Konflikte unter minderjährigen Flüchtlingen

Traumatische Erfahrungen und enttäuschte Erwartung

"Das waren keine Massenschlägereien." Jugendamtsleiter Karl Mooser zu den Auseinandersetzungen in der Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge. Foto: pm

„Das waren keine Massenschlägereien.“ Jugendamtsleiter Karl Mooser zu den Auseinandersetzungen in der Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge. Foto: pm

Zum vierten Mal innerhalb weniger Wochen kam es in einer Unterkunft des Landkreises Regensburg für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu Auseinandersetzungen. Die Polizei spricht von einer „aggressiven Grundstimmung“. Ein Gespräch mit Jungendamtsleiter Karl Mooser über mögliche Ursachen.

Die Meldungen der Polizei beschreiben eine Situation, die sich stetig hochzuschaukeln scheint. Am 15. Oktober kam es in der Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Altmühlstraße zu einem Streit zwischen zwei Jugendlichen, bei denen einer leicht verletzt wurde. Eine Betreuerin wurde bedroht. Einen knappen Monat später, 13. November, meldet die Polizei „tumultartige Szenen“ bei einer Schlägerei zwischen mehreren Beteiligten und zwei Leichtverletzte. Wenige Tage später folgten zwei weitere Polizeieinsätze wegen Keilereien unter den Jugendlichen. Wörtlich heißt es in dem Polizeibericht:„Offenbar wächst in dem Heim eine immer aggressivere Grundstimmung unter den Bewohnern bzw. unter ihren Besuchern, bei denen es sich häufig um ehemalige Bewohner des Heimes handelt.“

Kleinigkeiten, die sich hochschaukeln

Hat der Landkreis die Einrichtung nicht im Griff? Karl Mooser, Leiter des Jugendamts im Landkreis, räumt ein, dass man mit so einer Situation nicht gerechnet habe. Seit dem 1. Juli gibt es die Unterkunft, in der aktuell 42 Jugendliche untergebracht sind, anfangs waren es sogar 60. Dennoch habe es anfänglich keinerlei derartige Probleme gegeben. „Aber nach einigen Monaten merkt man jetzt, dass die Grundenttäuschung bei den Jugendlichen steigt. Dann kommt es häufiger vor, dass Streitigkeiten wegen Kleinigkeiten sich derart hochschaukeln.“

Einerseits gebe es bei vielen zu hohe Erwartungen – etwa, dass man schnell Arbeit finden, Geld verdienen und sich eine eigene Wohnung suche könne. „Jetzt stellt sich für viele eben heraus, dass sie erst einmal zwei Jahre zur Schule gehen und in einer solche Unterkunft wohnen müssen.“ Andererseits dürfe man nicht vergessen, dass es sich hier zum größten Teil um schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichsten Fluchtgeschichten handle.

„Die kamen in der Hochphase der Flüchtlingsbewegungen zu uns und wurden schlicht blind verteilt. Der Jüngste war neun Jahre alt. Da kann man sich mal ausmalen, was dem bei seiner Flucht alles passiert ist und wie es ihm geht.“ Und bei fast jedem Jugendlichen gäbe es eine solche Geschichte. „Da liegen die Nerven blank.“

„Wir wurden regelrecht erdrückt.“

In Bayern habe es im letzten Jahr insgesamt 6.000 Jugendhilfeplätze gegeben. Doch allein bis jetzt habe man bayernweit zusätzliche Plätze für 8.000 minderjährige Flüchtlinge finden müssen. „Wir wurden regelrecht erdrückt“, sagt Mooser.

Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, wie sie ansonsten in der Jugendhilfe vorgesehen ist, sei da nicht so schnell zu leisten. Und auch das Personal müsse man erst einmal finden. „Der Träger unserer Einrichtung in der Altmühlstraße inseriert fast täglich und sucht Erzieher und Sozialpädagogen.“ Aber der Markt sei in den letzten Jahren leergefegt worden. „Auch aus anderen Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis bekomme ich immer wieder die Rückmeldung: Wir finden keine Leute. Das ist eine Entwicklung, die ganz allgemein zu beobachten ist.“

Bei den jugendlichen Flüchtlinge komme erschwerend die Sprachproblematik hinzu und die Tatsache, dass man oft nur wenige Tage vorher erfahre, dass man jetzt 25 oder 30 aufnehmen müsse. „Sonst wissen wir nichts – was die erlebt haben, wo sie herkommen und welche Betreuung für sie das Beste wäre. Wir müssen einfach auf die Situation reagieren.“

„Das hat nichts mit der Nationalität zu tun, sondern mit der Situation.“

Er sei in der Vergangenheit immer ein Verfechter dafür gewesen, möglichst ohne Sicherheitsdienst, sondern ausschließlich mit pädagogischer Betreuung zu arbeiten. Aber nach den jetzigen Erfahrungen werde man auch das Sicherheitspersonal verstärken, allerdings auch dabei auf pädagogische Maßnahmen setzen. „Damit werden wir hoffentlich etwas Ruhe reinbringen.“

Allerdings gäbe es keinen Grund für irgendwelche Befürchtungen, so Mooser. „Solche Auseinandersetzungen können vorkommen.“ Mit der Nachbarschaft gebe es auch keinerlei Probleme. Es seien ausschließlich interne Streitereien gewesen und es habe sich auch nicht um Massenschlägereien gehandelt. „Wenn von vielen Beteiligten die Rede ist, dann werden auch diejenigen gezählt, die schlichten oder einschreiten wollten. Und manchmal reicht eben einer, damit es zu Aggressionen kommt.“

In den Einrichtungen der Stadt Regensburg für minderjährige Flüchtlinge gab es bislang keine nennenswerten Vorkommnisse. „Das kann man nie ausschließen“, sagt Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. „Aber das hat nichts mit der Nationalität zu tun, sondern mit der Situation. Das sind Kinder und Jugendliche, die Schlimmes erlebt haben und dann mit den unterschiedlichsten Erfahrungen zusammen unter einem Dach leben. Da sind Konflikte nie völlig zu vermeiden.“

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Kommentare (8)

  • Tobias

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    Ach, deshalb ständig die Polizeisirenen und hektische Streifenwagenfahrten durch „meiner“ Straße. Komisch finde ich nur, dass man das Ganze als „Grundenttäuschung“ und mit „Traumata“ herunterspielt. Wenn die sich die Bierbänke um die Ohren schlagen, wegen „Kleinigkeiten“ habe ich dafür genauso wenig Verständnis, wenn arbeitslose Deutsche das nach jeder abgesagten Bewerbung tun würde.

    Dafür sind die Bewohner der Sporthalle anscheinend superfriedlich. Da hört man rein gar nichts, und ich bin 10 Meter Luftlinie davon entfernt. Man muss jetzt enschreiten und den (ausschließlich männlichen) Geflüchteten die Zeichen geben, dass man sich mit Wille und Kraft ganz gewaltlos auch hier ein gutes Leben mit Haus / Wohnung machen kann. Sonst wird es für die Hans-Herrmann-Schule, Verzeihung, Willi-Ulfig-Schule schwer; da ist es schon zu spät und dann sieht es auch mit den Noten (sprich der Zukunft) nicht mehr so gut aus..

  • Sonnige Nacht

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    Warum muss der Landkreis unbegleitete Jugendliche eigentlich in diesem Gebäude unterbringen?

    Die nahe Kreuzung Nordgaustraße / Donaustaufer Straße ist rund um die Uhr sehr laut, mit 40-60 Menschen wird es ziemlich eng sein, das Gebäude macht einen heruntergewirtschafteten Eindruck und wenn der Winter mit Kälte und Dunkelheit kommt, wird das noch bedrückender. Die Betreuung der Jugendlichen wäre bei besseren Rahmenbedingungen sicher leichter.

    Ich finde den Frust der Jugendlichen durchaus verständlich. Zwei Jahre dort bleiben zu müssen ist eine jämmerliche Perspektive. Da gibt es im großen, schönen Landkreis sicher geeignetere Lösungen.

  • bernd

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    @Tobias: wenn deine „arbeitslose Deutsche“ auch in dem Alter sind, wird es nicht anders laufen.

    Das Problem ist hier offensichtlich, dass es keine (24h-)Betreuung gibt.
    „Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, wie sie ansonsten in der Jugendhilfe vorgesehen ist, sei da nicht so schnell zu leisten. Und auch das Personal müsse man erst einmal finden. “

    Wer ist denn der Träger? Und kann der nicht von wo anders Personal umschichten?

    Dieses „wir wurden überrannt, die kamen alle ganz unerwartet“ kann man doch nicht jahrelang und bei jeder Situation erzählen.

  • Schröck

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    @Tobias
    „Hans-Herrmann-Schule, Verzeihung, Willi-Ulfig-Schule“ – die Verzeihung wird nicht angenommen. Verzeihung setzt Reue voraus und die hätte dazu geführt, den tausendjährigen Namen einfach zu löschen und den unbelasteten dafür zu verwenden. In diesem Fall sieht das so aus, als wolltest du dein Bedauern für diese Namensänderung ausdrücken.
    Daß sich aus dieser Grundhaltung keine empathische Weltsicht ableiten läßt, ist nachvollziehbar. Falls du evtl. unter abgesagten Bewerbungen leiden solltest, dann sind allerdings oft ein Grund die vielen Rechtschreibfehler – nicht, daß man dich dann noch für einen Ausländer hält . . .

  • alfred

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    wenigstens tun sie das, was man immer von ihnen verlangt.
    Sie passen sich an und tun nichts, was deutsche (bayerische) Jugendliche in vergleichbarer Situation (oder sonst auch einfach nur zum Spaß) auch tun würden.
    Mir allerdings ein Rätsel, wieso sich prügelnde Jugendliche News sind. Da wär ich früher öfter in der Zeitung gestanden….

  • bürni

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    ich war vor einer woche mit einer handvoll schülerInnen und meiner zweijährigen tochter in der unterkunft und habe zum großen teil sympathische, erfreute, kinderliebe und offene umfs erlebt. ich denke, die tatsache, dass die jugendlichen – bis auf wenige stunden sprachkurs – keine beschäftigung haben, trägt zusätzlich dazu bei, dass konflikte untereinander entstehen können. meine schülerInnen und ich werden jedenfalls wieder hinfahren. ein junge hat erzählt, dass er und sein vater in deutschland sind (sein vater allerdings in berlin) und die mutter mit den schwestern noch in syrien ist. schon allein diese tatsache, abgesehen von den erfahrungen auf der flucht, ist für mich eine unvorstellbare situation. aus diesem grund war ich auf der heimfahrt auch einerseits erfüllt von der begegnung, andererseits traurig wegen der schicksale, die die jungs mitbringen.

  • Neele

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    Ich finde ja Herr Moser macht sich das schon etwas zu einfach…natürlich spielen die traumatischen Erlebnisse der Kinder eine große Rolle, jedoch sollte man sich wie in den Kommentaren schon erwähnt auch einmal um andere Dinge sorgen. Das Personal war übrigens schon immer 24sdt im Haus.

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