Colosseum-Gedenken „sehr beschämend“

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Die klammheimliche Verlegung der Bodenplatte vor dem ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Regensburg Stadtamhof sorgt für Kritik. Der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Stadtamhof, Markus Zaglmann, bezeichnet es als „sehr beschämend“, dass es anlässlich der Verlegung keine öffentliche Gedenkveranstaltung gegeben hat. „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass kein großes Aufsehen gemacht werden sollte“, so Zaglmann. Wie berichtet wurde die Bodenplatte laut Auskunft der Stadt Regensburg bereits am 23. April – just zum Jahrestag, an dem die rund 400 Gefangenen des KZ-Außenlagers 1945 zum Todesmarsch getrieben wurden – verlegt. Weder die Öffentlichkeit noch der Stadtrat, wo das Thema in den vergangenen Jahren mehrfach diskutiert worden war – wurden darüber informiert. Zaglmann fordert nun eine „würdevolle Einweihung mit Beteiligung der örtlichen Vereine, Parteien und Bürger“. Auch unangenehme Themen müssten von den Stadtpolitikern angesprochen werden. Auch der Text der Bodenplatte stößt nicht auf ungeteilte Begeisterung. Stadträtin Margit Kunc (Grüne) zeigt sich vom Ergebnis der jahrelangen Diskussion mehr als enttäuscht. „Was lange währt, wird doch nicht gut.“ Luise Gutmann, von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die sich seit über 20 Jahren für ein angemessenes Gedenken für die Opfer des Colosseum engagiert, wird noch deutlicher: „Eine solche Bodenplatte kann eine Gedenktafel am Gebäude nicht ersetzen.“ Die 65 Menschen, die von März bis April 1945 im Colosseum umgebracht wurden, finden auf der Platte keine Erwähnung; ebensowenig die Tatsache, dass es sich dabei um Außenlager des KZ Flossenbürg gehandelt hat, von dem aus die 400 Gefangenen am 23. April 1945 zum Todesmarsch getrieben wurden. Laut Auskunft der städtischen Pressestelle stammt der Textvorschlag aus dem Amt für Archiv und Denkmalpflege. Wie aus dem Kulturreferat zu erfahren ist, wurde der Text anschließend von einer Referentenrunde unter Anwesenheit aller drei Bürgermeister abgesegnet.
Sorgt für Kritik: Die Bodenplatte vor dem Colosseum.

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Kommentare (4)

  • Franz Schuhwerk

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    Das Lustige am Vorgehen der Verantwortlichen für diese Bodenplatte und ihre klammheimliche Verlegung ist ja das kindliche „es wird uns schon keiner sehen“. Seit Jahren und Jahrzehnten ist klar: irgendwann wird es doch jemand sehen und der Ärger ist dann nicht viel kleiner.
    Zum verschämten Weg-Gedenken bei dieser Bodenplatte passt der derzeitige Umgang mit dem Kolosseum-Denkstein besonders gut: er ist mit Klohäuschen für den „ironman-event“ sozusagen zugestellt (Auf Anfrage gerne 2 Fotos). Nicht einmal für fünf Pfennig Feingefühl seitens der Verantwortlichen, sei es die Stadt oder der Veranstalter.

  • Lothgaßler

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    Der Text ist verharmlosend, und deshalb gehört er geändert.
    Dass die „Häftlinge“ (?!) zum „Appell antreten“ mussten, ist ja wohl kein Grund für ein Gedenken.
    Dass nur 50 Gefangene diese Terrorzeit überlebt haben, das gehört auf die Tafel. Wenn der Todesmarsch hier seinen Anfang nahm, dann muss das auf die Tafel.
    Zudem sollte doch den Opfern gedacht werden, und damit muss man auch daran erinnern wer sie waren und was sie tun und erleiden mussten.

    Der Text war scheinbar der kleinste gemeinsame Nenner.

  • solomon

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    Der Text der Gedenktafel gibt über die wahren Geschehnisse so gut wie gar keine Auskunft. Das war mein erster Gedanke dazu. Lothgaßler nennt ihn treffend „verharmlosend“. Und deshalb habe ich mir die Frage gestellt, was die Motive für diese Tafel sein könnten und welche Konsequenz diese Tafel haben muss.

    Da haben sich Menschen „Gedanken“ gemacht, die sich durch ihre „Diskretion“ hervortuen wollen, weil ihnen das Thema KZ-Außenlager in Regensburg „heikel“ erscheint? Der Text der Gedenkplatte spiegelt die Schere im Kopf der Autoren. Der Text darf alles hergeben, was man den „kleinen Leuten“ zumuten kann. Welch zeitloses Thema.

    „Damals“ hat sich die große Masse nicht lange mit bohrenden Nachfragen aufgehalten. Kein lautes „was passiert denn da im Haus?“! Ein Schild am Haus wäre damals nicht notwendig gewesen, die Insassen dieses Hauses mussten ungefragt „ihr Schild“ am Körper sichtbar tragen. Da warn halt „welche untergebracht“, die nicht dazugehörten. Und insgesamt: zu viel Neugier war schnell gefährlich. Aber wer „Lust“ auf mehr hatte, der konnte ja beim Appell der „Untergebrachten“ mal kurz vorbei marschieren und seine bürgerliche Neugier bedienen.

    Heute ist das nicht viel anders, mit der bürgerlichen Neugierde. Am liebsten würde man auf eine öffentliche zur Schau Stellung der leidvollen Geschichte des Hauses ganz verzichtet. Allein schon die lange Zeit, die bis zur Verlegung dieser Tafel vergehen musste, spricht Bände. Aber wenn es schon ein Blick in die Vergangenheit sein soll, dann ein Diskreter.
    Leider ist es ein Feiger. Von „Unterbringung“ ist im Text die Rede. Das hat den Geruch von „Einzel- oder Mehrbettzimmer“. Ist es das, was die Bevölkerung heute vom schrecklichen Innenleben eines KZ wissen darf? Dann ist es um keinen Deut mehr, als das „offizielle“ Wissen über Konzentrationslager, dass das Volk damals haben sollte und wollte. Und mit dem verschämten Hinweis auf Appelle der hungernden und gedemütigten Häftlinge verhält es sich genau so. Kein Wort zu viel. Was man damals nicht verheimlichen wollte, darüber sollte auch heute noch jeder lesen dürfen: Hungernde und Gedemütigte sind in Kriegszeiten keine Seltenheit. Versammlungen zur Anwesenheitskontrolle ebenso. Auch da bleibt der Text konsequent unverdächtig weil unkritisch. Die Lebensrealität der Menschen, die an diesem Ort „untergebracht“ waren, wird in der Tat verharmlosend dargestellt.

    Und damit machen sich die Verantwortlichen dieser Tafel mit der Informationspolitik der NS-Diktatur von damals gemein.

    Ich fordere die Verantwortlichen auf, diesen Eindruck nicht bestehen zu lassen. Korrigieren Sie diese Verharmlosung. Ändern sie den Inhalt dieser Tafel.

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