Archiv für 31. Mai 2014

Der Theologe und Philosophieprofessor der Philosophisch-theologische Hochschule (PTH) Josef Engert gilt als Vater der Universität in Regensburg. Ein städtischer Preis trägt seinen Namen. Tatsächlich war Engert ein Antidemokrat und Antisemit. Nachdem im ersten Teil unserer vierteiligen Serie die Zeit vor 1933 behandelt wurde, wird nun versucht, anhand von ausgewählten Briefen und Schriften Engerts anwachsendes völkisch-christliches Engagement für den Nationalsozialismus nachzuzeichnen.

Alle vier Teile online.
Die komplette Recherche mit Quellen als PDF.

Von Robert Werner

1962: OB Rudolf Schlichtinger (re.) verleiht die Silberne Bürgermedaille an Josef Engert. Foto: Fotostelle Stadt Regensburg

1962: OB Rudolf Schlichtinger (re.) verleiht die Silberne Bürgermedaille an Josef Engert. Foto: Fotostelle Stadt Regensburg

Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erkannten auch die deutschen katholischen Bischöfe den nationalsozialistischen Staat ausdrücklich als rechtsgültige staatliche Oberhoheit an. Staatskirchenrechtlich wurde diese Anerkennung im Juli 1933 mit dem Abschluss des Reichskonkordats vollzogen. Darin wurden das Bayerische Konkordat von 1924 und die Priesterausbildung an Philosophisch-theologischen Hochschulen (PTH) bzw. katholischen Fakultäten der Unis ausdrücklich bestätigt. Die politischen Parteien des Katholizismus, Zentrum und BVP, lösten sich bereits im Sommer 1933 auf.

Das Bekenntnis zum nationalsozialistischen Staat

Von der Regensburger PTH ist in der Zeit nach der Machtergreifung keine Ablehnung des NS-Regimes überliefert. Im Zuge der Organisierung der Bücherverbrennung auf dem Neupfarrplatz von Mai 1933, wird eine antisemitische Tendenz an der PTH deutlich. Der „Führer der Studentenschaft“ und Priesteramtsstudent, Rupert Fochtner, vermeldete damals stramm:

„Eine Verbrennung jüdischen Schrifttums wird nicht erfolgen, da sich in unseren Büchereien solches nicht findet. Unsere Hochschule ist immer schon frei von jüdischem Geist gewesen und wird es auch in Zukunft sein, was man anscheinend von den Universitäten nicht immer sagen kann.“

Anlässlich der „Volksabstimmung“ von Mitte November 1933, die auf Zustimmung für den bereits vollzogenen Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund zielte, unterschrieben neben Josef Engert alle seine Regensburger PTH-Kollegen, sowie rund 960 weitere deutsche Professoren das Bekenntnis zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat.

„Bekenntnis zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“. Unterzeichnet von Josef Engert und der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg.

„Bekenntnis zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“. Unterzeichnet von Josef Engert und der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg.

Diese Unterzeichnung war vermutlich nicht zuletzt durch die Hoffnung motiviert, den eigenen Stand als Professor einer staatlichen Hochschule durch eine Unterwerfungsgeste sichern zu können. Den sogenannten Anschluss Österreichs von 1938 forderte Engert im von ihm herausgegeben Korrespondenz- und Offertenblatt. Zwar wurde das Priesteramtsstudium im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung nicht verboten, nach dem Kriegsbeginn 1939 aber wurden die staatlichen Philosophisch-theologischen Hochschulen geschlossen und die Gebäude für kriegswichtige Zwecke genutzt.

Als der amtierende Rektor der ruhenden PTH Franz Heidingsfelder im Februar 1942 verstarb, wandte Engert sich an das Kultusministerium. Zur Besetzung der vakanten Stelle möge man ihn zum Nachfolger ernennen und für die von ihm längst geleistete Geschäftsführung rückwirkend die entsprechende Besoldung überweisen. Ende März 1942 wurde Engert dazu wunschgemäß ernannt – er stand der PTH bis zum Herbst 1947 vor.

Die Unterstützung des NS-Staates – eine Ehren- und Herzenssache

Die ersten Sympathieäußerungen gegenüber dem NS-Regime sind beim Hochschullehrer Engert nachzuweisen als er im Juni 1933 nach England zu seinen dort lebenden Geschwistern reisen wollte. Dafür musste er im Kultusministerium eine Dienstbefreiung beantragen. Darin heißt es:

„Es wird mir eine Ehren – und Herzenssache sein, in England im Sinne der nationalen Regierung zu wirken.“

Nachdem er im Herbst 1933 Freunde an der Universität in Riga besucht hatte, äußerte er sich ähnlich. Engert verfasste für das Außenministerium eine Art politischen Lagebricht zu den Volksdeutschen in Riga. Es sei ihm zudem eine Freude gewesen, „dass ich auch im lettischen Kreis aufklärend über unseren neuen Staat wirken konnte.“ Engert bot seinen Bericht dem Ministerium ohne weiteres Aufhebens erfolgreich an, wie aus seinen Personalakten des Kultusministeriums hervorgeht (Bay. Hauptstaatsarchiv MK 44585 Prof. Engert). Er scheint als Mitglied für das Deutsche Ausland-Institut (DAI), das im Ausland „Volkstums Forschung“ betrieb, agentenähnliche Dienste angeboten und geleistet zu haben.

Engert beließ es allerdings nicht bei Unterwerfungsgesten. Im November 1933 brachte er sich in seiner Funktion als Vorstandsbeirat der Görres-Gesellschaft als Verbindungsmann zur Nazi-Partei ins Gespräch. Ebenso war er 1934 als Kontaktmann zum NS-Hochschulbund im Gespräch, um die nationalsozialistische Hochschulpolitik an den PTH und katholischen Fakultäten zu verbreiten. Dies scheiterte daran, dass er als Priester wegen des Verbots im Konkordat nicht NSDAP-Mitglied werden konnte.

Schon zum 1. Juni 1933 trat er in den NS-Lehrerbund ein (Mitgliedsnummer 246112), der zum Verband der NSDAP gehört hatte. Eigentlich wäre ihm dies als Priester gemäß den Statuten des Konkordats ebenfalls verwehrt gewesen. Die Mitgliedschaft in einem NSDAP-Verband kam Engert auch zugute, bzw. war sie insofern notwendig, als er das NS-Regime gestalten und auch in dieser Zeit publizieren wollte. Hierfür musste jeder Autor ab 1934 Mitglied in der Reichsschrifttums-Kammer sein und dafür als Voraussetzung die Mitgliedschaft in einem NSDAP-Verband und einen sogenannten „Arier-Nachweis“ beibringen.

Im Fragebogen vom 15.5.1937 zur Ausstellung des „Arier-Nachweises“ (vgl. Personalakte im Regensburger Uniarchiv, UAR PTH 178) vermerkt Engert eigens: „Rein arischer Stammbaum“. Offenbar war Engert auch die „Reinheit“ seines ganzen Stammbaums eine Ehren- und Herzenssache, im Schreiben vom 8. November 1940 wiederholt er sie:

„Im ganzen Stammbaum finden sich wie bisher, so auch weiter, zurück, nur arische, katholische Glieder.“ (Akt Engert, Bundesarchiv BAL RK I 0097).

Anders als so manche Theologen, die nach kurzer Begeisterung wieder auf Distanz zum Nazi-Staat gingen, blieb Engert seiner völkisch-rassischen Theologie bzw. Ideologie treu. Analysiert man seine Texte, so wird nach 1933 ein Einschwenken auf den nationalsozialistischen Blut-und-Rassen-Diskurs ersichtlich, den er aktiv und werbend ins katholische Milieu trug. Der Mensch, der in der katholischen Lehre ein Geschöpf von göttlicher Natur ist und zu einem unteilbaren und erlösungsfähigen Menschengeschlecht gehört, verkommt bei Engert zu einem biologistischen Konstrukt, dessen Leib und Seele durch die jeweilige „Rasse“ vorbestimmt ist.

Erkennbar wird in Engerts diversen Manifesten ebenso, dass er sich nicht in Konkurrenz zu zum Beispiel den mitgliederstarken Deutschen Christen setzt, die den NS-Staat von der evangelischen Seite her christlich gestalten wollten. Josef Engert handelt weniger gegen die ebenfalls völkisch auftretenden Deutschen Christen sondern vielmehr im Einklang mit ihnen. Der NS-Rassenstaat soll demnach in einer Art christlich-völkischer Ökumene gestaltet werden.

„Katholik und Staat“ – eine völkische-katholische Theologie zum Anschluss an den NS-Staat

Der Priester und Philosoph Josef Engert hat sich auch in Druckwerken eindeutig und mehrfach für eine Mitgestaltung des NS-Regimes ausgesprochen. So publizierte er 1933 in der Augsburger Postzeitung einen theologisch verbrämten und mit nationalsozialistischer Rassenideologie anreicherten Aufruf. Da Engert seit 1928 die Monatszeitschrift Korrespondenz- und Offertenblatt für alle katholischen Geistlichen Deutschlands herausgab, hatte er die Möglichkeit, sein katholisch-nationalsozialistisches Manifest ein zweites Mal reichsweit zu verbreiten. In den Heften Nr. 11 und Nr. 12 von Ende 1933 erschien, jeweils auf den Titelseiten, seine zweiteilige Schrift „Katholik und Staat“. Engert redet Klartext.

Engerts Korrespondenz- und Offertenblatt. Der völkische Theologe schreibt Klartext.

Engerts Korrespondenz- und Offertenblatt. Der völkische Theologe schreibt Klartext.

Abgeleitet aus der Heiligen Schrift und ebenso gemäß der katholischen Glaubenslehre gehe die an sich gute Ordnung der Natur und des Staates von Gott aus. Von daher bestehe für den Katholiken die Verpflichtung, an der Gestaltung des NS-Regimes mitzuarbeiten. Die von Gott gegebene Grundlage des Staates seien „die Rasse, das Blut und der Boden der heimatlichen Erde zusamt der geistigen Artung“. Die Kirche müsse dies fördern. Der einzelne Katholik habe die sittliche Verpflichtung und die Verantwortung dafür, dass der Staat den Zielen des Volkstums entspreche, an ihm liege die Entscheidung für eine Mitarbeit, womit er indirekt Gott diene, dem Schöpfer der Natur.

In einer knappen Zusammenfassung bietet Engert einen kompakten Entwurf seiner deutsch-völkischen Geschichtsidee. Demzufolge sei der bislang schwerste Schlag gegen das Deutsche Reich von Napoleon und der daraus resultierenden Säkularisation erfolgt, die die geistlichen Fürstentümer vernichtete. Antireligiöse Mächte des Absolutismus, Aufklärungs-Bürokratismus und der naturalistisch-liberale Geist der Französischen Revolution seien dem gefolgt. Die Gegenreaktion, die religiöse Restauration durch den Kreis um den ehemaligen Regensburg Bischof Sailer, habe zwar das deutsche Volkstum wecken können (eine Deutung, die sich übrigens bis heute in Versatzstücken im Regensburger Kulturreferat bzw. Ordinariat gehalten hat), allerdings sei der Katholik wirtschaftlich verarmt, „ins Ghetto geschoben“, in ein Minderwertigkeitsgefühl hineingedrängt worden, verfolgt vom Liberalismus und seinem Staat.

Mein Kampf: „Ein grundlegendes Buch“

Nach dem Ende des Kulturkampfes in den 1870er Jahren haben – so das Engertsche Manifest – katholische Denker der Görres-Gesellschaft wieder Fuß gefasst und die „deutsche Jugendbewegung mit ihrer Vorliebe für das volkstümlich Erwachsene, das Natürliche, mit einem Wort: das Deutsche“, aufgebaut. Die Beteiligung des politischen Katholizismus an der Weimarer Republik sei jedoch ein Fehler gewesen, insbesondere da dies im „Widerspruch mit der deutschen katholischen Tradition“ gestanden habe bzw. keine ständestaatlichen Alternativen verfolgt worden seien.

Das Reichskonkordat von 1933 habe nun einen Schlussstrich unter all diese Kämpfe gesetzt und „wohl eine tausendjährige Entwicklung abgeschlossen“. Staat und Kirche stünden sich als selbständige Gewalten gegenüber, jede in ihrem Bereich. Die nationale Regierung habe anerkannt, dass der Staat ohne dogmatische Religion nicht bestehen könne. Adolf Hitler habe dies „ausdrücklich schon in seinem grundlegenden Buche Mein Kampf “ gesagt.

Der neue nationale Staat wolle „betont christlich sein“, die Leitsterne seines Handelns seien „Gott und Volk“. Der nationalsozialistische Staat setze gegen „den liberal-demokratischen Staat, den Erbfeind christlichen Denkens, die autoritäre Führung, welche sich nur Gott und dem Volke verantwortlich weiß.“ Der Staat wolle Stände statt Klassen bzw. Volkstum statt „blutlosem Humanitarismus“. Eine säkulare Wendung sei vollzogen. Engert sieht den nationalsozialistischen Staat als Ergebnis in einer göttlich vorbestimmten Entwicklung der deutschen katholischen Tradition.

In einem unglaublichen Spagat beruft sich Engert zuletzt auf diverse Schreiben der letzten Päpste: es tue demnach not, „über alle Einengung der Vereins-Seelsorge hinaus in die Weite zu streben in stärkster Rückbesinnung auf die innersten katholischen Werte, an Hand jener großen Lehrschreiben.“ Engert zeigt sich damit gegenüber Rom untertänig und vereinnahmend zugleich. Der römisch-katholische Theologe versucht seine NS-Propaganda mit päpstlichen Verlautbarungen zu legitimieren.

Engert hat sich im völkisch-rassischen NS-Staat und seiner Ideologie eine politische Heimat eingerichtet und spricht von dort aus nicht nur „alle katholischen Geistlichen“ an. Weitere Manifeste sollten folgen.

„Religion und Volkstum“

Wie aus dem an der Universität Regensburgs verwahrten Nachlass Engerts (Signatur: UBR 228/AM 95800E57) hervorgeht, hat er sich nach der Machtübernahme der NSDAP weiter intensiv mit völkischen Ansätzen über die Zusammengehörigkeit von Christentum und Deutschtum beschäftigt. Seine diesbezüglichen Ansichten hat er mehrfach publiziert, so z.B. den im wissenschaftlichen Stil verfassten Text „Theologie und erbpsychologische Forschung“ in der renommierten Zeitschrift Theologie und Glaube (1938) (Hg: Bischöfliche philosophisch-theologische Fakultät zu Paderborn).

Engert scheut sich dabei nicht, die Rassenidee des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg als ein „Geschichtsbild von eindringlichster Geschlossenheit und innerer Bündigkeit“ zu bezeichnen (S. 618). Im Anschluss daran führt er – wieder im Einklang mit der nationalsozialistischen Eugenik – die ebenso für den Seelsorger „wichtigen Erbgänge“ auf: so z.B. „Schizophrenie“, „manisches Irrsein“, „Schwachsinn“ und „eine Reihe von Verbrechertypen“. Obgleich Engert die Konsequenzen der nationalsozialistischen Rassenhygiene, wie z.B. Zwangssterilisationen, nicht beim Namen nennt, legitimierte er diese unverkennbar: „Das Recht des Staates, Hemmungen für erbkranke Partner einzulegen“, sei unbestritten (S. 504).

Ein Jahr später wiederholte er seine erbbiologische Rasse-Schrift in Gestalt einer populär gehaltenen Zusammenfassung („Religion und Volkstum“) im Kleruskalender von 1939, für den er bis zuletzt als Schriftleiter fungierte.

Das „Anti-Volk“ Israel

Hierbei referiert Engert zustimmend führende „NS-Rassenkundler“, wie etwa Hans Günther, mit dessen Arbeiten der Begriff Rasse hinlänglich sichergestellt sei. Engert philosophiert und wirbt darüber hinaus für eine „Rassenseele“ bzw. die „seelische Grundbestimmung“ der „Rassen“, die für ihn evident sind. Zur Verdeutlichung führt er historische Beispiele an. Zunächst das „Anti-Volk“ Israel, die Juden:

„Dem Volke Israel war nach dem Zeugnis der Bibel der Glaube an den ‚lebendigen Gott‘, der sittliche Monotheismus mit dem Grundbegriffe lebendigen Seins als Mitgift geschenkt worden. Aber nach dem Zeugnis derselben Bibel hat es diesen Gottesbegriff rassisch eingeschmolzen und damit verderbt. In rechnerischer Grundhaltung machte es aus seiner Gesetzestreue ein juristisches Anrecht auf Belohnung in irdischer Wohlfahrt und Herrschermacht; hat es die Lebensfülle Gottes zur starren Einheit in beziehungsloser Welterhabenheit unifiziert. Dagegen kämpfen alle Propheten und Christus: sie wurden von den Juden getötet.“

Im Gegensatz dazu, die Germanen: „Ganz anders das Germanentum“. Hier sei „die Begegnung mit der Kreuzesbotschaft“ nicht „toter Stoff, auch nicht bloße Idee“ geworden, sondern historische Wirklichkeit in Christus. In der Spannung der völkischen Erbanlage mit dieser Botschaft habe „der germanische Geist unvergleichliche Höhe errungen und immer wieder seinen Adel erprobt.“ „Christliche und völkische Inspiration“ seien vollkommen zusammengegangen, was „echteste Zeugen deutschen Geistes“ bezeugt hätten.

Was Engert im Kleruskalender 1939 betreibt, sind völkische Zirkelschlüsse bzw. germanophile Selbstbespiegelungen, genauer: nationalsozialistische Rassenkunde eines Theologen angereichert mit rassistisch aufgeladenen Antijudaismus der Verwerfungstheologie.

Im darauf folgenden Jahr wollte er mit einem weiteren Manifest nachlegen, was ihm die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums aber versagte. Engert interpretierte die NS-Rassenkunde offenbar nicht ganz korrekt.

Engert: „das weitere Einsickern jüdischen Blutes zu verhindern“

Im bereits erwähnten Nachlass an der Uni Regenburg findet man eine sechsseitige Druckfahne von „Staat und Rasse – Zeitpolitischer Aufsatz von Dr. Joseph Engert, Regensburg“. Schon der programmatische Einleitungssatz lässt keinen Zweifel an seiner politischen Haltung:

„Es gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen und Aufgaben des neuen Staates, daß er der Rasse und Rassenpflege besondere Aufmerksamkeit schenkt.“ (S.118)

In Fortentwicklung seiner vorherigen Manifeste handelt Engert nochmals Entwicklung und Stand der Rassenkunde ab und begrüßt die auf Arthur Gütt und Ernst Rüdin fußende nationalsozialistische „Rassenhygiene“ (S. 122) bzw. die entsprechenden Gesetze. Der endlich überwundene liberale Staat habe „von einem falschen Humanitäts- und Individualitätsideal ausgehend, die Fragen der Eugenik ganz als dem Auge“ verloren. Die Folgen: „Schwinden der Führerauslese“ durch Geburtenschwund und „das unerhörte Wuchern und Sichvermehren der Minderwertigen“. Die Erbanlagen seien aber „der kostbarste Besitz des deutschen Volkes“ – dieses „Erbgut (sei) rein zu erhalten und fortzupflanzen.“ (S.121) Deshalb sei „eine der ersten Aufgaben des neues Staates“ gewesen, hier mit Gesetzten einzugreifen: „Gesetz zur Verhütung des erbkranken Nachwuchses vom 17.4. 1933“, „Eheförderungsgesetz“ und „Ehegesundheitsgesetzt“ von 1933.

Das „Gesetz zum Schutze des Blutes und der deutschen Ehre“ von 1935 begründet Engert von sich aus mit dem Urteil, dass „die Juden“ sich seit ihrer Emanzipation „als Zersetzungserscheinung in der deutschen Kultur erwiesen“ hätten, gerade in der Revolution von 1918. Die Aufgabe der Nürnberger Gesetze sei es, so Engert, „das weitere Einsickern jüdischen Blutes zu verhindern, ebenso das von Negern, Zigeunern und Bastarden.“ (S.122)

Ähnlich wie in dem Manifest „Katholik und Staat “ (1933) versucht Engert einen außerstaatlichen Bereich zu definieren, für den nur die Kirche zuständig wäre. Diese sei „die Gemeinschaft der im Streben nach Gotteskindschaft vereinter Gläubigen“, sie müsse „deswegen universell und oecumenisch sein.“ (S. 123) Die Kirche dürfe keine Verwischung der Geschlechter oder der völkischen Eigenarten anerkennen, was sich auch an der „Missionspraxis Pius’ XI.“ zeige. Engert konstatiert zuletzt die Pflicht des völkischen Seelsorgers, „mit der Stärkung durch sittlich-religiöse Beweggründe sinngemäß an der Rassenpflege des Staates mitzuwirken.“

Der Philosoph und römisch-katholische Priester Engert als „Rassenpfleger“ und „Blutschützer“, hierbei kann ihm kaum jemand das rassistisch-antisemitische Wasser reichen, allenfalls ein Rassenhygiene-Dichter Florian Seidl. Dennoch verwehrte ihm die Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums die Druckerlaubnis für den Kleruskalender 1940 (Echter Verlag Würzburg). Vermutlich befanden die Zensoren, dass in einem – ihren Augen schützenswerten – nationalsozialistischen Schrifttum keinesfalls die Rede von Kirche und Papst sein soll. Nicht einmal die Unterstützung seitens des Schriftleiters des „Völkischen Beobachter“, Hans Gstettner, der sich für Engerts Pamphlet ins Zeug warf, zeitigte einen Erfolg. Genauso scheiterten die Bemühungen, eine Druckerlaubnis für „Staat und Rasse“ im Kleruskalender 1941 zu bekommen.

In den Zusammenhang der ausstehenden Druckerlaubnis für „Staat und Rasse“ gehört auch Engerts Antrag auf erneute Aufnahme in die Reichsschrifttums-Kammer (Gruppe Lektoren) vom 6. August 1940, den er mit „Heil Hitler Prof. Engert“ unterzeichnete. Die nationalsozialistische Rassenhygiene hatte zu diesem Zeitpunkt längst zu unzähligen Opfern geführt. Aufgrund des von Engert begrüßten „Gesetz zur Verhütung des erbkranken Nachwuchses“ war in Regensburger gegen Ende 1940 ein Großteil der NS-Zwangssterilisationen bereits vorgenommen worden, wobei der Direktor des Gesundheitsamtes Pius Scharff eine eifrige Haltung einnahm. Die Ermordung Behinderter bzw. Kranker („Euthanasie“) aus der Heilanstalt Karthaus lief seinerzeit im Schloß Hartheim bei Linz auf Hochtouren. Für Regensburg sind jeweils über 600 Opfer zu beklagen.

Katholisches Volkstum und völkisches Christentum

Obwohl der Blut-und-Rasse-Diskurs mit der katholischen Glaubenslehre unvereinbar gewesen wäre, gab es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mehrere katholische Theologen, die im völkischen Lager ihre Heimat fanden und aktiv für eine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten eintraten, oder den „neuen Staat“ verklärten. So zum Beispiel der renommierte Tübinger Dogmatiker Karl Adam oder Rudolf Graber, der spätere Regensburger Bischof.

Bischof Rudolf Graber: Reaktionärer Rechtsaußen und Verfechter einer Reichs-Theologie. Foto: Bistum Regensburg

Bischof Rudolf Graber: Reaktionärer Rechtsaußen und Verfechter einer Reichs-Theologie. Foto: Bistum Regensburg

Die Grenzen zwischen katholischem Volkstum und völkischem Christentum verschwanden seit 1933 mehr und mehr. Dieser widersprüchliche Prozess hatte im Regensburger Ordinariat kaum Gegner, jedoch gewichtige Unterstützer. So erteilte der Regensburger Generalvikar Johann Baptist Höcht 1934 die kirchliche Druckerlaubnis für das Werk des völkischen Nazi-Theologen Anton Stonner Nationale Erziehung und Religionsunterricht, das im Pustet Verlag publiziert wurde. Für Stonner, der 1939 als Professor an die Regensburger PTH hätte kommen sollen, ist Deutschtum dieses „unauflösbar innige Ineinander von germanischen und christlichen Wesen“. Deutschtum sei „germanische Substanz, christlich geprägt.“ Der kirchenrechtlich übergeordnete Diözesanbischof Michael hegte offenbar Sympathien für diese Zusammenarbeit.

Bischof Buchberger, der gottlose Kirchenfeinde vor allem im Bolschewismus aber auch in Teilen der nationalsozialistischen Bewegung sah, argumentierte im Kern völkisch-christlich. So glaubte er etwa in der Jahresabschlussfeier 1942 für die „tapferen Heldensöhne an den Fronten“, die gegen den gottlosen Bolschewismus und für das teure Vaterland kämpfen würden, Gottes Segen herbei flehen zu müssen: das deutsche Volk sei „seinen Weg jahrhundertelang mit Christus gegangen“, seine ganze Vergangenheit zeige herrliche Beweise „für den harmonischen Bund zwischen Christentum und Deutschtum“, so Buchberger in seiner völkisch-christlich aufgeladen Kriegspropaganda, die Engert kaum anders formuliert hätte.

Um ein letztes Regensburger Beispiel zu nennen: Hans Dachs, weltlicher Historiker und ebenfalls ein PTH-Kollege Engerts, betonte in der bereits erwähnten Festschrift Zwölfhundert Jahre Bistum Regensburg (1939) die Mitarbeit der Regensburger Kirche „am nationalen Werk“, sprich bei der „Germanisierung der heutigen deutschen Gebiete östlich von Elbe, Saale und Enns“.

Die Heidenmission des abendländischen Christentums, deutsches Volkstum und deutscher Kulturbetrieb habe den Osten zum „deutschen Lebensraum“ gemacht. Und gerade das Bistum Regensburg dürfe sich rühmen „an dieser nationalen Aufgabe mitgearbeitet zu haben“, die „nach einem Worte des Führers zu den wenigen bleibenden Erfolgen einer tausendjährigen deutschen Außenpolitik“ gehöre. Dachs – später Ehrenvorsitzender des Historischen Vereins – begründete bzw. legitimierte die deutsch-völkische Lebensraum-Rhetorik von historischer Seite – allerdings ohne von „nordischer Rasse“ zu sprechen, wie es sein philosophisch-theologischer Kollege Engert in einem Reisebericht tat.

„Ostenjuden“ – „Die Gefahr für die nordische Rasse“

Im Jahre 1935 unternahm Engert eine Studienreise nach Nordamerika, auf der er sich mit den amerikanischen Folgen der Weltwirtschaftskrise beschäftigte. Zwei Jahre später erschien sein daraus resultierendes Werk Kulturphilosophische Reisenotizen – Wohin geht Amerika? (1937). Aus einem Schreiben des bereits erwähnten Schriftleiter des „Völkischen Beobachters“, Hans Gstettner, von Februar 1938 geht hervor, dass Engert diesen um eine Besprechung seiner „Reisenotizen“ bat. Erfolglos: „Von der Besprechung Ihrer neuen Schrift musste ich leider absehen“, so Gstettner, die Gründe würde er im persönlichen Gespräch nachtragen.

In seiner Schrift studiert Engert – offenbar wieder im völkischen Dienste für das Deutsche Auslands-Institut, das sich etwa in dieser Zeit verstärkt mit Amerika beschäftigte – die gesellschaftlichen Verhältnisse und diversen Problemlagen in den Vereinigten Staaten. Trotz ausführlicher und begründeter Skepsis ist Engert zuversichtlich, dass US-Amerika seine Krise, die eine religiöse und völkische sei, meistern könne.

Die Stunde der Katholiken sei gekommen, „um den neuen sozialen Gedanken zu begründen, die Kraft, die auseinanderstrebenden völkischen Bestandteile des amerikanischen Großraum zu verbinden.“ (S. 80) Allerdings stimme ihn hierbei besonders die trotz ihrer energischen Eindämmung starke Einwanderung aus „dem slawischen Osten einschließlich der Ostjuden“ sehr bedenklich. Und zwar, weil sie, die Slawen und Ostjuden, „sich dem Einschmelzungsprozeß naturhaft widersetzen“ würden, „ihre Geburtenzahl weit über dem angelsächsischen Durchschnitt“ liege, und von daher „die Gefahr für die nordische Rasse“ groß sei. (S. 43)

Ein völkisch-katholischer Theologe und Philosoph macht sich 1937 Sorgen um die Zukunft der „nordische Rasse“ in den USA! Welcher Grad an sendungsbewusstem Rassenwahn und antisemitischer Verfolgungswut liegt in so einer Geisteshaltung? Nicht zuletzt weil europäische Juden in der NS-Zeit vor Engert und seinesgleichen hauptsächlich nach Amerika geflohen sind, wirken seine rassistische Absonderungen und sein Gefasel von der gefährdeten „nordischen Rasse“ auf dem amerikanischen Kontinent bis heute unerträglich.

Josef Engert kein geeigneter Namenspatron

Unter den sich– nach Engerts Vorstellungen – angeblich naturhaft widersetzenden „Ostjuden“ in den USA befand sich auch Joseph Opatoshu, einer der bedeutendsten Schriftsteller der jiddischen Sprache, der auch zum jüdischen Leben in Regensburg vor der Vertreibung 1519 schrieb („A tog in Regensburg“).

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2009: Verleihung des Josef Engert-Preises an die Slawistin Sabine Koller – für eine Arbeitüber einen jener – von Engert verhassten – „Ostjuden“. Foto: Fotostelle Stadt Regensburg

Zum Werk und Leben des Joseph Opatoshu organisierte die Slawistin Sabine Koller im Jahr 2009 in Regensburg eine herausragende Ausstellung mit anregendem Begleitprogramm. Dafür bekamen Koller und ihre Mitarbeiter Witalij Schmidt und Evita Wiecki den „Josef-Engert-Preis“ der Stadt von Oberbürgermeister Hans Schaidinger verliehen. Wie dieses Beispiel eindrücklich zeigt, könnte man einen noch ungeeigneteren Namenspatron als Engert kaum ersinnen.

Offiziell wurden die Josef-Engert-Straße (1980) und der Josef-Engert-Preis (1979) unter OB Friedrich Viehbacher nach dem Theologen benannt, um seine großen Verdienste bei der Gründung der Universität zu würdigen. Allein schon die Kenntnisnahme der skizzierten politischen Einstellung – vom kriegstreibenden Monarchisten und Feind des demokratischen Freistaats hin zum entschiedenen Unterstützer des NS-Regimes und völkischen Antisemiten – verbietet eine Fortsetzung der Verklärung von Josef Engert. Engert taugt als lehrreiches Exempel für einen völkisch-katholischen Theologen und Anhänger des NS-Regimes, aber nicht als Namenspatron für einen städtischen Preis oder eine Straße.

Im dritten Teil soll aufgezeigt werden, wie Josef Engert als Rektor nach der Wiederöffnung der PTH im November 1945 mit der politischen Säuberung des Dozenten-Kollegiums und seiner eigenen affirmativen Rolle im NS-Staat umging und sich als Gegner des NS-Regimes darstellte.