Porträt

Das Abenteuer ist des Kutschers Lust

Es ist noch nicht allzu lange her, da durfte Bernd Neumann-Henneberg während einer unverschuldeten Festnahme in Großbritannien eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Das hält den Kutscher jedoch nicht von einem weiteren Besuch bei den Briten ab: Derzeit weilt er bei einer Freundin in deren Londoner Villa. Ein Porträt über einen Lebemann.

Von Dike Attenbrunner

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Er will es dem im Alter von 108 Jahren verstorbenen Jopie Heesters nachmachen und noch viele Abenteuer erleben: Bernd Neumann-Henneberg. Fotos: ad

Behutsam stellt ein älterer Herr sein Fahrrad vor dem Café Schokoladl am Haidplatz ab. Er wickelt bedächtig das Schloss um die Speichen und stößt mit einem verschmitzten Grinsen unter dem breitkrempigen Hut die Tür zum Schokoladl auf. Mit einer eleganten Bewegung lupft er seinen Hut zum Gruße, so wie die Herren das früher immer zu tun pflegten, bevor er Schal und Hut ganz abnimmt und die Sicht auf einen stoppeligen Dreitagebart freilegt.

Ein vermeintlicher Drogenschmuggler?

So sieht er also aus: Bernd Neumann-Henneberg. Kutscher, Rentner, Lebemann und neuerdings – und nicht ganz ernst gemeint: „gefährlichster Mann Regensburgs.“ Als der 70-Jährige im vergangenen Herbst seine Kinder in Großbritannien besuchen wollte, wurde er als vermeintlicher Drogenschmuggler festgenommen. Neumann-Henneberg hatte sich per Mitfahrgelegenheit auf die Reise gemacht – und die Briten offensichtlich den Emailverkehr zwischen ihm und dem Fahrer mitgelesen. Neumann-Henneberg kann sich diesen Vorfall bis heute nicht erklären.

Aber vielleicht ist es ja auch einfach unvorstellbar und per se verdächtig, wenn ein Mann seines Alters sich moderner Kommunikationsmittel bedient und den Urlaub über eine Mitfahrzentrale organisiert. Als ich Neumann-Henneberg ein paar Tage vorher anrufe, um mich mit ihm zum Interview zu verabreden, ertönt es gleich: „Ah, ja, Sie sind die Dame aus Sneek.“ Während ich noch völlig sprachlos ein „Äh“ in den Hörer stoße und fieberhaft überlege, woher er das weiß, redet er schon weiter: „Das steht auf Ihrer Facebook-Seite. In Sneek war ich schon mal, als ich Freunde in Holland besucht habe. Das ist am IJsselmeer, nicht wahr?“ Ich bin alarmiert. So gänzlich unbedarft scheint mir der gute Herr dann doch nicht zu sein.

Die abhängige Situation…

Auch wenn der gebürtige Regensburger dieser Tage etwas müde wirkt. Aber, so sagt er, das komme von der abhängigen Situation, in der er sich gerade befinde. Pia, sein Carrossier-Pferd, ist bei einem Kumpel im Stall untergebracht. Und weil besagter Freund gerade im Krankenhaus liegt, muss der Kutscher nicht nur sein Ross, sondern auch die Rösser des Stalleigentümers versorgen. Nach 35 Jahren der Selbständigkeit im Gastwirtschaftsgewerbe – unter anderem als Weinhändler, Ober und Wirt – war es mit Beginn der Rente vor acht Jahren eigentlich sein erklärtes Ziel, „eine Abhängigkeit künftig soweit wie möglich zu vermeiden.“

Weil eine magere Rente von gut 400 Euro aber nicht zum Leben reicht, brauchte es zusätzlich anderweitige Einkünfte. Hatte er sich als 11-jähriger Junge noch etwas über den Vorschlag seiner Mutter gewundert,  dass jeder Mann reiten können müsse, freute er sich mit Anfang 60 über das erworbene Können, besorgte sich ein zugkräftiges Pferd („Meine Pia ist so stark wie zwei Haflinger!“) und einen zweiachsigen Wagen – und sattelte im hohen Alter auf Kutscher um. Neumann-Henneberg avancierte damit zu einem der gegenwärtig meistfotografierten Regensburger, davon ist er jedenfalls fest überzeugt: „Ich möchte wetten, dass einige Fotos von mir in Wohnzimmern auf der ganzen Welt hängen!“

Kein Dank für „berühmten Einwohner“

Danken tut die Stadt Regensburg ihrem „berühmten Einwohner“ die Berühmtheit nicht. „Dass ich hier mit der Kutsche fahre, ist doch gar nicht erwünscht!“, schimpft Neumann-Henneberg. Als er für seine Kutsche einen Stellplatz bei der Stadt habe beantragen wollen, wurde das vehement abgelehnt und mit Schauermärchen über die Gefahr des Kutschenfahrens untermauert: „Eine städtische Mitarbeiterin hat überall rumerzählt, dass in Regensburg schon mal ein Kleinkind unter die Kutsche geraten und daran gestorben sei. Dabei geschah das in Ravensburg, nicht hier. Mir ist in meinen ganzen 70 Jahren kein derartiger Vorfall zu Ohren gekommen. Auch wenn man bei dem heutigen Verkehrsaufkommen immer höllisch aufpassen muss.“ Wie dem auch sei: Das Kutschenfahren an sich kann man Neumann-Henneberg gar nicht verbieten, denn das fällt unter die Straßenverkehrsordnung.

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Und warum hat die Stadt dann etwas gegen einen Stellplatz für seine Kutsche? „Keine Ahnung, vielleicht kommen sie hier in Regensburg mit so einem verrückten Hund und Abenteurer, wie ich es einer bin, ja einfach nicht zurecht…“

Die Abenteuer nahmen ihren Lauf

Die Abenteuer von Bernd Neumann-Henneberg nahmen ihren Anfangmit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Haus seiner Familie wurde am 23. März 1945 als eines von wenigen in Regensburg zerbombt. Am selben Tag geriet der Vater, ein Oberstleutnant, in Kriegsgefangenschaft. „Meine Mutter, meine beiden Brüder und ich, wir haben nirgends wohnen können“, erzählt der Kutscher. Von einem Freund des Vaters wurden ihnen schließlich zwei Lagerräume zur Verfügung gestellt. Später dann zogen sie in die Wohnung eines 800 Jahre alten Patrizierhauses um.

Und dort entdeckte der damals 13-Jährige eines Tages am Dachboden ein Bajonett. Das stammte vermutlich noch aus der Zeit der napoleonischen Kriege. Stolz steckte er es in seine Schultasche, um es tags darauf in die Schule mitzunehmen. Leider ragte die Stahlklinge aus dem Ledertascherl hervor, der Pedell (so nannte man den Hausmeister früher) sah es, schnappte sich die feststehende Waffe und rannte damit stehenden Fußes zum Direktor. „Und der hat meiner Mutter dann nahegelegt, mich von der Schule zu nehmen. Das war’s dann mit meiner schulischen Karriere“, erzählt Neumann-Henneberg grinsend.

Die Krux mit dem Doppelnamen

Auf Grund seines Doppelnamens sei er während seiner gesamten Schullaufbahn ohnehin nicht gerade gnädig behandelt worden: „Meine Mitschüler haben mir immer unterstellt, dass ich deswegen glaube, etwas Besonderes zu sein.“ Diesen Umstand verdankt er seinem Urgroßonkel väterlicherseits. Gustav Henneberg war ein sehr reicher Seidenhändler. Dessen Töchter waren auf der Zugreise von Dresden nach Berlin ermordet worden, der Sohn 1914 in Frankreich gefallen. Deswegen verfügte Henneberg testamentarisch, dass das Vermögen auf seine Schwester übergehen sollte. Um das Testament annehmen zu können, musste diese ihrem angeheiraten Namen Neumann allerdings den Familiennamen Henneberg hinzufügen. Und da dies in Deutschland nicht möglich war, wanderte die Urgroßmutter des Kutschers mit ihrem Mann in die Schweiz aus.

Der Abschied von der Schule fiel ihm also nicht schwer. In dem Haus, in dem er damals wohnte, befand sich außerdem eine Zinngießerei. Da hatte er in den Sommerferien schon immer mitgeholfen, das wollte er nun zum Beruf machen. Die Ausbildung ging über in eine sechsjährige Anstellung bei Richter + Frenzel, einer Firma für Sanitär und Haustechnik – danach fuhr er von Hamburg aus ein paar Jahre zur See. Bis zur Rente konzentrierte er sich anschließend auf ein Leben als Gastwirt mehrerer Regensburger Lokalitäten. Arbeitstechnisch gesehen ein Kompromiss, denn eigentlich  wollte er als Steward auf einem Schiff anheuern. Daraus wurde nur leider nichts, weil er trotz intensiver Suche keine Stelle bekam.

Politik-Hopping von liberal zu links

Manchmal, wenn unser Gespräch kurzzeitig verstummt und Neumann-Henneberg Erinnerungen an längst vergangenen Tagen nachhängt, betrachten wir schweigend die Leute, die an uns vorbeigehen. Ein – bis zweimal täglich zieht es den Kutscher in das Schokoladl. An den klitzekleinen Tischen mit den puppenähnlichen Stühlen. Bei deren Anblick man sich vorher überlegt, wie man sich da überhaupt reinquetschen soll. Und sich nachher wundert, dass es sich gleichermaßen bequem wie ruhig miteinander reden lässt. Auch wenn die wenigen Nachbarstische belegt und ebenfalls von Gesprächen erfüllt sind.

„Wissen’ S“, nimmt Neumann-Henneberg das Gespräch wieder auf, „die große Politik hat mich nie interessiert. Auch wenn ich als stellvertretender Vorsitzender der Jungdemokraten in Regensburg  Leute wie Hans-Dietrich Genscher kennengelernt habe, die meisten dieser Polit-Größen waren ekelhafte Deppen! Ich will hier in meiner Stadt etwas verändern.“ Bis 1979 war er aus diesem Grund politisch in der FDP aktiv, danach Gründungsmitglied der Grünen in Regensburg. Als diese sich vor vier Jahren im Saarland auf eine „gekaufte Jamaika-Koalition“, wie Neumann-Henneberg es formuliert,  einließen, war auch damit Schluss. Jetzt kandidiert er auf der Liste der Linken für den Stadtrat.

kutscher1„Als sozialer Mensch muss man einfach auf der linken Seite stehen!“, sagt er voller Inbrunst. Deswegen fährt er jetzt auch in der Winterpause („Im Winter ist mir das Kutschenfahren einfach zu kalt!“) nach London, zu einer 88-jährigen Freundin. Deren Mann ist kürzlich gestorben – und die braucht mit ihrer 8-Zimmer-Villa in der Nähe des Hyde Parks etwas Unterstützung. Bei der Gelegenheit will er auch gleich noch mal in der deutschen Botschaft vorbeischauen. Diese weigert sich nämlich, ihm eine Durchschrift vom Protokoll seiner Festnahme zukommen zu lassen – und das lässt sich ein Neumann-Henneberg natürlich nicht bieten. „Nach europäischem Recht hätte ich während des Verhörs Anspruch auf einen rechtskundigen Beistand und einen Dolmetscher gehabt. Beides ist nicht geschehen. Notfalls verklage ich halt die Bundesrepublik Deutschland, wenn sie mir nicht entgegenkommen!“

„Wer daheim bleibt, erlebt nichts“

Und weil das alles noch nicht spannend genug ist, wird er bald auch noch eine Weltreise antreten. Selbstverständlich alleine. Seine drei Kinder haben ihm zum Siebzigsten eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn geschenkt. Von da aus stehen außerdem auf dem Programm: Wladiwostok, Peking, Neuseeland, Australien und Havanna.

Ein Ende der Neumann-Hennebergschen Abenteuer scheint also noch nicht in Sicht. Zumindest nicht, wenn es nach dem Kutscher geht, strebt er doch danach, es dem im hohen Alter von 108 Jahren verstorbenen Jopie Heesters gleich zu tun. Dafür steht auch der weiße Schal, den er neuerdings als Markenzeichen trägt.  Wer daheim bleibe, erlebe nichts, so der lebenslustige 70-Jährige  – oder um es mit Heesters zu sagen: „Soll ich zu Hause sitzen und warten, bis man mich holt? Ich denke nicht daran.“

Ach, was der Kutscher kann, können Sie schon lange? Oder zumindest jemand, den Sie kennen, der wiederum jemand kennt? Dann zögern Sie nicht lange und schreiben Sie uns eine Email mit Ihrem Vorschlag. Wir sind für unsere Porträt-Serie laufend auf der Suche nach interessanten Menschen in und rund um Regensburg. Und nein, berühmte reiche Vorfahren oder eine Angehörigkeit zum Hause Thurn und Taxis sind dafür nicht vonnöten.

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Kommentare (1)

  • Kerstin Lange

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    Bitte mehr Artikel dieser Art! Sehr lesenswert!

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