SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 9. März 2014

„Thomas Spitzer spielt eher denjenigen in die Hände, die Kultur in erster Linie als Konsumgut betrachten, das nur zu rechtfertigen sei, wenn es sich rechne.“ Eine Replik auf Thomas Spitzers Beitrag „Ist Kultur überhaupt erwünscht?“

Von Martin Oswald

Konzert H5Es ist begrüßenswert, dass derzeit eine wahrnehmbare Diskussion über die Kulturpolitik in Regensburg stattfindet. Nicht zuletzt die im Dezember 2013 bekannt gewordene mögliche Schließung des Ostentorkinos hat das Thema an die mediale Oberfläche gespült. Regionale und überregionale Medien berichten seitdem, manche stellen auch Zusammenhänge zu vorangegangenen kulturellen und kulturpolitischen Entwicklungen in Regensburg her. In diesem Kontext ist auch der kürzlich publizierte Beitrag von Thomas Spitzer auf Säms Klangbezirk und regensburg-digital „Ist Kultur überhaupt erwünscht?“ zu sehen und insofern auch wichtig. Es tut dringend Not über die Kulturentwicklung in Regensburg in aller Breite und Ausführlichkeit zu reden.

Spitzers Argumentation ist ärgerlich

Allerdings ist Spitzers Argumentation ärgerlich, weil sie teils undifferenziert und teils falsch ist und dadurch insgesamt den Blick auf die eigentlichen Problemlagen verstellt und verschleiert. Dankenswerterweise hat er seinen Beitrag in fünf Punkte gegliedert, so dass auch eine Replik dieser übersichtlichen Struktur folgen kann. Ich möchte auf alle fünf Punkte einzeln eingehen und anschließend mit einem Fazit schließen.

Zu 1.: Ist Kultur wirklich nichts wert?

Spitzer beklagt, dass Kultur (vor allem Studierenden) nichts wert sei. Das zeige sich daran, dass angeblich viele nicht bereit seien, selbst 8 Euro für einen Theaterbesuch auszugeben und überhaupt stets daran interessiert seien, Eintrittspreise nach unten zu drücken bzw. gleich viel lieber kostenlose Kulturevents besuchen.

Diese Einschätzung hängt vermutlich am meisten davon ab in welchen Kreisen man sich bewegt. Spitzer verallgemeinert hier zu unrecht, wie ich finde. Selbstverständlich gibt es reichlich Leute, die am liebsten gar nichts bezahlen würden und ohnehin lieber auf große Events gehen. Oder wenn es schon etwas kostet, dann bitte möglichst wenig. Aber so ist das eben und für die Kultur selbst auch gar nicht einmal so tragisch. Leute, die Theateraufführungen, Konzerte, Lesungen etc. als Konsumgüter unter vielen verstehen, denken eben wie Verbraucher_innen: „Och ne, Theater ist mir zu teuer, ich geh’ lieber Pizzaessen.“ Manche interessieren sich schlichtweg auch gar nicht für Kultur (also Theater, Kunst und Musik im engeren Sinne) und das ist auch in Ordnung. Es wäre ja noch schöner Leute zu zwingen, gefälligst kulturbegeistert zu sein.

Mir selbst begegnet übrigens eher das Gegenteil von Spitzers Schilderungen. Da zeigen Leute durchaus Verständnis, dass eine Punkband aus den USA mal eben nicht für 5 Euro zu haben ist oder zeigt sich selbstverständlich gewillt befreundeten (aber auch anderen) Künstler_innen Geld für Auftritte zu bezahlen und sich, wenn es der Geldbeutel zulässt, mit Merch und Platten einzudecken, um die Bands zu unterstützen. Es ist mitnichten so, dass dies nicht auch in Regensburg „eine Frage der Ehre“ wäre. Da muss man keinen scheuen und neidischen Blick gen Köln oder Berlin schicken. Eine Knausrigkeit mag es stellenweise geben, freilich, wie überall sonst auch. Dies aber zu einem Regensburg spezifischen Problem zu erklären, ist dann doch unangebracht.

Überdies sollte nicht vergessen werden, dass sich für einige überhaupt nicht die Frage stellt, ob sie bei einem Konzert ein paar Euro mehr bezahlen wollen, weil sie es aufgrund ihrer Einkommenssituation schlichtweg nicht können. Dazu gehören manche Studierende, aber auch viele andere, die Interesse an kultureller Teilhabe hätten, ihr Geldbeutel das jedoch nicht hergibt. Ob sie wollen oder nicht. (Übrigens: An dieser Stelle sind wir am Punkt der allgemeinen gesellschaftlichen Reichtums- und Armutsverteilung, die in jeder kulturpolitischen Debatte unbedingt zu berücksichtigen ist. Ohne verteilungspolitische Fragen kann Kultur niemals angemessen diskutiert werden.)

Zu 2.: Fehlt es wirklich an Nachwuchs?

Die These Spitzers wonach es den Regensburger Bühnen an Nachwuchs fehle, sehe ich in der Realität nicht bestätigt. Es mag sein Eindruck sein, insbesondere auf die Poetry-Slam-Szene bezogen (dort kenne ich mich nicht aus), doch insgesamt scheint mir hier auch eher das Gegenteil wahr zu sein. Für eine kleine Großstadt hat Regensburg eine recht lebhafte (Sub-)Kulturszene. Trotz aller (zunehmenden) Widerstände wohlgemerkt. Denn es wird in Zukunft eher schwieriger als leichter.

Aber aktuell: Freilich könnte es immer ein bisschen mehr sein und unterliegen solche Entwicklungen auch einer gewissen Fluktuation. Es gibt bessere Jahre und schlechtere Jahre. Aber man muss sich eben auch ansehen was sich gerade z. B. in der Punk-/Hardcore-DIY-Szene tut (sehr viel), die „Heimspiel-“ oder „Notes From The Underground-” Konzertreihen in der Alten Mälze (der gut gebucht ist zur Zeit) wahrnehmen, die wirklich zahlreichen Laienschauspielgruppen registrieren oder auch das proppenvolle Regionalfenster-Programm bei der Internationalen Kurzfilmwoche zur Kenntnis nehmen.

Um Nachwuchs würde ich mir in Regensburg keine Sorgen machen. Besorgniserregend ist vielmehr der Mangel an kultureller Infrastruktur. Es fehlt nicht an nachwuchs, sondern an Bühnen für den Nachwuchs. Hier ist Regensburg keine kleine Großstadt, sondern allenfalls eine größere Kleinstadt.

Zu 3.: Das kulturelle Publikum

Spitzer wälzt die Behauptung des angeblich mangelnden Nachwuchses auch auf das kulturelle Publikum um. Vermutlich hat er hierzu keine Zahlen, ich übrigens auch nicht und es ist auch die am schwersten verifizierbare These. Subjektive Eindrücke müssen hier aushelfen. Dass sich Zeiten ändern, ist natürlich wahr, aber auch keine großartige Erkenntnis. Der Zugang zu Kultur ändert sich, die Kommunikationswege sind andere als noch vor einigen Jahren etc. Na und? Wo ist das Problem? Ich weiß ja nicht, ob ich im medialen Mittelalter lebe, aber mir hat noch nie jemand eine gestreamte HBO-Serie statt einem Kinofilm empfohlen. Ich weiß aber, dass ich noch nie so gut informiert war, wann, wo, was stattfindet. Facebook, Blogs und allerlei Apps sei dank. Aber unabhängig davon: fehlt es tatsächlich an Nachwuchs im Publikum?

Zumindest ich kann das nicht bestätigen. Klar, manch eine Theaterinszenierung läuft besser, eine andere schlechter, ein Konzert findet mal vor zehn Leuten statt, ein anderes dafür vor hundert. Dass darunter auch ein paar Weißhäupter sind, finde ich eher toll als beklagenswert. Eine grundsätzliche Alterung des Publikums kann ich auf Basis der Veranstaltungen, die ich besuche, jedenfalls nicht erkennen. Kulturelle Veranstaltungen scheinen mir im Schnitt eigentlich ganz gut besucht zu sein. Auch von jungen Leuten.

Zu 4.: Regensburg soll schlecht liegen?

Dass Regensburg geografisch ungünstig läge und sich deshalb nicht als Zwischenstopp auf der Durchreise von Kleinkünstler_innen und Musiker_innen eigne, ist – mit Verlaub – völliger Quatsch. Das Gegenteil ist richtig, Regensburg liegt eigentlich blendend.

Denkt man in einem kleineren Maßstab von regionalen, also bayerischen Künstler_innen auf Tournee, die, sagen wir mal zehn Orte abklappern, so kommen sie an Regensburg eigentlich vorbei (sofern es eine Auftrittsmöglichkeit gibt). Kein_e Kabarettist_in lässt bei einer Tour Regensburg aus. Regional-geografisch gedacht: Regensburg könnte das kulturelle Zentrum der Oberpfalz, von Nord-Niederbayern, Nord-Oberbayern und Südfranken sein. Hier bündelt sich der gesamte ostbayerische Raum.

Für Künstler_innen, die Regensburg nicht gezielt ansteuern, ist es sehr wohl ein geeigneter Zwischenstopp. Überregional und europäisch gedacht: eine Band, die natürlich München aufsucht, ist in 1 1/2 Autostunden in Regensburg. Auf Nord-Süd-Durchreise (Berlin-Leipzig-Nürnberg-München-Innsbruck) fährt sie sogar (fast) direkt durch Regensburg. Auch auf der Linie Wien-Frankfurt-NRW liegt Regensburg drauf. Bindet man in diese geografischen Überlegungen Tschechien und Polen ein, so liegt die Stadt auf der Achse “München-Pilsen-Prag-Breslau-Warschau”. Eine Stadt von dieser Größe könnte sich kaum einen besseren Ort wünschen. Für Künstler_innen nah genug an den großen bayerischen Städten, für das Publikum aus Ostbayern weit genug davon entfernt, um lieber nach Regensburg als nach München oder Nürnberg zu fahren.

Dass allerdings (nicht nur) aus kultureller Sicht – zumal die meisten Veranstaltungen abends oder nachts stattfinden – der öffentliche Nahverkehr in Regensburg geradezu katastrophal ist, ist jedoch vollkommen richtig. Ohne Auto ist man vom Stadtrand oder aus dem näheren und weiteren Umland kommend aufgeschmissen.

Zu 5.: Von Kapitalismus und Kultur

Die Feststellung Spitzers, dass auch junge Kultur kapitalistischen Gesetzen unterliege, ist zweifellos richtig. Wenn sich etwas nicht rechnet, zumal vielleicht sogar gesellschaftskritische, unbequeme oder unliebsame Kulturprojekte, wird eben dicht gemacht. Punkt. Spitzer wörtlich:

„Bei jedem Startup-Unternehmen oder Großraumbüro in der Innenstadt würde man sagen: Pech. Und bei Kulturstätten soll es gleich Hochverrat sein?!“

Nein, natürlich kein Hochverrat, that’s capitalism. Und doch muss man gerade an dieser Stelle genauer intervenieren, führt hier Spitzer argumentativ in die Irre. Denn sich mit diesem Zustand abzufinden oder ihn zu bagatellisieren, halte ich für einen schweren Fehler. Aber der Reihe nach.

Selbstverständlich ist Kultur nicht frei von Profitinteressen. Sie ist im Prinzip und grundsätzlich den gleichen Produktions- und Konsumptionsregeln unterworfen, wie alles andere, das auf dem Markt als Ware dargeboten wird. Aus diesen Verhältnissen kann sich eine Stadt nicht ausklinken. Sie kann den Gesamtprozess nicht wesentlich beeinflussen oder gar aufhalten. Aber sie kann etwas anderes tun. Sie kann Nischen schaffen, die sie der Profitlogik entzieht. Sie kann Räume schützen, in denen Scheitern nicht gleichbedeutend mit finanziellem Ruin ist. Kunst muss auch Scheitern können. Eine kulturelle Veranstaltung mit fünf zahlenden Gästen ist eben auch eine kulturelle Veranstaltung. Die Stadt kann freie Strukturen fördern, anstatt sie per se als ein Sicherheitsrisiko zu betrachten – wie es das Ordnungsamt übrigens systematisch tut. Für das Amt ist nämlich jede kulturelle Aktivität erst einmal grundsätzlich eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Kulturelles Mittelalter.

Und wer jetzt behauptet, das ginge ja alles gar nicht, so viel Geld könne man gar nicht bereitstellen und müsse sich eben auch Kultur rechnen, ist aufgerufen, die mit Abstand unrenatbelste städtische Einrichtung unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten: das Stadttheater. Um einmal in der Marktlogik zu bleiben (die nicht meine ist und die ich keinesfalls verteidigen möchte): bei Einnahmen von etwa 200.000 Euro jährlich, kostet das Stadttheater die Stadt Regensburg im Jahr knapp 12 Mio. Euro. Soviel zu Betriebswirtschaft, Kultur und Minusgeschäft.

Der Ausgangspunkt in Spitzers Beitrag ist, dass man die Gründe für das kulturelle Ausbluten nicht bei “bösen Reichen, korrupten Regionalpolitikern und fiesen Spießbürgern“ suchen sollte. Das ist richtig und falsch zugleich. Es ist richtig, wenn die Aufzählung damit wortwörtlich und personifiziert die angesprochenen „Bevölkerungsgruppen“ meint. Es ist allerdings falsch, falls das als Chiffre für die Verdrängungstendenzen im Allgemeinen dient. Böse Reiche, korrupte Regionalpolitiker und fiese Spießbürger – das ist natürlich Unsinn.

Einigen wir uns lieber auf eine spießbürgerliche Kulturpolitik, die bereit ist zugunsten kurzfristig glänzenden Bilanzbüchern die (sub-)kulturelle Vielfalt und über Jahre gewachsene Kulturräume zu opfern. Im Einzelnen mag man eben einen Pacht- oder Mieterwechsel vorfinden, im Allgemeinen aber das Ausbluten der Regensburger Kultur. Das lässt sich nicht dadurch verhindern, dass wir alle ein paar Euro mehr Eintritt bezahlen, sondern durch ein grundsätzlich anderes Verständnis von Kultur, das nicht mehr im Saldo seine Rechtfertigung sucht, sondern in der kulturellen Tätigkeit selbst. Hier muss die Stadt einen wesentlichen Beitrag leisten.

Fazit

Ich teile die Ansicht Spitzers nicht, dass es Regensburg mit einem Mix aus mangelnden Auftrittsmöglichkeiten, mangelndem Interesse, mangelnder Zahlungsbereitschaft, mangelndem Nachwuchs und der Abgeschiedenheit der Stadt zu tun hat. Ich glaube vielmehr, dass Regensburg eine zutiefst konservative Kulturpolitik betreibt, die auf ein völliges Missverhältnis von institutionaliserter „Hochkultur“ und freier Kulturszene setzt. Die Kultur blutet nach und nach aus, weil man bisher nicht bereit war Verdrängungsprozesse wahrzunehmen und letztere durch reichlich städtische Unterstützung zumindest einzudämmen. Ja, es mangelt an Auftrittsmöglichkeiten, Geld, einer aktiven Unterstützung der Kulturszene(n) und insbesondere an der Haltung der Verantwortlichen.

Insofern spielt Spitzer mit seinem Beitrag, dessen Gründe ich versucht habe zu widerlegen, eher denjenigen in die Hände, die Kultur in erster Linie als Konsumgut betrachten, das nur zu rechtfertigen sei, wenn es sich rechne.

In diesem Zusammenhang sollte man übrigens die Lauscher spitzen, wenn z. B. ein Jürgen Huber (OB-Kandidat der Grünen und selbst bildender Künstler (!)) fordert, dass die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg „ein kommerzielles Standbein aufbauen“ müsse und den Bezuschussungszyklus durchbrechen solle. Ich halte den Alimentierungsgedanken für ausgesprochen falsch und lehne die dahinter stehende Verwertungs- und Marktlogik – nichts anderes ist das – entschieden ab. Noch mehr Kommerzialisierung ist gewiss nicht der richtige Weg, um der Kulturverdrängung in Regensburg Einhalt zu gebieten. Und wer der Logik der Herren Huber und Co. folgt, sollte sich schnellstmöglich dafür einsetzen das Stadttheater abzureißen. Ich bin aus geschilderten Gründen nicht dafür, auf die entsprechende Debatte wäre ich aber gespannt.

Armes Isental

Nicht genug damit, dass die A 94 trotz jahrzehntelanger Bürgerproteste nunmehr quer durch eine der schönsten Landschaften Deutschlands gebaut wird – jetzt müssen das Isental und seine Bevölkerung auch noch den Tatort für einen recht mäßigen Krimi abgeben. Eine Besprechung von Leonhard F. Seidls Roman „Genagelt“.

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