Archiv für 23. Februar 2013

Das W1 will kein Jugendzentrum sein

Willkommen auf der Spielwiese

Das W1 steht seit vier Jahren für junge Kulturarbeit und -förderung in Regensburg. Obwohl sich das Zielpublikum hauptsächlich aus Jugendlichen und junge Erwachsenen zusammensetzt, möchte man sich hier dennoch nicht als Jugendzentrum verstanden wissen.
"Wir würden uns wünschen, dass der Wert der jungen Kultur erkannt wird": Matthias Segerer, im W1 zuständig für das musikalische Programm. (Foto: Liese)

„Wir würden uns wünschen, dass der Wert der jungen Kultur erkannt wird“: Matthias Segerer, im W1 zuständig für das musikalische Programm. (Foto: privat)

Freitagabends, mitten in Regensburg. Die einen haben sich ob der eisigen Kälte dazu entschieden, zu Hause zu bleiben, die Füße hochzulegen und fernzusehen. Andere glühen allmählich für ihren Bar- oder Clubbesuch vor. Und wieder andere, ungefähr 40 an der Zahl, haben ihren Weg in die Weingasse 1 gefunden, wo heute zu einem Abend unter dem Motto „Wer kann schon ohne Liebe sein?“ geladen wird. Stolz ist man ja schon auf das, was man hier bislang erreicht hat. Aber sich auf den Lorbeeren auszuruhen, das passt nicht zum jungen Team rund um Uwe Hering, den Leiter des W1. Gemeinsam steht man in der Weingasse 1 seit Februar 2009 für offene Jugendarbeit und kulturelle Bildungsmöglichkeiten. Doch das W1 ist auch Treffpunkt, Magnet für alle Kreativen und solche, die sich einfach gern ausprobieren möchten. Von Ausstellungen über Lesungen, Tanz- und Theaterveranstaltungen bis hin zu Konzerten ist das Programm des W1 breit aufgestellt.

Liebes-Lyrik für Hipster und Rentner

Heute erlebt man im Kulturcafé des Zentrums das Freie Theater Oberpfalz, sieben Schauspieler und zwei Musiker, die einen „Liebes-Lyrik-Lieder-Abend“ vorbereitet haben. Gedankenverloren sitzen sie auf neun Stühlen, tragen abwechselnd oder gemeinsam Oden an die Liebe vor, jenes Gefühl, dass doch jede Facette des Lebens beherrscht. Und das Auditorium, eine bunt durchmischte Ansammlung von 20- bis 70-Jährigen, von Hipstern bis Normalos, von Studierenden bis Rentnern, lauscht andächtig. Im Hintergrund, an der Bar, lässt sich auch das W1-Team in den faszinierenden, warmen Bann ziehen, der von der Bühne ausgeht. Es ist schön – einfach nur schön. Und es spiegelt einen Kernbestandteil des W1-Konzeptes wider. „Wir haben uns vier Schwerpunkte gesetzt“, sagt Matthias Segerer, der vor allem für Musikveranstaltungen zuständig ist. Erstens wolle man Kultur für junge Menschen erlebbar machen; zweitens geht es um die räumliche, materielle und institutionelle Förderung jedes jungen Kulturschaffenden. Drittens soll aus diesen Aktivitäten ein Bildungsangebot für alle Kulturinteressierten resultieren. „Und nicht zuletzt geht es auch darum, Kultur zu vernetzen: Wir bringen junge Menschen und ihre kulturellen Szenen zusammen.“
Kultureller Treffpunkt und künstlerische Spielwiese: Das Kulturcafé im W1

Kultureller Treffpunkt und künstlerische Spielwiese: Das Kulturcafé im W1. /Foto: Liese)

Das gelingt an einem Abend wie dem heutigen, der sich ganz der Liebe verschrieben hat und auf manchmal kitschige, manchmal still-gefühlvolle Art die Zuschauer in ihrem Innersten berührt, auf besondere Weise. Doch auch andere Veranstaltungen sind exemplarisch für das W1. Als die Kälte im vergangenen Oktober über die Stadt hereinbrach, fand erstmals eine Handmade-Messe statt, bei der Aussteller Taschen, Schmuck, Kleidung und Accessoires aus Handarbeit präsentieren konnten. Zusätzlich hatte jeder Besucher, der sich aus der Dämmerung in den wohlig beheizten Altbau geflüchtet hatte, die Möglichkeit, auch selbst einmal Hand anzulegen. Das ganze Haus war erfüllt mit geschäftigem Murmeln, Lachen, manchmal auch meditativem Schweigen, während – mit Lavendel parfümiert – an dekorativen Stoffen genäht oder Leder bearbeitet wurde. Es sind diese besonderen Ereignisse, die das W1 für Künstler und Publikum gleichermaßen faszinierend machen. Etwa, wenn zur Kurzfilmwoche „Poetry in Motion“ im W1-Kulturcafé stattfindet. Junge Dichter und Filmemacher reichen sich die Hand, um aus live gelesenen Texten und stummen Kurzfilmen nachdenkliche, spannende, lustige, manchmal auch traurige Symbiosen zu erschaffen.

Junge Kultur, aber nicht nur für Jugendliche

Die Bezeichnung Jugendzentrum, die vor allem auf das JUZ Weingasse zurückgeht, das sich mehr als 30 Jahre lang im selben Gebäude befand, passt aus all diesen Gründen auch nur bedingt auf das W1. „Wir sind speziell auf die kulturellen Bedürfnisse ausgerichtet. Wir verfolgen ein neues Konzept, neue Gestaltung und auch ein neues Programm.“ Um diese Neuausrichtung zu unterstreichen, verstehe man sich eben als „Zentrum für junge Kultur“. Die Unterschiede mögen marginal erscheinen, sie sind dennoch essentiell für das, was das W1 in Regensburg leistet. Wo sonst nämlich findet man im Programm Kurse für lyrischen Ausdruckstanz neben Hardrockkonzerten, eine Lesung der „besten Todestexte aller Zeiten“ neben Filmanimation-Workshops oder eine Fotoausstellung neben Vorträgen über nachhaltigen Lebensstil? Zwischendrin noch etwas Poetry Slam gefällig oder eine Band-Aufnahme im hauseigenen Tonstudio? Selbst ein Film wurde in den vergangenen Monaten im Dachgeschoss gedreht.
Erlebbare Kultur nicht nur für Jugendliche: Vom Lyrikabend bis zum Rockkonzert. (Foto: Liese)

Erlebbare Kultur nicht nur für Jugendliche: Vom Lyrikabend bis zum Rockkonzert. (Foto: Liese)

Das W1 ist eben mehr als „nur“ eine Anlaufstelle für junge Menschen, die sich treffen und austauschen wollen. Künstler und kulturinteressiertes Publikum wissen das besonders zu schätzen – vor allem die Förderung einer wirklich alternativen, extravaganten Kunstszene. Woanders liegt das Augenmerk auf einem wirtschaftlich profitablen oder wenigstens kostendeckenden Veranstaltungsprogramm; im W1 hingegen gibt es nichts, was es nicht gibt. Das W1 ist Spielwiese, Raum zum Ausprobieren und Nische für schräge und absolut nicht massentaugliche Kunstexperimente von der verrückten Spinnerei bis hin zur kulturellen Avantgarde. Es ist nur ein kleiner Kreis an Menschen, die dies zu schätzen wissen. Die, die lieber zusammensitzen und jungen Talenten dabei zusehen, wie sie Musik zum Leben erwecken, wie sie hautnah und authentisch Gefühle transportieren. Während viele sich auf das Weiterkommen der eigenen Favoriten bei der neuesten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ interessieren, konzentriert man sich hier lieber auf das Erleben echter Emotionen. Keine Stars stehen da auf der Bühne, denen es um Selbstprofilierung, Ruhm oder Erfolg geht, sondern wahre Künstler, für die der begeisterte Applaus jener paar Dutzend Zuschauer wirklich das Größte ist.

Bloß nicht zurücklehnen!

„Wir würden uns hier von der Stadtgesellschaft wünschen, dass sie den Wert der jungen Kultur erkennt und ihren Akteuren mehr Beachtung schenkt“, sagt Segerer. Trotz aller kleinen und großen Probleme, die vor allem mit eingeschränkten Ressourcen und der nicht immer als günstig wahrgenommenen Lage zusammenhängen, blickt man aber positiv in die Zukunft. „Die Stadt hat mit der Schaffung des Zentrums einen wertvollen Schritt getan, auch wenn man natürlich immer noch mehr machen kann.“ Denn Zurücklehnen, das reicht in Sachen Kulturarbeit niemals. Die Förderung des einen Angebots ersetzt nicht die Unterstützung eines anderen. Und gerade, was das Thema Kultur in Regensburg angeht, hat der Beobachter doch nicht selten den Eindruck, dass verschiedene Angebote von Seiten der Stadt regelrecht gegeneinander ausgespielt werden. Im W1 ist das alles sekundär. Hier wird unbeirrt gesungen, getanzt, gelesen und gebastelt. „Die Höhepunkte unserer Arbeit erfahren wir vor allem im Alltag, gemeinsam mit begeisterten Besucherinnen und Besuchern.“ Damit das so bleibt, hat man sich hier auch weiterhin viel vorgenommen – wie immer. Das Interview mit Matthias Segerer wurde im Dezember 2012 auf elektronischem Wege über die Pressestelle der Stadt Regensburg geführt.
Mitten in der boomenden Stadt Regensburg befindet sich die ruhigste Baustelle der Welt: Blick hinter die Plane bei der Steinernen Brücke. Foto: Archiv
Kosten für ersten Bauabschnitt verdoppelt

Steinerne Brücke: Zeit ist viel Geld

Billig ist besser? Von wegen. Für die Sanierung des ersten Abschnitts der Steinernen Brücke gab die Stadt just dem günstigsten Anbieter den Zuschlag. Doch bereits im November stand fest, dass sich aufgrund der jahrelangen Verzögerungen die Kosten mindestens verdoppeln würden. Mit dem Rauswurf des Unternehmens dürfte das alles noch einmal ein ganzes Stück teurer werden.