Gore, Blut, Horror und was Feminismus mit Männergehirnen macht – zum Hard:Line Filmfest Regensburg
Was haben Horrorfilme mit Feminismus zu tun? Wann beginnt Gewalt? Welche Grenzen muss man überschreiten? Fragen, über die man beim Hard:Line Filmfest trefflich streiten kann? Es startet am 16. April – trotz Wolfram Weimer garantiert ohne Selbstzensur.

Frauen im Fokus: der Male-Gaze setzt den Schwerpunkt beim Hard:Line. Foto aus: Bury the Devil (Copyright, Blue Finch Releasing 2026)
Wenn man über Gewalt und die Darstellung von Gewalt reden will, dann kommt man nicht daran vorbei: das Hard:Line Filmfestival in Regensburg. Zum 13. Mal findet es heuer statt – in seiner bisher größten Form. Sieben Tage lang, zwei Kinos.
Mit der Darstellung von Gewalt und dem Hard:Line ist es so eine Sache.
Kritik mit Übergriff
Von einem renommierten Medienwissenschaftler, tief in die Gewaltforschung involviert, ist bekannt, dass er dieses Genre im Allgemeinen und das Hard:Line Festival im Speziellen ablehnt. Er meint, es mache Gewalt konsumierbar und fördere sie dadurch. Diese Position ist diskussionswürdig. Man kann darüber streiten – mit Erkenntnisgewinn.
Man könnte aber auch darüber diskutieren, ob es nicht auch eine Form von Gewalt ist, eine sehr kleine, wenn derselbe Medienwissenschaftler, wie vor einigen Jahren geschehen, seine wissenschaftlichen Hilfskräfte auffordert, Werbematerial für das Hard:Line Festival an der Universität Regensburg zu entfernen und zu entsorgen.
„Diese Gewaltfrage muss man stellen“, sagt Florian Scheuer. Er hat das Hard:Line Filmfest aufgebaut und mit einem engagierten Team zu einem der wichtigsten wichtigsten Genre-Festivals in Deutschland gemacht. Anerkannt in Europa und mit Gästen aus aller Welt.
Nur Leid, Blut und Horror?
„Immer wenn man aktiv wird, um etwas zu verändern, dringt man in den Bereich eines anderen Menschen ein“, sagt Scheuerer. Was damals an der Universität Regensburg geschah, betrifft mehr als nur das Entsorgen von Werbematerial. „Es geht um meine Reputation. Ich entstamme dieser Uni.“
Er schätze den erwähnten Medienwissenschaftler und seine Forschungen sehr. „Aber ab einem gewissen Punkt gehe ich nicht mehr mit.“ Darüber müsse man diskutieren. Und das ist auch ein zentraler Kern dieses Festivals, das weit mehr ist, um nicht zu sagen, etwas völlig anderes, als sich an Leid, Blut und Horror zu ergötzen.
Ein Schwerpunkt, der sich von selbst ergibt
Das zeigt sich am Schwerpunkt des diesjährigen Hard:Line Filmfests. „Eigentlich mag ich keine Schwerpunktsetzung. Wir wollen einen groben Überblick zu den Entwicklungen in der Szene geben.“
Doch heuer gibt es einen klaren Fokus, einfach, weil er da ist: die Auflösung des sogenannten Male-Gaze. Vereinfacht ausgedrückt: der männliche Blick auf das Kino löst sich auf.
Beispiel James Bond. Sowohl das Bild von 007 als auch die Darstellung der Frauen in den Bond-Filmen hat sich verändert.
Von platten Bond-Girls zu starken Charakterfrauen
Sean Connery überschritt in dieser Rolle regelmäßig die Grenze zur sexuellen Nötigung. Die betroffenen Frauenfiguren – charakterlich flach strukturiert gezeichnet, aber mit den gängigen Attraktivitätsattributen üppig ausgestattet – aber fanden das aber nach anfänglichem Zieren gar nicht so schlimm, um nicht zu sagen als Offenbarung. Weil 007 eben so smart, attraktiv, unverletzlich und „gut im Bett“ war.
George Lazenby scheiterte 1969 „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ noch daran, dass er ernsthafte Gefühle für eine Frau entwickelte, diese heiratete, verlor und emotional verletzt wurde. Nach einem Auftritt als 007 war Schluss. Die ermordete Geliebte blieb attraktive Nebensache. Ein weiteres totes „Bond-Girl“, wie es sie so viele gab.
Daniel Craig hingegen, der letzte James Bond, war zwar hart, attraktiv und smart, aber gleichzeitig verletzlich und zeigte ernsthafte emotionale Bindungen zu durchweg starken Frauenfiguren.
Undurchsichtige Gegenspielerin, dominante Mutter und tiefe Liebe
Skizziert und oberflächlich: die undurchsichtige Vesper Lynd (Eva Green), deren Verlust er über alle fünf Auftritte hinweg noch betrauerte. M (Judy Dench), eine ambivalente Mutterfigur, um deren Anerkennung er kämpfte, die sich mit ihm in der gegenseitigen Dominanz abwechselte, die eine tiefe Bindung zueinander verband und die er ebenfalls verlor.
Madeleine Swann (Léa Seydoux), eine selbstbewusste und starke Frau, mit der ihn eine tiefe, aber auch tragische Liebe, gezeichnet von brüchigem Vertrauen, Verrat und gegenseitigem Schutzbedürfnis, verbindet, an deren Ende 007 sich opfert.
Keine feministischen Drehbücher sicherlich, aber doch eine merkliche Verschiebung des rein männlichen Blicks auf die Figuren, die sich nicht nur in weiblichen Regisseurinnen äußert.
„Feminismus macht was mit Männergehirnen.“
„Feminismus und der Diskurs darüber macht auch etwas mit Männergehirnen, vielfach unbewusst“, so Scheuerer. Das gilt auch und vor allem für das Genre-Kino, das immer wieder seiner Zeit voraus ist. Hier zeichnen sich solche Entwicklungen früher ab als im Mainstream- und Blockbuster-Kino.
Ein Beispiel vom letzten Festival: der Rachefilm Sayara (2024) von Can Evrenol. Eine turkmenische Einwandererin räumt im türkischen macht- und Macho-Klüngel auf. Blutig, brutal, schmerzhaft, unbesiegbar, ambivalent. Keine Figur, mit der man sich vorbehaltlos identifizieren könnte, die aber eine feministische Sicht widerspiegelt.
Weit vorne. „Nur aus türkischer Perspektive natürlich“, sagt Scheuer. In der Türkei findet der Diskurs auf einer ganz anderen Ebene statt als in Deutschland, wo Sayara keinesfalls als feministisch durchgeht.
Wo bewegen sich Diskurse international?
Doch genau das macht das Hard:Line als internationales Festival so spannend. Wo bewegen sich Diskurse im internationalen Vergleich? Welches Frauen- und Männerbild herrschen in der Türkei, in Deutschland, in Spanien (Director’s Spotlight: Paul Urkijo Alijo), den USA, Kanada, Kasachstan, Frankreich oder Brasilien – um nur ein paar vertretene Länder beim diesjährigen Festival zu nennen?
Welche Formen von Gewaltdarstellung gelten als akzeptabel, welche als grenzüberschreitend? Wo beginnt Gewalt? Wie ist das eigentlich in Argentinien, von wo Laura Casabe „The Virgin of the Quarry Lake“ zum diesjährigen Festival mitbringt?
Das Setting: ein gutsituiertes mittelständisches Viertel mitten in der argentinischen Wirtschaftskrise. Ein Bettler hat diese Idylle so sehr gestört, dass er irgendwann von jemanden angezündet wird. Er verbrennt. Der Brandfleck mitten im Viertel bleibt ein prägendes Bild.
Zwei Frauen – eine jung, eine etwas älter – buhlen um einen reicheren Mann. Eine von ihnen beschwört etwas herauf. Sie wendet Gewalt an. Es ist derselbe Akt wie der des Verbrennens des Bettlers. Oder ist das überhaupt? Aus welcher Perspektive eigentlich. Welche Folgen hat die Fixierung auf Wohlstand und Geld? Auf welchem Level befinden sich die Diskurse zu solchen und vielen weiteren Fragen international?
Angst vor der Kulturkampf-Dampfwalze
„Das ist vielfältig, offen für Diskurs, es schafft einen Blick darauf, wie System funktionieren“, sagt Scheuerer. Oder, wie er es in seinem Vorwort schreibt: „Genrekino bildet ab und schafft Reflexionsräume des Undenkbaren. Schön ist das nicht immer, aber notwendig.“
Kulturkampfminister Wolfram Weimer dürften angesichts so viel Diskursoffenheit die Ohren klingen. Noch geraume Zeit, bevor Weimer sich als politischer Zensor beim Buchhandelspreis betätigte, warf er recht unverhohlen mit Drohungen gegen Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle um sich.
Es dürfe keinen Platz für Antisemitismus geben, sonst gebe es Konsequenzen. Doch gemeint war nicht Antisemitismus, sondern Palästina-Solidarität, wie sich anhand der konkreten Punkte, die der Kulturkämpfer im Ministeramt als Begründung für seine Drohung anführte.
„Ja, wir sind politisch und es nervt.“
„Wichtig ist daher auch, sich diese Tage zu positionieren“, heißt es im Vorwort des Hard:Line-Programmhefts. „Gegen Nazi-Deppen. Aber auch gegen eine rhetorische Dampfwalze, die in Form von Wolfram Weimer durch die Institutionen fegt.“
Nicht nur die Berlinale-Chefin müsse zittert, „auch ganze Kinoverbände schweigen aus Angst, den überlebensnotwendigen Geldhahn vom langen Arm zugedreht zu bekommen. So einfach wird sie also etabliert, die Selbstzensur.“
Ist das Hard:Line davon betroffen? Sicher – denn so wie jedes Festival ist man auch auf Fördergelder angewiesen. Und knapp ist die Kalkulation immer – allem Erfolg, Zuspruch und internationalem Renommee zum Trotz. Lässt man sich davon einschüchtern? Nein. Oder, wie es Scheuer schreibt:
„Ja, wir sind politisch und es nervt. Aber mal ehrlich: Wer hat denn angefangen? Erst haben die anderen genervt. Daher sind wir im Recht. Basta.“
In Zukunft ein großes Festivalviertel?
Das 13. Hard:Line Filmfestival findet vom 16. bis zum 19. April im Ostentorkino statt. Vom17. Bis zum 22. April werden die Langfilme noch einmal im Andreasstadel gezeigt. Ein deutlicher Schritte in Richtung Vergrößerung.
„Ich könnte mir vorstellen, dass wir das irgendwann zusammen mit der Filmgalerie im Leeren Beutel machen“, sagt Scheuerer. Entstehen könnte so ein Filmfestival mit Ameisenstraßen durch die Gassen, ein Festivalviertel, Festivalfeeling – so wie es schon jetzt jedes Jahr im Ostentorkino stattfindet. Nur größer. Das ist jedenfalls die Vision – Widrigkeiten, Weimer und dem Unwillen zur Selbstzensur zum Trotz.
Hier geht es zur Homepage mit Programm, Tickets und allen Infos.
Disclaimer: Regensburg Digital ist Medienpartner des Hard:Line Filmfests.
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