Erkenntnis im Sommerloch

In Regensburg steht (nicht nur) ein Fahrrad herum

morgen1In Regensburg kommt es immer wieder vor, dass Fahrräder nicht mehr bewegt werden.

Sie haben es sicher schon gehört: In Regensburg ist ein Fahrrad umgefallen. Was aber niemand dazu sagt: Es gibt in Regensburg auch Fahrräder, die einfach so herumstehen. Monate, Jahre gar. Ja. Das gibt es. Tatsächlich, das ergaben Recherchen unserer Redaktion, kommt es nach Auskunft der Stadtverwaltung „immer wieder vor, dass Fahrräder nicht mehr bewegt werden“.

Bewegungslose Fahrräder: ein Ärgernis seit Jahren

Das wäre nun kein Problem, stünden besagte Fahrräder bewegungslos in Gärten, Garagen oder Schuppen ihrer Besitzer. Das ist tatsächlich ohne jeden Belang. Problemtisch wird es, wenn besagte Fahrräder ihre Bewegungslosigkeit angekettet an öffentlichen Fahrradstellplätzen zubringen. Schnell gesellt sich zum ersten Fahrrad ein zweites, ein drittes und schwuppdiwupp ist aus dem Metallbügel, der dem dynamischen Wechsel vieler verschiedener Fahrräder zum Zwecke der vorübergehenden Sicherung dienen soll, eine dem ruhenden Radverkehr gewidmete Skulptur geworden, an deren Seite kein sich nach wie vor in Bewegung befindliches Fahrrad mehr Platz findet.

Ein Ärgernis und angesichts der ohnehin nicht üppigen Fahrradstellplätze auch ein Problem, das sogar schon mehrfach im Stadtrat behandelt wurde. Bereits vor vier Jahren etwa hat Grünen-Stadtrat Jürgen Mistol in einem öffentlichen Aufruf, „alle Radfahrerinnen und Radfahrer“ aufgefordert, alte Räder nicht auf diese Weise – dem bewegungslosem Verharren an einem Fahrradstellplatz – zu entsorgen, sondern kostenlos am städtischen Wertstoffhof. Und ebenso forderte Mistol die Verwaltung seinerzeit auf, „schneller, öfter und regelmäßiger“ gegen solch rücksichtslose Mitbürger aktiv zu werden.

Die Mission: Schrotträder „aufspüren“ und „identifizieren“

Zu diesem Behufe gibt es denn auch beim Umweltamt der Stadt Regensburg Mitarbeiter, die „bei regelmäßigen Begehungen“ Schrotträder „aufspüren“, als solche „identifizieren“ und sie anschließend einer „fachgerechten Entsorgung zuzuführen“. Das hört sich einfach an. Doch wie werden nun solche Schrotträder aufgespürt? Tatsächlich ist die Stadt – in Ermangelung einer eigenen Taskforce „Schrottrad“, die alle Abstellmöglichkeiten akribisch im Auge behalten könnte – dabei auf die tatkräftige Mithilfe von Bürgerinnen und Bürgern angewiesen, denen jene herumlungernden Fahrräder auffallen und die bei der Frage „Radelt das noch oder kann das weg?“ weiterhelfen.

So zum Beispiel am Ölberg, wo ein aufmerksamer Anwohner die beiden Fahrradständer vor seinem Haus über mehrere Monate im Auge behielt und so die Bewegungslosigkeit zahlreicher Fahrräder nachweisen konnte.

Im August 2013 sah das dann so aus:

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Im Januar 2014 so:

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Weitere neun Monate später so:

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Und im März 2015 wiederum so:

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Dem kundigen Betrachter fällt sofort auf: Aber hallo – das sind ja die ganze Zeit fast immer dieselben Räder – zum Teil platte Reifen, zum Teil verrostet und – auch das ist ein wichtiger Hinweis auf ein potentiell bewegungsloses Fahrrad – immer an derselben Stelle stehend.

Schrottrad oder Fundrad?

So mit Beweisen ausgestattet, konnte die Stadt Regensburg flugs reagieren. Wenige Wochen später waren durch ämterübergreifende Kooperation alle Schrottfahrräder entfernt und einer fachgerechten Entsorgung zugeführt. Alle, bis auf eines.

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Denn nun tut sich ein weiteres Problem der Fahrradstellplatzbereinigung auf: Nicht jedes bewegungslose Fahrrad ist ein Schrottfahrrad. Dazu muss es – die Bezeichnung „Schrott“ weist darauf hin – schon kaputt sein. Funktionsfähige Fahrräder hingegen sind ein Fall fürs Fundamt, das diese nach Hinweis per Aufkleber und vierwöchiger Wartezeit schließlich auch entfernen darf, um sie dann noch ein halbes Jahr aufzubewahren und im Falle der Nichtabholung anschließend öffentlich zu versteigern.

Alles wie es sein soll

Am Ölberg war es schließlich im Juli 2015 so weit, dass die beiden Fahrradbügel komplett von bewegungslosen Fahrrädern befreit waren und so wieder ihrer natürlichen Verwendung zugeführt werden konnten.

Mal belegt:

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Mal leer:

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So wie es sein soll.

Transition Town könnte die Schrotträder brauchen

Im vergangenen Jahr waren es übrigens 96 Schrottfahrräder, die vom Umweltamt aufgespürt und identifiziert wurden, um anschließend den Weg alles Irdischen zu gehen. Eine Zahl, die bei der Bikesharing-Gruppe von Transition Town für Aufhorchen sorgt. Kostenlos stellt die Gruppe seit Januar im Stadtgebiet Fahrräder zur Verfügung, die an verschiedenen Cafés gegen Pfand ausgeliehen werden können. In der Radlwerkstatt des ADFC ist man durchweg damit beschäftigt, die durchweg gespendeten Fahrräder herzurichten und sie in Umlauf zu bringen. 20 sind es gerade, über zehn weitere sind in der Mache. Die Schrottfahräder könnte man da schon brauchen, heißt es auf Nachfrage. Sei es als Ersatzteillager, sei es, um sie komplett zu restaurieren.

Nun will Transition Town sich mit dem Umweltamt der Stadt in Verbindung setzen. Vielleicht ergibt sich ja eine Kooperation – Schrottfahrräder gegen Aufspürarbeit und Stellplatzbereinigung. Auf dass möglichst viele Räder in Bewegung und die Abstellplätze frei bleiben.

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Kommentare (16)

  • Dietrich

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    Schontraurig das man sieht wie die Arcaden mit Fahrrädern am Eingangsbereich zum Cinemax dermaßen zugemüllt wird und die verantwortlichen dort nix tun !
    Von der Kreuzung kommend zum Haupteingang beim Cinemax ist es manchmal schon ein Spießruten laufen damit man in die Arcaden überhaupt betreten darf weil die Fahrräder manchmal fast bis zur Straße stehen (übertrieben gesagt — bis zum Haupteingang zum Cinemax stehen sie auf alle fälle)

  • H. Müller

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    Wer sein Fahrrad entsorgen will, kann dies auch beim Altmetallhändler tun.
    Davon gibt es ein paar im Stadtgebiet, und der weg (mit dem kaputten Rad) ist vielleicht nicht so weit, wie der zum Städtischen Recyclinghof.
    Und man kriegt sogar noch ein paar Euro dafür. Je nach Material reichen die etwa für einen großen Eisbecher oder sogar eine Pizza.

  • Regensburger

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    Auch die Stadtverwaltung muss umdenken wie sollte man wieder freie Fahrradplätze kriegen.
    Statt nur die Autofahrer abzogen sollten auch das Überwachungspersonal die Fahrräder kontrollieren.
    Die „eingeparkten und nicht bewegten“ Fahrräder kann man mit einer farbigen Plakette mit dem zuständigen Monat kennzeichnen und wenn nichts passiert, sind sie den nächsten Monat weg. Dann haben wir, die fast täglich ihre Fahrräder benutzen nicht nur freie Parkplätze, sondern auch die Stadt erscheint schöner.

  • Radlertölpel

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    In Folge des white bycicle plans der Provos in Amsterdam wurden massenhaft Fahräder von der Polizei beschlagnahmt; andere landeten in den Grachten.
    Hier der desillusionierte Kommentar des Fallkünstlers Jan bas Ader:
    Fall 2:
    https://youtu.be/4GsLEjp9fKc

    siehe auch:
    http://www.basjanader.com/

    Die geparkten Autos nehmen immer noch am meisten Platz in der Stadt weg.

  • Jasmin Fredewald

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    >Die „eingeparkten und nicht bewegten“ Fahrräder …kennzeichnen>
    Könnte man dieses zweifelsfrei pragmatische System vielleicht auch auf die „rumstehenden und nicht bewegten“ Fußgängern und Touris anwenden.

  • da_Moartl

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    In der Schweiz gab es bis vor wenigen Jahren eine „Velo-Vignette“ mit geringen Kosten und einer damit verbundenen Haftpflichtversicherung. Ich wäre schon längst dafür, weil damit auch die Identifizierbarkeit von Fahrrädern viel leichter würde. Zweit- und Dritträder kann man dann ja kostenfrei machen, schließlich hockt man immer nur auf einem Drahtesel. Unabhängig davon wird es höchste Zeit, dass die Zahl der Fahrradstellplätze vor allem an zentralen Orten wie Haidplatz, Neupfarrplatz etc. massiv ausgeweitet werden. Es gibt sicher Systeme, die man im Winter einfach im Boden versenken kann.

  • peter

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    wenn ein auto ohne taferl rumsteht, kommt auch ein aufkleber drauf, und nach einer wartezeit wirds entfernt.
    das ist einfach und pragmatisch.
    da es leute gibt die au8ch mal 4 wochn im urlaub sind, sind 6 wochen eine angemessene wartezeit, wer länger weg ist, sollte sich halt um eine unterstellmöglichkeit kümmern.
    das ist einfach und von den damen und herren „blaujacken gut nebenbei zu erledigen.
    (dann tun sie auch mal was, über ads sich nicht jeder ärgern muss) :-)

  • Bernd

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    Interessante Weltsichten, ich möchte meine teilen. Es ist wirklich schade, wieviele tolle und brauchbare Räder und wieviele zumindest gut benutzbare Räder schlicht verrotten bis sie entsorgt werden. Teilweise sind sie dann wirklich Schrott und teilweise hängen lauter brauchbare Teile daran. Und die Hinweise, dass man sein Rad beim Recyclinghof abgeben soll, sind daher Quatsch: Man verschenke es per (Ebay-)Kleinanzeigen.

    Die ganzen Auto-Vergleiche sind an Verhältnismäßigkeit nur schwer zu überbieten. Ein verrottendendes Auto stellt eine Umweltgefahr dar, ein Fahrrad nicht.

  • Franzi Halterer

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    Luxusprobs im Sommerloch?
    Endlich hat ein Altstadtbewohner am Ölberg mit Engagement an vielen Tagen und vielen (schlaflosen) Nächten über 18 Monate ruhestörende(?), rumlungernde Fahrräder entdeckt, fotografiert und dokumentiert. Nebenbei werden unbescholtene Bürger und parkende Fahrzeuge fotografiert und veröffentlicht.Blockwart 2.0 in Aktion.
    Das Prob ist gelöst, das Sommerloch gefüllt. Da haben sich offensichtlich manche ganz schön rein gekniet. Glückliches Regensburg.

  • Matthias B.

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    Mal langsam. Ein „Luxus“-Problem stellt es für Bewohner keineswegs dar, wenn man mit eigenem Fahrrad, mit Koffern, Einkäufen etc. nicht mehr, oder nur erschwert, aus oder in seine Wohnung kommt. Da die Stadtverwaltung offensichtlich nicht in Lage ist (oder willens) selbstständig hier aktiv zu werden, bleibt dem Regensburger ja nichts anderes, als selbst iniativ zu werden.
    Schon klar, in Griechenland, der Ukraine und im Nahen Osten gibt es Probleme ohne Ende. Lösen wir erst die, wenn dann noch Zeit ist, kümmern wir uns um die Fundräder in Regensburg.

  • Eddie Merck

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    Ich kann nicht erkennen, das dort die Wohnungen mit Radln zugestellt sind. Wer hat den eigentlich die Räder dort abgestellt, wahrscheinlich lauter Leute die in den umliegenden Häusern wohnen. Es ist auch sehr unwahrscheinlich das ein Vorstadtbewohner mit dem Radl hinfährt es absperrt und zu Fuß nach Burgweinting oder Lappersdorf zurück läuft.

  • Matthias B.

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    Schlauberger! Die Räder haben dort – wie auch an vielen anderen Orten in der Stadt – Leute abgestellt, die zu besoffen waren, sie wieder zu finden oder sie wieder zu benutzen, als sie sternhagelvoll die Kneipen verlassen haben. Mal mit offenen Augen durch die Stadt laufen!
    Fahruntüchtig nimmt dann eben ein Taxi. Oder beim Gang in die nächste Kneipe mit den Freunden, bleibt das Rad vor Ort und – zefix, wo hab i mei Radl scho wieder vergessn … Ah, scheißegal, mei teures Treckingradl steht ja sicher im Keller.

  • Sebastian Wild

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    Die Schrotträder sind das eine Problem. Lösung dafür wurden ja schon beschrieben. Das große andere Problem ist der Platz. Die vorhandenen Fahradstellplätze sind allesamt mit diesen grossen platzverschwendenen Bögen ausgerüstet. Es gibt devinitv bessere Systeme mit denen man da wesentlich mehr Räde auf dem selben Platz unterbringt. Warum die Stadt nicht sowas dort installiert weiss ich nicht. Manchen Stellplatz findet man auch fast nicht wenn man ihn nicht kennt, denn eine Ausschilderung fehlt völlig.
    Wenn man sich dann schon mit der Öffnung der Fußgängerzone für Radfahrer brüstet, dann ist man auch in der Pflicht für geordnete Verhältnisse zu sorgen, denn wenn an jedem Schildermast oder Rohr Fahrräder angekettet sind weil die offiziellen Stellplätze überfüllt sind dann ist das wiederum hinderlich für die Fußgänger.

  • Bauernfeind Ulrike

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    Eigenartige Logik der Radlfeinde?
    Es wird das umweltfreundlichste Verkehrsmittel mit allen fragwürdigen Argumenten u.a. als platzverschwendendes Monster dargestellt, aber die überall in der Altstadt auf subventionierten Bewohnerparkplätzen tagelang rumlungernden Autos werden akzeptiert. Warum wandeln wir die Bewohnerparkplätze nicht einfach in Fahrradstellplätze um? Unser Weltkulturerbe würde davon profitieren.

  • Matthias B.

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    Ulrike Bauernfeind, da stimme ich Ihnen zu 100 Prozent zu! Wenn in Regensburg endlich – trotzt der Aktion „Respekt bewegt“ – der Fahrradverkehr den Stellenwert erhält, den ihm vor dem motorisierten Verkehr zukommen sollte, wird sich auch das Problem der Schrottfahrräder verringern. Das geht selbstverständlich Hand in Hand.
    Ein Blick auf die Fahrradabstellmöglichkeiten am Bahnhof zeigt es in aller Deutlichkeit! Die Hierarsche „Motorisierter – Radfahrer – Fußgänger “ scheint in Regensburg ein zementiertes Gesetz zu sein. Solange das so ist, wird er derartige Probleme geben.

    Aber „Regensburg“ und „vernünftiges Verkehrskonzept“ scheinen sich per se auszuschließen.

    Wo bleibt der Kommentar von Frau Vietze?! Ihr wird doch nichts passiert sein.

  • Mr. T

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    „Wo bleibt der Kommentar von Frau Vietze?!“
    Da müsste man schon Wolli persönlich in die Verantwortung nehmen ;-)

    So primitiv und einfach ist die ganze Problematik nicht. Auf den Fahrradparkplätzen stehen Kurzzeitparker, anwohnende Langzeitparker und Schrotträder oder gestohlene Fahrräder. Für erstere ists gedacht, zweiteren kann es auch nicht verboten werden und die dritten sind schwer sicher zu erkennen. So lange es keine Pflicht zur Nummerierung und Registrierung von Fahrrädern gibt, ist es immer schwierig. Eine Möglichkeit wäre es, eine Verordnung zur Benutzung der Fahrradparkplätze zu erlassen, mit der sich der Radler bei Benutzung einverstanden erklärt, die dann so ein Markierungssystem enthält. Wenn dann ein Fahrrad mit einem bestimmten Datum markiert wird, kann es nach Ablauf einer festen Frist von der Stadt legal eingezogen werden. Wenn sich ein Langzeitparker dann innerhalb der Frist bei der Stadt meldet, ist geklärt, dass das Rad einen Eigentümer hat. Wenn nicht, hat er Pech gehabt, was ihm aber vor der Benutzung durch die Verordnung bekannt ist. Ist halt ziemlich umständlich und daher eventuell nicht den Aufwand wert, würde aber zum Ziel führen.

    Ansonsten würde ich hier manche bitten, das Thema nicht wieder zur Neiddebatte gegen die Autofahrer zu missbrauchen. Es gibt durchaus Menschen, die in der Innenstadt leben und auf ein Auto angewiesen sind – und das nicht nur, um ein paar Runden zu drehen oder vom Gutenbergplatz zum Arnulfsplatz zu fahren – auch wenn es Gegenbeispiele gibt.
    Man könnte dem Fahrradverkehr in Regensburg sicher einen besseren Stellenwert geben, aber das würde vielleicht manchen Radler nicht so freuen. Wenn man einmal eine Vorzeige-Radlerstadt wie Kopenhagen betrachtet und dann deren sehr gut funktionierende Konzepte auf Regensburg überträgt, würde das bedeuten, dass überall breite Radwege zwischen Starßen und Fußgängerwegen wären, die problemlos rund um die Innenstadt die Stadtteile miteinander verbinden mit ein paar riesigen Radparkplätzen an Bahnhof, Bismarckplatz und Dachauer Platz und einer großen Tabuzone dazwischen. Manchen würde es freuen, aber für die Radler wäre das ein Rückschritt hinter die komische Einbahnstraßenzeit in der Innenstadt.

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