Weit über 1.000 Menschen – große Demo gegen Gewalt an Frauen in Regensburg
Es war wohl eine der größten Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen in Regensburg in den vergangenen Jahren. Zwischen 1.200 Menschen laut Polizei und 1.700 (Veranstalter) insgesamt zogen am Sonntag unter dem Motto „Es reicht!“ vom Bismarckplatz über den Minoritenweg zum Ostentor – und von dort zurück zum Haidplatz.
Aktueller Anlass sind die Vorwürfe digitaler, sexualisierter Gewalt gegen den Schauspieler Christian Ulmen. Er soll jahrelang auf verschiedenen Portalen gefälschte Profile seiner Ex-Frau Collien Fernandes betrieben haben.
Anderen Männern soll er darüber pornografische Fotos und Videos zugänglich gemacht haben – mit Darstellerinnen, die Fernandes zum Verwechseln ähnlich sehen. Auch Telefonsex soll dazugehört haben. So die Vorwürfe von Fernandes.
Am gefährlichsten: das eigene Zuhause
In Regensburg formierte sich rasch über soziale Medien eine Initiative aus Frauen und Männern, die die Demonstration organisierte. Unterstützung kam von Pro Familia, dem Bündnis für Toleranz und Menschenrechte und dem Frauennotruf.
Jede siebte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer sexualisierter Gewalt, heißt es auf der Seite der Initiative. Gezählt sind nur die gemeldeten, strafrechtlich relevanten schweren Fälle – ohne Dunkelziffer.
Weitet man den Gewaltbegriff, liegen die Zahlen noch deutlich höher: Rein statistisch erlebt jede dritte Frau mindestens einmal im Leben sexualisierte und/oder physische Gewalt. Das Spektrum reicht von Stalking über Körperverletzung und sexuelle Nötigung bis hin zu Vergewaltigung und Mord. Der Täter in der überwiegenden Zahl der Fälle: der eigene Partner.
Bundeskanzler Merz „am eigentlichen Problem vorbei“
Vor diesem Hintergrund sorgen die jüngsten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz für Wut bei den Organisatorinnen und Teilnehmern. Er hatte Ende März in einer Debatte zum „Fall Ulmen“ und zu Gewalt gegen Frauen im Deutschen Bundestag „Gruppen der Zuwanderer“ für einen „beachtlichen Teil“ dieser „explodierenden Gewalt gegen Frauen“ verantwortlich gemacht.
„Das ist im Kern rassistisch und geht am eigentlichen Problem vorbei“, sagt eine Teilnehmerin der Demonstration. „Gewalt gegen Frauen ist kein Thema der Migration.“
Rein statistisch ist der gefährlichste Ort für Frauen das eigene Zuhause – jede vierte von ihnen hat in Deutschland bereits Gewalt durch den eigenen Partner erfahren. Das sind nur die angezeigten Straftaten. Andere Erhebungen sprechen von 60 Prozent der Frauen, die mindestens einmal Partnerschaftsgewalt erlebt haben.
Digitale Gewalt: viele Grauzonen und Gesetzeslücken
Vergleichsweise neu, dazu mit breiter Grauzone behaftet, ist das Problem digitaler Gewalt gegen Frauen: sexistische und frauenfeindliche Kommentare, (sexuelle) Belästigung via Chats und E-Mails, Stalking, Bedrohung. Oder Deepfakes mit pornografischen Fotos und Videos. Besonders oft betroffen: politisch engagierte Frauen.
Collien Fernandes hatte seit Langem auf dieses Problem der digitalen Gewalt hingewiesen. Doch erst seit es die Vorwürfe gegen ihren Ex-Partner gibt – hier ist ausdrücklich nicht von Deepfakes die Rede, sondern von Videos und Fotos mit ähnlich aussehenden Frauen – rückt das Thema stärker ins öffentliche Interesse.
Antrag an den Stadtrat
In einem Bürger:innen-Antrag an den Regensburger Stadtrat fordert die Initiative „Es reicht“ ein umfassendes Handlungskonzept der Stadt gegen sexualisierte und digitale Gewalt sowie den Beitritt Regensburgs zur Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Es sind nur zwei von insgesamt neun Forderungen, über die der Stadtrat früher oder später diskutieren muss.
Nach der Demonstration am Sonntag sammelten Unterstützerinnen und Unterstützer bei einem Fest bereits Unterschriften, um den Antrag dort so schnell wie möglich vorzulegen.
Trackback von deiner Website.







Eva
| #
Demo und Kundgebung waren seit etwa drei Wochen angekündigt und in den sozialen Netzwerken gut beworben. Carolin Wagner MdB, Andrea Diermeier (ab Mai Stadträtin SPD), Helene Sigloch und weitere Grünen-Mitglieder waren vor Ort.
Die Teilnahme männlicher Politiker aus Regensburg erschreckend gering. Korrigieren Sie mich, falls ich jemanden übersehen haben sollte. WER war gestern vor Ort und hat Interesse und Solidarität gezeigt?
Liebe Regensburger Politiker, bitten nutzen Sie Ihre Privilegien als Männer und setzen Sie sich gegen Gewalt an Frauen und Mädchen ein. Es sollte Sie alle angehen – als Männer, Väter, Brüder, Onkel oder einfach empathischiebegabte Menschen.
Es braucht viel mehr Prävention, Beratung, Aufklärung bei Justiz und Behörden und Strafverfolgung.
Vor allem die Regulierung von digitalen Orten, an denen sich Hass und Misogynie völlig enthemmt Bahn brechen, wäre so wichtig.
Sebastian Wanner
| #
@Eva
Die Beobachtung ist korrekt, mir sind lediglich Politiker (männlich) von Linkspartei und Grünen aufgefallen. Es ist schade, dass nicht mehr dort waren. Im Hinblick auf den Antrag könnten da einige etwas mitnehmen. Schutz kann man auch ohne den Antrag umsetzen und ausbauen – und sollte das auch.
Name
| #
Kommentar gelöscht. Kein Getrolle.