Rassistischer Anschlag von Hanau: Ausstellung erinnert an Opfer aus Regensburg
„Neun Hanauer Gesichter und eines aus Regensburg.“ Mit diesen Worten ist die am Samstag gestartete Ausstellung im Colosseum in Stadtamhof überschrieben. Derya Saraçoğlu verarbeitet damit ihren eigenen Verlust. Ihr Freund und Schwager Fatih Saraçoğlu ist eine von neun Personen, die am 19. Januar 2020 von einem rechtsextremistischen Attentäter aus rassistischen Motiven in Hanau ermordet wurden.

Derya Saraçoğlu vor dem Porträt ihres Schwagers. Foto: Herbert Baumgärtner
„Die Ausstellung soll aber auch zum Austausch anregen“, sagt Derya Saraçoğlu. Sie wolle Bewusstsein schaffen und aufzeigen, dass Hanau durch die Tat fortan eng mit Regensburg verbunden sei.
Fatih Saraçoğlu wuchs in Regensburg auf, ging hier zur Schule, verbrachte seine Jugend in der Stadt. Er machte eine Ausbildung und träumte nebenbei von einer Karriere als Boxer. Talent dafür hatte er. Schließlich wollte er mit seiner Partnerin in Hanau neu anfangen. 2017 zogen sie in die hessische Stadt.
Fatih Saraçoğlu machte sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig. Dann kam der 19. Januar 2020. Jener Tag an dem Fatih mit 34 Jahren sterben musste, gemeinsam mit mit Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtović, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov. Weil sie nicht in das Weltbild des Täters passte.
Zeichnen zur Verarbeitung des eigenen Verlusts
„Seit damals spüre ich jeden Tag diesen Schmerz“, sagt Derya Saraçoğlu. Sie habe sich früher viel mit Kunst beschäftigt. Dann erst einmal war es vorbei. Es habe lange gedauert. Doch dann nahm sie wieder einen Stift in die Hand, legte sich ein Stück Papier bereit – und fertigte am Ende neun Porträts an. Für jedes Opfer von Hanau eines. Einfach sei das nicht gewesen. Es habe mehrere Monate gedauert. Denn das Zeichnen wurde auch zur Verarbeitung des eigenen Verlusts. Zudem sollten die Porträts auch den Personen gerecht werden.
Zu sehen sind die Porträts seit Samstag im Colosseum in Stadtamhof – einem Ort, der selbst eng mit der deutschen Erinnerungskultur verbunden ist. Das Gebäude nutzte die SS 1945 kurz vor Kriegsende als Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Das Gebäude steht inzwischen aber auch sinnbildlich dafür, wie schwer sich die Stadt damit tat und tut, ihre NS-Geschichte aufzuarbeiten.
Zweites größeres Format im Colosseum
So dauerte es viele Jahre, ehe das Colosseum nachhaltig in das städtische Erinnern aufgenommen wurde. Während die Verwaltung zudem aktuell weiter nach Räumen für die Stabstelle Gedenkarbeit sucht, hat ein neuer Verein im Frühjahr einen Leerstand im Colosseum in ein Kulturcafé verwandelt. Ein Ort, an dem die Erinnerung an die NS-Zeit lebendig und im permanenten Dialog mit den Menschen gehalten werden soll.

Volles Haus im Colosseum bei der Eröffnung am Samstag. Foto: Herbert Baumgärtner
Gleichzeitig will der Colosseum-Verein auch aktuelle Debatten vor Ort aufgreifen und an andere Ereignisse erinnern. Im Juli fand eine erste Aktionswoche zum Thema Widerstand statt. Die Ausstellung von Derya Saraçoğlu ist nun das zweite größere Format, das vor Ort umgesetzt wird. Die Ausstellung passe mit ihrem Hintergrund und Anliegen hervorragend zum Konzept des Vereins, sagt Elias Nunner. Daher habe man sofort mit Derya an der Umsetzung gearbeitet.
Erinnerungsarbeit bislang ohne die Stadt
Während sich die Stadt auch im Fall von Hanau und konkret beim Gedenken an Fatih Saraçoğlu bislang nicht aktiv beteiligt, sind es Angehörige und Ehrenamtliche, die diese Erinnerungsarbeit seit inzwischen mehr als sechs Jahren leisten. Seit Jahren gibt es am 19. Januar eine Gedenkkundgebung auf dem Neupfarrplatz. Dort fand dann im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus 2021 eine symbolische, temporäre Umbenennung statt. In diesem Frühjahr wurde dann im Rahmen einer Kunstaktion der Schwanenplatz zum Fatih-Saraçoğlu-Platz.

Hayrettin und Derya Saraçoğlu wünschen sich einen dauerhaften Ort des ERinnerns. Foto: Herbert Baumgärtner
Dessen Bruder Hayrettin und die restliche Familie wünschen sich aber einen dauerhaften Ort des Erinnerns und ein würdiges Gedenken an die Tat von Hanau. Darüber wollen Hayrettin und Derya Saraçoğlu auch im Rahmen der Ausstellung im Colosseum ins Gespräch kommen – gerne mit der Politik, sagt Derya Saraçoğlu. Aber vor allem auch mit allen Menschen in der Stadt. Deshalb bildet eine Aktionswoche ab dem 10. Oktober den Abschluss der Ausstellung.
Unter anderem sind die SPIEGEL-Bestsellerautoren von „Geboren, Aufgewachsen und Ermordet in Deutschland“ Çetin Gültekin und Mutlu Koçak im Colosseum zu Gast. Darüber hinaus ist eine Podiumsdiskussion vorgesehen, die Raum für den direkten Austausch mit Angehörigen bietet sowie eine Filmvorführung. Die jeweiligen Programmpunkte werden auf der Webseite des Colosseums veröffentlicht.
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