Archiv für 18. August 2014

Wer Opfer von Gewalt geworden ist, erhält Hilfe vom Weißen Ring. Günther Perottoni, Leiter der Außenstelle Regensburg, beklagt, dass viele Menschen den gemeinnützigen Verein und dessen Aufgaben aber gar nicht kennen würden. Ein Gespräch über gestiegene Gewaltbereitschaft, gesundes Misstrauen und dem Wunsch nach mehr sachlicher Berichterstattung bei Gewaltdelikten.

Interview: Dike Attenbrunner

günther perottoni

Seit Okotober 2013 leitet Günther Perottoni die Außenstelle des Weißen Rings in Regensburg. Foto: ad

Herr Perottoni, warum sind Sie Mitglied beim Weißen Ring geworden?

Ich war mein ganzes berufliches Leben lang bei der Kriminalpolizei, als Sachbearbeiter für Tötungsdelikte. Ein paar Jahre war ich dann auch noch beim Staatsschutz.

Übt man einen solchen Beruf gerne aus?

Ja, das ist sogar eine sehr schöne Aufgabe. Bei der Kripo hatte ich mit den verschiedensten Menschen zu tun. Da sieht man erst, dass Mord und Totschlag vor keiner Gesellschaftsschicht haltmachen. Am schönsten ist natürlich ein Ermittlungserfolg, wenn man jemanden dingfest machen kann – so wie damals bei dem siebenfachen Frauenmörder. (Anm. d. Red.: Perottoni war seinerzeit an der Aufklärung des Falles beteiligt. Vor zwei Wochen erzählte der ehemalige Kripobeamte in einem Beitrag von „hallo deutschland“ von den Ermittlungen zum „Würger von Regensburg“.)

Naturgemäß steht hier aber der Täter im Vordergrund. Man versucht, soziale Hintergründe für eine Tat zu finden und sucht nach Erklärungen für das jeweilige Verbrechen. Um die Opfer und ihre Angehörigen kümmert man sich eigentlich nicht. Als ich in Rente ging, wurde ich deshalb nicht nur Mitglied, sondern auch Mitarbeiter beim Weißen Ring.

Wie kann der Weiße Ring Opfern denn helfen?

Wir begleiten die Opfer, sofern sie das wollen, vom Beginn einer Straftat an bis zu einer möglichen Gerichtsverhandlung.

 „Den Menschen Angst vor den Behörden nehmen“

Sie gehen in den Gerichtssaal mit rein? Wieso?

Zur moralischen Unterstützung. Die meisten Menschen waren noch nie zuvor in ihrem Leben vor Gericht. Sie fürchten sich, weil sie völlig überzogene Vorstellungen davon haben, wie es in einem Gerichtssaal abläuft. Zum Teil haben sie Bilder von Fernsehkrimis im Kopf, in denen Angeklagte und Zeugen herumschreien. Ich sage ihnen dann immer, dass sie das bitte nicht als Maßstab nehmen sollen. Den Menschen die Angst vor den Behörden zu nehmen, gehört mit zu unseren Aufgaben.

Prävention ist ja auch eine Ihrer Hauptaufgaben: Der Weiße Ring wurde mitunter zur Verhütung von Straftaten gegründet. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir informieren die Öffentlichkeit über strafrechtlich relevante Themen und halten dazu unter anderem Vorträge. Seit über einem Jahr haben wir zum Beispiel einen Lehrer, der an den Schulen über Cybermobbing aufklärt – und Lehrkräften sowie Schülern anhand eines Films zeigt, worauf man im schulischen Alltag achten sollte.

„Vor allem Frauen melden sich“

Ist Cybermobbing mittlerweile ein so großes Problem geworden?

Oh ja! Früher wurden Eifersüchteleien untereinander ausgetragen, nun trägt man sie gleich weiter ins Internet. Es gibt viele Menschen, die darunter leiden. Aber bei den Opfern, die sich bei uns melden, handelt es sich größtenteils um häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe oder Stalking. Das sind dann meistens die Frauen. Bei den wenigen Männern, die uns kontaktieren, geht es größtenteils um Körperverletzungen.

Und wie sieht die Betreuung dann konkret aus?

Alle Telefonate gehen zunächst bei mir ein. Viele Opfer werden auch von der Polizei an uns weitervermittelt. Ich frage grundsätzlich erst einmal, ob eine Frau als Ansprechpartnerin gewünscht wird. Gerade in Fällen von häuslicher und sexueller Gewalt redet es sich leichter von Frau zu Frau.

Und dann findet eine Erstberatung statt. In diesem Gespräch versuchen unsere Mitarbeiter herauszufinden, was passiert ist und wie sie den Opfern helfen können. Wenn jemand traumatisiert ist, können wir die betreffende Person ganz unkompliziert zum ambulanten Zentrum im Bezirksklinikum schicken. Denn gleich einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen, ist heutzutage nicht mehr so einfach.

Außerdem schauen wir, ob das Opfer Rechtsbeistand benötigt und an welche Behörde er oder sie sich beispielsweise wenden könnte, um finanzielle oder anderweitige Unterstützung zu bekommen – und stellen den Kontakt her. Als gemeinnütziger Verein können wir aber auch selbst finanzielle Hilfe leisten. Da wir völlig unabhängig von irgendeiner staatlichen Organisation sind, geht das ziemlich schnell und unkompliziert.

„Regensburg ist im Großen und Ganzen eine friedliche Stadt“

In welchen Fällen wird denn schnell Geld benötigt?

Nehmen wir mal eine Frau, die seit längerem massiv gestalkt wird. Die braucht eine neue Wohnung und kann sich aber den Umzug nicht leisten. Psychisch würde sie einen längeren Aufenthalt an einem dem Stalker bekannten Ort allerdings nicht mehr ertragen. Dann beantrage ich das Geld für die Umzugshilfe – und in der Regel ist das innerhalb einer Woche da.

Vor kurzem hat eine überfallartige Vergewaltigung in Regensburg für Aufruhr gesorgt. Ist Regensburg ein gefährliches Pflaster?

Nein. Im Vergleich zu Großstädten wie München und Frankfurt ist Regensburg im Großen und Ganzen eine friedliche Stadt. So grauenvoll die Tat auch ist, so wurde sie doch medial und in den sozialen Netzwerken hochgespielt. Da werden irgendwelche Vermutungen geäußert oder Vorwürfe laut, dass die Aufklärung schneller vonstattengehen müsste. Aber auch wenn die Phantombilder, wie im vorliegenden Fall, erst nach zwei Wochen an die Presse gegeben wurden, findet das meiner Einschätzung nach im Rahmen ganz normaler Ermittlungsarbeiten statt. Die Polizei weiß oft mehr, als sie sagt. Genau das dient ja auch dem Schutz des Opfers. Würde man Sachen preisgeben, die nur der Täter wissen kann, könnte das beispielsweise vor Gericht zu dessen Vorteil ausgenutzt werden.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist die Polizei auf die Presse angewiesen, allerdings muss sie bei ihren Ermittlungen sehr behutsam und auch zum Wohle des Opfers vorgehen. Und da wäre es durchaus von Vorteil, wenn medial bisweilen etwas sachlicher berichtet werden würde.

„Gesundes Misstrauen schadet nicht“

Also kann man sich als Frau ruhig noch alleine auf die Straße trauen?

Klar, wobei ein gesundes Misstrauen nicht schadet. Wer abends mit der Freundin unterwegs ist, könnte diese zum Beispiel bitten, auf das Getränk aufzupassen, wenn man die Toilette aufsucht. Damit keiner K.O.-Tropfen reintun kann. Ich will damit absolut keine Angst schüren, nur zu etwas mehr Vorsicht raten. Außerdem findet Gewalt an Frauen und sexueller Missbrauch vorwiegend im privaten Umfeld statt.

Gibt es dazu Zahlen?

Nein. Von den über 90 Fällen, die bei mir eingingen seit ich die Außenstelle im Oktober vergangenen Jahres übernommen habe, sind es aber hauptsächlich Frauen jeder Altersgruppe, die Hilfe benötigen. Gerade bei häuslicher Gewalt ist die Dunkelziffer sehr hoch. Ärzte klagen immer wieder über Patientinnen, die von ihren Männern grün und blau geschlagen werden, diese aber nicht anzeigen wollen und so tun als wäre nichts.

„Heutzutage muss sich keine Frau mehr schlagen lassen“

Woran liegt das?

Die Frauen haben Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder. Und dann kommt meistens noch hinzu, dass der Mann der alleinige Versorger ist. Sie befürchten, mittellos auf der Straße zu landen. Diesen Frauen würde ich gerne sagen, dass sich heutzutage wirklich niemand mehr schlagen lassen muss. Hier können wir sehr viel Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Wir haben gute Kontakte zum Frauenhaus und können, je nach Schweregrad, für finanzielle Unterstützung sorgen. Aber wir können auch nur Aufklärung betreiben, wir können niemanden zu etwas zwingen. Das gilt auch bei sexuellem Missbrauch.

Wie meinen Sie das?

Viele Frauen melden sich erst bei uns, wenn die Vergewaltigung schon zwei oder drei Tage zurückliegt. Sie behalten das Verbrechen zunächst für sich, weil sie sich schämen oder Angst haben, dass es an die Öffentlichkeit kommt. Das Problem ist nur, dass es mit jedem Tag, der verstreicht, auch schwieriger wird, dem Täter die Tat nachzuweisen und für eine Verurteilung zu sorgen. Wenn man nicht sofort zum Arzt geht, damit der einen Abstrich machen, im Fall von K.O.-Tropfen Blut abnehmen und mögliche Verletzungen dokumentieren kann, dann sind dem Gericht später oft die Hände gebunden. Es steht Aussage gegen Aussage – und der Staatsanwalt ist gezwungen, das Verfahren einzustellen.

Dennoch können wir darüber nur informieren. Es wird niemand gezwungen, Anzeige zu erstatten oder zum Arzt zu gehen! Bei uns steht das alleinige Interesse des Opfers im Vordergrund! Wir würden auch nie Informationen an die Polizei oder andere Behörden weitergeben.

 „Wir garantieren absolute Verschwiegenheit!“

Jetzt haben Sie jede Menge Erfahrung im kriminalistischen Bereich. Ist das eine Voraussetzung, um Mitarbeiter beim Weißen Ring werden zu dürfen?

Überhaupt nicht! Unter unseren zehn Mitarbeitern befinden sich alle Berufsschichten.In erster Linie kommt es auf Vertrauen und absolute Verschwiegenheit an. Die Opfer müssen das Gefühl haben, dass sie uns wirklich alles anvertrauen können und wir das nicht weitertragen. Außerdem nehmen die Mitarbeiter an mehreren Schulungen teil und müssen sich im Laufe ihrer Tätigkeit immer wieder weiterbilden.

Über 420 Außenstellen betreibt der Weiße Ring mittlerweile in ganz Deutschland, für die an die 2.500 Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind. Ist das ein Zeichen, dass die Anzahl an Gewalttaten gestiegen ist?

Hm, das ist schwer zu sagen. Meiner Meinung nach ist die Bereitschaft zu körperlicher Gewalt an sich schon gestiegen. Woran das genau liegt, weiß ich auch nicht. Worüber ich mich aber wundere, ist die Tatsache, dass der Weiße Ring in der Bevölkerung gar nicht so bekannt ist. Ich werde sehr oft gefragt, was wir überhaupt machen.

Viele wissen außerdem nicht, dass man kein Mitglied des Weißen Rings sein muss, um unsere kostenlose Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen oder in welchen Fällen man sich überhaupt an uns wenden kann. Versicherungsbetrügereien gehören beispielsweise nicht zu unserem Zuständigkeitsbereich. Wir sind immer dann der richtige Ansprechpartner, wenn Gewalttaten oder Bedrohungen vorliegen. Auch Menschen, die in Deutschland leben, und denen im Ausland Gewalt angetan wurde, können sich bei uns melden.

Herr Perottoni, vielen Dank für das Gespräch!

Wer noch mehr wissen oder den gemeinnützigen Verein unterstützen will: Hier geht es zur Webseite des Weißen Rings.

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