Archiv für 15. Mai 2014

Interview zum Abschied

Schaidingers vorerst letzte Worte

Nach 18 Jahren im Mittelpunkt des städtischen Medieninteresses hat ein scheidender Oberbürgermeister zwar viel zu sagen, aber nicht immer Lust dazu. Wenige Tage vor seinem Abschied nahm sich Hans Schaidinger trotzdem die Zeit, unserer Redaktion ein Interview zu geben. Er sprach übers Fliesenlegen, erklärte, warum er über die Altersgrenze für Oberbürgermeister ganz froh ist, und träumte ein bisschen von Groß-Regensburg. Eine Abschieds-Plauderei.

Von Bianca Haslbeck

Die vielen Gesichter des Hans Schaidinger.

Die vielen Gesichter des Hans Schaidinger.

Es war ein mal ein Oberbürgermeister, den wollte keiner haben. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man sich so überlegt, was in den letzten Jahren über Hans Schaidinger, Oberbürgermeister a. D., in den Zeitungen geschrieben und in der Stadt gesprochen wurde. Am allerwenigsten wollte ihn seine Partei, die CSU. Trotzdem hat es der Volkswirt aus Freilassing geschafft, dreimal nominiert und gewählt zu werden und Regensburg 18 Jahre lang zu regieren.

Die Vermutung liegt nahe, dass Hans Schaidinger von einer heimlichen Mehrheit getragen wurde, aus deren Reihen nie jemand öffentlich seine Unterstützung kundtun würde.

Wenn man es allerdings schaffte, das Vertrauen seines Gegenübers zu gewinnen, wenn sich der Gesprächspartner in Sicherheit wog, rang sich so mancher ein (un-) heimliches Lob für Schaidingers Wirtschaftspolitik ab. Die Quellen dieser zähneknirschenden Anerkennung sind ebenso zahlreich wie anonym. Öffentlichen Applaus bekam er nur noch von Teilen seiner Stadtratsfraktion.

Hans Schaidinger, Oberbürgermeister a. D. (Fotos: Stefan Aigner, Günter Staudinger, Daniel Gilch)

Hans Schaidinger, Oberbürgermeister a. D. (Fotos: Stefan Aigner, Günter Staudinger, Daniel Gilch, Stadt Regensburg)

In seinen letzten Tagen als Oberbürgermeister gab sich Hans Schaidinger trotzdem gut gelaunt. Und das trotz Terminen wie diesem hier:

„Sonntag, 13. April, 17 Uhr: Oberbürgermeister Hans Schaidinger eröffnet die Ausstellung ‚Brücke zum Wunderbaren – Von Wallfahrten und Glaubensbildern. Ausdrucksformen der Frömmigkeit in Ostbayern‘, die vom 15. April bis 6. Juli 2014 im Historischen Museum der Stadt Regensburg zu besichtigen ist.“ (Auszug aus dem Terminkalender der städtischen Pressestelle).

Macht sowas wirklich (noch) Spaß? Oder denkt man sich, so zwei Wochen vor der Abdankung nicht eher: Bleibt’s doch daheim mit Eurer ostbayerischen Frömmigkeit?

Ich sehe allen Terminen, die mir noch bevorstehen, mit einer großen Gelassenheit entgegen und freue mich drauf. Bei solchen Terminen geht es ja nicht nur um das Thema, hier um die Frömmigkeit in Ostbayern. Es geht um die Menschen und die Leidenschaft für die erworbenen Exponate. Das war zwar nicht so ein ganz großer Coup wie die kürzlich ergatterte Münzsammlung für das Historische Museum, aber auch hierüber freuen wir uns.

Man möchte es kaum glauben. Hans Schaidinger freut sich über historische Münzsammlungen und Ausdrucksformen ostbayerischer Frömmigkeit.

Hat sich die persönliche Meinung denn immer so mit dem öffentlichen bzw. politischen Handeln gedeckt? Oder mussten Sie auch mal zurückstecken?

Da fällt mir auch mit Nachdenken nichts ein. Es mag die eine oder andere Sache gegeben haben, in der ich einen Kompromiss geschlossen habe und mir gedacht habe, naja… Aber ich bin dieses Amt angetreten mit dem Vorsatz, mich nicht verbiegen zu lassen. Und verbogen habe ich mich kein einziges Mal.

In der Tat fällt es auch dem Beobachter schwer, eine Angelegenheit zu finden, in der Schaidinger nicht bekommen hat, was er wollte. Das haben ihm die empfindsameren Naturen des Stadtrats auch regelmäßig zum Vorwurf gemacht.

Es wirkt schon erstaunlich selbstironisch, als Hans Schaidinger, wegen seiner oftmals schroffen Art zu diskutieren gerne

Es wirkte schon erstaunlich selbstironisch, als Hans Schaidinger, wegen seiner oftmals schroffen Art zu diskutieren häufig „König Hans“ gescholten, plötzlich als Majestät auf der Bühne stand.

Unkollegial, arrogant, machtbesessen hat man ihn gescholten, wenn er beispielsweise Irmgard Freihoffer während eines Redebeitrags mal schnell das Mikro abgedreht hat.

Sehen Sie sich selbst auch so? Als absolutistischen „König Hans“?

Ob ich arrogant bin oder nicht, das müssen andere entscheiden. Das kann ich doch nicht selbst von mir behaupten. Aber ich habe eine bestimmte Fähigkeit, die in hitzigen Diskussionen zum Tragen kommt: die Fähigkeit, eine sachliche Diskussion auf eine Ebene zu bringen, auf der sich wirklich zeigt, worum es geht. Ich kann jemanden festnageln, wenn er sich durch ein Thema durchlavieren will. Wenn einer nicht sagen will, wo er steht, dann sage ich es ihm. Persönliche Angriffe kamen ja vor allem von einem Statdrat, ausgerechnet von einem, der dann auch noch am meisten jammert.

Den Namen Ludwig Artinger will er nicht nennen, aber es lässt sich nach den vergangenen sechs Jahren nicht vermeiden, dass dieser Name förmlich greifbar durch die Luft wabert.

Diese Zeiten sind ja nun vorbei. Der Politiker Hans Schaidinger ist Vergangenheit. Da drängt sich doch die Frage auf:

Warum wollten Sie nicht mehr in den Stadtrat?

Ein Oberbürgermeister sollte nicht in dem Gremium sitzen, das von seinem Nachfolger geführt wird. Niemand hat über die Angelegenheiten der Stadt so viel Detailkenntnis wie ich. Und es geht ja auch um die Loyalität der Verwaltung. Die ist dem aktuellen Oberbürgermeister verpflichtet, ein Vorgänger hat da nichts zu suchen.

Moooooment. Das hörte sich aber vor eineinhalb Jahren noch ganz anders an. „Ich kann mir einen Stadtrat Schaidinger durchaus vorstellen“, hieß es da noch.

Ja, da haben Sie Recht… Aber… Das waren ja ganz andere Zeiten! Damals ging es darum, für die „Bürger für Regensburg“ zu kandidieren und Stimmen zu sammeln. Hätte es diese Liste gegeben, hätte ich mich aufstellen lassen und gehofft, über meinen Namen ein paar Stimmen zu ziehen. Aber irgendwo auf Platz 50. Und ich hätte gehofft, dass ich nicht allzu weit nach vorne gewählt werde und nicht wirklich in den Stadtrat muss.

Die Angst, doch noch schnöder Stadtrat – der er ja nie war – zu werden, kann er ja nun getrost begraben. Die „Bürger für Regensburg“ veranstalten zwar ab und an noch gesellschaftliche Zusammenkünfte wie einen Schwarz-Weiß-Ball, dümpeln aber ansonsten seit der CSU-Aussöhnung regungslos vor sich hin. Die CSU hingegen gibt sich nach dem Wahldebakel alle Mühe, zumindest nicht öffentlich und zumindest nicht sofort in alte Muster zu verfallen und sich wieder gegenseitig niederzumetzgern.

Die Versöhnungs-Inszenierung der CSU jedenfalls, die ihren befremdlichen Höhepunkt in einem Unterstützer-Schreiben von Armin Gugau für Christian Schlegl fand, wirkt immer noch wie eine große Lüge. Oder war der Streit davor gelogen?

Weder noch. Das ist ein Zweckbündnis, das ich auch unterstützt habe. Es muss sich ja nicht jeder immer lieb haben. Wie überall gibt es auch in der Regensburger CSU Vernünftige und Unvernünftige. Die Vernünftigen haben sich zum Glück hier durchgesetzt. Trotzdem heißt das noch lange nicht, dass die ehemals größten Brandstifter auf einmal zu Feuerlöschern werden.

Erst Todfeind, dann Unterstützer: Armin Gugaus Unterstützerschreiben für Christian Schlegls Oberbürgermeisterkandidatur. (Quelle: www.facebook.com/christian.schlegl.der.kanns)

Erst Todfeind, dann Unterstützer: Armin Gugaus Unterstützerschreiben für Christian Schlegls Oberbürgermeisterkandidatur. (Quelle: www.facebook.com/christian.schlegl.der.kanns)

Besonders engagiert wirkt er bei dem Thema CSU allerdings nicht. Eher wie jemand, der belustigt zuschaut. Und er gibt auch zu:

Davon verabschiede ich mich langsam.

Langsam? Als großer Parteigänger sind Sie ja noch nie aufgefallen.

Oh, da täuschen Sie sich aber. Bis zu meinem 47. Lebensjahr war ich ein braver Parteisoldat ohne Ambitionen. Ich hatte nie den Vorsatz, in der Partei was zu werden, aber ich habe mich immer engagiert. Ich habe auch Info-Stände gemacht und Plakate geklebt. Es ist allerdings richtig, dass ich mich nie von der Partei habe gefangen nehmen lassen. Ich sehe mich eher als bürgerlich-liberalen Menschen. Ein Werte-Korsett, in dem niemand mehr Platz hätte, habe ich nicht.

Was aber sind Schaidingers Werte? In kulturellen und sozialen Belangen sah er sich immer wieder dem Vorwurf der Gleichgültigkeit ausgesetzt. Besonders die sich immer weiter verschärfende Situation auf dem Wohnungsmarkt wirft diese Frage auf. Ist es ihm wirklich so egal, wer sich in Regensburg noch eine Wohnung leisten kann? Und vor allem:

Waren die Wohnungs-Knappheit und die Mietpreis-Explosion nicht absehbar, gerade für einen Volkswirt wie Schaidinger? Der noch dazu dafür gesorgt hat, dass immer mehr Arbeitsplätze entstehen und damit immer mehr Menschen eine Wohnung brauchen?

Es entsteht immer eine Wohnungsknappheit in Wachstumsphasen. Ja, wir haben momentan einen Engpass, aber das gibt sich wieder. Das Thema Wohnungen hat in Deutschland immer einen sozialen Touch, das Thema Arbeit nicht unbedingt. Das sollte es aber. Wenn jemand von einer Zwei-Zimmer-Wohnung in eine Drei-Zimmer-Wohnung wechseln möchte und nicht sofort was findet, ist das verschmerzbar; keinen Arbeitsplatz zu haben, ist aber nicht verschmerzbar. Deshalb sollten wir weiterhin Arbeitsplätze schaffen und dann erst die Wohnungen bauen.

Sicher, Arbeitsplätze schaffen. Dagegen wird grundsätzlich niemand etwas haben. Die Frage ist nur: Wo? Das Verhältnis von Flächen, auf denen sich noch in nennenswertem Umfang Unternehmen niederlassen können, zu Flächen, auf denen Wohnungen gebaut werden können, ist 1 zu 10. Das heißt: zehnmal so viel Platz für potenziellen Wohnraum, aber die Möglichkeiten für Gewerbeansiedlungen sind beschränkt.

Hebert Mirbeth (li.), ebenfalls aus Altersgründen ausgeschiedener Landrat, guckte neben Schaidinger öfter mal etwas finster drein. Geht es nach dem OB a. D., muss der Landkreis auch irgendwann mal Federn lassen, damit Regensburg weiterhin boomen kann.

Hebert Mirbeth (li.), ebenfalls aus Altersgründen ausgeschiedener Landrat, guckte neben Schaidinger öfter mal etwas finster drein. Geht es nach dem OB a. D., muss der Landkreis auch irgendwann mal Federn lassen, damit Regensburg weiterhin boomen kann.

Bedeutet das das natürliche Ende für die „Boom-Town“ Regensburg? Oder geht die Entwicklung hin zu einem „Groß-Regensburg“, wovon Sie schon öfter geträumt haben?

Wenn Sie sich die Entwicklung anschauen, werden Sie ganz eindeutig einen Trend zu Urbanisierung feststellen. Die Menschen ballen sich immer mehr in städtischen Räumen. Was wir brauchen, sind Entwicklungsflächen. Da denkt man natürlich über die momentanen Grenzen hinaus. Interessant sind für Regensburg die Gebiete Richtung Osten: Barbing, Sarching, Obertraubling. Die wären wohl bei einer Reform der Gemeindegebiete fällig. Dazu braucht es aber einen mutigen Menschen, der das durchsetzt. Wie den früheren bayerischen Innenminister Bruno Merk damals, den ich heute noch dafür bewundere. So eine neue Gebietsreform wird denjenigen, der sie anzettelt, politisch den Kopf kosten. Aber ohne einen solchen mutigen Menschen wird es nicht gehen.

Mutig war es ja durchaus auch, Christian Schlegl mitten im größten CSU-Tohuwabohu als OB-Kandidaten zu küren, wie er es im Januar 2013 auf dem Neujahrsempfang der CSU-Verbände im Stadtsüden gemacht hat.

Schaidinger gibt zu:

Das war blankes Kalkül, dass ich Schlegl da als OB-Kandidaten gesetzt habe.

Und erst schien ja auch alles nach Plan zu laufen. Nach einigen ungelenken Versuchen des damals noch mit der Stadtratsfraktion verfeindeten Kreisverbands, über ein Casting einen OB-Kandidaten zu finden, söhnte sich die CSU zumindest oberflächlich aus und schickte Christian Schlegl ins Rennen – ganz dem Wunsch Schaidingers entsprechend, der mal wieder bekommen hatte, was er wollte. Plakate mit Motiven, die vor eineinhalb Jahren so noch nicht denkbar gewesen wären, folgten. Schlegl strahlte, schwofte, diskutierte und diätete sich in den Vordergrund, ließ sich sogar noch zwei Tage vor der Stadtratswahl von Ministerpräsident Horst Seehofer auf dem Haidplatz preisen, während Joachim Wolbergs in Aprikosenmarmeladenkrapfen biss. Und das alles nur, um am Ende kläglich zu scheitern. Und wir dachten alle monatelang, der kann’s?

Erst machte Schaidinger noch Promo für Christian Schlegl, dann fuhr er ihm bei seinem letzten Presseclub-Auftritt gegen den Karren.     Erst machte Schaidinger noch Promo für Christian Schlegl, dann fuhr er ihm bei seinem letzten Presseclub-Auftritt gegen den Karren. (Wahlplakat Kommunalwahlkampf 2013)

Erst machte Schaidinger noch Promo für Christian Schlegl, dann fuhr er ihm bei seinem letzten Presseclub-Auftritt gegen den Karren. (Wahlplakat Kommunalwahlkampf 2013)

Herr Schaidinger, was lief da schief?

Nun, bis Weihnachten lief der Wahlkampf ja gut. Aber Weihnachten… nicht mehr. (Anm. der Redaktion: Um Weihnachten rum hatte Peter Kittel die Zügel im Wahlkampf in die Hand genommen, wenig später kam es zum Koalitionsbruch zwischen CSU und SPD.) Es ist schade für Christian Schlegl, er hätte mehr verdient…

…sagte der Mann, der dem von ihm installierten OB-Kandidaten wenige Wochen vor der Wahl Phantastereien bezüglich einer untertunnelten Altstadt und eines kostenfreien Kindergartenjahres unterstellt und mit dieser Kritik Schlegls Wahlkampf torpediert hatte.

Dass Schaidinger die Dinge besser weiß, steht für ihn ja ohnehin außer Zweifel. Und in manchen Punkten wird man ihm auch schwerlich etwas nachsagen können. Beispielsweise in Sachen Haushalt.

Regensburg ist de facto schuldenfrei.

Eine solche Haushaltsbilanz muss man erst mal hinterlassen.

Ein Nachfolger wird es da schwer haben. Haus der Musik, Museum der Bayerischen Geschichte, FOS/BOS, Frankenbrücke etc. pp. – Der nächste OB kann ja kaum noch eigene Ideen umsetzen, wenn alles in Großprojekten verplant ist?

Im Gegenteil! Ich hinterlasse meinem Nachfolger einen Haushalt mit viel Gestaltungsspielraum.

Aber irgendwann wird der doch Schulden machen müssen, wenn nahezu der gesamte Haushalt bereits gebunden ist?

Schulden für Investitionen sind doch in Ordnung. Dagegen kann man nichts sagen. Das habe ich früher auch gemacht.

Seinen Beitrag zur Mehrung eines Schuldenbergs hat Schaidinger nicht in Regensburg geleistet. Als Mitglied des Verwaltungsrats der BayernLB hat er keinen Einspruch gegen den Kauf der schwerst angeschlagenen Hypo Alpe Adria eingelegt.

Wie war wohl der Schlaf in der Nacht, als das Unglück, das den Freistaat Bayern 3,7 Millarden Euro kostete, bekannt wurde?

Ich habe nie schlecht geschlafen. Außerdem kam das für uns ja nicht von heute auf morgen. Das war eine längere Entwicklung, was in der Öffentlichkeit natürlich nicht so wahrgenommen wurde. Was mich allerdings geärgert hat, war, dass es von der Bilanz zwei Versionen gab. Eine, die dem Verwaltungsrat vorgelegt wurde, und eine andere für den Vorstand.

Es folgen lange Erklärungen von bekannten Sachverhalten, die ein ernstes Bedauern erkennen lassen, aber ebenso einen unerschütterlichen Fatalismus.

Schaidinger war im Verwaltungsrat der BayernLB, weil er von 2005 bis 2011 Vorsitzender des Bayerischen Städtetages war. Dort pflegte er eine gesunde Männerfreundschaft mit dem ebenfalls aus Altersgründen ausgeschiedenen Münchner Oberbürgermeister Christian Ude. Keiner von beiden wirkt so, als hätte er die Rente dringend nötig.

Wie finden Sie das eigentlich mit der Altersgrenze? Hätte es unter anderen Umständen – mit einer anderen Regensburger CSU und ohne diese gesetzliche Beschränkung – möglicherweise nochmal einen OB-Kandidaten Hans Schaidinger gegeben?

Das sind mir zu viele Konjunktive, um das zu beantworten. Sagen wir es so: Ich bin froh, dass mir diese Entscheidung abgenommen wurde. Wenn man 18 Jahre lang das Sagen hat, wirkt das schon wie eine Droge. Insofern ist es wahrscheinlich gut, dass ich diese Entscheidung nicht selbst fällen musste. Ich gebe aber etwas anderes zu bedenken: Möglicherweise ist die Altersgrenze für Bürgermeister und Landräte grundgesetzwidrig. Es ist das einzig direkt vom Bürger gewählte Amt, bei dem einem Vorschriften gemacht werden, wen man wählen darf. Von der Volljährigkeit des Kandidaten einmal abgesehen. Eine solche Beschränkung gibt es sonst nur beim Bundespräsidenten, der mindestens 40 Jahre alt sein muss. Aber der wird ja nicht direkt vom Volk gewählt. Das ist eine Frage, die ein Verfassungsrechtler mal genauer untersuchen sollte.

Verfassungwidrig oder nicht: Schaidinger ist jetzt wieder Privatmann.

Hans Schaidinger umringt von seinen wichtigsten Frauen: Gattin Edelgard (links) und seine Mutter (rechts).

Hans Schaidinger umringt von seinen wichtigsten Frauen: Gattin Edelgard (links) und seine Mutter (rechts).

Womit verbringen Sie jetzt dann Ihr Zeit? Können Sie überhaupt noch Auto fahren nach all den Jahren mit Chauffeur?

Oh, ich bin ein leidenschaftlicher Autofahrer! Naja, was heißt leidenschaftlich… Ich fahre eben gerne. Und natürlich kann ich es noch. Noch viel mehr freue ich mich allerdings auf diverse Arbeiten im Haus. Ich habe durchaus handwerkliches Geschick, das ich jetzt wiederbeleben möchte. Wenn man ein Haus hat und 18 Jahre lang Oberbürgermeister ist, dann ist das Haus ein bisschen zu kurz gekommen und es ist einiges liegen geblieben. Ein paar Fliesenlegerarbeiten gehören zum Beispiel gemacht. Die habe ich mir aufgehoben, sowas mache ich gerne. Und ich freue mich natürlich darauf, nicht jedes Wochenende durcharbeiten zu müssen.

So darf man sich das nun also vorstellen. Gestern noch im Sitzungssaal, heute schon im Baumarkt. Mal schnell die Oberbürgermeister-Kette gegen den Werkzeuggürtel getauscht.

In seiner Abschiedsrede am Mittwoch, 30. April, als der Stadtrat letztmalig in alter Konstellation im Reichssaal tagte, schafft Schaidinger wieder einmal diesen einzigartigen Spagat zwischen Apotheose und Bescheidenheit. Niemals würde er von sich selbst behaupten, ein Held zu sein. Da lässt er lieber Max Weber sprechen und streitet schließlich ab, als Politiker heldenhafte Züge gehabt zu haben. Im Gegenteil, er hätte es sogar abwehren müssen, „zum Helden stilisiert zu werden“. Dennoch liegt ein Hauch von Heroismus in der Luft. Paralipse nennt das der Rhetor. Sagen, was man vorgeblich verschweigen will. Denk nicht an den kleinen, rosa Elefanten.

Man kann irgendwie nicht umhin, sich den Polit-Rentner Hans Schaidinger vorzustellen wie einen kleinen Kastenteufel, der unerwartet um die Ecke springt und alle aufschreckt.

Man kann irgendwie nicht umhin, sich den Polit-Rentner Hans Schaidinger vorzustellen wie einen kleinen Kastenteufel, der unerwartet um die Ecke springt und alle aufschreckt.

Man fragt sich, ob Hans Schaidinger wirklich von der Bildfläche verschwinden wird. Oder ob er nicht doch hin und wieder den kleinen, rosa Elefanten spielt, irgendwo hervorblitzt und ganz paraliptisch einwirft: „Ich will ja nichts sagen, aber… Ich weiß es besser. Ällabätsch.“

Immerhin wünscht er Wolbergs, dass die Verwaltung auch ihm „diese Loyalität und dieses Engagement“ entgegenbringen möge. Wolbergs, bis 1. Mai Oberbürgermeister-Lehrling dicht auf Schaidingers Fersen, wurde vom Ewigkeits-OB in alle wesentlichen Fragen eingeweiht. Nur eines hat er nicht bekommen: Ratschläge.

Denn:

„Ich gebe keine Ratschläge, denn auch Ratschläge sind Schläge.“

Und so endet das Kapitel von Hans Schaidinger, Oberbürgermeister a. D., der am Dienstag, 30. April 1996 als „erster Diener der Stadt“ mit einem Hexenschuss im Kreuz sein Amt als Oberbürgermeister von Regensburg antrat, und der es am Mittwoch, 30. April 2014, verließ und dabei zumindest selbst wahrscheinlich selbst wenig Anlass sah, dies nicht aufrechter Haltung zu tun.

Bericht aus der

Bericht aus der „Woche“ zu Schaidingers Amtsantritt am 30. April 1996.