Vor 36 Jahren verlieh die Universität ihre erste Ehrenpromotion

Gefälligkeit für den Reichstheologen

Vor 36 Jahren verlieh die Regensburger Universität zum ersten Mal ein Ehrendoktorat. Die Fakultät für Katholische Theologie ehrte damals den umstrittenen Diözesanbischof Rudolf Graber in einem Festakt, der mit Handgreiflichkeiten und der gegenseitigen Androhung von Strafanzeigen endete. Der frisch gekürte Dr. h.c. Graber hingegen blieb gelassen und würdigte seinerseits in einer lang vorbereiteten Gastvorlesung das Lebenswerk des Nazi-Theologen Karl Adam. Strippenzieher der Huldigung war Professor Joseph Ratzinger, der Bischof Graber seinen Lehrstuhl verdankte. Eine Rückschau auf eine Zweckentfremdung der Ehrenpromotion und eine nicht geführte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit von Rudolf Graber.

Ein Lehrstuhl für Joseph Ratzinger

Bischof Rudolf Graber: Reaktionärer Rechtsaußen und Verfechter einer Reichs-Theologie. Foto: Bistum Regensburg

Bischof Rudolf Graber: Reaktionärer Rechtsaußen und Verfechter einer Reichs-Theologie. Foto: Bistum Regensburg

Nachdem in Tübingen 1968 „die marxistische Revolution“ die Grundfeste der ganzen Universität erschüttert hatte, entschied sich Dr. Joseph Ratzinger, laut seinen „Erinnerungen“ von 1998, nach Regensburg zu wechseln. Für Ratzinger bildeten die Theologischen Fakultäten in Tübingen das eigentliche ideologische Zentrum „der marxistischen Versuchung“. In Regensburg hingegen, wo nur „Wogen der marxistische Revolte“ in die eben gegründete Universität hineinschlugen, hoffte er in der Nähe seines Bruders, Domkapellmeisters Georg Ratzinger jenseits von zermürbenden Auseinandersetzungen in „einem weniger aufregenden Kontext“ seine Theologie weiterentwickeln zu können. Immerhin gab es dort keine, womöglich revolutionäre, evangelische Fakultät. Und anstelle des eigentlich vorgesehenen Judaistik-Lehrstuhls schuf man für Ratzinger in Regensburg eigens eine zweite Professur für Katholische Theologie. Da Ratzinger bereits 1967 im staatlichen Berufungsausschuss maßgeblich auch an der Auswahl der Regensburger Fachbereichskollegen beteiligt gewesen war, genoss er an einer für ihn ideal zusammengestellten Fakultät vorzügliche Arbeitsbedingungen. Diese hatte er hauptsächlich Bischof Graber zu verdanken, der damals laut Hans Küng als reaktionärer Rechtsaußen des deutschen Episkopats im Allgemeinen nicht sehr ernst genommen worden sei.

Ehrenpromotion zum „Goldenen Priesterjubiläum“

Im Antrag für Grabers Ehrenpromotion vom 18. Februar 1976 führte Ratzinger eben auch diese besten universitären Bedingungen für die Katholische Theologie als Begründung an. Es sei eine glückliche Fügung, als Theologe unter der Huld dieses Bischofs stehen zu dürfen. Mit Verweis auf den beeindruckenden Umfang von Grabers wissenschaftlichem Werk glaubten die Verfasser des Antrags, die Professoren Joseph Ratzinger und Johann Auer, ihr Anliegen „für wohl begründet erachten können.“ Sie konnten – alle seinerzeit anwesenden 14 Dozenten und Professoren befürworteten die Initiative, Graber zum Goldenen Priesterjubiläum ein Ehrendoktorat zu verleihen. Als in der Fachbeirats-Sitzung vom gleichen Tag die Antragsteller Auer und Ratzinger auch als Fachgutachter für die noch notwendige Expertise bestellt wurden, gab es jedoch leichten Gegenwind und genau so viel Zustimmung wie Enthaltung unter den Abstimmungsberechtigten. Mitte April legten die Professoren Auer und Ratzinger ihre eher lustlos und summarisch verfassten, sieben- bzw. elfseitigen Gutachten vor. Wie zu erwarten, befürworteten sie mit einer abschließenden Empfehlung ihren eigenen Antrag vom Februar und machten dadurch den Weg zum Ehrendoktorat für Graber frei. Die selbstreferentiell-positive Bewertung der fraglichen wissenschaftlichen Verdienste von Rudolf Graber war offenbar ausgemachte Sache – eine Gefälligkeit zum Priesterjubiläum.

Die Ehrenpromotionsordnung wird missbraucht

Laut Ehrenpromotionsordnung kann die Universität an gewisse Personen „als Anerkennung für hervorragende wissenschaftliche Leistungen“ einen Ehrendoktor verleihen. Das Verfahren wird auf Antrag einer Fakultät mit einer Dreiviertel-Mehrheit der jeweiligen Professoren eingeleitet und mit einem Gutachten über das Werk des zu Ehrenden abgesichert. Der entsprechende Dekan verleiht daraufhin nach einer mehrheitlichen Beschlussfassung des Fachbeirats den akademischen Grad Dr. honoris causa. Obwohl das Procedere auf den ersten Blick klare Vorgaben und Bedingungen benennt, ergibt sich aus den Akten des Graber-Verfahrens, die uns das Uniarchiv dankenswerterweise zur Verfügung stellte, ein anderes Bild. Bezeichnend für die eingereichten Gutachten ist, dass die Professoren Auer und Ratzinger weder konkret eine „herausragende wissenschaftliche Leistung“ Grabers angeben können, noch dass sie oder andere wissenschaftlich arbeitende Theologen sich irgendwann auf das Werk des zur Ehrung Vorgeschlagenen bezogen hätten. Wer etwa Grabers marianische Spekulationen, seine Arbeiten zu Fatima zur Kenntnis genommen hat oder die Verschwörungsschrift „Athanasius und die Kirche unserer Zeit“ (1973), die vom Teufel und den Atheisten als Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils handelt, ist über diesen Befund gewiss nicht überrascht. Auch nicht darüber, dass die Gutachter sich sogar in Teilen von Grabers kapriziöser Theologie distanzieren. Im Übrigen sei es – so resümiert Ratzinger – „nicht Ausschlag gebend, was Leute sagen, die Grabers Werk nicht kennen“. Hier spricht einer, der sich einer unangreifbaren Fakultätshausmacht bewusst ist. Ratzingers Expertise stellt im Grunde ein Gefälligkeitsgutachten dar, das zur Unterstützung des eigenen Antrags bzw. zur formalen Befriedigung der Promotionsordnung verfasst werden musste. Eine Formalie. Womit Dr. Rudolf Graber sich tatsächlich hervorgetan hatte, mit seinem frühen Engagement für das NS-Regime, diese Problematik kam in den Gefälligkeitsgutachten allerdings nicht zur Sprache. Da es möglich ist, auf eine ausführlichere Untersuchung zu Graber Wirken in der NS-Zeit zu verweisen, hier nur eine kurze Zusammenfassung des Sachverhalts.

Rudolf Graber: Völkischer Antisemit und Theologe des „Dritten Reichs“ als „Heiliges Reich“

Nachdem Rudolf Graber als 26jähriger Priester und Doktor der Theologie aus Rom in sein Heimatbistum Eichstätt zurückkehrt war, unterrichtete er seit 1929 Religion und Latein an einer Realschule in Neumarkt. Zugleich betätigte sich er beim Bund Neudeutschland, einer katholischen Organisation für Schüler höherer Schulen, die nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden war und das NS-Regime früh und aus Überzeugung begrüßte. In der Zeit von Februar 1931 bis September 1933 bekleidete Graber im Bund Neudeutschland die Führungsstelle des Geistlichen Leiters für den Donaugau, der aus den Bistümern Eichstätt, Regensburg und Passau bestand. In dieser Funktion hielt er zu Pfingsten 1933 auf der Burg Kastl eine Propaganda-Rede, die Ende 1933 bzw. Anfang 1934 unter dem Titel „Deutsche Sendung – Zur Idee und Geschichte des Sacrum Imperium“ in den Werkblätter des Bund Neudeutschland publiziert wurde. Lässt man die spekulativen und zum Teil unverständlichen Anteile aus Grabers Publikation bei Seite und versucht einen sachlichen Strang zu extrahieren, ergibt sich folgendes Bild: Der Autor geht anhand theologisch exegetischer, dogmatisch-spekulativer, philosophischer und historischer Überlegungen davon aus, dass das deutsche Volk aktuell auserwählt ist, das seit 1806 nur ruhende, aber nicht tote „Heilige Reich Deutscher Nation“ zu seiner heilsgeschichtlichen Vollendung zu führen. Im zweiten Teil seines Aufsatzes spekuliert Graber über die Frage, warum „das Deutsche Volk Träger des Reiches“ wurde? Es handle sich hier um kein historisches Anrecht auf das Sacrum Imperium, denn „Berufung“ und „Sendung“ sei immer eine Gnade, allerdings kämen äußere und innere Gründe für die Erwählung des „Deutschen Volks“ in Betracht. Dieses sei als „Volk der Mitte“ für das Sacrum Imperium für den „Neuen Bund“ ausgewählt worden – ähnlich Israel, das seinerzeit für den Alten Bund auserkoren worden sei. Hinzu komme ein „biologischer Faktor“, denn die germanische Rasse sei „nicht angekränkelt von der sittlichen Fäulnis der ausgehenden Antike“ und habe eine „fast unheimliche Fruchtbarkeit an differenzierten Volkstumskräften in sich“ (S. 234). In einem Durcheinander von Andeutungen und Spekulationen und mit Verweisen bzw. Bezügen auf den Nazi-Germanisten Josef Nagler, den NS-affinen Theologen Karl Adam, der auch an einem katholisch-theologischen Brückenschlag zum NS-Regime arbeitete, und anderen völkischen Traditionssträngen kommt Graber zu einer theologisch verbrämten völkischen Nazi-Ideologie:
„Das sind die Grundlagen der sog. translatio, d.h. der Übertragung der heilsgeschichtlichen Berufung, die Israel verwirkt hatte und nun den Deutschen zuteil wurde: ausgewähltes Volk Gottes zu sein, civitas Dei, zur Heilighaltung der Ordnung, der Werte, zum Schutz und Förderung der Braut Christi, zur Befriedung des Erdkreises.“ (S. 237)
Der gegenwärtige Aufbruch habe eine „tiefe innere Notwendigkeit auch über die nationalsozialistische Bewegung hinaus“ und „der Bann des Rationalismus“ sei gebrochen:
„Hieß es bei der Entstehung des hl. Reiches: Rettung des Imperium Romanum vor Chaos-Antichrist oder Islam, so heißt es heute: Das dritte Reich als Rettung des Abendlandes vor dem Chaos des Bolschewismus, asiatischer Barbarei.“ (S. 241)
Auf die Entwicklung der letzten Jahre zurückblickend stellt Graber fest, Deutschland besinne „sich wieder darauf, dass sein geschichtliches Thema ein religiöses“ sei. Die „Politik aus dem Glauben“ habe – so Graber überschwänglich – „dem Nationalsozialismus einen unverkennbaren messianischen Schwung gegeben, der immer wieder alle lächelnden Skeptiker Lügen strafte“. Graber positioniert sich eindeutig, indem er die judenfeindliche Verwerfungstheologie mit antisemitischem Verschwörungswahn verbindet:
„Ich glaube, es liegt in dem Kampf gegen das Judentum die instinktive Abneigung des ganzen Deutschen Volkes, das sich unbewußt als das auserwählte Volk der neutestamentarischen Verheißung betrachtet und nun einmal mit Recht nicht verstehen kann, warum das verworfene Israel die Welt beherrschen soll, und nicht das Volk der Mitte.“ (S. 240)
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Graber mit seiner Rede bewusst für ein weitgehendes Zusammenwirken der Katholischen Kirche mit dem NS-Regime eintrat und an der Umsetzung und Gestaltung dieses Schrittes in der NS-Bewegung tatkräftig und herausragend mitarbeitete. Als Geistlicher Leiter im Bund Neudeutschland verbreitete er in einer Führungsposition eine katholische Reichs-Theologie, in der christliche Judenfeindschaft mit antisemitischer Volkstums-Ideologie verschmolzen wird. Zentrale Kategorie ist hierbei das Ideologem von der neuen Sendung des „deutschen Volkes“ zur Wiedererrichtung des Heiligen Deutschen Reiches, das an die Stelle des verworfenen Volkes, Israel, treten soll. Graber sah im „Dritten Reich“ ein „Heiliges Reich“. Da Grabers Nazi-Theologie außerhalb des Spektrums der bayerischen Bischöfe lag und insbesondere bei Bischof Konrad von Preysing nicht auf Gefallen gestoßen sein dürfte, wurde er im September 1933 von Neumarkt nach Eichstätt abberufen. Zudem musste er seine Funktion als „Geistlicher Reichleiter“ beim Bund Neudeutschland abgeben. Von weiteren reichstheologischen Pamphleten Grabers in der NS-Zeit ist nichts bekannt. Nach der Zerschlagung Nazi-Deutschlands tauschte Rudolf Graber nur das Subjekt seiner heilsgeschichtlichen Sendungsideologie aus und sah daraufhin in vielen seiner Beiträge ein katholisch-marianisches Europa zum Sacrum Imperium berufen.

Frühe Kritik an Grabers NS-Engagement

Im Zusammenhang mit der Ländergrenzen überschreitenden Kritik an der judenfeindlichen Wallfahrt „Deggendorfer Gnad“ kamen auch Rudolf Grabers offenkundig antisemitische Äußerungen von 1933 zu Sprache. Als er sich nach seiner Ernennung zum Diözesanbischof vom März 1962 geweigert hatte, die Wallfahrt aufzulösen, forderte der Vorstand des DKR („Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“) im Mai 1967, dass sich Graber außerdem von seinen o. g Artikel „Deutsche Sendung“ ausdrücklich distanzieren solle – was jedoch nicht geschah. Vielmehr beschwerte Graber sich im Gegenzug über die angeblich unfaire Art, eine 34 Jahre zurückliegende Rede heranzuziehen, und behauptete, dass der damalige Beitrag ohne sein Wissen redaktionell überarbeitet worden sei. Die außerdem angedrohten juristischen Schritte gegen den DKR hat er aus guten Gründen nicht umgesetzt. Diese seinerzeit intern geführte Auseinandersetzung wurde erst mit einer Festschrift der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Regensburg“ von 1998 öffentlich bekannt. Als DER SPIEGEL Mitte 1969 über Grabers Schlingerkurs bezüglich der Auflösung der antisemitischen „Deggendorfer Gnad“ berichtete, wurde auch knapp auf seine Publikation „Deutsche Sendung“ hingewiesen. Von daher war man 1976 in der Regensburger Fakultät für Katholische Theologie wohl nicht überrascht, als entsprechende Nachfragen zur NS-Zeit auftauchten.

Joseph Ratzinger räumt alle Bedenken aus

Mitte Mai 1976, nachdem die Gutachten für die Ehrenpromotion gerade vorgestellt worden waren, wurde im Fachbeirat auch nach den „angeblichen Äußerungen von Graber in der NS-Zeit“ gefragt. Diese Nachfragen zu stellen, fiel Dr. Siegfried Wiedenhofer zu, einem der damaligen Assistenten Ratzingers. Das Sitzungsprotokoll erwähnt die Anfrage und ihre Auflösung nur kurz. Demnach habe Ratzinger sie „aufgrund von Dokumenten ausführlich und zufriedenstellend beantwortet“. Basta. Mit der folgenden Abstimmung, sechs Pro-Stimmen und eine Enthaltung, wurde das Ehrendoktorat schließlich beschlossen. Mit welchen Dokumenten und wie Joseph Ratzinger Grabers NS-Äußerungen ausführlich ausräumen konnte, steht im Protokoll leider nicht geschrieben. So lag es nahe, beim damaligen Fragensteller nachzuhaken. Auf die Vorgänge angesprochen, meinte Dr. Wiedenhofer, er erinnere sich nicht mehr genau daran. Jedenfalls habe er den fraglichen Sachverhalt – Grabers „zumindest missverständliche Äußerungen in der NS-Zeit“ – damals nur als Nachfrage aufgeworfen und nicht selbst überprüft. Dies sei „den Professoren“ zugefallen. Ansonsten habe alles seine Richtigkeit gehabt. Es bleibt der Eindruck, dass Wiedenhofer, derzeit Kurator der „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung“ und des „Institut-Papst-Benedikt XVI“, die frühe theologisch Legitimierung und offensive Unterstützung des NS-Regimes durch Rudolf Graber bis heute gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Ein anderer Gelehrter aus dem ehemaligen Fachbeirat erklärte auf Nachfrage, kein vernünftiger Mensch könne sagen, Rudolf Graber sei ein Nazi gewesen, wo er doch vom NS-Regime verfolgt worden sei. Im Übrigen habe sich der damalige Fachbeirat mit den Äußerungen Grabers in der NS-Zeit, die ihm womöglich nur nachgesagt worden seien, nicht sonderlich beschäftigt. Die linken Gegner der Ehrenpromotion angeblich auch nicht, denen sei es nur auf Störung und Angriff gegen die Theologische Fakultät angekommen. Dass die meisten Theologen von kirchenkritischen Berichten im SPIEGEL nichts halten, ist nicht weiter verwunderlich. Allerdings kann sich das Desinteresse an Graber NS-Engagement nicht nur aus der Abneigung gegen dieses Medium gespeist haben, da es neben dem strittigen Vortrag Grabers, publiziert in den Werkblätter, auch andere einschlägige und ernstzunehmende Arbeiten gegeben hätte.

Wissenschaftler: Grabers Elaborat ist abschreckendes Beispiel

So etwa die Dissertation von Klaus Breuning, „Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur (1929 -1934)“, der bereits im Jahre 1969 Grabers antisemitisches Gedankengebäude zur Unterstützung des NS-Regimes geschichtswissenschaftlich bearbeitet hatte. Betreut wurde Klaus Breuning bemerkenswerterweise vom Historiker Heinz Gollwitzer, einem Kollegen Ratzingers aus der Zeit an der Universität Münster. Laut Breuning ragt neben Rudolf Graber auch der Theologe Karl Adam aus der Theologen-Zunft heraus, da beide in der NS-Zeit „rassische Faktoren für die Reichberufung“ von Nazi-Deutschland als aufkommendes Sacrum Imperium anführten. Da Klaus Breuning sich zudem auf eine aktuelle und weitreichende Schulddebatte über das Verhalten der Katholischen Kirche in der NS-Zeit bezog, ist davon auszugehen, dass man auch an der Regensburg Universität davon etwas mitbekam. Darüber hinaus wurde Grabers Elaborat „Deutsche Sendung“ im Jahre 1971 auszugsweise bzw. als abschreckendes Beispiel in der bedeutsamen Reihe „Theologisches Forum“ (Hg: Werner Trutwin) dokumentiert. Diese Reihe editierte Materialien und Quellentexte für den Religionsunterricht. Da der damalige Dekan der verleihenden Fakultät, Wolfgang Nastainczyk, Religionspädagogik unterrichtete, kann man davon ausgehen, dass zumindest er das Heft Nr. 7, „Juden und Christen“ (1971), in dem Graber exemplarisch unter der Rubrik „Die katholische Kirche und der nationalsozialistische Antisemitismus: Dokumente und Texte“ zitiert worden war, kannte. Das besagte Heft „Juden und Christen“ ist in acht Auflagen erschienen, vier davon kann man in Regensburger Bibliotheken ausleihen. Insgesamt muss man der ganzen Fakultät für Katholische Theologie bezüglich der Ehrenpromotion für Dr. Graber aus heutiger Warte entweder weitreichende Ignoranz oder aber kühle Berechnung bzw. Ausblendung attestieren.

Ein Bischof zeigt sich überrascht

Nachdem der Fachbeirat in der o.g. Sitzung das Ehrendoktorat beschlossen hatte, rundete Strippenzieher Ratzinger das h.c.-Projekt mit einem braunen Sahnehäubchen ab. Er schlug vor, Bischof Graber offiziell um einen Gastvortrag zu bitten. Und zwar möglichst über das wissenschaftliche Lebenswerk des Tübinger Professors Karl Adam. In dem daraufhin erstellten Anschreiben des Dekans an Bischof Graber kommt allerdings zutage, dass die Adam-Vorlesung ohnehin ausgemachte Sache war. In dem Schreiben heißt es nämlich, dass es der Fachbereich anlässlich der feierlichen Verleihung des Ehrendoktorats sehr begrüßen würde, „wenn Sie gemäß Ihrer seinerzeitigen Anregung an die Professoren des Fachbereichs [Hervorhebung R.W.] in dieser Gastvorlesung das Lebenswerk Karl Adams würdigen könnten.“ Bischof Graber hingegen zeigte sich erstaunt. In unverdächtig-unbeteiligter Manier antwortete er bereits am nächsten Tag: „Ihr Brief vom 13. Mai hat mich nicht wenig überrascht, aber auch sehr gefreut. Ich weiß die hohe Auszeichnung wohl zu schätzen … Ebenso freudig überrascht war ich von Ihrer Anregung, eine Gastvorlesung über unseren Regensburger ‚Jubilar‘ Karl Adam zu halten. Ich sage gerne zu.“ So kam es dann auch. Am 23. Juni 1976 bekam Graber den Ehren-Doktorhut aufgesetzt und der Ausgezeichnete hielt eine Gastvorlesung zum Werk des Theologen Karl Adam (1876-1966).

Grabers würdigt Nazi-Theologen

Graber würdigte Karl Adam in einer nicht nachvollziehbaren und teils widersprüchlichen Weise als „Wegbereiter des 2. Vatikanischen Konzils und seiner Theologie“. Das Vaticanum habe zwar Bewegung in die Kirche gebracht, es sei aber auch – so der Festredner mahnend – die Gefahr entstanden, dass alle vorkonziliare Theologie einer Art „damnatio memoriae“ unterworfen werde, insbesondere die Adams. In einem gekonnten Abriss stellte Graber die angeblichen Verdienste und vielfältigen Publikationen Adams heraus, allerdings ohne in irgendeiner Form auf das eifriges Mittun des Tübinger Dogmatikers (emeritiert 1948) im nationalsozialistischen Deutschland einzugehen.
Protest gegen die Ehrenpromotion Grabers Die Wandzeitung wurde vom damaligen Kanzler im Vorfeld entfernt. Foto: privat

Protest gegen die Ehrenpromotion Grabers Die Wandzeitung wurde vom damaligen Kanzler im Vorfeld entfernt. Foto: privat

Adam wurde mit dem vielgelesenen, vom Offizium später aber auf den Index gestellten Werk „Das Wesen des Katholizismus“ berühmt und begrüßte die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland enthusiastisch. Eines seiner Hauptwerke, „Jesus Christus“, ist laut dem Kirchenhistoriker Georg Denzler „voll von antijüdischen Klischees der Christologie und problematischen Assoziationen seiner ‚völkisch-nationalen‘ Anthropologie“. In seinem Aufsatz „Jesus, der Christus, und wir Deutsche“ von Ende 1943 fabulierte Adam von einem arischen Jesus und strebte darüber eine ökumenische Zusammenarbeit mit evangelischen Nazis an, was zeitgenössisch nicht nur auf Kritik kirchlicher NS-Gegnern stieß. Der frisch gekürte Dr. h.c. Graber verlor über diese Zusammenhänge kein Wort.

(K)eine politische Demonstration und Bedenken des Rektors

In seiner Laudatio für Graber vom 23. Juni 1976 sprach der Dekan der Fakultät für Katholische Theologie, Dr. Wolfgang Nastainczyk, Klartext. Es müsse ja damit gerechnet werden, „daß dieser Ehrung insgesamt oder doch einigen aus den Reihen des Fachbereichs, der sie vergibt, andere Motive nachgesagt werden“. Darum betone er eigens: Die Graduierung von Bischof Graber sei „ein wohlbegründeter akademischer Akt. Hingegen stellt sie keine politische Demonstration dar.“ Man ehre einen Wissenschaftler für sein Werk. Der amtierende Uni-Rektor Dieter Henrich sah dies offenbar etwas anders und lehnte es im Vorfeld gegenüber Dekan Nastainczyk schriftlich ab, bei der Feier mit einer eigenen Rede aufzutreten. Denn er „möchte nicht den Anschein erwecken, als ob es sich hier um eine Angelegenheit der gesamten Universität Regensburg handle“. Und die Studenten? Diverse Studentengruppen verteilten spöttische Flugblätter („Luzifer ante portas“), die sich in Teilen auf den o.g. Spiegel-Artikel bezogen, und nutzten den Festakt für eine politische Demonstration in eigener Sache. Sie platzten in die Feierlichkeiten mit einem Sarg, in dem sich 1.400 Postkarten befanden, die sich gegen das weithin bekannte Berufsverbot gegen den Diplom-Soziologen Fred Karl aussprachen. Rektor Henrich weigerte sich jedoch die Karten anzunehmen. Er forderte die Protestierenden, die man fälschlicherweise für aufmüpfige Theologie-Studenten hielt, im Gegenzug auf, die Feier nicht weiter zu stören und verwies sie des Saals. Nach einigen Handgreiflichkeiten und gegenseitigen Androhungen konnte endlich der letzte Höhepunkt des Abends ungestört begangen werden: Bischof Graber würdigt den Blut-und-Boden-Theologen Karl Adam.

Katholische Vergangenheitsbewältigung und Nachlese

Im Nachgang wirbelte ein kritischer Zeitungsbericht des evangelischen Studentenpfarrers Dr. Wolfhart Schlichting noch einigen Staub auf. Schlichting befand Grabers wissenschaftliche Leistung als zu unbedeutend für ein Ehrendoktorat. Vielmehr witterte er darin „Einen Hauch von Gegenreformation“ und das Ende der Ökumene. Dekan Nastainczyk war über diese kritischen Einwände empört und stellte den evangelischen Kollegen daraufhin zur Rede. Auch in der Sitzung des Fachbeirats der Katholischen Fakultät von Ende 1976 wurde der Zeitungsbericht behandelt. Wieder gab Ratzinger zur Krisenbewältigung die Linie vor und die Kollegen pflichteten abermals seiner Auffassung bei, „daß in dieser Angelegenheit keine weiteren Schritte unternommen werden sollten“. Der Dekan teilte abschließend mit, „daß die Professoren des Fachbereichs derzeit keine weiteren Ehrenpromotionen durchzuführen gedächten“. Auch der damalige Uni-Kanzler Hans-Hagen Zorger war involviert und musste, nachdem er von den Vorfällen während der Feierlichkeiten gehört hatte, einen aufgebrachten Brief schreiben. Offenbar im Glauben, die Störer seien aus der Ecke der Theologie-Studenten gekommen, forderte er von Dekan Nastainczyk, dass „innerhalb der Universität die notwendigen Konsequenzen gezogen werden und nicht allzu viel Nachsicht waltet“. Dass die Ehrenpromotion nicht ohne Komplikationen abgehen würde, sei ja „in etwa vorauszusehen“ gewesen, so Zorger. Um diese im Vorfeld etwas zu mindern, legte der Kanzler sogar in seiner Freizeit selbst Hand an und entfernte am Fronleichnamstag vor der Verleihung eigenhändig eine Wandzeitung, die zu Protesten gegen den Festakt aufrief. Die erste Ehrenpromotion der Universität Regensburg hatte wenig mit akademischen Leistungen zu tun. Vielmehr sollte die Nazivergangenheit von Rudolf Graber überdeckt werden. Mit dem zielgerichteten Vorgehen der Fakultät für Katholische Theologie wurde das Recht, akademische Titel zu verleihen, missbraucht, um einem eitlen kirchlichen Amtsträger in der Verdrängung seiner Nazivergangenheit beizustehen.

Ratzinger und Müller: Kontinuität in vielerlei Hinsicht

Josef Ratzinger stieg ein Jahr später weiter auf und ließ sich von Graber zum Bischof von Freising-München weihen. Zu Grabers 60. Priesterjubiläum im Jahre 1986 wiederholte Ratzinger – mittlerweile Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation – das manipulative Weißwaschen von Grabers Vita. Wie zur Verhöhnung von tatsächlichen NS-Opfern – etwa dem Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg, der gegen nazifreundliche Theologen wie Adam oder Graber protestiert hatte und auf dem Weg in das Konzentrationslager Dachau verstarb – fabulierte Ratzinger: wie „nur ganz wenige hat Bischof Rudolf [Graber] in allen Wirrnissen der Zeit – zuerst gegen den Ungeist des Dritten Reichs und dann gegen den Falschgeist eines soziologisierten Christentums – standgehalten“.
Gerhard Ludwig Müller: Er folgte Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation und beweist auch Kontinuität in der Weißwaschung von Graber. Foto: Staudinger

Gerhard Ludwig Müller: Er folgte Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation und beweist auch Kontinuität in der Weißwaschung von Graber. Foto: Staudinger

Der ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig ist Ratzinger nicht nur in der Leitung der vatikanischen Glaubenskongregation gefolgt, sondern auch in der Weißwaschung von Grabers brauner Vergangenheit. Lebenslügen wollen gepflegt werden – auch die von Bischöfen und Präfekten.

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Kommentare (30)

  • Angelika Oetken

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    Auf den ersten Blick passen faschistische Einstellungen und Katholizismus nicht recht zusammen.

    Mit ein wenig Distanz fallen aber Zusammenhänge ins Auge. Kernthema ist die „bedrohte Männlichkeit“.

    Die socherart Betroffenen reagieren darauf bevorzugt mittels der Identifikation mit dem Aggressor http://de.wikipedia.org/wiki/Identifikation_mit_dem_Aggressor

    Zur Sozialisation katholischer Würdenträger könnte das hier Aufschlüsse bieten http://www.ehe-familien-lebensberatung.de/file_395-62827-1602/die-angst-des-mannes-vor-der-naehe.pdf

    Und die Idealisierung der Mutter mittels Marienkult bekommt dann auch eine ganz eigene Logik.

    Wenn die ganze ethisch-ideologische Verblendung dann dazu führt, dass Faschistenfreunde aufgewertet werden (wie in diesem Fall) oder systemimmanenter sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen von den Verantwortlichen begünstigt und getragen wird (wie nicht zuletzt durch die vielen hier auf der homepage eingestellten Artikel sichtbar) dann wird es kriminell. Und das nicht nur im übertragenen Sinne.

    Allenfalls könnte man noch versuchen, das Ganze mit der Bezeichnung „Psychopathia Sexualis Catholica“ versehen zu lassen und in einer der beiden internationalen Klassifikationen für psychiatrische Erkrankungen unterzubringen.

    Vielleicht landen die Verantwortlichen, sollten sie wirklich mal vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden mit so einer Diagnose in der Forensik und nicht im allgemeinen Knast.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • Veronika

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    Danke auch für diesen Artikel! Ich sage nichts mehr, ich muss mich nur noch wundern, wie da die Strippen gezogen wurden. Gut, dass ich aus diesem Verein (jährt sich bald ein Jahr!) ausgetreten bin.

  • Veronika

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    Die Pius-Brüder sind „raus“:
    http://www.ramasuri.de/167641/nachrichten/nachrichten-regensburg/voderholzer-piusbrueder-haben-annaeherung-versaeumt/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+RadioRamasuri+%28Radio+Ramasuri%29

    Haben die zu wenig „gekuschelt“ und gelogen, als es darum ging die ganz Mischpoke und die wahre Gesinnung geheimzuhalten? Vat. II war ein gekonnter Schachzug, um Dinge vergessen zu lassen, die im tiefen Kellerlein noch sehr präsent sind. Dies beweist meiner Meinung nach nicht zuletzt dieser aktuelle Artikel von Herrn Werner.

  • Twix Raider

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    In Jerusalem hing Jesus am Kreuz, in Regensburg hängt er am Glücksrad. Warum? Im Grab kann er ja schlecht rotieren. Lieber Sepp, heiliggesprochen wird man, wenn man ein Wunder wirkt, nicht, wenn sich die Leute über einen wundern. Was sie eh nicht mehr tun, dein Hirtenstab ist ein Kerbholz mit Überlänge. Kannst du nicht mal einen Kranken heilen? Es muss ja nicht gleich Aussatz sein, Fusspilz genügt für den Anfang… HIMMEL!!

  • Angelika Oetken

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    @Twix Raider:

    Apropos „Kerbholz“: http://de.wikipedia.org/wiki/Kerbholz

    Insofern:

    – wer hat die andere Hälfte von Ratzingers Schuldenstock?
    – wann ist Zahltag und wer bekommt dann was?
    – falls Ratzinger vorher das Zeitliche segnen sollte… wer erbt das Kerbholz?

    Will sagen:

    gibt es eine Stelle wo Lebensweg und -taten des Ex-Papstes dokumentiert wurden und archiviert werden? (Abgesehen natürlich von den beiden fleißigsten Geheimdiensten der Welt – die wissen eh alles… rücken das aber nur raus, wenn sie was davon haben. Und bislang ging „man“ ja politisch eher konform).

    Viele Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • Umstrittenheit ist eine Zier: hier

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    Zur Person des Tübinger Theologiedozenten Hw. Karl Adam eine biografische Ergänzung aus dem Jahre 1901 aus dessen Riekofener (südlicher Landkreis Regensburg) Kooperatoren-/Kaplanszeit.
    „Ein Ungeheuer war in den Schafstall von Riekofen eingedrungen und hatte dessen heiligen Gottesfrieden gestört“, so beschwerte sich die damalige „Kirche von unten/Wir sind Kirche“ Sütterlin-schriftlich „mit tränenumflortem Blicke und Wehmut durchzitterten Worten machten fromme Christen dem Hochwürdigsten Bischöflichen Ordinate Mitteilung, daß der neue Kaplan die Burschen ‚Fensterlieder‘ lehre“. (Zitate aus „Straubinger Kalender 2006“, Seite 61)
    „Fensterlieder“ waren damals volkstümliche Gesänge, das „Fensterln“ betreffend.
    Also, wenn ich mir da die calvinisch verkniffene, kryptoprotestantische ProfessorInnenschaft der Regensburger katholisch-philosophischen Fakultät betrachte, dann wird mir der Pursrucker Lehrerssohn von hinten sympathischer als diese freidenkerische, leider verbeamtete Gesellschaft Jesu von vorn.

  • Franz Hinterholzer

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    Also was sollen denn bitte die Riekofener Moralapostel von 1901 mit Kirche von unten oder Wir sind Kirche zu tun haben? Geht’s vielleicht noch ein bißchen wirrer?
    Aber freilich: Wenn ein Theologe wie Karl Adam, der sich als Judenhasser hervorgetan und öffentlich von einem „arischen Jesus“ halluziniert hat, zuvor als lebenslustiger Kaplan in Erscheinung getreten ist, dann wird er gewissen Leuten gleich doppelt sympathisch. Denn die Lebensfreude und der Haß auf die Juden gehören doch zusammen, nicht?
    Nein, jetzt mal im Ernst: Der nichtendenwollende Haß auf die Juden ist, wie man an diesem wirren Kommentar wieder einmal sieht, eine regelrechte Geisteskrankheit. Es ist einfach nur gruslig, daß immer noch Leute herumlaufen, die diese gottverdammte Scheiße im Kopf haben.
    Was anderes fällt den Antisemiten nicht ein, um so einen exzellenten Artikel wie diesen hier von Robert Werner zu diskreditieren. Sonst müßten sie zugeben, daß er einwandfrei recherchiert ist und astrein argumentiert.

  • lisa

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    Der „evangelische Studentenpfarrer“ heißt Dr. Wolfhart Schlichting.

    Danke für den Hinweis. Wir haben das ausgebessert. Die Redaktion.

  • Veronika

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    Riekofen??? War da in der jüngeren Vergangenheit nicht noch etwas anderes geboten? (Pfarrer Peter K.)
    Hat man da in der Diözese vielleicht einschlägige Pfarren, die immer wieder auffallen müssen?

  • R. Werner

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    Kleiner Nachtrag zur Thematisierung Rudolf Grabers NS-Zeit in der „katholischen“ Forschung:

    Zur Dokumentation von Opposition und Verfolgung von katholischen Geistlichen und Ordensleuten veröffentlichte die „Kommission für Zeitgeschichte“, die der katholischen Bischofskonferenz nahesteht, die Arbeit von Ulrich v. Hehl, Priester unter Hitlers Terror, 1984.
    Darin werden auf der Grundlage von Selbstdarstellungen der Betroffenen diverse Repressalien gegen Geistliche summarisch und unkritisch aufgezählt.

    Unter Rudolf Graber heißt es:

    „In Juni 1933 erfolgte wegen politischer Differenzen eine Versetzungsanzeige durch den Realschuldirektor von Neumarkt.
    1934 aufgrund einer Predigt über den „Antichristen“ Androhung von KZ-Haft in Dachau.
    Im Zusammenhang mit der Auflösung der katholischen Jugendverbände am 25.1.1938 eine Haussuchung durch die Gestapo Nürnberg.
    1939 wurde ein Verfahren wegen angeblicher Übertretung des Sammlungsgesetzes eingestellt.
    Aufgrund angeblich unerlaubter Briefbeförderung nach Italien 1941 ein Verhör durch die Polizei. Wegen verspäteten Hissen der Fahne, zu kurzem Glockengeläut beim Fall von Warschau usw. mehrere mündliche Verwarnungen durch den Ortsgruppenleiter.
    Bis kurz vor Kriegsende Polizeiüberwachung.“

    Der Sinn dieses Eintrags ist offensichtlich, Graber soll zum Verfolgten des Naziregimes gemacht werden. Sein antisemitisches NS-Engagement wird gar nicht thematisiert.
    Der Kirchengeschichtler Georg Denzler (Widerstand ist nicht das richtige Wort, 2003) bezeichnete die Arbeit von U. v. Hehl spöttisch als „ein großes Exkulpationsopus“.

    Der 1967 an die Uni Regensburger berufene Historiker Dieter Albrecht gehörte zu den Gründern der „Kommission für Zeitgeschichte“.

  • Umstrittenheit ist eine Zier: hier

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    @ R. Werner 15.07.2013, 10:02h

    Wird in der v. Hehlschen Arbeit auch etwas „Widerständiges“ zu den Hw. Herren Korbinian Aigner und Karl Adam erwähnt?

  • Veronika

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    Lesenswert zum Thema:

    http://www.taz.de/!30707/

    R.-Aufsatz in eindeutiger Veröffentlichung. Dies ohne bisherige Distanzierung!

  • Umstrittenheit ist eine Zier: hier

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    @ Veronica 15.07.2013, 17:24h

    Danke für den Link: er führt zu bedenkenswerten Gedankengängen, die im Übrigen seit der griechischen Klassik nichts Neues sind, soweit eine altsprachlich-humanistische Schulbildung genossen werden konnte.

    Daß die im Link von J. Ratzinger erwähnte „’neue Oligarchie‘ eine Macht mit schmutzigen Händen ist, deren Grausamkeit ihren Möglichkeiten öffentlicher Hinrichtungen“ entspricht „ist hinlänglich bekannt“, in der Tat, und auch hier ab und an gaaaanz unterschwellig festzustellen, wenn’s gegen die meinungsfreiheitlichen Freunde der politischen Inkorrektheit geht

  • Altsprachler2

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    Ob die im Link von J. Ratzinger nicht erwähnte alte Oligarchie katholischer Meinungsverkünder erst recht eine Macht mit schmutzigen Händen ist, deren Grausamkeit sich nicht auf öffentliche Hinrichtungen beschränkte, wäre diskutierbar. Aber wenn es um schmutzige Hände eines Großinquisitors und Strippenziehers geht, meinte wohl J.Ratzinger: Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt …

  • caruso

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    Es gelang der RKK viel zu gut die Seelen ihrer Mitglieder
    mit Judenfeindschaft jahrhundertelang zu vergiften. (Nicht daß die
    protestantischen Kirchen besser wären!). Ob man dieses Gift je los
    wird – ich kann leider nicht in einem Kristallkugel die Zukunft
    lesen. Aber viel Hoffnung habe ich nicht. Die Vergiftung ist viel
    zu gut gelungen. lg caruso

  • Stattamhofer

    |

    Hier ist der richtige Artikel: Was sich der Autor R.W. hat
    entgehen lassen, ist ein braunes Regensburger Zuckerl der
    besonderen Art. Es ist der Verweis auf die große Sympathie, die
    Bischof Rudolf Voderholzer in dem Presseclub-Gespräch von Juni 2013
    für seinen Namensvetter Graber äußerte. Graber sei sein erstes
    Vorbild, der Vorgänger der ihm, Voderholzer, am nächsten stehe,
    usw. usf. Was mag Bischof Voderholzer geritten haben, dergleichen
    von sich zu geben. Glaubt er vielleicht – wie vordem J. Ratzinger –
    mit Hilfe von Graber noch weiter aufsteigen zu können? R. Graber
    war übrigens jener Missbrauchstäter-Schützer, der Georg Zimmermann,
    nachdem dieser 1959 als Domspatzen-Direktor wegen „Unzucht mit
    Abhängigen“ entfernt wurde, zum Diözesan-Musikdirektor machte. Als
    Zimmermann 1969 wegen sexuellen Missbrauchs in den Knast gegangen
    war, gab ihm danach wiederum Bf. Graber einen Job in der Diözese –
    im Weidener Knabenseminar. Tolles Vorbild dieser Graber! Weiter so
    H. Voderholzer.

  • Tony Mach

    |

    Ich erinnere mich das die „großen“ Medien über die HJ
    Vergangenheit des Herrn Ratzinger berichtet haben als er damals
    (endlich! Arsch und Eimer!) zum Cheffe des Ladens wurde – aber
    sowas hat man damals nicht erfahren. Wer sich noch aus den
    Publikationen der großen „informiert“ ist selber schuld – und dabei
    ist es egal ob es „öffentlich-rechtliche“ Propaganda ist, oder
    privat Propaganda ist. Schön das hier im braunen Dreck gewühlt
    wird! Und man nochmals und nochmals erfährt das die kath. Kirche
    nie mit dem Faschismus gebrochen hat, und die kath. Kirche auch nie
    die Verantwortung für die von ihr initiiere Judenverfolgung
    übernommen hat. Das Cheffe Ratzinger dann damals in Regensburg für
    das Seelenheil der Juden betten lies war kein „Versehen“ oder
    „harmlose Tradition“ wie man uns damals weismachen wollte. Und
    immer wieder schön das diese feinen Herren nie Belege anführen für
    ihre Lügen, immer frech behaupten alles wäre schon belegt und
    geklärt, und immer ihrerseits die Kritiker der Lüge und
    Unwissenheit bezichtigen. „fefe“ verleiht gerne mal den
    „Otto-Schily-Preis“ für den maximalen Realitätsabstand – ich glaube
    Ratzinger wäre auch ein guter Schirmherr für so einen
    Preis..

  • Stattamhofer

    |

    Nicht nur die „großen Medien“ haben sich nicht für Ratzingers Nähe und Affinität zu Rudolf Graber interessiert. Soweit ich sehe, gilt dies auch für die vielen Papst-Biografen.

    So z.B. auch für den Regensburger Theologen Christian Feldmann, der sich selbst gerne als kritischer Benedikt-Biograf bezeichnet. Feldmann weiß freilich von Grabers Rechtslastigkeit, hat sich aber offenbar nie für die NS-Zeit „seines“ Ex-Bischofs interessiert. Feldmann sagt, dass er in seiner Studentenzeit Graber mit „der größte Mufti“ titulierte. Hier zeigt sich bei Feldmann eine Art Begriffslosigkeit und fehlende Auseinandersetzung mit seinem rechtsradikalen, antisemitischen Bischof.

    Diese Nicht-Auseinandersetzung mündet dann obendrein in einen implizit antimuslimisch konnotierten Begriff (Mufti), der hier völlig deplaciert und im Grunde abwertend ist und mehr über das Weltbild des Biografen denn über Graber aussagt.

    Wer näheres über die politisch/theologische Verwandtschaft und Gemeinsamkeiten von Graber und Ratzinger erfahren will, sollte Hubertus Mynarek, Papst-Entzauberung (2007) lesen.

  • Veronika

    |

    @Stattamhofer:

    Danke für den Literaturhinweis auf Mynarek!

    Mittlerweile auch zu empfehlen, die „Kriminalgeschichte des Christentums“ von Karlheinz Deschner. Sicher auch interessant wenn man in die Zukunft blickt und vermutet, dass die KK wieder einmal so viel Macht erlangen könnte.

  • Umstrittenheit ist eine Zier: hier

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    @ Veronika 30.07.2013, 21:22h

    Einen Literaturhinweis möchte ich Ihnen auch andienen, lesen Sie Waldemar Bonsels (richtig, der Vater der Biene Maja), „Dositos“ auch „Der Grieche Dositos“, aber bitte in der Ausgabe von 1942/3, das Vorwort ist erhellend zum hießigen Artikelthema.

  • Christian Feldmann

    |

    @Stattamhofer:

    Eigentlich gibt es ein ganz einfaches Kriterium: „Historiker“ mit Schaum vor dem Mund sind keine.

    Und wenn Sie sich schon das Maul über meine natürlich nur vermeintlich kritischen Papst-Biografien zerreißen, sollten Sie zuerst die elementare Kunst entwickeln, richtig zu lesen: Nicht ich habe Bischof Graber als „größten aller Muftis“ tituliert und mich damit an der political correctness gegenüber muslimischen Religionsbeamten versündigt. Stattdessen habe ich, um Grabers kirchenpolitische Einordnung durch eine kritische Öffentlichkeit zu belegen, den boshaften Beinamen zitiert, den die von linken Studentengemeinden herausgegebene Zeitschrift „kritischer katholizismus“ (für die u. a. Horst Herrmann und Walter Dirks schrieben) dem Bischof verpasst hatte.

  • Stattamhofer

    |

    @ Christian Feldmann
    Danke für die Richtigstellung, dass die Formulierung („größten aller Muftis) nicht von Ihnen stammt.
    Dessen ungeachtet lese ich Ihre kurze Graber-Skizze (in Papst B 16, 2006) so, dass Sie, zumal als ehemaliger linker Ratzinger-Student, sich diese Formulierung bequem zu Eigen gemacht haben.

    Wenn Sie gleich mit „political correctness“ daher kommen und diese als etwas betrachten, gegen das man sich versündigen kann, dann haben Sie, mit Verlaub, ein unreflektiertes katholisches Abwehrverhalten gegen meine kritischen diskursanalytischen Anmerkungen.

    Und überhaupt, wieso das „Maul zerreißen“. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass Sie sich m.W. offenbar nicht für Graber NS-Zeit interessiert haben, trotz der Eigenbezeichnung „kritisch“. Dieses Resümee müssen Sie schon ertragen, oder habe ich da was übersehen?

    Ich finde man kann die z.T. mit Furor geschriebenen Arbeiten des „Außenseiters“ Hubertus Mynarek mit Gewinn lesen, gerade wenn es um Zusammenhänge und Intrigen des H. Ratzingers geht, über die Sie, Herr Feldmann, sich nie geäußert haben. Mynarek als Pseudo-Historiker in Anführungsstrichen mit „Schaum vor dem Mund“ zu bezeichnen, ist in meinen Augen ein kindischer Abwertungsversuch von einem, der es nicht besser gemacht hat und weiter im katholischen Mainstream mit schwimmen will. Unter dem Label „kritisch“ versteht sich.

  • Angelika Oetken

    |

    „gerade wenn es um Zusammenhänge und Intrigen des H. Ratzingers geht,“

    @Stattamhofer,

    wenn ich mir vorstelle, dass ein Herr Ratzinger so nach und nach bis zum Anführer einer spirituellen Weltorganisation mit fast 1,2 Milliarden Mitgliedern, diversen Tochterunternehmen und allein über 400 000 Unterabteilungsleitern im Geschäftsbereich „praktische Ritualdienstleistung“ aufgestiegen ist, wie dann anders als genau eben durch „Zusammenhänge und Intrigen“?

    Ich bin durch und durch Pragmatikerin und glaube nicht an Übersinnliches, aber dass sich diese Unternehmung RKK schon so lange erfolgreich am Markt hält und sich weitgehend staatlicher Kontrolle entzieht: das grenzt für mich an ein Wunder.

    Wie machen die das nur?!?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • Umstrittenheit ist eine Zier: hier

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    @ Stattamhofer 24.07.13, 23:19h/01.08.13, 09:24h
    @ Christian Feldmann 01.08.2013, 00:36h

    An die beiden Mufti-Versteher zwei höfliche Verständnisnachfragen zu Thema:
    „par orde du mufti“ politisch korrekt oder eher nicht?
    „Karin Pfeifer: Mufti, der kleine freche Dinosaurier; Stolz Verlag“ politisch korrekt oder eher nicht?

  • Veronika

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    @Angelika Oetken:

    Liebe Frau Oetken, sicher machen die es genau so, wie Sie es schon öfter beschrieben haben. Man nimmt einfach die eigenen Schw……en (dichtet dies vielleicht noch anderen Leute an) und nutzt dies dann um voran zu kommen, oder?
    —————
    Ich denke nur, dass die Dinge nicht mehr allzulange so weiterlaufen werden, denn die ältere geistliche Klientel ist zu schwach geworden, und die Jüngeren (Dazu zähle ich gerne auch noch diesen Prälaten Wilhelm Imkamp) sind zu durchsichtig radikal, als dass man deren Absicht nicht bereits lange vorher erkennen würde. Hätte J.R. diesem Vatileaks-Gabriele die Peinlichkeiten mit dem Gerichtsverfahren vor einem Vorsitzenden Richter des Ordens vom Hl. Grab zu Jerusalem – Msgr. Della Torre – erspart, ich hätte ihm nichts Böses zugetraut. So aber hat er gezeigt , wess Geistes Kind er ist.
    Ich denke wir haben es hier sowieso neben Opus Dei, mit dem souveränen Malteser-Orden und diesem noch ominöserem „Ritterorden vom Hl. Grab zu Jerusalem“ (ebenfalls souverän) zu tun. Auch in Bayern sind einige sehr bedeutsame Leute bei diesem letztgenannten „Orden“.
    Vielleicht können uns nur noch die Freimaurer vor diesem Gschwerl retten! ;-)

  • Umstrittenheit ist eine Zier: hier

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    @ Veronika 01.08.2013, 16:09h

    Ein Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem (OESSH) lacht zur Zeit als Landtagskandidat in Regensburg auf Plakaten hemdsärmelig aus einem Kornfeld heraus: eine ungünstige Werbesituation, es drängt sich der Begriff Bilmesschneider auf.

  • Josef Engert – Propaganda für das NS-Regime als „Ehren- und Herzensache“ | Regensburg Digital

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    […] Obwohl der Blut-und-Rasse-Diskurs mit der katholischen Glaubenslehre unvereinbar gewesen wäre, gab es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mehrere katholische Theologen, die im völkischen Lager ihre Heimat fanden und aktiv für eine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten eintraten, oder den „neuen Staat“ verklärten. So zum Beispiel der renommierte Tübinger Dogmatiker Karl Adam oder Rudolf Graber, der spätere Regensburger Bischof. […]

  • Entschlossene Geschichtsverdrängung | Regensburg Digital

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    […] des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Theologie“. Strippenzieher des Vortrags und der Ehrenpromotion für Graber von 1976 waren der damalige Regensburger Professor Joseph Ratzinger und der bereits erwähnte Wolfgang […]

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