

Derya Saraçoğlu vor dem Porträt ihres Schwagers. Foto: Herbert Baumgärtner

„Die Ausstellung soll aber auch zum Austausch anregen“, sagt Derya Saraçoğlu. Sie wolle Bewusstsein schaffen und aufzeigen, dass Hanau durch die Tat fortan eng mit Regensburg verbunden sei.

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Fatih Saraçoğlu wuchs in Regensburg auf, ging hier zur Schule, verbrachte seine Jugend in der Stadt. Er machte eine Ausbildung und träumte nebenbei von einer Karriere als Boxer. Talent dafür hatte er. Schließlich wollte er mit seiner Partnerin in Hanau neu anfangen. 2017 zogen sie in die hessische Stadt.

Fatih Saraçoğlu machte sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig. Dann kam der 19. Februar 2020. Jener Tag an dem Fatih mit 34 Jahren sterben musste, gemeinsam mit mit Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtović, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov. Weil sie nicht in das Weltbild des Täters passte. 

Zeichnen zur Verarbeitung des eigenen Verlusts

„Seit damals spüre ich jeden Tag diesen Schmerz“, sagt Derya Saraçoğlu. Sie habe sich früher viel mit Kunst beschäftigt. Dann erst einmal war es vorbei. Es habe lange gedauert. Doch dann nahm sie wieder einen Stift in die Hand, legte sich ein Stück Papier bereit – und fertigte am Ende  neun Porträts an. Für jedes Opfer von Hanau eines. Einfach sei das nicht gewesen. Es habe mehrere Monate gedauert. Denn das Zeichnen wurde auch zur Verarbeitung des eigenen Verlusts. Zudem sollten die Porträts auch den Personen gerecht werden.

Zu sehen sind die Porträts seit Samstag im Colosseum in Stadtamhof – einem Ort, der selbst eng mit der deutschen Erinnerungskultur verbunden ist. Das Gebäude nutzte die SS 1945 kurz vor Kriegsende als Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Das Gebäude steht inzwischen aber auch sinnbildlich dafür, wie schwer sich die Stadt damit tat und tut, ihre NS-Geschichte aufzuarbeiten. 

Zweites größeres Format im Colosseum

So dauerte es viele Jahre, ehe das Colosseum nachhaltig in das städtische Erinnern aufgenommen wurde. Während die Verwaltung zudem aktuell weiter nach Räumen für die Stabstelle Gedenkarbeit sucht, hat ein neuer Verein im Frühjahr einen Leerstand im Colosseum in ein Kulturcafé verwandelt. Ein Ort, an dem die Erinnerung an die NS-Zeit lebendig und im permanenten Dialog mit den Menschen gehalten werden soll.

Volles Haus im Colosseum bei der Eröffnung am Samstag. Foto: Herbert Baumgärtner

Gleichzeitig will der Colosseum-Verein auch aktuelle Debatten vor Ort aufgreifen und an andere Ereignisse erinnern. Im Juli fand eine erste Aktionswoche zum Thema Widerstand statt. Die Ausstellung von Derya Saraçoğlu ist nun das zweite größere Format, das vor Ort umgesetzt wird. Die Ausstellung passe mit ihrem Hintergrund und Anliegen hervorragend zum Konzept des Vereins, sagt Elias Nunner. Daher habe man sofort mit Derya an der Umsetzung gearbeitet.

Erinnerungsarbeit bislang ohne die Stadt

Während sich die Stadt auch im Fall von Hanau und konkret beim Gedenken an Fatih Saraçoğlu bislang nicht aktiv beteiligt, sind es Angehörige und Ehrenamtliche, die diese Erinnerungsarbeit seit inzwischen mehr als sechs Jahren leisten. Seit Jahren gibt es am 19. Januar eine Gedenkkundgebung auf dem Neupfarrplatz. Dort fand dann im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus 2021 eine symbolische, temporäre Umbenennung statt. In diesem Frühjahr wurde dann im Rahmen einer Kunstaktion der Schwanenplatz zum Fatih-Saraçoğlu-Platz.

Hayrettin und Derya Saraçoğlu wünschen sich einen dauerhaften Ort des ERinnerns. Foto: Herbert Baumgärtner

Dessen Bruder Hayrettin und die restliche Familie wünschen sich aber einen dauerhaften Ort des Erinnerns und ein würdiges Gedenken an die Tat von Hanau. Darüber wollen Hayrettin und Derya Saraçoğlu auch im Rahmen der Ausstellung im Colosseum ins Gespräch kommen – gerne mit der Politik, sagt Derya Saraçoğlu. Aber vor allem auch mit allen Menschen in der Stadt. Deshalb bildet eine Aktionswoche ab dem 10. Oktober den Abschluss der Ausstellung.

Unter anderem sind die SPIEGEL-Bestsellerautoren von „Geboren, Aufgewachsen und Ermordet in Deutschland“ Çetin Gültekin und Mutlu Koçak im Colosseum zu Gast. Darüber hinaus ist eine Podiumsdiskussion vorgesehen, die Raum für den direkten Austausch mit Angehörigen bietet sowie eine Filmvorführung. Die jeweiligen Programmpunkte werden auf der Webseite des Colosseums veröffentlicht.

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Kommentare (11)

  • Eva

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    Bemerkenswert, was der Verein EHRENAMTLICH alles leistet und auf die Beine stellt. Großen Dank und Respekt an alle Beteiligten!
    Gleiches gilt für die Künstlerin Derya Saracoglu.
    Vielen Dank für Ihre (Erinnerungs-)Arbeit!

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  • Raphael Birnstiel

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    Gut und wichtig, dass es diesen Verein im Colosseum endlich gibt und auch dieses Projekt. Nur zur Korrektur: 2021 war die Stabstelle Erinnerungskultur daran beteiligt. Da gab es doch damals auch diese Forderung, dass die Veranstalter irgendein Ordnungsgeld zahlen sollten, obwohl die Stadt selbst Mitveranstalter war, wenn ich mich richtig erinnere.

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  • Daniel

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    Hat man das eigentlich jemals wirklich lückenlos aufgearbeitet, was den Täter von Hanau getrieben hat? Zumindest von den Fragmenten, die ich kenne, schien er eher ein Einzelgänger zu sein, vielleicht auch Jemand, der durch bestimmte Erfahrungen in die Fremdenfeindlichkeit getrieben wurde, umgeben von sozialen und ökonomischen Umständen, die nicht ideal waren. Er schien ja eben nicht in irgendwelchen neonazistischen oder vergleichbaren Strukturen zu sein, auch wenn er heute immer als Aushängeschild des eliminatorischen Rechtsextremismus gehandelt wird.

    Zu dem umgedrehten, roten Dreieck schreibe ich jetzt mal nichts. Man kann ja ohnehin alles irgendwie interpretieren ohne dass tatsächlich ein Zusammenhang existieren muss.

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  • Charlotte

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    Ich vermute, das wird kontroverse Diskussionen auslösen, trotzdem ein paar Anmerkungen. Das alles ist sehr wichtig, keine Frage. Und trotzdem sollte wertvoller Wohnraum in diesen Lagen und aufgrund unserer großen Wohnungsnot vor allem den Bürgern auch als solcher zur Verfügung stehen. Gerade große Wohnungen sind rar und wichtig für die Familien. Auch in Stadtamhof wird aktuell bisher von Familien genutzter Wohnraum fast ausschließlich in die öffentliche Nutzung oder in die unfassbar teuer „möblierte WG–Zimmer–Nutzung“ umgewandelt. Mit all seinen Problemen wie Lärm oder unglaublichem Parkplatzbedarf. Richtig, alle diese Weg–Bewohner haben alle ein eigenes Auto, das untergebracht werden muss. Und wenn wir ehrlich sind, steht dieser Ort und auch zum Beispiel das Schreiberhaus doch die meiste Zeit leer und wird nicht genutzt. Wir müssen sorgsamer mit dem innerstädtischen Wohnraum umgehen. Und endlich auch alle Möglichkeiten zum langfristig angelegten Wohnen mehr unterstützen. Auch ein Problem der vermehrten Umwandlung in WGs. Neben den hohen Mieten entsteht hohe Fluktuation, eine längerfristige und gelebte Nachbarschaft entsteht dadurch nicht mehr.

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  • Tobi W.

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    Nach Hanau kam Solingen, Magdeburg, München und Mannheim. In Hanau wurde beim Täter eine psychische Erkrankung festgestellt, ebenso in Magdeburg und Mannheim. Im übrigen waren Solingen, Magdeburg und München islamistische Anschläge.

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  • KW

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    Was für Leute geben für die beiden Kommentare von Daniel am 15.9. und Charlotte am 16.9. eigentlich einen Daumen hoch? Mir fehlen da einfach nur die Worte.

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  • xy

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    Es heißt im Artikel oben: „… die am 19. Januar 2020 … ermordet wurden“ und „dann kam der 19. Januar 2020“.

    Laut Wikipedia fand der Anschlag aber am 19. Februar 2020 statt (https://w.wiki/9XDH).

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  • Nesrin

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    @Daniel: Ja, wurde aufgearbeitet. Mehrere Fachpersonen und -stellen, darunter das BKA und der forensische Gutachter des Täters bescheinigten diesem eine rechtsextreme Gesinnung.

    Es gab schon mehrere Rechtsterroristen, die als Einzelpersonen gehandelt haben, zB Breivik. Solche Personen nennt man “lone wolf”. Trotzdem halten diese oft Kontakte zur rechtsextremen Szene oder bewegen sich vor der Tat in dieser.

    Niemand wird “in die Fremdenfeindlichkeit getrieben”.

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  • Anwohner

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    @Charlotte: Ein sehr guter Einwand.
    Den möchte ich auch gerne aufgreifen und auf (z.B.) den Dom erweitern. Der steht die meiste Zeit leer und könnte, schon von der Größe her, hervorragend in wertvollen Wohnraum umgewandelt werden. Immobilien-Profis wie IZ & Co. würden das bestimmt gerne umsetzen.

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  • Manfred van Hove

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    In jeder Gesellschaft scheint es eine bestimmte Anzahl verrückter Fanatiker zu geben, die zu Gewalt neigen, mal von links- oder rechtsaussen oder religiös motiviert. Diese frühzeitig zu erkennen ist das einzige, wenn auch begrenzte Mittel. Es sind Verrückte, die nicht rational erklärt werden können, auch wenn dies viele versuchen.

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  • Herbert Grabe

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    Danke KW — besser, weil nüchterner, kann man/frau es eigentlich nicht kommentieren. Und es geht nur nüchtern, weil sonst das Herz aufreißt, wegen der Anmaßung jener Charlotte und jenes Daniels.

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Kommentare sind deaktiviert

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