Schimmel-Mais: Liegt der Fehler im Kontrollsystem?

„Der größte Lebensmittelskandal, den wir je gesehen haben“

Edlham/Brake. Ein Lebensmittelskandal folgt dem nächsten: Nach Pferdefleisch in Fertiggerichten und falsch deklarierten Bio-Eiern haben Futtermittelhersteller nun Mais verarbeitet, der mit dem krebserregenden Schimmelpilzgift Aflatoxin B1 verseucht war. Der Schimmelpilz kam mit einer Schiffsladung Mais von Serbien nach Deutschland und war über einen Hamburger Importeur an den niedersächsischen Hafen Brake geliefert worden. Davon gelangten 10.000 Tonnen in Umlauf. Aflatoxin B1 ist alles andere als ungefährlich: über den tierischen Magen geht das stark krebserregende Gift in Fleisch und Milch über. Am Dienstag wurde in Niedersachsen zwar Entwarnung gegeben: Dort dürfen alle betroffenen Betriebe wieder Fleisch und Milch ausliefern. Doch was bleibt, ist die Kritik an der Eigenkontrolle der Lebensmittelindustrie. Die wird, angesichts gehäufter Skandale, immer lauter – unter anderem auch von Mischfutterhersteller Josef Feilmeier. Ein Gastbeitrag von Dike Attenbrunner von unserem istlokal-Partnerblog da hog’n
feilmeier siegel ohne gentechnik

Mischfutterhersteller Josef Feilmeier warnt seit Jahren vor Lebensmittel-Skandalen. Er ist überzeugt: „Was bislang an die Öffentlichkeit gelangte, ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Foto: da Hog’n

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir das auch in Bayern finden“

Feilmeier aus Edlham im Landkreis Passau warnt schon seit Jahren vor solchen Szenarien – und wurde dafür bislang nur belächelt. „Das ist erst die Spitze des Eisbergs“, zeigt sich der 56-Jährige überzeugt. „Das wird der größte Lebensmittelskandal, den Deutschland jemals gesehen hat!“ Denn auch wenn das Schimmelpilzgift bislang nur in sieben Bundesländern entdeckt worden sei, „ist es nur eine Frage der Zeit, bis man den krebserregenden Stoff auch in Bayern finden wird“, prophezeit der Futtermittelhersteller, der sich schon seit vielen Jahren mit derartigen Themen auseinandersetzt. Claudia Schuller, Pressesprecherin des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), kann dies nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch nicht bestätigen: „Momentan ist Bayern davon nicht betroffen.“ Und auch auf der Homepage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) ist zu lesen, dass bislang aus den Bundesländern Ergebnisse von fast 900 Milchproben gemeldet wurden, die alle keine Höchstmengenüberschreitungen an Aflatoxin aufgewiesen haben.

Schimmelpilzgift im Mais ist nicht „nur“ ein Import-Problem

„Auch bei deutschen Maisbauern kommt Schimmel vor, wenn nachlässig getrocknet wird“, sagt Josef Feilmeier. Foto: H.D. Volz / pixelio.de

Feilmeier hingegen weiß aus sicherer Quelle, dass auch bayerische Mischfutterhersteller die gleiche Ware bezogen haben. „Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei nicht nur um eine einzige Schiffsladung aus Serbien handelt“, betont er. „Wenn von einer Million Tonnen berichtet worden wäre, hätte ich das schon eher geglaubt. Da ist mit Sicherheit schon sehr viel mehr verunreinigter Mais im Umlauf.“ Schließlich ist laut Feilmeier das derzeitige Hochpreis-Niveau für Futtermittel geradezu eine Einladung für den Kauf von Billigmais aus Osteuropa. Die Preise sind unter anderem aufgrund der andauernden Trockenheit in Amerika an der Börse stark in die Höhe getrieben worden. Allerdings warnt er ausdrücklich davor, dass man hier „nur“ ein Import-Problem wittert: „Auch bei deutschen Maisbauern kommt Schimmel vor, wenn nachlässig getrocknet wird, weil Mais dafür sehr anfällig ist. Das Korn muss vor der Lagerung erst ordentlich erhitzt werden. Es muss richtig von innen nach außen schwitzen – und danach muss der Mais auch wieder mit Kaltluft gekühlt werden.“ Doch gerade die Abkühlung werde mitunter nur mangelhaft oder gar nicht vorgenommen, so Feilmeier, weil das viel Zeit und Geld koste. Nur: Ohne die nötige Kühlung bleibt der Mais warm und beginnt infolgedessen zu schwitzen. Die Hitze steigt bei der Lagerung von unten nach oben – und es entsteht: Schimmel. Am LGL hat man jedoch bei maishaltigen Futtermitteln bislang in Bezug auf Aflatoxine keine größeren Auffälligkeiten feststellen können, sagt Pressesprecherin Schuller – zumindest nicht anhand der seit 2009 entnommenen Proben.

Kritik an der Eigenkontrolle der Lebensmittelindustrie

Fest steht jedenfalls: Um Lebensmittelskandale zu verhindern, müssen regelmäßige Kontrollen durchgeführt werden. Aber genau das ist das Problem: „In Bayern haben wir zwar eine sehr gute staatliche Überwachung“, bescheinigt Feilmeier den Behörden, „aber eben diese leidet an einem akuten Personalmangel“. Und in den übrigen deutschen Bundesländern sei das noch um einiges schlimmer. Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure (BVLK), konnte eine diesbezügliche Presseanfrage passenderweise „aufgrund eines immensen Arbeitsaufkommens“ nicht beantworten, wie er dem Hog’n mitteilte. Ende Februar hatte er im Namen des BVLK noch mehr Personal gefordert.
QS Siegel

Das QS-Siegel soll für Qualität und Sicherheit im Lebensmittelbereich stehen.

In Deutschland übernimmt die Lebensmittelindustrie ihre Kontrolle deshalb zu einem großen Teil selbst. Ein Beispiel für die Qualitätssicherung im Lebensmittelsektor: die „QS Qualität und Sicherheit GmbH“. Das privatrechtliche Unternehmen, das nach dem BSE-Skandal 2001 gegründet wurde, hält jedoch absolut nicht das, was es verspricht, kritisiert Feilmeier. „Dieser GmbH gehören als Gesellschafter unter anderem der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) und der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) an. Von einer unabhängigen staatlichen Kontrolle kann also schon mal gar keine Rede sein!“ Der stellvertretende Geschäftsführer von QS, Oliver Thelen, kann diesen Vorwurf nicht nachvollziehen. Schließlich habe die EU 2002 die Zweigleisigkeit bei der Lebensmittelüberwachung beschlossen. „Das hat sich ja nicht QS ausgedacht.“ Und demnach sei die selbstverantwortliche Kontrolle der Betriebe genauso hoch zu bewerten wie die unabhängige staatliche. „Nur weil wir ein privatrechtliches Unternehmen sind, heißt das doch nicht, dass wir nicht unabhängig prüfen“, so Thelen weiter. „Wir arbeiten mit unabhängigen, akkreditierten Stellen, wie beispielsweise TÜV SÜD zusammen, die wiederum die Zertifikate für unsere QS-Systempartner ausstellen.“

Feilmeier: „Wer schickt denn schon minderwertige Ware ein?“

Das Problem sei ja auch nicht in erster Linie die Zertifzierung der Betriebe an sich, erwidert Feilmeier, sondern die Tatsache, dass das QS-System mitunter auf die Eigenkontrolle ihrer Mitglieder baue. „Das ist wirklich ein guter Witz. Jährlich müssen die Betriebe etwa 30 Proben einschicken. Aber wer kontrolliert, was hier abgefüllt wird? Und wer schickt schon minderwertige Ware ein?“ Den Umstand, dass ein QS-Mitglied die Proben selber zieht, sieht Thelen nicht als ein Schlupfloch für Tricksereien: „Wenn ein QS-zertifizierter Betrieb eine Lieferung Mais bekommt, davon eine Probe nimmt, in ein von QS zugelassenes Labor einschickt und dort dann festgestellt wird, dass der Mais kontaminiert ist, kann er die Ware doch einfach zurückgehen lassen. Wer sieht der Ware denn schon an, dass sie kontaminiert ist?“
Feilmeier Josef

Josef Feilmeier: „Die Zertifizierungssysteme der Lebensmittelindustrie sind im Grunde nichts anderes als eine reine Zettelwirtschaft.“ Foto: da Hog’n

Feilmeier hat dafür nur ein Kopfschütteln übrig: „Das kann man so nicht sagen. Natürlich gibt es Verunreinigungen, die man mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann. Aber einen mit Schimmelpilz belasteten Mais erkennt man meistens.“ Dass Futtermittelhersteller oder Bauern solchen Mais trotzdem annehmen, liege schlicht und ergreifend daran, dass das Preisniveau im Futtermittelbereich heuer sehr hoch sei. „Die Zertifizierungssysteme der Lebensmittelindustrie sind im Grunde nichts anderes als eine reine Zettelwirtschaft“, betont Feilmeier. „Wenn eine Ware von irgendwo aus der Welt geliefert wird, muss man lediglich auf einem Zettel bestätigen, dass die Ware einwandfrei ist – und schon ist sie QS. Das war’s! Ob sie das auch wirklich ist, das kontrolliert kaum einer. Diese Zettel haben auch wir zwei Jahre lang für die QS-Bauern ausgefüllt – aber niemand kam, um zu kontrollieren, ob die Zettel auch mit der tatsächlichen Ware übereinstimmen.“ Thelen glaubt, dass Feilmeier dies deswegen behauptet, weil er als Nicht-QS-Systempartner seine Ware eben nicht an QS-Bauern liefern kann. „Ich brauche QS nicht“, entgegnet Feilmeier darauf. „Eine gesunde Futtermittelherstellung muss im Kopf stattfinden und kann nicht mit Zettelzertifikaten geregelt werden. Laut einem Bericht in ARD-Kontraste ist QS nur ein Marketingsystem der Industrie. Warum soll ich mich dem anschließen? Unser Betrieb wird schon jetzt umfangreich amtlich-unangemeldet kontrolliert.“

Der Verbraucher ist gefordert: besser regional kaufen als im Supermarkt

Neu ist die Kritik jedenfalls nicht, rückte doch bereits der Dioxin-Skandal von vor zwei Jahren das QS-Siegel und die Eigenkontrolle der Lebensmittelindustrie in ein schlechtes Licht. Geändert hat sich damals wie heute aber nichts an dem Verfahren. Thelen behauptet jedoch, das sei auch gar nicht nötig, denn: Schließlich habe die Eigenkontrolle der QS-Systempartner den damaligen Dioxin-Skandal mitaufgedeckt. „Wir haben auch absolut kein Interesse daran, Unternehmen zu schützen, die gegen das QS-System verstoßen“, fährt Thelen fort. „Warum sollten wir auch? Es besteht keine Veranlassung, die 130.000 Systempartner von QS wegen ein paar unzuverlässigen Mitgliedern in Frage zu stellen.“ Außerdem gebe es im QS-System ebenfalls unangekündigte Kontrollen, so Thelen. Vor allen Dingen dann, wenn es konkrete Hinweise auf Missstände gebe. „Das mit den unangemeldeten Kontrollen ist vielleicht bei den Bauern so, aber nicht bei den Herstellern“, kontert Feilmeier. „Ich weiß von Kollegen, dass dem einen oder anderen Mischfutterhersteller Prüfungsrabatte angeboten werden, wenn sich die Kontrolleure vorher terminlich ankündigen dürfen. Dann können sie nämlich besser planen. Wir müssen endlich dort kontrollieren, wo das Futter herkommt und nicht ständig die abnehmenden Kleinbauern schikanieren!“

Regionales Einkaufen auf Bauernmärkten verringert Lebensmittelskandale, davon ist Josef Feilmeier überzeugt. Foto: Gabi Eder / pixelio.de

Wie dem auch sei: Das einzige, was solchen Lebensmittelskandalen wirklich zuvorkommen könne, so Feilmeier, seien unangemeldete Besuche und unabhängige staatliche Kontrollen. „Und der Verbraucher ist noch mehr gefordert. Die Anonymität von Großkonzernen muss aufhören! Die Leute müssen wieder mehr Lebensmittel von heimischen Verarbeitern beziehen und verstärkt auf regionalen Wochenmärkten oder bei Bauern einkaufen, die sie persönlich kennen. Gerade unsere Region Ostbayern, mit der klein strukturierten Landwirtschaft, wäre dafür geschaffen eine ehrliche Regionalität aufzubauen.“ LGL-Pressesprecherin Claudia Schuller sieht das mit der Regionalität allerdings eher skeptisch: „Klar, regionales Einkaufen ist besser für die Umwelt. Und auch die kürzeren Wege zum Verbraucher kann man natürlich viel besser nachvollziehen. Kriminelle Machenschaften aber passieren überall – auch in kleinen regionalen Betrieben.“

Feilmeier: „Das ist kein Futtermittel-, sondern ein Systemskandal!“

Feilmeier hält dagegen: „Es handelt sich hier nicht vorrangig um einen Futtermittel-, sondern um einen Systemskandal! Wir brauchen endlich einen Systemwechsel. Die Einsendekontrolle als sogenannte Eigenkontrolle hat restlos versagt. Die Futtermittel- und Lebensmittelkontrolle muss wieder ausschließlich staatliche Angelegenheit werden. Mit den Gebühren, die die Betriebe derzeit für sinnlose Zertifikate wie QS ausgeben, könnten tausende staatliche Kontrolleure eingestellt werden. Das würde weder etwas verteuern noch dem Staat Zusatzkosten bescheren! Der mit Schimmelpilzgift versehene Mais aus Serbien wurde über die Alfred C. Toepfer International GmbH nach Deutschland importiert. Auch dieses Unternehmen tritt mit einer Zertifizierung für die Qualität und Sicherheit seiner Lebensmittel ein. In diesem Fall steht auf dem Zettel das internationale Siegel GMP+. Report Mainz berichtete am vergangenen Dienstagabend darüber, dass das Unternehmen unter anderem für eine Ursprungskontrolle einsteht. „Aber wie kann dieser Mais dann in den deutschen Handel gelangen“, fragt Feilmeier ratlos, „wenn der Bund doch bereits im Oktober auf höhere Werte von Aflatoxin in Mais hingewiesen hat?“ Gute Frage …

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Kommentare (7)

  • Bianca Witt

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    Bin ich froh, dass ich vegan lebe!

  • Dominik

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    Pilze sind vegan, oder?

  • Oje...

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    (auf die Gefahr, dass ich jetzt in eine Ironiefalle laufe)

    @Dominik: Nicht so richtig. Pilze sind zwar eng mit Pflanzen verwandt, besitzen aber kein Chlorophyll und bilden zudem ein eigenes Reich (neben Pflanzen und Tieren).

    Mit Tieren haben Pilze u.a. gemeinsam, dass sie sich wie diese organische Nährstoffe ihrer Umgebung futtern. Und dass sie Glykogen für die Speicherung von Kohlenhydraten verwenden, nicht Stärke wie die Pflanzen.

    Sei also nicht allzu erstaunt, wenn der nächste Steinpilz beim Reinbeissen „Aua!“ sagt…

  • Dominik

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    @ Oje…es war kein Versuch einer ‚verar….‘. Danke für Ihren sachlichen Beitrag.

    Pilze sind heterotroph. Neu für mich ist, nach Recherchen in dem Zusammenhang, das einige Veganer die Pilze deshalb vermutlich meiden.

  • uli teichmann

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    Was kann man tun?
    vielleicht folgende Initiative unterstützen
    derzeit läuft unter Beteiligung des BUND eine E-Mail-Kampagne an
    die Mitglieder des Europaparlaments im Vorfeld der Abstimmung zur
    GAP-Reform.

    Unter der website (http://de.farmingfornature.eu)
    können Interessierte eine E-Mail an ihre jeweiligen MdEP
    versenden.
    U T

  • wollwirker

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    Lebensmittel, welche wir täglich zu uns nehmen, scheinen in unserem Wertesystem höher angesiedelt, als die Luft, welche wir sekündlich einatmen.
    Das Thema Feinstaub ist total aus dem aktuellen Fokus unserer Medien gerückt.
    Eklige Details unserer Nahrungsproduktion sind halt quotenträchtiger.
    Ist ja auch klar. Beim Thema Feinstaub sind wir selbst die
    Produzenten……….

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