65 Jahre VVN Regensburg

Das Vermächtnis Antifaschismus

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Am Sonntag feiert die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Regensburg ihr 65jähriges Bestehen. Ein Rück- und Ausblick von Waltraud Bierwirth.

Als die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), in ihrem Gründungsjahr 1947 in Regensburg zur Gedenkfeier an die „Opfer des Faschismus“ einlud, waren sich die vielen hundert Menschen im Stadttheater einig: Ohne die Männer und Frauen, die gestern gelitten haben, wird es keinen demokratischen Neuaufbau geben. Die früheren Differenzen zwischen den Parteien hatten ihre Bedeutung angesichts der realen Erfahrungen von Krieg und Naziherrschaft verloren. 65 Jahre nach der Gründung sind für die „VVN – Bund der Antifaschisten“ der Konsens der frühen Jahre „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ bleibendes Vermächtnis und Verpflichtung.

Mehr als 900 Mitglieder zählte die VVN in Regensburg 1947 als der organisationspolitische Rahmen unter ihrem ersten Vorsitzenden, dem Sozialdemokraten Alfred Liebreich, abgesteckt war. In allen größeren Städten der Oberpfalz, ob in Weiden, Schwandorf, Amberg oder Sulzbach-Rosenberg, hatten sich die politischen Gegner des Naziregimes zu örtlichen Vereinigungen zusammengeschlossen. Der demokratische Neubeginn sollte eine moralische und politische Legitimation haben, die Stimme des politischen Widerstands. Die Fürsorge für die Überlebenden, für die Opfer der Nazis, stand am Anfang, als die mit dem roten Winkel der politischen Gefangenen aus den Konzentrationslagern und Gestapogefängnissen in ihre Heimatstadt Regensburg zurückkehrten.

Ein Hilfskomitee gegen die Not

Die Jahre des Grauens in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg hatten den Sozialdemokraten Fritz Enderlein und Michael Burgau den Blick für das Elend auf Regensburgs Straßen nicht getrübt. Am 27. Juni 1945 schrieben sie mit zwei weiteren Kameraden einen Brief an die Alliierte Militärregierung und Oberbürgermeister Gerhard Titze: „Betrifft: Gesuch um die Erlaubnis zur Bildung eines Hilfskomitees zur Unterstützung entlassener KZ-Häftlinge.“ Der unmittelbare Anlass: In der Stadt sahen sie „Opfer des Hitler-Terrors, die weiterhin in ihren Häftlingskleidern herumlaufen müssen“. Ihr Begehren: „Wir wollen einen leer stehenden Laden oder ein leer stehendes Lokal einrichten als Sammelstelle, um den entlassenen KZ-Häftlingen, die auf der Durchreise durch Regensburg kommen oder die in Regensburg ansässig sind durch entsprechende Beratung und Hilfe zur Seite stehen.“

Eine Bitte, die nicht leicht zu erfüllen war, denn die Stadt quoll über von Menschen. Zwölf Prozent der Wohngebäude waren beschädigt und tausende Flüchtlinge suchten eine Bleibe. Eine Belegung von mindestens drei Personen pro verfügbaren Wohnraum rechnete die Stadtspitze der amerikanischen Militärregierung vor, als diese erneut Wohnraum beschlagnahmen wollte. Trotzdem reagierte der von den Amerikanern eingesetzte Oberbürgermeister Gerhard Titze prompt auf den Hilferuf der Briefschreiber. Noch am selben Tag wurden Sammelstellen für Geld-, Kleider- und Wäschespenden eingerichtet. In einem Aufruf „Hilfe für KZ-Häftlinge“ forderte Titze die Regensburger auf, Geld-, Kleider- und Wäschespenden an sieben Sammelstellen abzugeben.

Innerhalb von wenigen Tagen wurden Bettwäsche, Wolldecken, Handtücher und jede Menge Kleidung abgegeben, plus 72.000 Reichsmark. Dazu merkte ein Briefschreiber spitz an, „dass es auffallende hohe Spenden von politisch Belasteten für die Betreuung von politisch Verfolgten“ gebe. Eine dicke Spende kam auch vom Milchwerk, das als „Nazihochburg“ verschrien war und dessen Direktor sich mit „zackigen Betriebsappellen“ hervor getan hatte.

„Sühnemaßnahmen für all das Leid…“

Auf das politische Engagement und aktive Mitarbeit der Antifaschisten waren die beiden Oberbürgermeister Titze und ab Juli 1946 Alfons Heiß angewiesen, wenn sie das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus mit Leben erfüllen und die Entnazifizierung der Täter verwirklichen wollten. Im August 1945 hatte die Militärregierung den deutschen Ausschuss ernannt, um Verwaltung und Institutionen vom Einfluss der Nazis zu säubern. Und Nazis gab es jede Menge in Regensburg. Über die Quantität gibt der von Oberbürgermeister Heiß abgezeichnete Wahlbogen vom 2. Dezember 1946 Aufschluss. Bei dieser ersten Wahl zum Bayerischen Landtag und des Volksentscheids über die Bayerische Verfassung wurden in Regensburg 5.601 Personen „wegen Nazizugehörigkeit nicht in die Wählerliste aufgenommen oder am Wahltag wegen Nazizugehörigkeit zurückgewiesen“.

Das waren etwas mehr als zehn Prozent der 52.629 Wahlberechtigten. Kein Wunder, dass es nicht einfach war, unbelastete bürgerliche Kandidaten für die Besetzung der Spruchkammern für die Entnazifizierungsverfahren zu finden. Das galt insbesondere für das Internierungslager Regensburg, in dem die Amerikaner etwa 8.000 Nazitäter und Belastete gefangen hielten. Mitglieder der VVN, ob Sozialdemokraten, Kommunisten oder Christen stellten sich dieser Aufgabe, um „Sühnemaßnahmen für all das Leid und den Kummer, der Millionen Menschen zugefügt wurde, zu ermöglichen“. Die Schuldigen sollten hart bestraft werden, die Nachsicht galt den jungen Menschen. Das drückte sich Ende 1946 in der Jugendamnestie aus.

Der Hass der Täter: Bombenattentate

Mitgefühl und tödlicher Hass schlug den KZ-Überlebenden zwei Jahre nach ihrer Befreiung gleichermaßen entgegen. „Machtvoller Protest gegen die Bombenwerfer“, überschrieb Martina Hammer in der Mittelbayerischen Zeitung vom 1. April 1947 ihren Bericht über eine Protestkundgebung der VVN im Regensburger Neuhaussaal. Kurz zuvor war „auf die Diensträume der politisch Verfolgten in Nürnberg“ erneut ein Bombenattentat von Nazis verübt worden.

Zeichen der Versöhnung im Regensburger Rathaus: Auf Einladung der VVN besuchen ehemalige tschechische Zwangsarbeiterinnen 2008 Regensburg. 2v. re.: VVN-Vorsitzende Luise Gutmann. Foto: Archiv

Aus heutiger Sicht verblüffend weitsichtig urteilte der damaliger bayerische VVN-Landesvorsitzende Ludwig Schmitt: „…nicht die Bajonette der Besatzungsmächte, sondern die eigene Kraft mit dem Terrorismus fertig zu werden, wird für die demokratische Zukunft Bayerns entscheidend sein“. Der bayerische Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Philipp Auerbach (SPD-Mitglied und Mitbegründer der VVN) forderte in der verabschiedeten Resolution von der bayerischen Staatsregierung „energische Maßnahmen zum Schutz aller demokratischen Institutionen und Personen, die sich durch den neu auflebenden Nazismus und Antisemitismus bedroht fühlen.“ Die von den festgesetzten Nazis im Internierungslager Regensburg gesammelte Summe von 20.000 Reichsmark für die Ergreifung der Attentäter werteten die Antifaschisten „als durchsichtiges Manöver“.

Nazi-Größen mutierten zu Mitläufern

Die Art und Weise in der „Die Politische Säuberung“, unter dieser Rubrik berichtete die Heimatzeitung in jeder Ausgabe aus den Spruchkammerverfahren, in der Praxis ablief, verstärkte die weit verbreitete Ansicht: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.“ Die Bestrafung der wirklich Schuldigen in allen Bereichen hatten die Alliierten an sich gezogen. Vor den Spruchkammern mit ihren häufig wechselnden Vorsitzenden und öffentlichen Klägern hatten sich die lokalen Nazi-Größen zu verantworten und auch da wurden Zug um Zug Ventile geschaffen: Berufungskammern, Kassationshof in München, erneute Verhandlungen mit neuen Zeugen und Persilscheinen.

Die Nazi-Größen in Regensburg mutierten auf diesem Verfahrensweg der Entnazifizierung von Hauptschuldigen, über Minderbelastete zu Mitläufern. Dafür stehen stellvertretend die Biographien von SS-Brigadeführer und Oberbürgermeister Otto Schottenheim und seinem Adlatus Hans Herrmann, der es in der Nachkriegszeit schon bald zum CSU-Oberbürgermeister bringen sollte. So hatten sich die Nazigegner „die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln und den Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ gemäß dem Schwur der KZ-Gefangenen von Buchenwald nicht vorgestellt.

Diese Art der „Entnazifizierung“, die mit einem Politikwechsel der Amerikaner einherging – der „Kalte Krieg“ nahm an Stärke zu – führte zur Verweigerung der Spruchkammer-Mitarbeit vieler VVN-Mitglieder. Seine Mitarbeit stellte auch Michael Kumpfmüller, 2. Vorsitzender der VVN und stellvertretender Vorsitzender der Spruchkammer III auf den Prüfstand. Der gelernte Schmied und Kommunist Kumpfmüller hatte als Monteur bei der Reichsbahn in Regensburg gearbeitet. Ende 1941 war er verhaftet worden, weil er russischen Kriegsgefangenen „mehrmals Butter- und Schinkenbrote geschenkt hatte“. Das Nürnberger Sondergericht verurteilte ihn zu 20 Monaten Zuchthaus. Aus der Haft heraus wurde er dem Strafbataillon 999 zur Partisanenbekämpfung in Griechenland zugeteilt. Dort gelang ihm die Flucht zur griechischen Freiheitsarmee.

Die Amnestie der Täter und ihre Wiederverwendung

Als der Bayerische Landtag im Juli 1950 die Entnazifizierung per Gesetz beendete, war der „Schlussstrich“ unter die politische und strafrechtliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gezogen. Im Eiltempo verabschiedeten die Parteien in der Adenauer-Ära fast einstimmig die Amnestiegesetze für die Nazi-Täter. Es folgten die großzügige Wiedereinstellung der 1945 entlassenen Beamten und ein massives Eintreten für die Freilassung der von den Alliierten verurteilten Kriegsverbrecher. Dazu gehörte auch die Rücknahme der individuellen Strafen aus der in der Bevölkerung verhassten politischen Säuberung.

In diesem Klima des „Schlussstrichs“ schlug in Regensburg nun auch die Stunde der ehemaligen SS- und Gestapo-Angehörigen, ihre Wiederverwendung im Polizeidienst einzufordern. Bereits 1948 hatte es die ersten Anfragen beim städtischen Personalamt gegeben, die noch mit Hinweis auf den Standpunkt der Amerikaner, als „untragbar und daher unerwünscht“, abgelehnt wurden. Fünf Jahre später gab es keine politischen Hemmnisse mehr. Zufriedenheit spricht aus dem Protokoll der Personalausschusssitzung von 1953: „Meisl ist der letzte Regensburger Polizeibeamte, der noch nicht wieder in Dienst gestellt ist.“

Auf der Liste der zu übernehmenden Gestapo- und SS-Mitglieder standen 23 Namen plus der von Kriminalrat Teichmann, ehemals SS-Hauptsturmführer. Auch für die ehemaligen Gestapo-Mitglieder Pilz und Götz, beide mit Erfahrung der Partisanenbekämpfung, fand sich eine passende Wiederverwendung: „Verstärkung des K IIIa.“ Das war die politische Polizei, die stets aufnahmebereit für ehemalige Gestapo- und SS-Mitglieder war. Der Grund: „Unter Berücksichtigung des Grundsatzes der freiwilligen Meldung für die Dienstleistung bei K IIIa werden aus dem Bereich der Kriminalpolizei keine Beamten für die Arbeit von K IIIa zu gewinnen sein. Der Grund scheint in mangelnder demokratischer Haltung, in zu geringem Vertrauen auf den Bestand der Demokratie und dem Mangel an Verständnis für die Aufgaben des Verfassungsschutzes zu liegen“, heißt es in einem Aktenvermerk der Polizei. Es dauerte nicht mehr lange, bis die Verfolgten des Naziregimes wieder zu Verfolgten wurden.

Öffnung zum Bund der Antifaschisten

Die Geschichte wie die politische Arbeit der VVN, die eng mit den politischen Zeitläufen der Bundesrepublik verknüpft ist, blieb nicht frei von Widersprüchen und Zäsuren. Im Mai 1971 erfolgte auf dem Oberhausener VVN-Kongress die Öffnung zum „Bund der Antifaschisten“. Die 68er-Bewegung hatte die Vergangenheitspolitik, den Umgang mit Faschismus, Krieg und Tätern, auf die Tagesordnung gesetzt. Gegen das Erstarken der NPD und neuen Nazis entschieden sich die ehemaligen Verfolgten für eine gemeinsame antifaschistische Organisation. Eine Neubestimmung von Positionen und Ziele markierte das Jahr 1990 – die Wiedervereinigung und das Ende der DDR. Und wieder stellte sich die Frage nach der Standortbestimmung.

„Wir müssen uns entscheiden, ob wir uns selbst als ein Bündnis verstehen mit einem breiten antifaschistischen und vielfach neu zu bestimmenden Konsens oder als Organisation begreifen, die fest gefügt und geschlossen um ein linkes und antikapitalistisches Programm ihren Weg geht“, formulierte Ulrich Sander, einer der Sprecher der VVN-BdA, die Zukunftsfrage. Nach einem zweijährigen inhaltlichen Klärungsprozess waren die Positionen für die künftige Arbeit abgesteckt. Verkürzt und plakativ ausgedrückt heißt die politische Aufgabe: „Gemeinsam gegen Rechts – für eine antifaschistische Republik! Neonazis stoppen, Kriegseinsätze verhindern, Humanismus durchsetzen.“

In Regensburg fehlt der Lernort Demokratie

Für die VVN-BdA in Regensburg steht die sichtbare öffentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit 65 Jahre nach ihrer Gründung weiter auf der Tagesordnung. Was viele Großstädte in Bayern bereits verwirklicht haben, die NS-Zeit in ihrer Stadt zu dokumentieren, um Wissen zu vermitteln, ist in Regensburg bis heute nicht gelungen. Nur einmal im Jahr, beim alljährlichen „Gedenkweg für die Opfer des Faschismus“ am 23. April wird sichtbar an das Leiden und Sterben der Gefangenen im Außenlager Colosseum des KZ Flossenbürg gedacht.

Nichts erinnert an das Leiden und Sterben vieler tausend Zwangsarbeiter, ohne die Rüstungsbetriebe wie Messerschmitt nichts produzieren konnten. Die Forderung nach der Errichtung eines NS-Dokumentationszentrums zur Vermittlung, Sammlung und Erforschung der lokalen Geschichte des Faschismus ist auch Aufgabe einer kritischen Stadtgesellschaft.

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Kommentare (3)

  • R. W.

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    Insgesamt ein sehr interessanter Bericht!

    Was eher unklar bleibt, sind die Gründe des anhaltenden Bedeutungsschwundes der VVN – gerade nach dem anfänglichen starken Verbreitungsgrad.

    Der Verweis auf P. Auerbach, den bayerischen Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, hängt etwas in der Luft. Hier hätte ich gerne erfahren, ob es nach dem Freitod Auerbachs, eine selbstkritische Debatte in der VVN gab bzw. gibt. Dies u.a. deshalb, da sich damals auch Teile der VVN gegen den Juden Auerbach positionierten, der sich 1952 das Leben nahm; kurz nach der Urteilsverkündigung im antisemitischen Schauprozess gegen ihn.

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