SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 29. August 2011

Woher dieses plötzliche Interesse an Vergangenheitsbewältigung? Hatte Hans Schaidinger in den vergangenen Monaten klar abgesteckt, wo seine Prioritäten liegen – zur Eröffnung eines Klos kommt der Oberbürgermeister zum Fototermin, von der Verlegung einer Gedenktafel für NS-Opfer erfährt nicht einmal der Stadtrat – sieht er sich nun zu einer Klarstellung veranlasst bei einem Thema, das in der Vergangenheit einfach abgebügelt wurde: die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers. Stellte man in der Vergangenheit Anfragen, weshalb Regensburg nicht dem Beispiel vieler anderer Städte gefolgt ist und Hitler diese Würde posthum aberkannt hat, erhielt man stets die lapidare Antwort: „Die Ehrenbürgerschaft erlischt mit dem Tod.“ Das Internet scheint dafür verantwortlich zu sein, dass Schaidinger nun eine Mitteilung verschicken ließ und erklärt: „Aufgrund eines Eintrags in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia“ komme es „immer wieder zu Missverständnissen“. Dabei gibt es dazu keine Veranlassung. Schaidinger: „Wir haben bereits vor Jahrzehnten ein eindeutiges Bekenntnis abgelegt, dass sowohl Adolf Hitler als auch der ehemalige Gauleiter Adolf Wagner als Ehrenbürger in unserer Stadt unerwünscht sind und haben beide aus dieser Liste gestrichen.“ Soweit „die öffentliche Auflistung kurzfristig zurückverfolgt werden konnte“, würden die beiden „seit 1966 nicht mehr geführt“. Ohne weiteren Recherchen vorgreifen zu wollen: Man darf wohl davon ausgehen, dass die beiden schon recht bald nach Kriegsende „nicht mehr geführt“ wurden. Konnte man doch mit solchen Ehrenbürgern urplötzlich keinen Staat mehr machen. Da wurde vieles gestrichen – vor allem aus dem Gedächtnis. Am Besten wäre es schließlich gewesen, es hätte ihn nie gegeben, diesen Adolf Hitler, den in Regensburg eh nie jemand gemocht hat. Posthum aberkennen können man Adolf Hitler seine Ehrenbürgerwürde nicht, so der Oberbürgermeister. Das, so Schaidinger weiter, geht nämlich „ nach herrschender Meinung formal“ überhaupt nicht. Und an diese bösen Formalia muss sich Regensburg im Gegensatz zu Kommunen wie München, Coburg, Braunau, Berchtesgaden, Dortmund, Frankfurt am Main etc., etc. einfach halten. Und wenn Schaidinger am Ende schließlich darauf hinweist, dass die Ehrenbürgerwürde ohnehin mit dem Tod erloschen sei und damit den Sermon der vergangen Jahre nur wiederholt, dann erweist sich seine Klarstellung endgültig als das, was sie ist: ein Griff ins Klo.

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