Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Auf der Suche nach Identität

Dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie kann man keinen Stempel aufdrücken. Das liegt nicht an einem fehlenden künstlerischen Konzept, sondern in seiner Natur: Das Museum bewahrt das Kunsterbe der ehemals deutsch geprägten Kulturräume in Osteuropa. Ein Blick in und auf und um die „Ostdeutsche“ herum.

Von Dike Attenbrunner

Venceremos

Seit 2006 prägt die Säuleninstallation „Venceremos/Sale“ von Magdalena Jetelová den Eingang des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. Foto: Wolfram Schmidt

Egal von welcher Seite man sich auch nähert: Um die minimalistischen weißen Skulpturen des Bildhauers Ben Muthofer, die das Museum umstellen, kommt man nicht herum. In ihrer modernen Schlichtheit bilden sie einen deutlichen Kontrast zum Museumsgebäude, einer Jugendstil-Kunsthalle.

Sichtbare Ambivalenz, die fesselt

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie, von vielen Regensburgern auch liebevoll zu „Ostdeutsche“ oder „Kunstforum“ abgekürzt, liegt von Bäumen umgeben am Rande des Stadtparks. Man erkennt es bereits von weitem an den mit rotem Teppich ummantelten Säulen am Eingang, die seit einigen Jahren das Museumsbild prägen. Oder sagen wir: wieder prägen. Denn die Installation der Künstlerin Magdalena Jetelová war vor zwei Monaten in Brand gesteckt worden und musste aufwändig erneuert werden.

An diesem Ort ist nichts wirklich in Einklang zu bringen. Weder die alles dominierenden roten Säulen. Noch die Frauenstatue, die über dem ehemaligen Eingang thront und einem den Rücken zukehrt, weil man sie an ihrem angestammten Platz stehen ließ, als das Museum erweitert und der Eingang verlegt wurde. Und erst recht nicht die verschiedenfarbigen Ausstellungsräume, deren Farbfestlegung fast schon willkürlich anmutet.

Schausammlung

Blick in die Dauerausstellung. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie.

Und so könnte man nach einem oberflächlichen ersten Eindruck leichtfertig behaupten, dem Museum fehle es an einem klaren Konzept. Wenn, ja wenn einen die sichtbare Ambivalenz nicht gleichzeitig auch fesseln würde. Das museale Ambiente strahlt einen Charme aus, der sagt: Du kannst der Ostdeutschen keinen Stempel aufdrücken, genauso wenig wie der Kunst. Sinn und Schönheit: Das alles liegt im Auge des Betrachters.

Vielleicht rührt die verwirrende Uneinheitlichkeit auch daher, dass das Kunstforum einen recht speziellen Auftrag hat: Es soll das Kunsterbe der ehemals deutsch geprägten Kulturräume im östlichen Europa bewahren. Und das lässt sich nun mal nicht einer einzigen Stilrichtung oder Epoche zuordnen. Deswegen wurde auch das „Ostdeutsche“ im Namen aufgenommen, und nicht etwa, wie man irrtümlicherweise annehmen könnte, wegen der früheren Zweiteilung Deutschlands. Für diese Kernaufgabe wurde 1966 auf der Grundlage des Kulturparagraphen im Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz eigens eine Stiftung gegründet, die von der Bundesrepublik Deutschland, der Stadt Regensburg und dem Freistaat Bayern getragen wird.

„Schaufenster“ der Geschichte

Es ist kein Zufall, dass das relativ weit östlich gelegene Regensburg zur Wirkungsstätte der Stiftung auserkoren wurde: Die heutige Weltkulturerbe-Stadt hatte die Schirmherrschaft für die Sudentendeutschen übernommen und bereits einige Ausstellungen sudetendeutscher Künstler organisiert. Da der Adalbert-Stifter-Verein und die Künstlergilde Esslingen über eine recht große Sammlung an Kunstwerken verfügte, war es zunächst Aufgabe der Stiftung, den Bestand der beiden zusammenzuführen. Über die Jahre hinweg wuchs das Depot auf mittlerweile 2.500 Gemälde und Skulpturen sowie 30.000 Grafische Blätter an. Darunter international bedeutsame Künstler wie Käthe Kollwitz, Sigmar Polke oder auch Lovis Corinth, unter dessen Namen alle zwei Jahre ein Preis von der Stiftung und der Künstlergilde Esslingen ausgelobt wird.

Gemälde und Skulpturen zur deutschen Kunst im östlichen Europa zwischen Romantik und Gegenwart werden regelmäßig unter dem Motto „Erinnerung & Vision“ in der auch Schausammlung genannten Dauerausstellung präsentiert, die sich im oberen Stockwerk des Museums befindet. Eine Auswahl an Grafischen Arbeiten von mehr als 500 Künstlern aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert hingegen wird thematisch abwechselnd unten im Ausstellungsraum „Schaufenster“ gezeigt.

A.Khoroshilova_Baltiysk

Aus der aktuellen Sonderausstellung „Heimat? Osteuropa in der zeitgenössischen Fotografie“: Baltiysk #1 aus der Serie Baltiysk von Anastasia Khoroshilova (2005). Foto: Anastasia Khoroshilova, Courtesy Galerie Ernst Hilger, Wien

Die Stiftung sammelt jedoch keineswegs nur traditionelle Kunstwerke aus Böhmen, Mähren, Schlesien, Ost- und Westpreußen, sie bemüht sich auch darum, aktuelle künstlerische Strömungen aus diesen Gebieten aufzugreifen und „für das Europa von heute und morgen fruchtbar zu machen“, wie es auf der Internetseite des Museums formuliert wird. Sehr anschaulich wird das in der aktuellen Sonderausstellung „Heimat? Osteuropa in der zeitgenössischen Fotografie“, die überregional und in den Medien sehr viel Anklang fand – und die noch bis zum 7. September besichtigt werden kann.

Erlebtes, das weitergetragen wird

Fotos von 13 Künstlern, die entweder selbst im östlichen Europa geboren wurden oder dort fotografierten, gehen der Frage nach: Was symbolisiert Heimat für die Menschen? Und so unterschiedlich wie die Länder, in denen die Bilder aufgenommen wurden, sind auch ihre Botschaften: Es sind nicht nur Eindrücke von einer früheren Heimat, sondern auch von verlassenen Orten, von Sehnsüchten, von Menschen, die auch nicht so genau wissen, wo sie mit sich hin sollen. Eine Suche nach Identität, die nicht nur die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch den gesellschaftlichen Umbruch nach dem Zerfall des Ostblocks widerspiegelt.

Es sind Aufnahmen wie diese, die eindrucksvoll demonstrieren, wie wichtig die Erinnerung gerade für Menschen ist, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Und die deutlich machen, dass Erlebtes von Generation zu Generation weitergetragen wird: Wo komm ich her und wo geh ich hin? Insofern wird die Ostdeutsche mit ihrem Stiftungsauftrag immer ein ambivalentes Gefühl heraufbeschwören. Schließlich sind Lebensentwürfe so unterschiedlich wie die Menschen, die sie leben.

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Kommentare (5)

  • Joachim Datko

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    Von Generation zu Generation wird kein Heimatgefühl weitergetragen!

    Zitat: „Es sind Aufnahmen wie diese, die eindrucksvoll demonstrieren, wie wichtig die Erinnerung gerade für Menschen ist, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Und die deutlich machen, dass Erlebtes von Generation zu Generation weitergetragen wird […]“

    Die Erinnerung verblasst mit den Jahren und der Tod nimmt sie ganz. Der frühere „deutsche“ Osten ist Teil Europas.

    Eine neue Generation hat keinerlei Bezug zur „alten“ Heimat im Osten.

    Und für die Menschen, die zurzeit aus aller Welt in Deutschland eine neue Bleibe suchen, gilt Ähnliches. Für die nächste Generation ist das Land „Heimat“, in dem die Menschen aufwachsen.

  • Dubh

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    Datko: „Eine neue Generation hat keinerlei Bezug zur “alten” Heimat im Osten.“

    Sie sollten nicht permanent von sich auf ALLE anderen schließen!
    Bei Ihnen mag das so sein, und bei anderen ist es anders.

    Ist Ihnen bis zum heutigen Tag nicht aufgefallen, dass Menschen unterschiedlich sind, denken, fühlen und handeln?

    „Die Erinnerung verblasst mit den Jahren und der Tod nimmt sie ganz.“

    Erinnerungen an „früher“ werden je älter man wird üblicherweise präsenter, die die tot SIND, dürften allerdings keine mehr haben.

    Die Lebenden aber haben normalerweise Erinnerungen an geliebte Menschen auch wenn die schon tot sind, an deren Eigenheiten, Geschichten und Erlebnisse bis sie selber sterben – und geben das und ihre eigenen Erinnerungen an Kinder und Enkel, und wer sonst noch dazwischen kommt, weiter – jedenfalls wenn man in einem Umfeld aufwächst/lebt, wo miteinander kommuniziert wird.

  • fördefas

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    Dubh: „Ist Ihnen bis zum heutigen Tag nicht aufgefallen, dass Menschen unterschiedlich sind, denken, fühlen und handeln?“

    Ich befürchte nach vielem, was ich von ihm gelesen habe, dass ein Herr Datko diesen Umstand eher als lästige Störung seiner Vorstellung von gut funktionierender Gemeinschaft/Gesellschaft empfindet, nicht als Vorteil für diese.

    Datko: „Für die nächste Generation ist das Land “Heimat”, in dem die Menschen aufwachsen.“

    Fragen Sie doch einmal die „nächste Generation“ nach deren Vorstellung von „Heimat“ z.B. unter diesen hier:
    http://tdkv-regensburg.de/www/IGR.html

    Setzt natürlich voraus, dass Sie überhaupt zulassen können, von „Heimat“ gäbe es so etwas wie ein Vorstellung, die mehr ist, als nur der bloße Name des Landes, der durch den Ort der Geburt einer Person bestimmt ist.

  • Joachim Datko

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    Zu 26.08.14 – 17:48 „Fragen Sie doch einmal die “nächste Generation” nach deren Vorstellung von “Heimat” z.B. unter diesen hier: http://tdkv-regensburg.de/www/IGR.html

    Die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sind Feinde der geistigen Selbstständigkeit des Menschen. Ich vertraue auf den Humanismus, die naturwissenschaftliche Bildung und die Informationsgesellschaft, sie drängen den Einfluss der Religionen zurück.

  • fördefas

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    Wie zu erwarten umschiffen Sie das eigentliche Thema in geradezu grotesker Weise. Heimat!
    Aber Sie sollten Ihre Chance haben: Was sind denn die Beiträge von „Humanismus, naturwissenschaftlicher Bildung und Informationsgesellschaft“ zur von Ihnen aufgestellten These „Für die nächste Generation ist das Land “Heimat”, in dem die Menschen aufwachsen.“?

    Was finden Sie da viel Stützendes, in diesen Disziplinen? Oder etwa gar Widersprüchliches? Geistige Selbständigkeit vorausgesetzt sollte Ihnen doch schon etwas mehr einfallen, als Ihr abseitiger Verweis auf „abrahamitische Religionen“ und ihre Feinde.

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