Serie: Karriere eines städtischen Namenspatrons

Josef Engert: Vom NS-Propagandisten zum Nazi-Gegner

Josef Engert gilt als Vater der Regensburger Universität. Nachdem im ersten Teil unserer Serie seine Haltung als demokratiefeindlicher Monarchist dargestellt und im zweiten seine Entwicklung zum völkisch-katholischen Unterstützer und Akteur des NS-Regimes skizziert wurde, soll im dritten Teil Engerts Rolle bei der Wiedereröffnung der Philosophisch-theologischen Hochschule 1945 aufgearbeitet werden.

Alle vier Teile online.
Die komplette Recherche mit Quellen als PDF.

Von Robert Werner

Nach dem Krieg plötzlich ein Nazigegner: Josef Engert. Foto: Fotostelle Stadt Regensburg

Nach dem Krieg plötzlich ein Nazigegner: Josef Engert. Foto: Fotostelle Stadt Regensburg

Schon bevor das NS-Regime zerschlagen wurde, beschlossen die Alliierten auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945, dass Kriegsverbrecher bestraft und Nationalsozialisten bzw. ihre Gesetze und Organisationen aus dem staatlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Nachkriegsgesellschaft verbannt werden sollen. Demokratisch gesinnte und unbelastete Personen sollten stattdessen den gesellschaftlichen Neubeginn ermöglichen. So auch in den Hochschulen.

Keine Politische Säuberung an der PTH

Bereits im Juni 1945 sprach Josef Engert zusammen mit Bischof Michael Buchberger bei der amerikanischen Militärregierung vor, um die baldige Wiedereröffnung der Philosophisch-theologischen Hochschule (PTH) zu ermöglichen. Bei der geistig-moralischen Erneuerung des deutschen Volkes sei die katholische Kirche und somit der Betrieb der PTH als zukünftige Priesterausbildungsstätte bedeutsam, hieß es damals. Die anstehende Berufung der vakanten Professoren und Dozenten solle gemäß dem Bayerischen Konkordat in Zusammenarbeit mit den Diözesanbischöfen geschehen.

Auch die amerikanischen Behörden hatten ein großes Interesse, das gesellschaftliche Leben möglichst bald wieder in Gang zu bringen und glaubten in römisch-katholischen Klerikern unbelastete Partner zu finden. Zunächst jedoch mussten die Personen des aufzubauenden öffentlichen Dienstes laut der Entnazifizierungsdirektive der Militärregierung von Juli 1945 von den Counter Intelligence Corps (CIC) mittels Fragebögen überprüft werden. So auch der Priester und Theologe Josef Engert.

Vom NS-Propagandisten zum Nazi-Gegner

Engert wurde am 16. Oktober 1945 vom zuständigen CIC-Offizier, Capt. Herbert H. Hamilton, für tauglich befunden. Einzelheiten der vorangegangenen Befragung, seine teils phantastischen Antworten und Verdrehungen befinden sich in seiner Personalakte im Regensburger Uniarchiv (UAR PTH 178). Ihre erste Auswertung ergibt, dass Engert sich gegenüber den CIC zu einem Nazi-Gegner stilisiert hat.

Demnach habe er etwa im bereits erwähnten Korrespondenz- und Offertenblatt gegen die Nazi-Ideologie und Alfred Rosenberg gekämpft. Ganz verschlagen gab Engert bei der CIC-Befragung darüber hinaus an, dass er wegen seiner Herausgeberschaft des Korrespondenz- und Offertenblatts 1939 aus der Reichspressekammer entfernt worden sei. Das glatte Gegenteil war der Fall. Tatsächlich schied er wegen „Berufsaufgabe“ aus der Kammer aus, um dann Anfang 1940 wegen der anstehenden Publikation des bereits behandelten antisemitisch-rassistischen Manifests „Staat und Rasse“ (siehe Teil II) erneut die Aufnahme zu beantragen.

Des Weiteren habe er – so die von Engert teils im NS-Jargon gehaltenen Angaben – mehreren namentlich angeführten „Halbjuden“ („half-jews“) geholfen. Freilich benennt Engert nicht, worin die Hilfe bestanden haben soll. Dem nicht genug gab Engert an, dass er für Häftlinge des KZ-Außenlagers Colosseum („the Kzler in the Colosseum at Regensburg-Stadtamhof“) einen Arzt besorgt habe.

Wohlweislich nennt Engert an dieser Stelle namentlich den Direktor des Gesundheitsamts, Dr. Pius Scharff, der vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, am 23. April, tatsächlich 27 marschunfähige KZ-Häftlinge des aufgelösten Colosseums in das Lazarett im Klerikal-Seminar einliefern ließ. Allerdings blieben die Gefangenen – so der Bericht des Überlebenden Hersch Solnik (vgl. Ausstellungskatalog VHS Regensburg Regensburg 1945 bis 1949, S. 80) – auch im Hospital ohne ärztliche Betreuung. Eine solche bekamen sie erst nach der Befreiung durch die amerikanischen Truppen. Wie Engert zu Scharff persönlich stand ist ungeklärt. Bezeichnenderweise hat Scharff ab 1934 mit Eifer Einweisungen von (vermeintlichen) Alkoholkranken in Konzentrationslager betrieben und die Durchführung von nationalsozialistischen Zwangssterilisationen angeordnet. Insgesamt erscheinen Engerts Angaben gegenüber den CIC-Mitarbeitern als wohlfeile Schutzbehauptungen, sie sind entweder substanzlos oder wahrheitswidrig.

Kein Interesse an Entnazifizierung: Bischof Michael Buchberger.

Kein Interesse an Entnazifizierungsmaßnahmen: Bischof Michael Buchberger.

Da der Regensburger Bischof Buchberger, kirchenrechtlich der PTH übergeordnet, kein konstruktives Interesse an Entnazifizierungsmaßnahmen hatte, wurde auch kein anderer PTH-Professor suspendiert. Unter der Rektorenschaft von Engert war es vielmehr möglich, an der PTH zu verbleiben, ohne durch die CIC überprüft zu werden. So z.B. für den Biologen Karl Andersen (NSDAP-Mitgliedschaft 1937), der dort das erste Jahr als ordentlicher Professor wirkte. Ingo Schröder kommt in seiner Dissertation „Die staatlichen philosophisch-theologischen Hochschulen in Bayern von 1923-1978“ zu dem Ergebnis, dass die „insgesamt defizitäre amerikanische Entnazifizierungspolitik die PTH in keiner ihrer Phasen in nennenswerter Weise tangiert“ habe. (S .98)

Engerts Selbstdiagnose: „Unberührt vom nationalsozialistischen Gift“

Der Lehrbetrieb in Regensburg konnte am 16. November 1945 unter Josef Engert, der von den Amerikanern zum kommissarischen Rektor ernannt worden war, mit etwa 440 Studenten, zehn Dozenten und sechs ordentlichen Professoren wieder aufgenommen werden. Und in seinem Rückblick auf die Wiedereröffnung belog Engert nicht nur sich, sondern auch den Vertreter der Militärregierung (School of Education, Cpt. Hamilton) bzw. die gesamte Zuhörerschaft: „Nachdem unsere Jugend durch 12 Jahre mit engstirnigen und verderblichen Ideen erfüllt worden“ sei, gelte es nun „diese umzuschulen auf große, gerechte und glühende Ideen wahrhaft christlichen Geistes“. Die PTH erscheine hierfür besonders geeignet, „weil doch ihre Lehrer und Hörer diesem Geist treu geblieben waren, unberührt vom nationalsozialistischen Gift“ (s. MZ vom 7.Februar 1947).

Dass gerade Engert das völkische Gift aktiv und so breit er konnte in seinem Umfeld verstreut hatte, thematisierte er freilich nicht. Eine redliche Selbstreflexion blieb offenbar gänzlich aus, der vermeintliche Neubeginn „wahrhaft christlichen Geistes“ baute auf Lügen und Verdrängung. Auch der Zeitungsbericht über die PTH-Wiedereröffnung in der wenige Wochen zuvor von der Militärregierung lizensierten MITTELBAYERISCHEN ZEITUNG vom 7. Dezember 1945 sprach Engerts Handeln in der NS-Zeit nicht an. Musikalisch begleitet wurde die weihevolle Eröffnung übrigens von Gesängen des Domchors unter der Leitung von Theobald Schrems. Kurz darauf verbot die Militärregierung alle öffentlichen Auftritte der Domspatzen außerhalb des kirchlichen Rahmens. Der Grund: das weitreichende NS-Engagements des Domchors und der Aufstieg des Domkapellmeisters zum Professor von Hitlers Gnaden.

Entnazifizierung durch deutsche Spruchkammern

In einer zweiten Phase mussten sich in der amerikanischen Zone alle Erwachsenen – so auch die PTH-Professoren – gemäß dem Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 einer weiteren Überprüfung unterziehen. Diese wurde anfangs von überwiegend mit Verfolgten des NS-Regimes besetzten Spruchkammern durchgeführt und von der amerikanischen Militärregierung relativ streng kontrolliert. Sie sah vor, Führungspositionen im öffentlichen Dienst nur mit „Entlasteten“ bzw. mit demokratisch bzw. liberal gesinnten Personen zu besetzen – „Hauptschuldige“, „Schuldige“, „Belastete“ und desgleichen „Mitläufer“ erfüllten diese Voraussetzung per Definition nicht.

Gerade auf letztgenannte hatten es die amerikanischen CIC-Einheiten abgesehen, insbesondere auf solche Dozenten und Professoren, die 1945 nicht überprüft worden oder zwischenzeitlich zum Kollegium hinzugekommenen waren. Um die Jahreswende 1946/47 wurden daraufhin an den bayerischen Universitäten eine Vielzahl von NS-belasteten Dozenten und Professoren entlassen. Anders die Situation an der PTH Regenburg, von dort sind keine Entlassungen überliefert.

Im März 1947 schlug die Spruchkammer Regensburg III den Theologen Josef Engert der Gruppe „nicht betroffen“ zu. Das heißt, aufgrund seiner Angaben im Fragebogen wurde überhaupt kein Verfahren eröffnet, was aufgrund seiner Mitgliedschaft in NS-Lehrerbund und Reichsschrifttums-Kammer eigentlich nicht möglich gewesen wäre.

Auffällig ist hierbei, dass Engert bereits am 3. Mai 1946 den ersten und im Februar 1947 einen zweiten Entnazifizierungs-Fragebogen ausfüllte. Wie aus Engerts Personalunterlagen hervorgeht, verschwieg er, dass er im März 1942 aus eigenem Antrieb und mit Zustimmung der NS-Behörden zum Rektor an der PTH aufstieg. Da kein Verfahren eröffnet wurde, was übrigens bei fast drei Viertel der insgesamt 6,7 Millionen in Bayern befragten Erwachsenen geschah, brauchte Engert auch keinen „Persil-Schein“. Einen solchen hätten ihm sicherlich mehrere katholische Repräsentanten Regensburgs ausgestellt.

Die beiden christlichen Kirchen zählten schon Mitte 1946 zu den Hauptgegnern der Entnazifizierung und betätigten sich generell als „Weißwäscher“ und ungehemmte Aussteller von Entlastungszeugnissen. So auch das Bistum Regensburg unter Bischof Buchberger. Anfang 1947 lehnte nicht nur in Bayern bereits eine große gesellschaftliche Mehrheit das Spruchkammerverfahren und eine juristische Verfolgung der NS-Täter ab. Eine „politische Säuberung“ konnte, von Einzelfällen abgesehen, nicht erzielt werden.

Re-Christianisierung durch Entlastungsschreiben

Die Rolle der katholischen Kirche als entschiedene Gegnerin der Entnazifizierung und Fürsprecherin für tatsächliche und vermeintliche Nazis speiste sich vor allem aus dem Anliegen, ihre kirchentreuen, aber NS-belasteten Vertrauensmänner in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst zu erhalten. Im Hintergrund dazu standen der (gescheiterte) Wunsch nach einer Re-Christianisierung Deutschlands und ein damit verbundener Bedeutungszuwachs für die Kirche.

http://www.regensburg-digital.de/hans-herrmann-ein-burgermeister-fur-jedes-system/06082012/

Persilscheine für NS-Karrieristen: Generalvikar Johann Baptist Höcht (um 1936).

In Regensburg zeigt sich dieses Interesse deutlich an dem Entlastungsschreiben, das Bischof Buchberger und Generalvikar Johann Baptist Höcht für den SS-Förderer und NSDAP-Bürgermeister Hans Herrmann ausstellte. Der Kirchenmann Herrmann sei „kein gesinnungsmäßiger Nationalsozialist“ gewesen, sondern nur formales Parteimitgliedschaft, heißt es da schon Mitte 1945.

Wie das Beispiel Bayern zeigt, hatte die katholische Kirche im Gegensatz zu den evangelischen auf den ersten Blick eine gute Ausgangslage in ihrer Bekämpfung der politischen Säuberung. Während die Entnazifizierung der etwa 15 belasteten bayerischen Kleriker – von insgesamt ca. 8000 – nach eigenen Angaben bereits im Sommer 1946 abgeschlossen gewesen sein soll, galten andererseits knapp ein Drittel der 1.100 evangelischen Pfarrer Bayerns als NS-Belastete und mussten sich dem Spruchkammerverfahren unterziehen.

Der krasse Unterschied aus den Vergleichszahlen (nachzulesen bei Damian van Melis (Hg): Siegerin in Trümmern, Episkopat und Entnazifizierung, 1998, S. 50) ist insofern mit Vorsicht zu genießen, als es katholischen Klerikern zum einen laut dem Konkordat kirchenrechtlich verboten war, Mitglied in der NSDAP und ihren Unterorganisationen zu werden. Das Beispiel Engert, der sowohl Mitglied in NSDAP-Verbänden war, zudem offen alle katholische Geistlichen Deutschlands zur Zusammenarbeit mit dem NS-Regime aufrief und trotzdem als „nicht betroffen“ eingestuft wurde, deutet zum anderen generell auf eine fragliche Entnazifizierungspraxis bezüglich des katholischen Klerus hin. Engert sah sich selbst freilich keinesfalls als Nazi, eher als ein Opfer des NS-Regimes.

Verlagerung des bayerischen Unibetriebs an die PTHs

Die Situation für Rektor Josef Engert änderte sich im Mai 1946 massiv. Damals hatte das bayerische Kultusministerium die von ihm verwalteten Philosophisch-theologischen Hochschulen angewiesen, auch Erstsemester nicht-theologischer Fachrichtungen der weitgehend zerstörten Universitätsstandorte München, Würzburg und Nürnberg/ Erlangen aufzunehmen. Die Anzahl war beträchtlich. Zum Wintersemester 1948/49 war mit etwa 1.500 Studenten in Regensburg der Höchststand des erweiterten Betriebs erreicht.

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Studentenzahlen an der PTH Regensburg im Jahr 1948.

Daraus resultierten eine (ungewollte) Aufwertung der PTHs gegenüber den Universitäten und eine gewisse Konkurrenzsituation hinsichtlich der raren Dozenten und Professoren – etwa für solche, die vorklinische Medizin, VWL und die dazugehörigen Disziplinen lehren konnten. Diese Konkurrenz wurde zudem durch das kurz zuvor begonnene Spruchkammerverfahren verschärft. Zu diesem Zeitpunkt noch nicht entlastete Lehrkräfte und die als „Mitläufer“ eingruppierten erhielten von der amerikanischen Militärregierung generell keine universitäre Lehrerlaubnis.

PTH wird Auffangbecken für Nazikarrieristen

In Regensburg ging Rektor Engert bei der Anstellung von Lehrkräften einen besonderen Weg. Da er schon bald nach Wiedereröffnung der PTH die Idee von einer vierten Landesuniversität verfolgte, versuchte er eine hinreichende Dozentenschaft aufzubauen, was anderen nicht verborgen blieb. Als der erweitere Lehrbetrieb an der PTH zur Entlastung der Unis im Wintersemester 1946/47 begann, hatte Engert „einen größeren Lehrkörper zusammengestellt, der bereits die Konturen einer kommenden Universität deutlich werden läßt.“ Es sei ihm zweifellos gelungen, „durchaus Persönlichkeiten von Rang zu gewinnen, fast ausschließlich aus dem Lehrkörper der ehemaligen deutschen Uni in Prag; diese Herren aber können von deutschen Universitäten nicht berufen werden, da sie als Mitläufer eingereiht worden sind.“ So das etwas argwöhnische Schreiben des Münchner Uni-Rektors an das Kultusministerium von Mitte August 1947. Der Universitätsrektor beäugte die Regensburger PTH kritisch und abschließend schien es ihm außerordentlich wichtig, „eine zahlenmäßige Begrenzung der Zulassungen an den PTH“ vorzunehmen.

Engert indes setzte sich über das Beschäftigungsverbot für „Mitläufer“ als Dozenten systematisch hinweg. Das Kultusministerium ließ ihn gewähren und die amerikanischen Behörden mussten die rechtswidrige Praxis hinnehmen. Sie waren bereits auf Rückzug eingestellt und zogen sich Mitte 1948 ganz aus der Spruchkammerüberwachung zurück.

So kam es, dass Engert sich – wie er sich seinen Reflexionen von 1962 ausdrückt – in der glücklichen Lage sah, „die Hauptprofessoren zu besetzen mit heimatvertriebenen Professoren.“ Darin nennt er z.B. die Mediziner Dietrich Jahn, Wilhelm Pfuhl, Armin von Tschermak-Sysenegg und den für die VWL-Abteilung zuständigen Juristen Joseph Wolany – allesamt Nazikarrieristen.

So war der Oberlandesgerichtsrat Wolany 1944 als Richter am OLG in Posen tätig, wo reihenweise Todesurteile wegen „Wehrkraftzersetzung“ gefällt worden waren (Wolany war ab 1950 Richter am Landgericht in Regensburg und Begründer der „Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Regensburg“, 1953-1956 Bundesrichter am Bundesgerichtshof und 1952-1974 Professor an der Uni Saarbrücken). Nach außen hin jedoch verkündete Engert verschlagen einen politisch sauberen Neubeginn. So schrieb er z.B. am 7. Februar 1947 in der Mittelbayerischen Zeitung unter der Überschrift „Ausbau der Phil.-Theol. Hochschule zur Universität“, es sei bei der Wiedereröffnung darauf angekommen, „die Lehrstühle mit hervorragenden Kräften zu besetzen, die ohne Schwierigkeit auch der Militärregierung genehm sein konnten.“

Auswahl der Studenten

Ähnlich den Professoren sollten in den ersten Nachkriegsjahren auch die Studenten hinsichtlich ihrer politischen Einstellung kontrolliert werden. Anfangs überprüften die Hochschulen die am Studium interessierten Bewerber selbst. Zum WS 1947/48 kam es hinsichtlich der Angaben über die NS-Vergangenheit zu massiven Fragebogenfälschungen, woraufhin die amerikanische Militärregierung den Ausschluss und die gerichtliche Bestrafung der fraglichen Studenten forderte.

Aus einer Veröffentlichung zum WS 1948/49 geht hervor, dass alle Antragsteller ein Reifezeugnis (möglichst nicht unter der Note 2) und jene vor dem 1. März 1928 geborenen ihren Spruchkammerbescheid oder eine Amnestiebescheinigung vorlegen mussten. Außerhalb von Bayern wohnende Bewerber wurden nur aufgenommen, wenn sie nach den Erstsemestern an nichtbayerischen Standorten weiterstudieren konnten. Flüchtlinge, „die ordnungsgemäß erstmalig nach Bayern eingewiesen worden sind“, wurden bei Vorlage des Flüchtlingspasses bevorzugt, ebenso Verfolgte des Naziregimes. So geriet auch die damals knapp 16jährige Ruth Klüger unter die PTH-Studenten.

Eine Frage von Ruth Klüger

Die Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger kam im Sommersemester 1947 zum Studium nach Regensburg. In ihrem Buch „Weiter leben“ (1992) schildert sie ihre Situation, in der sie sich nicht willkommen, bestenfalls geduldet vorkam, und das Kennenlernen ihres damaligen Kommilitonen Martin Walser, alias Christoph.

Die einzige Vorlesung, die ihr Spaß machte, so Klüger, war die in Geschichte von „Professor E.“, der „ein Flüchtling“ und kein katholischer Geistlicher war. Als sie – Walser und Klüger – „einmal ein Parteiabzeichen am Wegrand fanden“, glaubte „Christoph“, dessen Mutter bereits 1932 der NSDAP beigetreten war, Klüger sei darüber erschrocken gewesen. Weit gefehlt, sie sei nicht „so leicht zu schrecken gewesen“, schreibt Klüger lakonisch (S. 215).

Doch wer war dieser Professor E.? Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich dabei um Anton Ernstberger, der von 1935 bis Mai 1945 an der Reichsuniversität Prag Geschichte lehrte und im November 1945 aus tschechischer Gefangenschaft nach Bayern floh. Erstberger war nicht nur Mitglied in der Nazi-Partei, sondern auch im NS-Dozentenbund und Mitarbeiter in der Reinhard-Heydrich-Stiftung – ein SS-Institut, das die „Germanisierung“ der überfallenen Gebiete in Osteuropa vorbereiten sollte.

Ruth Klüger erwähnt in ihrem Buch außerdem die für sie unverständlichen Vorlesungen über Logik, Erkenntnistheorie und mittelalterlichen Philosophie, die fernab ihrer Fragen und Lebensrealität gewesen seien. Damals, so Klüger, sei die Frage unvermeidlich gewesen, wie ihre Dozenten sie und andere Juden wohl in der NS-Zeit behandelt hätten.

Professor Josef Engert betreffend, bei dem Klüger damals sicherlich Philosophie hörte, könnte eine Antwort lauten: Engert hätte sie mit seiner völkisch-antisemitischen Theologie als „undeutsche“ und verderbte „Gottesmörderin“ belästigt, hätte ihr in seinem „rassenhygienischen“ Wahn die Nürnberger Gesetze und das vorgeblich die deutsche Kultur zersetzende „jüdische Blut“ vorgehalten. Obendrein hätte Engert Ruth Klüger und andere Juden falls möglich noch im überseeischen Exil behelligt – seine weitläufigen NS-Propagandaschriften bezeugen all dies.

Unter PTH-Dozenten der Nachkriegszeit, die Engert nach Regensburg holte, ragten neben Ernstberger noch andere heraus – zwei davon sollen kurz beschrieben werden.

Vom Nazi-Karrieristen zur „Kriegsbeute“

Um die nach Regensburg ausgelagerten Medizin-Studenten bis zum Physikum ausbilden zu können, wurde an der Regensburger PTH eine Medizinische Abteilung der medizinischen Fakultät der Universität München gegründet. Während die regulären Vorlesungen in den Hochschul-Gebäuden am Ölberg stattfanden, übten die Mediziner (etwa 300 im WS 1947 und insgesamt 700 bis zur Auflösung der med. Abteilung 1953) zunächst im Sektionshaus von Karthaus und später in den instandgesetzten Gebäuden des Messerschmitt-Konzerns in der Prüfeninger Straße praktisch an Leichen. Die Chemischen-Institute befanden sich zum Teil im städtischen Dörnberg-Palais, die VWL-Abteilung und Studentenwohnungen waren in Räumen des Schlosses Prüfening untergebracht.

Für die chemischen Vorlesungen war der 1898 in München geborene Chemiker Wolfgang Grassmann zuständig. Grassmann – 1919 Mitglied des Freikorps Epp, 1933 SA-Mitglied, 1934 Nachfolger des verfemten jüdischen Direktors, Max Bergmann, am Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Lederforschung in Dresden, 1940 Leiter des „NS-Vierjahresplaninstituts Leder“ – war ein typischer Nazi-Karrierist. Als Sachverständiger der NS-Wirtschaftsgruppe Leder propagierte er Schuh-Versuche mit Häftlingen des Konzentrationslagers in Sachsenhausen. Auf der berüchtigten, unter SS-Kommando stehenden „Schuhläuferstrecke“ mussten Gefangene synthetische und natürliche Schuhmaterialien testen: auf eigens hergestellten Belägen, die den „Querschnitt durch sämtliche Straßen Europas“ entsprachen, bis zu 40 Kilometer täglich.

In reichlich entlohnter Kooperation mit dem Kriegsverbrecherkonzern I.G. Farbenindustrie AG experimentierte Grassmann zudem mit vielfältigen Methoden zur Imprägnierung von diversen Ledersorten gegen den chemischen Kampfstoff Lost. (Das auch Senfgas genannte Giftgas Lost wurde 1916 an einem von Fritz Haber geleiteten KW-Institut entwickelt und im Ersten Weltkrieg erstmals eingesetzt.)

Nach dem Kriegsende sei Grassmann „gewissermaßen als ‚Kriegsbeute‘ von den Besatzungsbehörden“ dem bayerischen Wirtschaftsminister Erhard zur Reorganisation der Lederherstellung zu Seite gestellt worden – wie er sich 1957 in einem Vortrag der Max-Plank-Gesellschaft andeutungsvoll ausdrückt. An die PTH Regensburg kam er im Frühjahr 1947 als Ordinarius für Chemie und logierte seit 1948 im Dörnberg-Palais.

Ebenso wie Engert wäre Grassmann gerne Ordinarius einer Universität – mit dem Recht auf Promotionen und Berufung von Professoren – geworden und als Direktor eines Max-Plank-Institutes an der Donau geblieben. Daher engagierte er sich ebenfalls für die Errichtung einer Universität in Regensburg. Da eine solche durch die negative Entscheidung des Landtags vom Oktober 1952 generell nicht mehr erreichbar schien, wurde das Max-Plank-Instituts für Eiweiß- und Lederforschung nebst seinem Direktor Grassmann 1957 nach München verlagert. Sein Anatomie-Kollege Kiesselbach kam von dort.

Regensburg: Professorenschmiede für „Mitläufer“

Für die anatomischen Übungen der angehenden Mediziner an Leichenpräparaten war seit Oktober 1947 der Anatom Anton Kiesselbach verantwortlich. Kiesselbach, geboren 1907 in Kempenich (Eifel) war Mitglied in der NSDAP und der SA. Im Jahre 1942 folgte er als Assistent seinem Professor August Hirt freiwillig an die „Reichsuniversität Straßburg“. SS-Sturmbannführer Hirt tötete im unweit gelegenen Struthof KZ-Häftlinge mit dem Kampfgiftgas Lost, um ihre Leichname hinterher zu sezieren bzw. „auszustellen“. Sein Assistent Kiesselbach soll sich laut NS-Forscher Ernst Klee daran beteiligt haben.

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Erst an der Ermordung von KZ-Häftlingen beteiligt, später Dozent an der PTH Regensburg: Anton Kiesselbach: Foto: Fotostelle Stadt Regensburg

Nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft betätigte sich Kiesselbach bis Mai 1947 als dienstverpflichteter Arzt in einem Augsburger Kriegsgefangenenlazarett. Die die dortige Spruchkammer I stufte ihn im März 1947 als „Mitläufer“ ein und verfügte eine Sühneleistung von 1.100 Reichsmark. Rechtlich gesehen wäre die Eingruppierung als „Mitläufer“ seiner Berufung nach Regensburg eigentlich im Wege gestanden, als er im Oktober 1947 als Dozent an die Medizinische Abteilung Regensburg kam. Ausweislich seiner Personalakte im bayerischen Kultusministerium gelang es Kiesselbach erst durch die Weihnachtsamnestie von 16. März 1949 als „nicht betroffen“ eingruppiert zu werden. Dafür brauchte Kiesselbach einen „Wehrdienstschaden“: Er reklamierte eine Nieren- und Leberschädigungen sowie Kopfschmerzen, die er sich seinerzeit im Dienst zugezogen habe.

Im Februar 1950 bemühte sich Kiesselbach um eine Professur in Regensburg. Sein Vorhaben blieb allerdings fast fünf Jahre erfolglos, obwohl er viele Fürsprecher hatte. Kiesselbach zog hierbei alle Register. Im Mai 1951 ließ er sich vom bayerischen Innenministerium als heimatvertriebener Flüchtling anerkennen und versuchte darüber eine spezielle Professur zu erreichen – erfolglos. Im Juli 1952 probierte er über die Regelung des Artikels GG 131 als Professor Wiederverwendung zu finden – erfolglos, da er in der NS-Zeit nur eine Assistentenstelle bekleidete. Im Februar 1953 ließ er sich nochmals vom nordrhein-westfälischen Innenminister, nebst indirekter Empfehlung von Bischof Buchberger anpreisen – negativ. Im April 1954 bewarb er sich zusätzlich nach München – zunächst erfolglos. Da sich 1952 die Regensburger Pläne für eine Universität zerschlagen hatten, wollte Kiesselbach die Stadt verlassen – nach Möglichkeiten mit einem Professorentitel.

Im Januar 1955 endlich bekam er vom Kultusministerium, mit Zustimmung von Bischof Buchberger, die Zusage für einen Biologielehrstuhl an der PTH Regensburg. Diesen hielt er aber nur für wenige Monate besetzt, da er danach den Aufstieg an eine Universität schaffte: Im April 1955 erhielt Kiesselbach einen Ruf an Lehrstuhl und Direktorat des Topographischen-Anatomischen Instituts an der Medizinischen Akademie der Universität Düsseldorf. Ausschlaggebend war hierbei seine Begünstigung durch die Artikel-131-Regelung von 1951, die NS-Beamten das Recht auf Wiedereingliederung in den Staatsdienst verschaffte, sofern sie zehn Jahre Dienstzeit vorweisen konnten und nicht als „Hauptschuldige“ oder „Schuldige“ eingestuft worden waren.

Zu Josef Engert unterhielt Kiesselbach ein freundschaftliches Verhältnis – auch noch von Düsseldorf aus. Sie verband auch die gemeinsamen Besuche im sogenannten „Ortszirkels Strudel“, ein Treffpunkt, bei dem in Regensburg alte Herren katholischer Studentenverbindungen des Kartellverbands (KV) zusammenkamen. Ebenso gemeinsam war ihnen der Ruf, Vater der Idee der Regensburger Universität zu sein.

Kurz nach Kiesselbachs Weggang, nach dem Wintersemester 1954/55, wurde übrigens die Auslagerung von Unistudenten an die bayerischen Philosophisch-theologischen Hochschulen vom Kultusministerium einheitlich beendet. Die Studentenzahl sank daraufhin in Regensburg im Jahre 1955 auf rund 320. Professor Josef Engert war zu diesem Zeitpunkt längst emeritiert. Anfang November 1947 als Rektor abgewählt, musste er im März 1948 aus dem Dienst scheiden – gegen seinen Willen. Deshalb protestierte Engert gegen seine Demission schriftlich.

1948: Engert als Opfer einer Denunziation?

Aus dem diesbezüglichen, über Monate andauernden Schriftverkehr geht hervor, dass Engerts NS-Engagement hierbei eine Rolle spielte. Bereits Mitte 1947 gingen – so Engert in einer Beschwerde ans Kultusministerium – im bayerischen Kultusministerium anonyme Hinweise ein, dass er im März 1938 im Korrespondenz- und Offertenblatt für die gesamte katholische Geistlichkeit Deutschlands zum „Anschluss Österreichs“ durch Nazi-Deutschland aufgerufen habe. Obwohl Forderungen nach bzw. die Begrüßung des „Anschlusses“ 1938 in fast allen gesellschaftlichen Kreisen Nazideutschlands dominant waren, rechtfertigte Engert sich hierfür im Nachhinein eigenartig.

Er degradierte sich zum Befehlsempfänger von Goebbels: Der Aufruf sei eine sogenannte „Pflichtauflage“ und er „amtlich durch das Propaganda-Ministerium verpflichtet“ gewesen, „einen Aufruf für die Einverleibung Österreichs in das Reich zu schreiben.“ Er habe zudem nicht anders argumentiert wie Bischöfe in den entsprechenden Hirtenbriefen – so rechtfertigte Engert sich in seinen Schreiben von Mitte Juni 1948 an das Kultusministerium (vgl. Personalakte Engerts MK 44585).

Er sah sich als Opfer einer „Denuntiation“ [sic], die beim Bischof und der Militärregierung vorgetragen worden sei. Er fragte sich, womit er es verdient habe, „daß all jene, die durch meine Mühe ihren Lehrstuhl in Regensburg haben, mit zäher Konsequenz an meiner Vernichtung arbeiten?“ Man solle ihm doch in Amt und Würden „noch die Errichtung oder das Geschick der neuen Universität erleben lassen.“ Eine Uni Regensburg stand Engert in jenen Tagen offenbar deutlich vor Augen, er glaubte mit seinem Anliegen kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Eine „Denkschrift zur Errichtung einer neuen Universität in Bayern“ – numerisch die zweite – hatte er bereits im Januar 1948 verfasst.

Keine Selbsterkenntnis

Wenngleich in der Begründung falsch, lag Engert in einem anderen Aspekt des Schreibens nicht ganz daneben. Er gab im bereits erwähnten Schreiben zu bedenken, ob seine Demission überhaupt zielführend sein könne: „durch die national-sozialistische Hochschulpolitik [!] ist es kaum möglich, einen unbelasteten Nachfolger zu finden.“ Doch auch mit dieser wohlfeilen Selbstempfehlung kam er nicht durch. Bis Ende des Jahres 1948 kämpfte Engert beim Kultusministerium vergeblich um eine Verlängerung seiner Professur über das 65. Lebensjahr hinaus. Auch die Herren im PTH-Kollegium verwehrten ihm dies einhellig und sprachen sich mehrfach dagegen aus. Der Öffentlichkeit blieben diese internen Auseinandersetzungen und Kämpfe verborgen. Nach 1948 erhielt Engert nur noch kleine, unbesoldete Lehraufträge an der PTH, eigenartigerweise auch für Wirtschaftsgeschichte.

Die abwegige Schutzbehauptung von Joseph Engert – er sei amtlich zur Propaganda verpflichtet gewesen – lässt tief blicken. Ebenso seine wahrheitswidrigen Angaben bei der amerikanischen Militärregierung, wonach er gegen die NS-Ideologie gekämpft und sich für KZ-Häftlinge eingesetzt habe. Es fehlten ihm redliche Selbsterkenntnis und Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun im NS-Regime. Dies war eine landläufige Haltung von Überzeugungstätern und Opportunisten, die 1933 das NS-Regime begrüßten und unterstützten, sich jedoch nach Mai 1945 vorzugsweise als Opfer oder Widerständler darstellten.

Erschwerend kommt hinzu, dass Engert sich und seine zum Teil schwer belasteten Kollegen mehrfach und verschlagen als „unberührt vom nationalsozialistischen Gift“ darstellte und die Öffentlichkeit täuschte. Durch dieses Verhalten hat Josef Engert gerade als Hochschullehrer eine Unmenge der „Zweiten Schuld“ (Ralph Giordano) auf sich geladen. Er kann als Paradebeispiel für jene Führungspersönlichkeiten der katholischen Kirche gelten, die 1945 von einem Neubeginn unter ihrer Dominanz sprachen, persönlich aber nicht willens oder in der Lage waren, das eigene pronationalsozialistische Verhalten und Wirken einzugestehen.

Im folgenden vierten und letzten Teil wird der gedenkpolitische Umgang der Stadtgesellschaft mit Josef Engert untersucht.

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Kommentare (9)

  • Dr. Bernd Dammann

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    Lieber Herr Werner,
    gratuliere Ihnen auch zum dritten Teil der Josef Engert-Folge !!! Ein Wahnsinnstext, den Sie da dem wahren Leben der lokalen Zeitgeschichte „abgelauscht“ haben. Besonders beeindruckt bin ich davon, wie hervorragend es Ihnen gelungen ist, das politisch kennzeichnende Allgemeine der Zeitläufte in das Besondere dieser so aussagekräftigen
    Biographie des katholisch-klerikalen Typus zu integrieren.
    Beste Grüße
    Bernd D.

  • fh

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    „das politisch kennzeichnende Allgemeine der Zeitläufte in das Besondere dieser so aussagekräftigen
    Biographie des katholisch-klerikalen Typus zu integrieren“

    Ja, ist wirklich gut gelungen, vor allem, den katholisch-klerikalen Typus zu definieren! Die Leute, die im Pfarrerblock von Dachau gelandet sind, weil sie nicht mitmachen wollten, waren ja keine Kleriker.

    Aber der Engert, der war ja nicht in erster Linie ein Deutscher Nazi, der eine Machtposition in der Kirche missbraucht hat; so wie alle Nazis in allen Gesellschaftsbereichen das tun mussten, damit sie ihre Positionen überhaupt halten konnten. Der Engert war vor allem Katholik, weil: das macht den Nazi an ihm aus, oder?

    Inhaltlich stimmt bestimmt alles, was hier steht, aber der Drive, der Spin, dass man gezielt den Katholizismus, und beispielsweise nicht die deutsche Universität oder das emanzipierte Bürgertum als prinzipiell besonders anfällig für den Totalitarismus darstellt, das ist eine riskante, wenn nicht sogar äußerst unwissenschaftliche These. Schon allein deshalb, weil sie „das katholische“ typisiert, so wie man früher versucht hat rassische Merkmale zu typisieren.

  • Desa Strös

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    Eine braune(-gesinnte) Vergangenheit hat in Bayern noch nie geschadet, um in der Politik etwas zu werden. Auch im Regensburger Stadtrat sitzen mehrere davon. Reichskriegsfahne und Deutschlandlied 1.Strophe sind keine harmlosen Jugendsünden.
    Das sind die Vorbilder für diejenigen, die auf der Straße „rechte“ Gewalt anwenden.
    Die Bürgergesellschaft darf das nicht dulden, auch wenn’s wehtut.

  • Dr. Bernd Dammann

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    Wenn die Argumente ausgehen, dann eben mit dem Holzhammer als ‚ultima ratio‘ –

    Das erkenntnisleitende Interesse des Autors Robert Werner richtet sich eben gerade nicht auf die bereits abgearbeitete und deswegen hinreichend beschriebene und analysierte Anfälligkeit der deutschen Universität oder des emanzipierten Bürgertums. Sein zeitgeschichtlicher Ansatz ist vielmehr akteurbezogen und sein Zugriff handlungstheoretischer Natur, wenn er am Beispiel des Josef Engert danach fragt, welche politische Vergangenheit katholisch-klerikale Würdenträger haben, die den Bürgerinnen und Bürgern im Bistum Regensburg nach wie vor als katholisch bekennende Vorbilder ‚des aufrechten Gangs‘ angedient werden. Dabei wird in seiner Darstellung durchaus ein bestimmter Typus nicht nur in Umrissen, sondern bis zu entlarvenden Kenntlichkeit deutlich identifizert. Was also soll dieses Ablenkungsmanöver?

    Klassifizierung und Typisierung sind in den Sozialwissenschaften methodologisch anerkannte und forschungspraktisch zielführende Verfahren, indem „verschiedene Eigenschaften zusammengefasst werden: eine Summe von Merkmalen, deren Anhäufung als etwas Typisches gelten kann.“ Daraus wird nun der Schluss gezogen, dass diese Gruppe der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften offenbar immer noch nicht gründlich genug entnazifiziert und rekatholisiert worden ist. Hoch lebe der katholische Wissenschaftsbegriff der entdokterten Frau Schavan und des Plagiators Dr. KH Götz!

  • hf

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    „Rekatholisierung“ – mit dem Begriff kann ich leben. höchste Zeit dafür! Das Schindluder, das die Würdenträger mit ihrer Verantwortung getrieben haben, sinkt wirklich zum Himmel. Ich betone Würdenträger.

  • R. Werner

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    @fh
    Ich weiß nicht so recht, ob Sie meine Texte überhaupt gelesen haben!?

    Wenn Sie diesbezüglich von „wenn nicht sogar äußerst unwissenschaftlicher These“ sprechen, sollten Sie zuvor zumindest meine Ausführungen zur Kenntnis genommen bzw. verstanden haben. Dies scheint mir nicht der Fall zu sein.

    Mein Anliegen war es, das Handeln des röm.-katholischen Theologen und Philosophen Josef Engert vor, während und nach dem NS-Regime zu beschreiben. „Den Katholizismus“, den Sie undifferenziert angegriffen sehen und verteidigen wollen, habe ich weder insgesamt bearbeitet, geschweige denn verurteilt.

    Offenbar glauben Sie, Leid und Verdienst der Leute, „die im Pfarrerblock von Dachau“ interniert gewesen sind, gegen meine Kritik am NS-affinen Priester Josef Engert aufrechnen zu müssen. Dies wäre in etwa so unredlich, wie Engerts Verhalten gegenüber den CIC-Offizieren.

  • fh

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    @Dr. Werner: natürlich habe ich die Texte gelesen. Sogar mit einigem Interesse. Und da ich weiß, wie langwierig und anstrengend das war, können wir wohl beide davon ausgehen, dass ich damit eine Ausnahme unter der werten Leserschaft bin.
    Als Wissenschaftler können Sie natürlich so tun, als wüssten Sie nicht, für wen Sie hier schreiben und welches Leserinteresse Sie damit befriedigen sollen. Auch können Sie gerne behaupten, Sie wollten nicht den Katholizismus als solchen angreifen, aber schon die (in Medien unbedingt notwendige) Differenzierung, dass die Gültigkeit einer so weit entwickelten Ethik wie eben die der RKK und die Einforderung der daraus abzuleitenden Handlungsmaximen nicht mit den Würdenträgern identifiziert werden kann, die als Menschen versagt haben, lassen Sie (bewusst) vermissen.
    Indirekt verteidigen ja bereits Sie und RD den Katholizismus, indem Sie aufzeigen, wie weit Wunsch und Wirklichkeit auseinander liegen können, die den Menschen stets überfordernden Ideale an sich jedoch nicht mit einem Gedanken in Frage stellen, sondern Sie weiter und weiter „promoten“.
    Katholischer als der Papst nennt man das in Bayern. Pharisäertum, freilich, sagte sich Jesus, und vergab trotzdem.

  • erik

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    Immer wenn ich von erst-, zweit,- drittrangigen funktionstragenden Personen der Nazi-Zeit die den Übergang in die Bundesrepublik unbescholten geschaft und dann neue mittlere, hohe und höchste Positionen wieder besetzt haben lese, frage ich mich und rätsle immer, ob und wieviele von ihnen wohl Deckenlampen und Schreibtischlampen mit Menschenhaut bezogen als Andenken und Erinnerung an ihre braune Vergangenheit in ihren Amtszimmern angebracht hatten. Soll vor 1945 in bestimmten Kreisen ein beliebte kleine Aufmerksamkeit als Geschenk gewesen sein, hab ich zumindest mal gelesen.

  • jetzt reicht´s

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    @fh: Ich gebe Ihnen vollumfänglich Recht.

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