Flüchtlingsunterkunft am Weinweg

Empfang mit offenen Armen

Die geplante Flüchtlingsunterkunft am Weinweg stößt auf große Offenheit. Bei einer Informationsveranstaltung am Mittwoch bildete sich bereits ein Helferkreis.

"Ich weiß, dass die Mehrheit der regensburger genau so tickt wie ich." Joachim Wolbergs in der Clermont-Ferrand-Turnhalle. Foto: as

„Ich weiß, dass die Mehrheit der regensburger genau so tickt wie ich.“ Joachim Wolbergs in der Clermont-Ferrand-Turnhalle. Foto: as

„Sie sehen einen glücklichen Oberbürgermeister“, sagt Joachim Wolbergs, als er nach knapp zwei Stunden eine Veranstaltung beschließt, deren Verlauf man so nicht unbedingt erwarten konnte. Für Mittwoch hatte die Stadt Regensburg zur Informationsveranstaltung geladen. Rund 500 Besucher kamen in die Turnhalle der Clermont Ferrand-Schule, um den aktuelle Stand zur geplanten Flüchtlingsunterkunft am Weinweg zu erfahren. Wie mehrfach berichtet soll dort bis zum Herbst in Container-Bauweise ein Gebäude errichtet werden, in dem 100 Menschen untergebracht werden. Mehrere Briefe und E-Mails, die Wolbergs, aber auch Stadträte erhalten hatten, ließen befürchten, dass es darüber eine recht kontroverse Debatte geben könnte. Von einem möglichen Wertverfall der angrenzenden Grundstücke war darin die Rede. Von diffusen Ängsten. Vereinzelt auch offener Rassismus.

Vereinzeltes Geraune

Am Mittwoch hört man so etwas kaum. Vereinzelt hört man widersprechendes Geraune als der OB seine Position klar macht. 800 bis 1.000 Flüchtlinge würden derzeit in Regensburg leben. „Sie merken das überhaupt nicht.“ Zumindest gehe es deshalb in dieser Stadt niemandem schlechter. Er habe von Anfang an gesagt: „Wir wollen diese Flüchtlinge.“ Das sei angesichts der weltpolitischen Lage und der Tatsache, „dass es uns im Vergleich zu anderen Ländern verdammt gut geht“, auch eine Selbstverständlichkeit. Im Gegensatz zu Regierungspräsident Axel Bartelt, der nach ihm um Verständnis wirbt, vermeidet der OB auch unbedachte Schlagwörter wie „Belastung“ oder „Flüchtlingswelle“. Mehrfach wird geklatscht, während Wolbergs spricht. Und die von ihm geäußerte Befürchtung, dass es an diesem Abend unangenehm für ihn werden könne, stellt sich als unbegründet heraus.

Bei der Sportanlage am Weinweg soll eine Unterkunft für 100 Menschen entstehen. Foto: Archiv/ as

Bei der Sportanlage am Weinweg soll eine Unterkunft für 100 Menschen entstehen. Foto: Archiv/ as

Freilich gibt es einen Herrn, der nach mehrfachen Nachfragen die Überzeugung vertritt, dass doch diese Anlage keinesfalls genehmigungsfähig sei. Und natürlich werden vereinzelt Bedenken laut, ob es denn jetzt für Frauen gefährlich werden könnte, wenn da „Männer aus einem anderen Kulturkreis“ kämen oder ob denn jetzt nicht die Diebstähle zunehmen würden. Doch der Ton bleibt durchweg sachlich. Mehrfach hört man: „Ich mein das nicht böse. Ich will das wirklich wissen.“

„Ich komm mit den Flüchtlingen sehr gut aus.“

Die übergroße Mehrheit der Wortmeldungen sind aber ohnehin Fragen danach, wie man helfen könne.

Gleich zu Beginn meldet sich ein Mann, vielleicht Mitte 50, der etwas angetrunken klingt und eine Weile braucht, um sein Anliegen zu formulieren. Dann brüllt er fast ins Mikro: „Ich komm mit den Flüchtlingen sehr gut aus. Hoffentlich bekommen die alle Aufenthalt hier.“

Ein pensionierter Deutschlehrer schwärmt davon, wie motiviert Flüchtlinge seien, die er in seiner Freizeit unterrichtet.

Albert Müßig initiierte im Standtnorden einen Helferkreis. Den wird es jetzt auch im Stadtwesten geben. Foto: as

Albert Müßig initiierte im Standtnorden einen Helferkreis. Den wird es jetzt auch im Stadtwesten geben. Foto: as

Polizeidirektor Rudolf Mache erwidert auf Bedenken, dass es durch die Unterkunft vermehrt zu Diebstählen kommen könnte, dass die Eigentumskriminalität in Regensburg „hausgemacht“ sei, und ihm die einheimische Bevölkerung mehr Sorgen mache als die Asylbewerber. „Wir müssen diese Menschen einfach einbinden.“

Mehr Paten als Flüchtlinge…

Sozialpädagoge Franz Dorner, der sich bei der Stadt um das schon länger laufende Patenschaftsprogramm zwischen Regensburgern und Flüchtlingen kümmert („Regensburg hilft“), erzählt, dass es mehr Paten gebe, als Flüchtlinge hier seien. Dennoch muss er am Ende länger bleiben: Es gibt einige Anwesende, die sich in eine Liste eintragen wollen, um irgendwie zu helfen. Vorbild ist ein Helferkreis, der sich bereits im Dezember im Stadtnorden gebildet hat, um die rund 70 Flüchtlinge zu unterstützen, die in der Aussiger Straße untergebracht sind. Dessen Initiator Albert Müßig versprach noch am selben Abend bei der Koordinierung im Stadtwesten mitzuhelfen.

Für 2015 rechnet der Oberbürgermeister damit, dass Regensburg 400 bis 600 Menschen längerfristig aufnehmen wird. Dabei komme jeder Stadtteil dran. Man sei immer auf der Suche nach Gebäuden und möglichen Standorten, um die eintreffenden Menschen so gut wie möglich unterzubringen. „Ich weiß, dass die Mehrheit der Regensburger da genau so tickt wie ich“, gibt Wolbergs sich überzeugt. Der Abend in der Turnhalle gibt im da auf jeden Fall recht.

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Kommentare (7)

  • Sarah Rosen

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    Wenn es nur oft genug wiederholt wird, dann glauben es alle irgendwann selber. An den Biertischen kommt dann wieder die Ernüchterung und die innen haftende Ausländerfeindlichkeit wird unverhohlen formuliert. Diese Versammlung fällt unter die Rubrik „sich selber in die Tasche lügen“.

  • Stuhrmann Jürgen

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    Ich lese – Der OB will alle Flüchtlinge aufnehmen. Ein Deutschlehrer ist von den Flüchtlingen begeistert. Der Polizeidirektor hat keine Bedenken zur Kriminalität. Der Sozialpädagoge läßt die Sonne scheinen. Alle haben wir uns lieb. Andererseits liest man in den Medien darüber, daß in Hamburg 80 krimminelle Flüchtlingskids die Stadt terrorisieren. Aussage von der Polizeigewerkschaft. Die Flüchtlinge gehören einer Kultur an, die hauptsächlich sich ihrer Religion verschreiben. Da stimmt doch was nicht – oder ?

  • Marion Puhle

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    Die Donaupost meldet in ihrer Ausgabe vom 30. Mai 2015
    Regierungspräsident Heinz Grunwald:
    „Es stehen politische Aussagen im Raum, dass im Umfeld von Asylbewerberheimen die Kriminalität hoch sei. Aus Polizeikreisen verlautet das Gegenteil: keine Auffälligkeiten. Wie ist Ihre Erfahrung“.
    Regierungspräsident Grunwald: „Es gibt tatsächlich keine Auffälligkeiten. Der durchschnittliche Asylbewerber ist nicht mehr und nicht weniger kriminell als es der durchschnittliche Deutsche ist. Die Polizei führt Statistiken und macht überdies Untersuchungen, die das klar bestätigen.“
    Marion Puhle

  • Flüchtlinge: Container-Hersteller zocken Kommunen ab » Regensburg Digital

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    […] am Weinweg sollen ohnehin nur 100 Menschen für zunächst fünf Jahre untergebracht werden. Für 2015 rechnet man aber derzeit mit bis zu 1.000 weiteren Flüchtlingen, die nach Regensburg komm… Angesichts dessen sucht die Stadt händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten. Da bleibt es – […]

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