SOZIALES SCHAUFENSTER

2.700 Kilometer

Für den Umweltschutz: Professor schwimmt von Ulm bis zum Schwarzen Meer

Es ist ein extremes Projekt, das den Chemieprofessor Andreas Fath nach Regensburg spülte. Um auf die Verschmutzung der Donau aufmerksam zu machen, will er den Fluss auf kompletter Länge bis zum Schwarzen Meer durchschwimmen. 2.700 Kilometer in knapp zwei Monaten. Wenn nicht der Krieg in der Ukraine den Plan am Ende noch durchkreuzt.

Lediglich mit einer Wärmefolie um den Neoprenanzug geworfen, stellt sich Fath am Dienstag auch in Regensburg den Fragen der Presse und erklärt das Projekt „cleandanube“. Foto: Bothner

Noch einmal vergewissert sich Andreas Fath, in welche Richtung er denn nun gleich weiter schwimmt. „Man verliert doch schnell mal die Orientierung“, sagt er zur umstehenden Presse. Dann schreitet der Chemieprofessor aus Furtwangen an den Regensburger Schillerwiesen kaum zögernd zurück in das kalte Wasser der Donau. Rund zehn Grad hat der Fluss an diesem Dienstag. Draußen ist es gefühlt kaum wärmer. Den ganzen Tag schon hat sich der graubewölkte Himmel von seiner nassen Seite gezeigt. Doch Fath hat sein Ziel vor Augen und noch viel Strecke zu machen. In einigen Wochen will er das Schwarze Meer erreichen – schwimmend, selbstverständlich. Heute heißt sein Endpunkt Donaustauf.

2.700 Kilometer in knapp zwei Monaten

2.700 Kilometer will der 57-Jährige bis Mitte Juni hinter sich bringen und mit seinem Projekt „cleandanube“ ein Zeichen für den Umweltschutz setzen und auf die Verschmutzung des Gewässers aufmerksam machen. Am vergangenen Freitag, 22. April, begann seine Reise. Zunächst noch begleitet von der baden-württembergischen Umweltministerin Thekla Walker, stieg Fath in Ulm erstmals ins Wasser. In Regensburg werden später ein paar Kanuten kurzzeitig unterstützend nebenher paddeln.

Während der auf zwei Monate angelegten Aktion möchte der schwimmende Professor täglich Wasserproben nehmen und so Erkenntnisse über die Qualität der Donau gewinnen. An seinem Neoprenanzug ist daher ein sogenannter Passivsammler angebracht. In dem speziellen Material sollen sich im Wasser schwimmende Fremdstoffe verfangen und anschießend auf der MS Marbach von Faths Forschungsteam analysiert werden. Das ehemalige österreichische Fährschiff aus den 1980er Jahren ist diesen Montag in Kelheim zur Expedition dazu gestoßen und wird Fath ab sofort begleiten. An Bord: zwei Studenten, ein Filmteam und Projektleiter Mario Kümmel von der Association for Wildlife Protection (AWP).

Begleitteam analysiert  laufend Wasserproben auf Forschungsschiff

Vom Schiff aus werden auch über Tiefensonden immer wieder Proben aus der Donau entnommen. Die Resultate können im Liveticker über die Projekt-Webseite verfolgt werden. Ebenso der Fortschritt der Schwimmaktion. Aktuell steht Fath bei rund 320 Kilometer. Am 17. Juni, so der Plan, will er dann am Ziel sein. Da die Donau südöstlich der ukrainischen Stadt Odessa im rumänischen Donaudelta in das Schwarze Meer fließt, hängt es auch vom Verlauf des russischen Angriffskrieges ab, ob Fath sein Ziel wird erreichen können.

Bis dahin zwängt er sich weiterhin jeden morgen in das feuchte Neopren seines Spezialanzuges und taucht wieder in die kalte Donau ein. Für den Umweltschutz und für mehr Bewusstsein, was der Mensch der Natur so alles antut. Darum geht es auch bei seinem kurzen Abstecher an die Schillerwiesen im Westen von Regensburg. Unter anderem Mitglieder der Donau-Naab-Regen-Allianz (Donarea), des Kanu-Clubs, der Vorsitzende des Oberpfälzer Fischereiverbands haben sich ab 16 Uhr unterhalb von Wigg Bäumls Schiffkunstwerkes versammelt und warten auf den Schwimmer. Schließlich hat man ein gemeinsames Anliegen.

Die Donau sei heute ein „naturferner“ Raum

Wie Josef Paukner (Donarea) erklärt, sei die Donau einst ein artenreicher und wichtiger Naturraum für Fische, Muscheln, Krebse und Insekten gewesen. Doch mit dem Bau der Staustufen und den tiefgreifenden Umgestaltungen ab den 1960ern habe der Fluss massiv gelitten. Die zufließenden Abwässer und Chemikalien täten ihr übriges. „Seit einigen Jahren konnte die Wasserqualität immerhin wieder verbessert werden“, so Pauker. Die Donau sei auch an den Schillerwiesen wieder ein beliebter Badeort. Doch es sei eben nicht mehr die Donau von einst, sei gar „naturfern“ geworden. Die Donarea habe viele Ideen, wie man hier die Situation wieder verbessern könne und sei damit entlang der Donau bei weitem nicht alleine. In vielen Städten und Gemeinden macht man sich Sorgen um den Zustand des Flusses.

Dann kommt Fath. Von Kelheim aus hat er bereits um die 25 Kilometer hinter sich gebracht. Weitere etwa 16 Kilometer nach Donaustauf warten noch auf ihn. Dennoch will er sich kurz Zeit nehmen. Die Donau schwemme täglich bis zu vier Tonnen Plastik in das Schwarze Meer. Müll, der eben auch hier in Bayern und Regensburg seinen Ursprung habe, so Fath. Hinzu käme, dass einige der Donaustaaten weder funktionierende Pfandsysteme, noch wirksame Müllvermeidungsstrategien hätten, das potenziere sich dann bis zur Mündung und sei ein großes Problem.

Mikroplastik als „Magnet“ für giftige Chemikalien

Und auf ein weiteres Problem will der Chemiker mit seiner Aktion aufmerksam machen. Laut aktuellen wissenschaftlichen Daten sollen in der Donau mehr Plastikteilchen als Fischlarven schwimmen. Der Fluss gilt daher aus gesundheitlichen Gründen mancherorts als für Schwimmer ungeeignet. „An den Mikroplastikpartikeln, die sich im Wasser befinden, sammeln sich mit der Zeit zahlreiche Chemikalien, Hormone und andere Stoffe“, erklärt Fath. Das funktioniere wie ein Magnet. In geringen Mengen seien die einzelnen Stoffe normalerweise harmlos. „An dem Mikroplastik potenzieren sie sich aber.“ Die Fische würden dann diese „aufbereiteten“ Partikel mit der Nahrung aufnehmen. Am Ende lande das Gesamtpaket schließlich auf den Tellern der Menschen. „75 Prozent der Weltbevölkerung ernähren sich von Meeresfrüchten.“ Teile der Schadstoffe könnten auf diesem Weg in den Körper gelangen und sogar die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Gut sei das sicher nicht, resümiert Fath im Dauerregen.

Andreas Fath versucht seit mehreren Jahren mit Aktionen auf das Thema Umweltschutz aufmreksam zu machen. Dazu schwamm er bereits in den USA.

Weil darüber aber auch hierzulande noch immer zu wenig bekannt sei und gesprochen werde, ist Fath wieder einmal auf Aufklärungsmission unterwegs. Schon 2014 machte er mit einer ähnlichen Aktion auf dem Rhein auf sich aufmerksam. Im Sommer 2017 durchschwamm er dann den 1.049 Kilometer langen Tennessee River in den USA. Die 34 Tage dafür waren gleichzeitig Rekordzeit. Anders als die Donau lud der US-Fluss mit bis zu 30 Grad Celsius regelrecht zum Schwimmen ein. Der Rhein, erinnert sich der gebürtige Rheinland-Pfälzer, habe damals um die 28 Grad gehabt.

Erste Blessuren machen sich bemerkbar

Nach den ersten Tagen in der Donau merkt Fath bereits die Strapazen, die er seinem Körper zumutet. Am Dienstag spricht er von entzündeten Haarwurzeln, entstanden durch das kalte Wasser und den engen Anzug. „Da muss ich abends immer mit Salbe pflegen.“ Feste Nahrung kann er untertags nicht zu sich nehmen. Zu schwer falle das Kauen bei diesen Temperaturen. Stattdessen gibt es vom Begleitboot Flüssignahrung. „Sobald ich aufhöre, mich zu bewegen, fängt der Körper sofort zu frieren an.“ Die Bewegung sei mit das wichtigste, um jeden Tag so gut es geht überstehen zu können. Seiner Stimmung und seinem Aktionismus scheint all das bisher noch keinen Abbruch zu tun.

Erst nochmal die Richtung klären, und dann geht es am späten Nachmittag los auf das letzte Tagesteilstück nach Donaustauf.

Motiviert setzt er nach seinem kurzen Pressetermin wieder Haube und Brille auf, übergibt die Wärmefolie einem seiner Begleiter und steigt zurück in die Donau. „Es braucht kurz, bis man drinnen ist“, sagt er. Die ersten Armzüge seien immer etwas steif. Aber der Körper gewöhne sich schnell wieder an die feuchte und kalte Umgebung. Die Bewegungen würden schnell wieder routiniert ablaufen und der Körper aufheizen. Dann steigt er in die Donau. Allmählich sickert das Wasser in den Ganzkörperanzug und drängt sich zwischen Haut und Neopren. Es sei der Moment wo er jedes mal schreien könne. Doch Fath fackelt nicht lange, nimmt sich ein Herz und mit wenigen Schritten ist er bereits bis zum Kopf im Fluss. Bald in Donaustauf. Und in hoffentlich 55 Tagen am Schwarzen Meer.

SUPPORT

Ist dir unabhängiger Journalismus etwas wert?

Dann unterstütze unsere Arbeit!
Einmalig oder mit einer regelmäßigen Spende!

Per PayPal:
Per Überweisung oder Dauerauftrag:

 

Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14 7509 0000 0000 0633 63
BIC: GENODEF1R01

Kommentare (13)

  • Bernd

    |

    Ich warte auf den ersten Kommentar: “Diese FFF Typen sollen erstmal in die Schule gehen und was Gescheites lernen, damit sie dann später mal in die Forschung gehen können und wirklich was bewegen!”

    oder “Super, damit erzeugt er keinen Stau im Feierabendverkehr für die Leute, die hart für ihr Geld arbeiten müssen und endlich nach Hause wollen zum Feierabendbrot.”

    Respekt für die Aktion. Hoffentlich setzen ihm die antibiotikaresistenten Keime im Wasser nicht mehr zu, als das Mikroplastik :-(

  • Giovanni Bavarese

    |

    Sehr großen Respekt! Bin neugierig, ist Herr Fath durch die Strudel der Steinernen geschwommen? Und hat er den Donaudurchbruch auch mitgenommen?
    Viel Erfolg und innere Hitze!

  • Robert Fischer ÖDP

    |

    Danke für den Bericht!

    @Bernd: Bei der MZ-Kommentarspalte in Facebook hat schon einer gefordert, er solle lieber in Afrika durch einen Fluss schwimmen. Dort wird ja das Plastik ins Meer gekippt.

    Die Welt ist manchmal so einfach :)

  • Daniela

    |

    Interessanter Bericht.

    Ich habe jedoch nicht ganz verstanden, warum es eines schwimmenden Professor braucht, neben dem jetzt ein schwimmendes Labor-Schiff mit kommt? Nur der Publikation wegen?

  • Bruckmandlsepp

    |

    @Giovanni

    Den Donaudurchbruch hat er sich mit Sicherheit nicht entgehen lassen. Der ist auch beim aktuellen Pegel ideal zu durchschwimmen.
    Was die Steinerne Brücke angeht bin ich mir genauso unsicher. Könnte mir auch vorstellen, dass er das schon durchgezogen hat. Logisch wäre aber auch, wenn er mit dem Begleitschiff durch die Schleuse geschwommen wäre.

  • Mr. T.

    |

    Daniela, ohne den schwimmenden Professor würden wir es nie erfahren.

  • Daniela

    |

    @ Mr.T.

    Das lass ihn einfach einmal so stehen, jedoch kann ich nicht glauben, dass die Mehrheit der Deutschen nicht wissen könnte, dass sich ein Haufen Mikroplastik in Gewässern der Welt befindet, die zwangsläufig über die Nahrungskette auch in den Menschen gelangen und diesen schädigen kann. Da muss Mensch schon arg desinteressiert und/ oder naiv sein, um das nicht wahrnehmen zu können/ wollen. Aber sei es drum, soll der Professor schwimmen, wenn es hilft, der Konsumgesellschaft etwas begreiflicher zu machen.

  • naja

    |

    hmm… “.. ohne den schwimmenden Professor würden wir es nie erfahren.”

    Soso, man würde es nie erfahren, was man wissen könnte, würde man sich dafür interessieren.

    Steile These.

  • Mr. T.

    |

    Wissen tut man es schon, wenn man sich dafür interessiert, aber es muss auch die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden. Würden die Gewässer wegen Steuerhinterziehung in London zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt werden, würde man es vielleicht eher mitkriegen.
    Und der Professor schwimmt eben, um seinen Belangen einen Vorteil in diesem ständigen Aufmerksamkeitswettbewerb zu verschaffen.

  • KW

    |

    @Daniela, die Mehrheit der Deutschen mag es wissen, nur geht es eben auch einer Mehrheit der Deutschen am Ar… lang. Deswegen ist es gut, immer wieder und auch mit solch medienwirksamen Aktionen darauf hinzuweisen.
    Und ich nehme an, so hatte es auch Mr. T gemeint.

  • KW

    |

    Nachtrag: Es geht einer Mehrheit der Europäer (bzw. der gesamten Menschheit) am Ar… lang, und deswegen ist es gut, dass Herr Prof. Fath bis zum schwarzen Meer schwimmen möchte.

  • Daniela

    |

    @KW

    Da muss die Mehrheit der Menschen, ob in Deutschland oder der Welt, schon riesige Scheuklappen und Ohrstöpsel aufhaben, um nicht zu erfahren, das Mikroplastik unsere Meeresfrüchte und auch die heimische Fischwelt belastet, dass sich Kleiderberge in der Atacama Wüste türmen, dass Wildschweine durch die Berliner Stadtbezirke trappen, weil sie in austrocknenten Wäldern nichts mehr zu fressen finden, nein, dass ist es nicht. Ich möchte meinen, dass es sehr viele wüssten…, Aber, die Menschen delegieren Verantwortung gerne auf andere…

    Ich denke, wir sind mittlerweile zu einer trägen Wohlstandsgesellschaft verkommen, die zwar bei Verantwortlichkeit mit den Fingern auf andere zeigt, aber weiter bis zum Abwinken konsumiert und am besten immer jährlich mit dem Flieger in den Urlaub startet…

  • Mr. T.

    |

    Daniela, das ist leider das Problem, dass viele nach strukturellen Lösungen suchen, statt sich selber als Teil des Problems auszumachen. Strukturelle Lösungen hätten natürlich den Vorteil, dass mehr oder weniger alle mitmachen müssen und sich nicht diejenigen, die sich selbst bemühen, vorkommen wie die Dummen wenn andere ohne Zwang nichts machen.

Kommentare sind deaktiviert

drin