Kolumne

Advent, Advent: Zwischen Hort der Geruhsamkeit und Epizentrum des Lamettawahnsinns

morgen Johannes greßWeihnachtszeit, Zeit der Ruhe, Zeit der Familie. Zeit der Geruhsam- und Genügsamkeit, Zeit zum Nachdenken. Lichterketten schmücken die Fenster, ein Duftgemisch aus Punsch und Plätzchen erfüllt Wohnzimmer wie Fußgängerzonen. Eine Zeit, in welcher die Familie vorm Kachelofen bei einer Tasse Tee wieder eng zusammenrückt, in welcher das „9-to-5-Hamsterrad“ mal für ein paar Tage still und das Diensthandy stumm steht. Advent, Advent, …

Die Vorweihnachtszeit der anderen Art gibt’s derweil in einschlägigen Fußgängerzonen und Einkaufszentren: Menschenmassen, welche unter Ellbogeneinsatz zwischen dick angezogenen und mit Einkaufstaschen bepackten Wülsten hindurchrudern. „Evergreens“ wie „Last Christmas“ – Ende November noch „ganz witzig“ – gehen einem mittlerweile unheimlich auf die Nerven. Lichterketten blinken in allen erdenklichen Farben und Rhythmen, Christbäume und Sträucher ächzen unter der Last von dutzenden Kilos Lametta. Und genau im Epizentrum des Wahnsinns kommt man – mit Glück – in den Genuss eines einzigartigen Ensembles, die ultima ratio der Christi Geburt – Remixe, aus „Jingle Bells“, „Felice Navidad“ und „I wish you a Merry Christmas“ – gleichzeitig! Advent, Advent, …

Ach, ein Gutschein. Der geht immer…

Irgendwo zwischen diesen beiden Polen – dem Hort der Geruhsamkeit und dem Epizentrum des Lamettawahnsinns – meistert jeder von uns seine individuelle Vorweihnachtszeit. Während man Anfang Dezember bereits nach einer kleinen Auszeit vom „Alltag“ lechzt, einer Auszeit vom steten Erklimmen jener Karriereleiter, die über die Jahre zum Hamsterrad mutierte, plagt einem im Hinterstübchen der Gedanke nach dem „passenden“ Geschenk. Für die Gattin oder den Freund, Bruder, Schwester, Mama, Papa. „Was soll ich nur schenken? Hat doch eh schon Alles. Ach, ein Gutschein. Der geht immer.“ Ertappt? Sorry.

Nichts gegen Gutscheine. Aber ist das Perfide an dieser Situation nicht, dass es uns in den allermeisten Fällen vor eine Herausforderung stellt, für jemanden ein „passendes“ Geschenk zu finden? In einer Gesellschaft in der es an Materiellem kaum noch mangelt, jede Volksschülerin mit Smartphone und Tablet zu hantieren weiß, die Großeltern regelmäßig durch Deutschland, Europa und die Welt reisen, kann es durchaus zur Aufgabe werden, einen Mangel ausfindig zu machen und durch ein entsprechendes Geschenk zu füllen. Trotzdem, 466 Euro gibt jeder und jede Deutsche älter als zwölf Jahre im Schnitt für Weihnachtsgeschenke aus.

Gleichzeitig klagen immer mehr Menschen über Stress, Überanstrengung, Burn-out bis hin zur Depression. Eine Gesellschaft die gute 450 Euro für Weihnachtsgeschenke ausgeben kann und gleichzeitig – aus Mangel an Mangel – damit hadert einander zu beschenken, müsste eigentlich vor Wohlstand und Glück erblühen. Tut sie aber nicht. In einem Land in dem Milch und Honig fließen sollten, werden Beruhigungspillen geschluckt, Schlafmittel eingenommen, diverse Psychopharmaka verzehrt – oder eben Alkohol getrunken. Und der Homöopath unter den chronisch Gestressten hetzt – die Yoga-Matte unterm Arm – zwischen Qigong-Kurs und Zen-Meditation umher.

Entrepreneurisier‘ dich, mein Freund!

Dem liegt der Irrglaube zu Grunde, man könne in seinem Leben einfach permanent, 24/7, 365 Tage, von 15 bis 70, Vollgas geben. Wenn’s dann mal zwickt, juckt, beißt oder die Hirndrähte zu glühen beginnen, finden sich schon die passenden Mittelchen – oder ostasiatischen Lehrmeister -, die einen wieder aufpäppeln, fit machen. Fit für was? Fit für den „Alltag“. Den „Alltag“, in dem es zum guten Ton gehört, auf die Frage „Wie geht’s?“ mit „Puh… gestresst, aber geht schon“ zu antworten. Den Alltag, der mittlerweile diverse Logiken und Grammatiken des Ökonomischen inhaliert, in sich aufgesaugt und verinnerlicht hat, so dass es geradezu zur Selbstverständlichkeit geworden ist beruflich „flexibel“ zu sein. Entrepreneurisier‘ dich, mein Freund! Wenn dabei die eigenen Kinder mal etwas zu kurz kommen, muss du dir halt eine Nanny leisten. Wenn die Familie „unterm Jahr“ mal etwas zu kurz kommt, dann kannst du dein Liebesdefizit an Weihnachten ganz locker wieder ausgleichen. 466 Euro, das dürfte doch wohl reichen.

Wie viele Laudatoren diverser Firmenweihnachtsfeiern dreschen mittlerweile die „Opfer“-Phrase? Da steht dann meist ein Herr in Anzug auf einer kleinen Bühne, räuspert sich und widmet den Anwesenden weihnachtliche Phrasen wie die Folgende: „Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, hinter uns liegt ein hartes Jahr. Unsere Ehepartner und Kinder hatten oft das Nachsehen. Doch diese Opfer haben sich gelohnt, denn hinter uns liegt ebenso ein erfolgreiches Jahr. Nun lasst uns die Weihnachtszeit nutzen und unseren Familien das zurückgeben, was sie verdienen.“

Wenn es an materiellen Lücken mangelt, werden eben Symbolische gestopft

Die Analogie zum Psychopharmaka und der Yoga-Matte ist klar: „Erfolg“ erfordert harte Arbeit, Verzicht und eiserne Disziplin. Nur wer bereit ist, sich aufzuopfern, Alles zu geben, 24/7, „verdient“ diesen „Erfolg“ auch. Was dem arbeitswilligen Individuum am Ende eines harten Tages zugeführt wird (Schlafmittel, Alkohol, Yoga-Matte), bekommt das soziale Umfeld am Ende eines harten Jahres: Zeit, Aufmerksamkeit, Liebe. Die Lücken die dann noch bleiben füllt man mit Materiellem in Form von Geschenken. In beiden Fällen wird ein Missstand im Nachhinein kaschiert.

Nur was, wenn man diese Lücke nicht füllen kann, weil es diesen Mangel an Materiellem schlichtweg nicht gibt, weil es an Mangel mangelt? Dann bleibt als letzter Ausweg nur, diesen Mangel künstlich zu erschaffen. In die Lücke zwischen Laptop und Smartphone zwängt man dann eben noch ein Tablet. Wenn es an materiellen Lücken mangelt, werden eben Symbolische gestopft.

Dadurch wird eine Spirale losgetreten, die sämtliche soziale Lebensbereiche und gesellschaftliche Sphären parasitär durchdringt und zernagt. Wenn der Job immer mehr Zeit frisst, braucht’s Geld zur Beilegung kleinerer oder größerer Wehwehchen, meist psychischer Art. Wenn der Job immer mehr Zeit frisst, braucht’s Geld für eine Kinder-Nanny und 466 Euro für Weihnachtsgeschenke – „Opium für’s Konsumvolk!“. Die Heilung als Antwort auf die zunehmende Entfremdung von unserem sozialen Umfeld und von uns selbst, die eine Arbeitswelt im 21. Jahrhundert mit sich bringt, wird uns in einer zunehmend durchökonomisierten Welt wieder als Ware zum Verkauf angeboten. Ein trojanisches Pferd mit sozialverträglicher Fassade und parasitär-kapitalistischem Innerem.

Arbeit ist zum Zweck an sich selbst geworden

Die Zeit für die Familie, für Freunde, für sich selbst, die bleibt in unseren „flexiblen“ Zeiten „Ausnahmen“ wie der Weihnachtszeit vorbehalten. Das soziale Netz, unsere ureigene Basis, das was uns geformt und zu dem gemacht hat, was wir sind, ist mittlerweile die Ausnahme vom „Alltag“. Das stete Streben nach Mehr, das immerwährende Arbeiten an sich selbst, das ständige Polieren des eigenen Portfolios unterjocht sogar den sozialen Nukleus unter seine eigene normative Vernunft. Arbeit ist nicht länger Mittel zum Zweck, sondern zum Zweck an sich selbst geworden. Die rasante Jagd nach Klicks, Likes, Shares und Retweets in sozialen Medien ist da nur die Spitze des Eisberges.

Befreit von den Ketten der Sklaverei, losgesagt von Feudalherren und Leibeigenschaft, haben wir irgendwann beschlossen, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, unseres eigenen Glückes Schmied zu werden: Arbeit zum Zwecke von Wohlstand und dem guten Leben – Aller! Irgendwo auf diesem Weg haben wir es verabsäumt, „Stopp“ zu sagen, auszusteigen, haben es verabsäumt zu sagen „genug ist genug“. Einmal in Fahrt gekommen, an Bord der Maschinerie, genossen wir den Fahrtwind, der uns durch die Haare pfiff, während wir den Kopf aus den Fenster hielten und laut „Freiheit!“ brüllten.

„Gottes Werk“

In einer Gesellschaft, die materiell gesättigt war, schrieb man dem Ausdruck „Wohlstand“ ein ökonomisches Label in seine Grammatik ein. Freiheit und Gleichheit, die Fähigkeit zu einem glücklichen Leben, eine gesicherte Zukunft, ein intaktes soziales Umfeld, all dies übersetzte man ins Ökonomische. Dieser perversen Logik folgte man bis zu jenem Punkt, an dem „Wachstum“ zum bloßen Zweck an sich selbst wurde.

Zur sozialen Wirklichkeit wird diese Logik in Kindergärten, die bereits Fremdsprachen unterrichten, während der Sprössling noch im eigenen Kot hockt. In Pubertierenden, die ihre wilden Jahre mit Ferialpraktika und Nachhilfestunden zu Tage bringen. In depressiven Erkrankungen, die spätestens 2030 zur am weitverbreitetsten Volkskrankheit zählen werden. Und nicht zuletzt mit einem globalen System, dass den „Entwicklungsgrad“, den Wohlstand einer Nation (mit der –diskutablen – Ausnahme Bhutans) am Bruttoinlandsprodukt bemisst, also an der Leistung bzw. am Wachstum einer Volkswirtschaft. Dass der Zusammenhang zwischen ökonomischen Reichtum und Wohlstand (in seiner ursprünglichen Definition) so nicht haltbar ist, wird dabei seit jeher konsequent ignoriert.

Ein gutes Jahr nach der Finanzkrise, 2009, fragte man Goldman-Sachs Chef Lloyd Blankfein, ob er bei seiner Arbeit eigentlich irgendwelche Skrupel habe. „Nein“, so die Antwort des Bankers, „ich verrichte nur Gottes Werk“. In diesem Sinne: Ein frohes Weihnachtsfest!

Zum Autor

Johannes Greß: Hobbyphilosoph mit Schwerpunkt im Bereich der Textverwurschtelung: Manchmal kurze, meistens lange Texte, Bart: immer lang! Von proletarischer Poesie bis hin zu brünftigen Besserwissereien, lautet das Motto: Auch in Ostbayern darf’s jenseits von „Des war scho owei ah so – und des bleibt desweng ah aso!“ noch (gedanklichen) Raum für Möglichkeiten geben. 23 Jahre Lebenserfahrung und geballte Schreibpower, gebündelt und verpackt in viel Gesichtshaar, sollen künftig an dieser Stelle einmal monatlich konstruktiv Verwirrung stiften. Polemik inklusive. Manchmal bin ich sogar lustig.

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Kommentare (1)

  • eingeborener

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    Si tacuisses, philosophus mansisses. Zum Einstieg ,Niveauebene ‚ MZ, später Konsumselbstgeisselung auf Niveau STERN….
    Spannender wäre gewesen, wie die Ideologie des konsumismus den fehlenden Lebenssinn im Kapitalismus ( auf Grund entfremdeter Arbeit und Fremdheit zwischen den Geschlechtern) kompensieren soll. Und wie weit ein richtiges Leben im falschen möglich ist…

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