Sexualität und Nähe im Altenheim

„Er hatte die Hand in ihrer Hose!“

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Erfahrungen eines Berufsbetreuers zum Umgang mit Sexualität und Nähe in Altenheimen – und ein Plädoyer.

Von Otmar Spirk

Ein unerwarteter Anruf. Sie sei die Hausärztin meines Betreuten Herrn K. und müsse mir etwas mitteilen. Eine Pflegekraft des Altenheims habe bei ihr im Auftrag der Pflegedienstleitung angerufen. Herr K. sei sexuell aktiv und das sei störend. Die Ärztin möge doch dem Heim etwas gegen den sexuellen Trieb von Herrn K. geben.

„Das sei schlimm mit Herrn K.“

Sie habe mit einem Kollegen darüber gesprochen, der habe zu ihr gesagt: Machen Sie es, damit dort Ruhe ist. Aber sie sehe das anders. Wir leben doch nicht mehr in der Nazi-Zeit, sagt sie mir. Sie werde dem Heim also nichts geben. Das wolle sie mir als dem Betreuer von Herrn K. mitteilen. Ich war geplättet. Und zornig. Ich schreibe der Pflegedienstleitung einen Brief. Die Hausärztin hat mir mitgeteilt (…). Bitte nehme Sie binnen zwei Wochen Stellung.

Die Pflegedienstleitung ruft mich an. Also das sei ja einfach ein großes Missverständnis. Niemals würde er so etwas tun. Und dann bricht es aus ihm heraus: Das sei schlimm mit dem Herrn K.. Als eine Pflegeschülerin ihn gefragt habe, was das denn für weißliches Zeugs in seiner Unterhose sei, habe der frech geantwortet, na was das denn wohl schon sein werde. Und dann habe eine Pflegekraft den Herrn K. dabei beobachtet, wie er am Bett von Frau H. gesessen sei, während die geschlafen habe. Er habe eine Hand in ihrer Hose gehabt.

Frau H. und Herr K. sind ein Paar

Aha, die Pflegekraft hat also ins Zimmer geschaut, ohne vorher anzuklopfen, schießt mir durch den Kopf. Ich höre so richtig durchs Telefon seinen Ekel und denke mir: Wie gestört bist du denn?! Denn Frau H. ist, wie allgemein bekannt, die Partnerin meines Betreuten. Die beiden haben sich im Heim kennengelernt, und sind „offiziell“ ein Paar.

Nun habe ich die Wahl. Ich kann den berechtigen Skandal aus dieser Schweinerei machen. Dann wird mein Betreuter nach meinen Erfahrungen massiv schikaniert werden. Und vermutlich kann sich der Pflegedienstleiter herausreden. Oder ich nutze die Sauerei, damit sie meinen Betreuten in Ruhe lassen. Und so mache ich es dann auch. Ich sage dem Pflegedienstleiter, dass ich erwarte, dass mein Betreuter zukünftig absolut korrekt behandelt und in Ruhe gelassen wird, sonst… Und so passiert es auch. Von nun an werden die beiden in Frieden gelassen…

Habe ich etwas vergessen ? Ach ja,mein Betreuter, der „Sextäter“: Er saß im Rollstuhl.

Wo sind die Zimmer für Sex und Erotik?

Wie ist das also nun mit Sexualität und körperlicher Nähe in den Altenheimen? Wenn ich neu in ein Altenheim komme, schaue ich mir immer am Eingang die kurze Selbstdarstellung des Heims an, worauf dort Wert gelegt wird. Das sind in der Regel so 10 Punkte: „Uns ist wichtig, dass…“.

Ich habe noch in keinem Altenheim gelesen, dass es dort wichtig war, dass die alten Menschen sich nah sein können und eine Intimsphäre dafür haben. Vielleicht bin ich ungerecht, ich habe nur mit fünf Altenheimen größere Erfahrung, beruflich wie privat. Möge es so sein, dass meine folgende Empörung nur für diese Heime greift, auch wenn ich sonst von anderen nichts viel besseres gehört habe. Das würde mich freuen.

Ich frage also: Wo sind die Zimmer, in die alte Menschen sich zum Kuscheln bis hin zu Erotik und Sex zurückziehen können, wenn schon das eigene Zimmer nicht abschließbar ist? Und mal direkt gefragt: Wie schaut es mit der Möglichkeit oder Unterstützung für die Organisierung sinnlicher, erotischer bis sexueller Dienstleistungen für alte Menschen im Altenheim aus? Ich habe noch in keinem Altenheim davon gehört.

Okay, für viele im Heim mag Sexualität nur noch in der Phantasie stattfinden. Aber: Auch Phantasie braucht Raum, eine ansprechende Umgebung und im schlechtesten Fall jedenfalls einen PC zum Pornofilmchen streamen.

Was beim „Pflege-TÜV“ fehlt

Kürzlich widmete die SZ auf der Titelseite Platz für eine große Untersuchung, wie wichtig regelmäßige körperliche-zärtliche Berührung für das körperliche und seelische Wohlempfinden der Menschen sei. Aber was rede ich: Jeder, der nicht völlig abgestumpft ist, weiß, wie wichtig zärtliche Berührung ist – das berühmte Oxytocin, das bei zärtlicher Berührung ausgeschüttet wird und das den Menschen befriedet. Six hugs a day keep the doctor away!

Warum kommt in der Bewertung der Heime durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, dem sogenannten Pflege-TÜV, nicht einmal die Fragestellung vor, ob Heimbewohner einen Raum für ihre Bedürfnisse nach menschlicher Nähe haben und ob dort das Bedürfnis nach Nähe gefördert wird ?

Wie werden alte Männer in asexuelle und unsinnliche Wesen, wie werden alte Frauen in asexuelle und unsinnliche Wesen verwandelt ? Zum Beispiel mit der Macht der Worte. Männer werden zu „Senioren“ umdeklariert, aus Frauen werden „Seniorinnen“. Das klingt so richtig nett-neutral, da kommt in der Definition nichts mehr vor, was einen auch nur auf den Gedanken bringen könnte, hallo, hier wollen alte Männer, alte Frauen aber noch was erleben. Geschweige denn wie Udo Jürgens sang: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren….“

Auch alte Menschen brauchen Sexualität, Erotik und Nähe

Nix da, gebt Ruhe, stört unsere Altenheim-Routine nicht mit irgendwelchen einschlägigen Bedürfnissen nach Nähe. Wie es einem lebendigen Menschen in einem Altenheim ergehen kann, habe ich bereits in „Bis die Gemeinheit euch scheidet“ beschrieben. Und natürlich: Ganz viele Heime sind noch immer unter der Führung kirchlicher Träger. Die üble Kirchentraditon an Leib- und Sexfeindlichkeit ist bekannt…

Seit Jahrzehnten ist in der Gesellschaft akzeptiert, dass auch alte Menschen Sexualität, Erotik und sinnliche Nähe wollen und brauchen, und ein Recht darauf haben. Die Altenheime hat das anscheinend nicht erreicht.

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Kommentare (11)

  • frollein_a

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    Sehr schöner Beitrag!
    Schön, dass das Thema endlich mal auf den Tisch kommt.

  • R.G.

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    Dazu möchte ich eine Anekdote mit Lehrwert erzählen.

    Ein über 80Jähriger kam nachmittags gelegentlich vom Altersheim zu mir, um sich hier zu unterhalten. Einer bei uns anwesenden Dame fiel auf, dass er auf der Toilette sehr lange „brauchte“ und dabei heftigst stöhnte.
    Sie nahm ihren Mut zusammen. Was er da gemacht habe?

    Es stellte sich heraus, er konnte nicht mehr richtig urinieren. Eine akut stärker gewordene Vorhautverengung verhinderte das, fand man bei Untersuchungen heraus..

    So kam der Mann als Greis zu einer Operation, die schon im Kindesalter gemacht werden hätte sollen.
    Wie ein Lahmer, der plötzlich frei gehen kann, freute sich er sich über die neu gefundene Gesundheit sehr.
    „Etwas“ an ihm übte fleißig die befreitere Funktion. Das blieb selbstverständlich den hübschen Krankenschestern nicht verborgen, denn „es“ reagierte auf sie.

    Die Damen redeten mit dem Stationsarzt, wie sie mit dem Problem umgehen sollten.

    Er reagierte sofort. Mit einer Befragung des Patienten.
    Was der alte Herr das ganze Leben gegessen habe? Welche Hobbys er pflegte? Wie er politisch denke? Ob er muskalisch sei?

    „Herr Doktor, warum fragen Sie mich denn das alles?“

    Er wolle wissen, was der Patient in seinem Lebensstil richtiger gemacht habe als er, denn bei ihm selbst funktioniere es mit über vierzig nicht mehr so, wie er es gern hätte…, meinte Arzt gar nicht verlegen.

  • joey

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    Ich habe meinem Vater ein barrierefrei rollstuhlgerechtes Haus gebaut. Dort kann er bis zum Schluß bleiben – auch ggf. mit Pflege.

  • Lothgaßler

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    Wahrlich nah am Wahnsinn und ein Thema, weil für diese Altersklasse Sexualität fast totgeschwiegen wird.
    Ein Altenheim ist kein Freudenhaus! Natürlich nicht, es ist meist schon eher ein Gefängnis. Der Service für Körperpflege, Nahrungsaufnahme und Unterhaltung ist durchgetaktet und schon fast „genormt“.
    Kuschelnde+ könnten auch ein Schild vor die Tür hängen: „Bitte nicht stören“. Ob sexuell-sensitiver-Service jemals in einem Heim toleriert wird? Ich glaubs nicht, denn dazu ist die Gesellschaft nach wie vor zu verklemmt. Stell dir vor, es ist einer homosexuell veranlagt! Nicht vergessen darf man, im Heim beginnt die Entmündigung schleichend, aus vordergründig edlen Motiven (Schutz des Heimbewohners).
    Nach guter alter katholischer Sitte hat körperliche Sexualität nur in Verbindung mit dem Zeugungsakt eine Daseinsberechtigung, oder in Zusammenhang mit Chorknaben und Pfarrhaushälterinnen. Also besser nicht in ein kirchlich geprägtes Heim.

  • Magnus

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    Wichtiges Thema, ein Tabu-Thema.

    Nur leider wieder einmal sehr polemisch von Herrn Spirk vorbereitet. Das verleidet einem die weitere Beschäftigung mit dem Thema und es verhindert die Empathie zu den Betroffenen.

  • Chris

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    Der Autor/die Autorin des Artikels sollte nur ein klein wenig Zeichensetzung lernen. Vor Interpunktionszeichen Punkt und Komma gibt es keine Leerzeichen, jedenfalls nicht in der deutschen Sprache.

  • Thik

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    @joey 14. September 2017 um 18:43
    Das freut mich für Sie und Ihren Vater. Leider hat nicht jeder das Geld dazu.
    Dem Artikel kann man rundum zustimmen, ich muss aber auch die Heime etwas in Schutz nehmen. Das Werk kann nicht den Meister loben, denn nichts Gutes kommt von oben. Ein Fall, der zeigt, wie die Menschlichkeit aus dem System gequetscht wird, wird demnächst vor dem BSG verhandelt Az B 8 SO 4/16 R http://juris.bundessozialgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bsg&Art=tm&Datum=2017&nr=14704 Wichtig für alle, seien es Heime, Pflegedienste oder auch nur einzelne wohlmeinende Personen, die meinen, sie müssten jemanden, der dringend Hilfe braucht, diese unbürokratisch erst einmal erbringen, auch wenn das Amt über dessen Antrag noch nicht entschieden hat. Das führt derzeit dazu, dass der Helfer regelmäßig auf den Kosten sitzenbleibt, wenn der, dem man geholfen hat, vor Entscheidung über den Antrag verstirbt. Dass das zu einer „Erst mal alles soweit wie möglich rauszögern, ist nie verkehrt“-Haltung bei den Ämtern führt, ist nicht verwunderlich.

  • El

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    @ Magnus : Ich kann keine Polemik erkennen – nur einen menschlich sehr engagierten Artikel, der in mir großes Interesse an der Thematik weckt.

    @ Chris, ist es wirklich notwendig, hier Korrektur zu lesen wie ein Oberlehrer ? Ich habe mal nachgeschaut, was Sie meinen könnten und bin nur sehr selten fündig geworden . Und selbst wenn da mal kleinere Lücken auftreten, wo keine sein sollten , tut das der Qualität des Artikels keinerlei Abbruch .

  • Piedro

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    Ich habe in den 80ern Zivildienst in einem Altenheim in München geleistet. Privater Träger, Wohnstift und Pflegeheim, mehrfach ausgezeichnet von der Landesregierung. Ein Vorzeigeobjekt. Seiter weiß ich, dass keine Steckdose zu weit sein kann um sich dieses Elend nicht zu ersparen.
    „Probleme“ wurden mittels des Hausarztes geregelt, der auf Wunsch „bei Bedarf Haldol“ verordnete. Den Bedarf stellten die Schichtleiter fest. Bedarf bestand, wenn der „Ablauf“ gestört oder erschwert wurde. Etwa: Frühstück um neun Uhr, Mittag um zwölf, Abendessen um 18 Uhr. Wer danach noch etwas wollte störte. Zu viele dumme Fragen oder andere Wünsche? Klarer Haldol-Bedarf.
    Haldol ist ein Psychopharmakum. Es schaltet die Menschen praktisch ab. Ein Bewohner/Patient schlug bei seinem Einzug jeden Zivi im Schach. Neun Monate später bekann mein Dienst. Der Mann hätte die Schachfiguren nicht mal mehr aufstellen können. Er bekam drei mal am Tag zehn Tropen Haldol. Wunschlos glückliches Gemüse.
    Eine Bewohnerin/Patientin bekam beim morgendlichen Waschen regelmäßig einen Orgasmus. Manchen Kollegen war das zu unangenehm, sie verweigerten das Waschen. Den Pflegern war das wurscht. „Dann lass es „da“, aber sag uns das nicht.“ (Ein Pfleger pro zwanzig Doppel- und zwei Einzelzimmer, dazu zwei Zivis.) Ein Bewohner/Patient war ebenfalls sexuell noch nicht völlig ausgeknipst. Als man merkte, dass er nachts gern zu dieser Frau ins Zimmer ging wurden seine Besucher unterbunden. Klarer Haldol-Bedarf: 15 Tropfen am Abend und a Rua is.
    Wer keine Anghörigen hatte, die sich für Eltern oder Großeltern einsetzte, war schlicht verloren. Nie werde ich den Sohn vergessen, der lautstark klar gemacht hatte, dass seinem Vater weder die tägliche Maß noch die Stumpen verboten werden, weil er zu oft Durchfall bekam. Schließlich zahlte man Tausende im Monat, also durfte er sich anscheissen so oft er wollte. Auch weiterhin. Andere durften nicht mal mehr in den Garten, weil sie nicht freiwillig zurück ins Haus wollten. Hat keinen interessiert.

    Ich will gar nicht wissen wie die Verhältnisse heute sind, aber ich weiß: es gibt schlimmeres als den Tod. Viel schlimmeres.

  • Jens

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    Herzlichen Dank an Herrn Spirk und alle Kommentatoren.

    Wer verantwortet die Fragestellungen des „Pflege-TÜVs“? Die könnte Herr Spirk in offenem Brief um Stellungnahme bitten und gern über Antworten berichten.

    Wo passen Stellschrauben in Gesetzen für Pflege/Pflegeheime/… hin, durch die Parlamentarier beitragen könnten zu deutlicherem Schutz der Grundrechte auf menschliche Nähe, Sex und Privatsphäre im Alter?

  • Altenheim: Das ist kein Leben dort! » Regensburg Digital

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    […] Was wird im Altenheim den Alten an Hören, Sehen, Riechen, Schmecken sowie Berührung angeboten – Grundbedürfnissen, über die wir unser Leben erfahren? Wenn ich im Altenheim war, habe ich als Normalfall erlebt: Einsame alte Frauen, die sich über jede Streicheleinheit, über jedes Händchenhalten von mir gefreut haben. Alte Männer, die sich über jeden Händedruck, über jedes freundliche Schulterklopfen von mir gefreut haben. Über die essentielle Bedeutung von zärtlicher Berührung für Gesundheit und Wohlbefinden habe ich… […]

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