SOZIALES SCHAUFENSTER

Protest zum Lutherjahr

Der „Hassprediger“ und die „Lehrerin von Regensburg“

"...damit nicht das ganze Volk verdorben werde." Luther predigt in der nach ihm benannten Straße gegen die Juden. Foto: as

„…damit nicht das ganze Volk verdorben werde.“ Luther predigt in der nach ihm benannten Straße gegen die Juden. Foto: as

Eine Kundgebung zur Umbenennung der D.-Martin-Luther-Straße am vergangenen Sonntag zeigt: Sowohl mit Blick auf Martin Luther, als auch auf die Regensburger Lehrerin Elly Maldaque besteht nach wie vor einiger Aufklärungsbedarf.

Einige Passanten bleiben am Sonntag interessiert, manchmal etwas ungläubig stehen. Ist es der schwarz gewandte Prediger, der schreiend fordert, Ehebrecherinnen zu rädern und jüdische Synagogen abzufackeln? Das Streichorchester, das in den Pausen immer wieder kurze Stücke zum Besten gibt? Oder ist es einfach die Tatsache, dass die D.-Martin-Luther-Straße am Sonntag nicht als übliche Hauptverkehrsachse durch die Regensburger Altstadt dient, sondern komplett gesperrt und mit Bierbänke bestückt ist und bei dem sonnigen Wetter den Eindruck erweckt, als wäre die breite Straßengabelung vor dem Neuen Rathaus einer der gemütlichsten Plätze in Regensburg?

Kontroversen im Vorfeld

"Gebt den Menschen ihre Rechte und sie werden alle gut sein." Kristin Palfreyman als Ellx Maldaque. Foto: as

„Gebt den Menschen ihre Rechte und sie werden alle gut sein.“ Kristin Palfreyman als Elly Maldaque. Foto: as

Mit ihrem gemeinsamen Beitrag zum Luther-Jahr – Motto: „Liebe statt Hass – Elly statt Luther“ – hatten der Bund für Geistesfreiheit und die Initiative „Recht auf Stadt“ um den Politaktivisten Kurt Raster bereits im Vorfeld für kontroverse Diskussionen in den sozialen Medien gesorgt. Ein entsprechender Beitrag in der Facebookgruppe „Du bist ein echter Regensburger“ verzeichnet über 700 Kommentare, in denen größtenteils Unverständnis, aber auch Unwissen zum Ausdruck gebracht wurde. Luther – ein Hassprediger und Antisemit? Quatsch! Muss man echt schon wieder eine Straße umbenennen? Was ist das hier für ein Diskussionsstil? Und überhaupt: Wer ist eigentlich Elly Maldaque?

Wer die szenische Lesung vor dem Rathaus verfolgt, dem wird – fast ausschließlich anhand von Primärquellen – recht rasch Luthers (zumindest in der Forschung weithin bekannte) Judenhass vor Augen geführt. Minutenlang lässt Raster den Prediger (dargestellt von Matthias Kürzinger) Originalzitate aus Schriften Luthers vortragen. Dann folgt Elly Maldaque (Kristin Palfreyman) mit Einträgen aus ihrem Tagebuch. Dazwischen eingestreut immer wieder die Frage: „Warum ist nach so jemanden wie Luther eine Straße benannt? Warum nicht nach Elly Maldaque?“

„Straßenschild verschweigt die dunklen Seiten.“

Die Forderung nach der Umbenennung von Luther-Straßen und -Plätzen ist nicht originär regensburgerisch. Der „Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten“ hat im vergangenen Jahr anlässlich des Reformationstages diese Forderung für ganz Deutschland aufgestellt. „Wenn heute an Martin Luther erinnert werden soll, darf dies nicht kritiklos geschehen“, so der Vorsitzende René Hartmann. „Angesichts seiner Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, seiner Geringschätzung der Frau und vor allem seines extremen Antijudaismus ist Luther als Namensgeber für Straßen und Plätze absolut ungeeignet.“ Ein Straßenschild verschweige zwangsläufig die dunklen Seiten des Reformators und trage somit zu einem falschen Geschichtsverständnis bei, so Hartmann.

In Regensburg wurde anlässlich des Lutherjahrs auch dessen Judenfeindschaft thematisiert. Im September war hier – auf Initiative des Evangelischen Bildungswerks – die Ausstellung „Luther und die Juden“ zu sehen. Man müsse anlässlich des Reformationsjubiläums auch auf „die Kehrseiten“ Luthers schauen, heißt es im flankierenden Ausstellungstext.

Die Forderung nach einer Umbenennung von Luther-Straßen und -Plätzen ist freilich eine Minderheitenposition – in Regensburg nehmen etwa 60 Menschen an der knapp zweistündigen Kundgebung teil und erstaunlich ist, dass viele zwar über den Antisemitismus Luthers, aber nur wenige über das Schicksal der Regensburger Lehrerin Elly Maldaque wissen.

Wer ist Elly Maldaque?

Hintergründe Elly Maldaque

Ein Willkürakt im Obrigkeitsstaat

Im Auftrag der Staatsmacht wurde die 36jährige Frau 1930 von Hakenkreuzlern bespitzelt, weil sie sich für kommunistische Ideen interessierte. Unter fadenscheiniger Begründung wurde die beliebte Lehrerin an der Von-der-Thann-Schule schließlich entlassen. Nach einem Nervenzusammenbruch landete sie in der Irrenanstalt Karthaus, wo sie wenige Tage später unter bis heute ungeklärten Umständen starb. Ihr sorgte damals deutschlandweit für Empörung, Erschütterung und Schlagzeilen – bei ihrer Beerdigung waren Zeitungsberichten aus der damaligen Zeit zufolge über 3.000 Trauergäste.

Der „Fall Maldaque“ gilt heute als beispielhaft für die zunehmende Zusammenarbeit zwischen einer reaktionären Staatsmacht mit den Nationalsozialisten am Ende der Weimarer Republik, für den schleichenden Verlust des Rechtsstaats, hin zum Unrechtsregime der NS-Herrschaft. Elly Maldaque war nicht Opfer der Nazis, sondern einer herrschenden politischen und gesellschaftlichen Haltung, in der aktive Gegner der Nationalsozialisten bekämpft wurden, so dass deren Machtübernahme zumindest beschleunigt, wenn nicht gar erst ermöglicht wurde.

Vorstöße für ein Andenken abgeschmettert

Immer wieder gab es Vorstöße zur Benennung einer Straße oder eines Platzes nach der „Lehrerin von Regensburg“, so der Titel eines entsprechenden Theaterstücks von Ödön von Horváth, die Raster am Sonntag Revue passieren lässt. 1992 gab es einen Antrag der Grünen im Regensburger Stadtrat zur Umbenennung der Von-der-Thann-Straße, 1994 sollte die damals noch nach dem Nazibürgermeister Hans Herrmann benannte Schule Maldaques Namen bekommen – beide Vorstöße wurden von der CSU-Mehrheit abgeschmettert.

Symbolische Umbenennung am Sonntag. Foto: Herbert Baumgärtner

Symbolische Umbenennung der D.-Martin-Luther-Straße am Sonntag. Foto: Herbert Baumgärtner

Als 2015 die Hans-Herrmann-Schule tatsächlich umbenannt werden sollte und sich bei einer Online-Umfrage die Mehrheit für Elly Maldaque ausgesprochen hatte, blieb auch dies folgenlos. Die Schule trägt heute den Namen des Künstlers Willi Ulfig.

Kommentar: Gutes Ziel, falsches Vorgehen

Ob es zielführend ist, die berechtigte Kritik an Martin Luther mit der berechtigten Interesse nach einer angemessenen Erinnerung an Elly Maldaque im Rahmen der Forderung nach einer Umbenennung der D.-Martin-Luther-Straße verbinden, kann man bezweifeln. Letzteres dürfte kaum durchsetzbar sein, die Benennung einer Straße oder eines Platzes nach Maldaque aber durchaus. Vielleicht muss sich der Aktivist Kurt Raster auch die Frage stellen lassen, ob sein Diskussionsstil in der Facebookgruppe „Du bist ein echter Regensburger“ oder sein konfrontatives Vorgehen, beim Versuch, das Unitheater in Elly-Maldaque-Theater umbenennen zu lassen zum erwünschten Ergebnis führen können. Ungeachtet all dessen hat die Veranstaltung am Sonntag aber gezeigt, dass sowohl mit Blick auf Luther als auch auf Elly Maldaque einiger Aufklärungsbedarf besteht, oder, wie Raster es ausdrückt: „Das eine wird verdrängt, das andere unterdrückt.“

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Kommentare (32)

  • wahon

    |

    @hf
    Wenn sich das Befassen „mit aktueller christlicher philosophie“ in notorischer Kleinschreibung und unverständlichen Aussagen erschöpft, ist „christliche Philosophie“ nur eine weitere Wolke im Wolkenkuckucksheim der Theologie.
    Einem unbequemen, weil aktiven Menschenfreund, der mit Originalzitaten belegt, dass Luther ein geistesgestörter Hassprediger war, vorzuwerfen, er fische „im bräunlich trüben“, zeigt eines überdeutlich: Der Juden-, Bauern- und Frauenfeind Luther wirkt bis heute zerstörerisch auf den Ver- und Anstand vieler Christen. Dem Gründervater des modernen, christlichen Fundamentalismus ist auch Elly Maldaque zum Opfer gefallen.

  • Mathilde Vietze

    |

    Elly Maldaque ist eher dem braunen Pack zum Opfer
    gefallen und die steckten ja so voller Haß gegen die
    Kirche, daß dieses Argument, bei aller berechtigter
    und nötiger Kritik an der Kirche dieses Mal daneben-
    greift.

  • hf

    |

    @wahon: chapeau, was für ein qualifizierter, substanzieller einwand! wenn man schon schreibt, dann bitte richtig doitsch, was?

    die ganze debatte dreht sich nunmal darum, dass man anhand einiger zitate aus den letzten lebensjahren nicht den ganzen luther bewerten kann. was raster da macht, nämlich quellen so zu instrumentalisieren, dass sie zur these passen, ist gerade nicht historisch. sind die zitate, wo er vorurteile gegen juden bekämpft, deswegen weniger wahr? interessiert uns eine kritische würdigung überhaupt noch oder wollen wir nicht doch bloß aufgehetzt werden?

    und ganz bewusst macht raster das, wie er es macht; er setzt eine selektive, mithin alternative faktenlage, er tut so, als wäre er klüger als alle anderen zusammen, weil das gerade „in“ ist. mit „im bräunlich trüben fischen“ meine ich, dass er mit den ressentiments, die er wahlweise gegen die stadtpolitik, die kirchen oder wen auch immer schürt, immer auch solche anspricht, die nur darauf gewartet haben, in ihren oft diffusen ängsten und aversionen bestätigt zu werden.

    das ist keine aufklärung, das ist marketing.

  • Mathilde Vietze

    |

    Zu „hf“ – Ein ganz herzliches Dankeschön für Ihre offenen und so
    zutreffenden Worte. Da hat endlich jemand die Absichten, die
    hinter gewissen „Aktitivitäten“ stecken, öffentlich gemacht.
    Bravo!

  • Ronald McDonald

    |

    @ Mathilde Vietze 26.10.2017, 08:53h

    „Elly Maldaque ist eher dem braunen Pack zum Opfer gefallen …“.

    Woher weiß die Lerche SPD-roter Sottisen denn das?
    Bitte Namen nennen.

    Welches „braune Pack“ war um 1928-1930 im Freien Volksstaat Bayern/Freistaat Bayern, kurzzeitig Räterepublik Baiern, in solcher Machtstellung tätig, damit mit E. Maldaque so umgesprungen werden konnte, wie es geschah?
    Der letztlich die Maldaquesche Dienstentfernung veranlassende bayer. Staatsminister für Unterricht und Kultus Franz Goldenberger war Parteimitglied der BVP.
    Die BVP ein „braunes Pack“?
    Die BVP ein „braunes Pack … so voller Haß gegen die Kirche“?
    Die BVP seit der „Kurt-Eisner-Vernichtungswahl“ vom Januar 1919 bis in 1930 unangefochten stärkste parlamentarische Fraktion, „als braunes Pack … so voller Haß gegen die Kirche“?
    Ministerpräsident Heinrich Held (BVP) während der Maldaque-Sache Regierungschef und Vorgesetzter Franz Goldenbergers, ein „braunes Päckchen … so voller Haß gegen die Kirche“?
    Hat „die Kirche den braunpackigen Haß auf sie“, des BVP-lers H. Held, nicht bemerkt, als dieser Präsident des Katholikentages zu Frankfurt a. M. war?
    Wieso liegt der „Braunes-Pack-BVP-Heinrich-Held … so voller Haß gegen die Kirche“ mit vatikanischem Ehrentitel ausgezeichnet im Unteren Katholischen Friedhof zu Regensburg begraben?
    Freilich hat er sich in 1925 mit dem Festungshaftentlassenen A. H. getroffen und aufgrund dessen Loyalitätsschalmeiereien das Verbot der NSDAP und des Völkischen Beobachters im Freistaat aufgehoben: also wenigstens „Braunes-Pack-Symphatisant“?
    Der immer noch listengeführte Ehrenbürger Regensburgs ein „Braun-Packler“?
    Aber der Minister Franz Goldberger war sicherlich ein Mathilde-Vietzescher-Braunpackler – merkwürdig nur, daß dieser „Braunes-Pack-BVP-Kultusminister“ nicht nur Elly Maldaque aus dem Schuldienst entfernte, sondern nach 1929 auch einige (!) im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) organisierte Lehrer?
    Weshalb wurde der „Braunes-Pack-BVP-Franz-Goldenberger“ nach dem Ermächtigungsgesetz (Danke schön, z. B. dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss) vom „Braunen-Pack“ einige Zeit inhaftiert? Weil er Elly Maldaque aus dem Schuldienst entfernte?

    Fragen über Fragen: Mathilde Vietze, SPD-rote „Braunes-Pack-Expertin“, tirilieren sie sacherhellend.
    Hier eine Hilfestellung http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/spurensuche-im-fall-maldaque-21179-art896169.html

  • Harry

    |

    Was mich fast mehr stört als die D.-Martin-Luther-Straße (auch wenn dieser, zugegeben, den größeren Einfluss hatte), ist dieser unsägliche Agnes-Miegel-Weg. Es kann doch nicht sein, dass in der Eile, möglichst viele Straßen eines Viertels nach Frauen zu benennen, eine Dichterin mit aufgenommen wird, die selbst nach dem Weltkrieg noch Hitler verehrt hat, und gleichzeitig ein paar Straßen weiter Sophie Scholl mit einem Straßennamen honoriert wurde.

  • Mathilde Vietze

    |

    Zu „Harry“ – Agnes Miegel war eine einfältige alte Frau. Wie wäre es
    denn z.B., wenn jemand fordern würde, die „Franz-Josef-Strauß-Allee“
    umzubenennen? Der hatte sicher noch mehr Einfluß als Luther da-
    mals.

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