Griff ins Klo, Herr Schaidinger!

Woher dieses plötzliche Interesse an Vergangenheitsbewältigung? Hatte Hans Schaidinger in den vergangenen Monaten klar abgesteckt, wo seine Prioritäten liegen – zur Eröffnung eines Klos kommt der Oberbürgermeister zum Fototermin, von der Verlegung einer Gedenktafel für NS-Opfer erfährt nicht einmal der Stadtrat – sieht er sich nun zu einer Klarstellung veranlasst bei einem Thema, das in der Vergangenheit einfach abgebügelt wurde: die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers. Stellte man in der Vergangenheit Anfragen, weshalb Regensburg nicht dem Beispiel vieler anderer Städte gefolgt ist und Hitler diese Würde posthum aberkannt hat, erhielt man stets die lapidare Antwort: „Die Ehrenbürgerschaft erlischt mit dem Tod.“ Das Internet scheint dafür verantwortlich zu sein, dass Schaidinger nun eine Mitteilung verschicken ließ und erklärt: „Aufgrund eines Eintrags in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia“ komme es „immer wieder zu Missverständnissen“. Dabei gibt es dazu keine Veranlassung. Schaidinger: „Wir haben bereits vor Jahrzehnten ein eindeutiges Bekenntnis abgelegt, dass sowohl Adolf Hitler als auch der ehemalige Gauleiter Adolf Wagner als Ehrenbürger in unserer Stadt unerwünscht sind und haben beide aus dieser Liste gestrichen.“ Soweit „die öffentliche Auflistung kurzfristig zurückverfolgt werden konnte“, würden die beiden „seit 1966 nicht mehr geführt“. Ohne weiteren Recherchen vorgreifen zu wollen: Man darf wohl davon ausgehen, dass die beiden schon recht bald nach Kriegsende „nicht mehr geführt“ wurden. Konnte man doch mit solchen Ehrenbürgern urplötzlich keinen Staat mehr machen. Da wurde vieles gestrichen – vor allem aus dem Gedächtnis. Am Besten wäre es schließlich gewesen, es hätte ihn nie gegeben, diesen Adolf Hitler, den in Regensburg eh nie jemand gemocht hat. Posthum aberkennen können man Adolf Hitler seine Ehrenbürgerwürde nicht, so der Oberbürgermeister. Das, so Schaidinger weiter, geht nämlich „ nach herrschender Meinung formal“ überhaupt nicht. Und an diese bösen Formalia muss sich Regensburg im Gegensatz zu Kommunen wie München, Coburg, Braunau, Berchtesgaden, Dortmund, Frankfurt am Main etc., etc. einfach halten. Und wenn Schaidinger am Ende schließlich darauf hinweist, dass die Ehrenbürgerwürde ohnehin mit dem Tod erloschen sei und damit den Sermon der vergangen Jahre nur wiederholt, dann erweist sich seine Klarstellung endgültig als das, was sie ist: ein Griff ins Klo.

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Kommentare (9)

  • RuhigBlut

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    Nicht auszudenken, wie Schaidinger, Schlegl und Co. gewütet und geschrien hätten, wäre solch ein Bullshit aus der Feder oder dem Munde von Dr. Fürst, Dr. Rieger, Dr. Kollmer oder anderen gekommen!!! Jaja, quod licet Iovi, non licet bovi….

  • CSU-Mitglied

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    Nicht zu vergessen Frau Freudenstein und Ihr Arbeitgeber BR im Jahre 2007!

  • RuhigBlut

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    Der jetzt erstaunlich ruhig ist….

    Von dem Skandal um die Gedenktafel hat man in den Medien so gut wie nichts mitbekommen. In diesem Zusammenhang ist iÜ nicht nur die Art und Weise der Aufstellung skandalös, sondern der Text der Tafel an sich eben auch! Dass die Erklärung des OB zur Ehrenbürgerschaft in dieser Art ein Blödsinn ist – denn hier geht es überhaupt nicht um einen (juristisch) haltbaren Beschluß, sondern im Grunde nur um einen symbolischen Akt – liest man in dieser Form auch nur auf regensburg-digital.de!

    Diesen Umstand finde ich noch unverständlcher, wenn man bedenkt, wie sehr (zu Recht) alle größeren Medien gegen die FPÖ geschrieben und berichtet haben, als deren Fraktion im Braunauer Stadtrat nicht für die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des „GröFaZ“ gestimmt hat. Aber was macht die MZ? Tut so, als ob es schon vor Jahrzehnten einen Aberkennungsbeschluß gegeben hätte, ohne den doch recht wesentlichen Unterschied zwischen Aberkennung der Ehrenbürgerschaft und deren Erlöschen mit dem Tod darzustellen. Letzteres gilt nämlich auch für all diejenigen honoren Personen, die diesen Titel völlig zu Recht und verdient vor ihrem Tode trugen!!!

    Besonders schön finde ich aber, dass regensburg-digital den Zusammenhang zwischen der Gedenktafelaufstellung und der lediglich schriftlichen Erklärung des OB darstellt und anhand der Toiletteneröffnung die Prioritätensetzung des OB noch veranschaulicht. Findet man in der Medienlandschaft ansonsten nicht so.
    Wobei ich noch anmerken möchte, dass unmittelbar nach der Aufstellung der Gedenktafel diese im Zuge des Ironman so gleich auch noch mit Dixi.Klos zugestellt wurde. Offenkundig hat es der OB mit menschlichen Ausscheidungen… Nämlich entweder um damit auf politische, in erster Linie innerparteiliche Gegner zu werfen, oder aber um entsprechende Entsorgungseinrichtungen hierfür öffentlichkeitswirksam einzuweihen oder um mit diesen Einrichtungen unliebsame Zeugnisse des öffentlichen Gedenkens – die gleichzeitig Zeugnisse der Unzulänglichkeit und Unsensibilität des OBs sind – zu „tarnen“.

    Mir hingegen fällt leider als Attribut zu so einem Verhalten auch nur der menschliche Stuhl ein, allerdings mehr in Form eines unanständigen Begriffs!!!

  • Stefan Aigner

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    @Ruhig Blut

    Die MZ hat nichts anderes gemacht als die Pressemitteilung der Stadt eins zu eins zu veröffentlichen.

  • fh

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    ohne die einlassungen des OB zum thema ehrenbürgertum kommentieren zu wollen: der allmorgendliche dreck auf regensburgs straßen ist sehr wohl ein drängendes thema, das zum himmel stinkt. es betrifft anwohner, geschäftsleute und stadtbesucher unmittelbar, ist unüberseh(-riech-)bar und schlicht eine beleidigung für jeden zivilisierten menschen – ob politischer agitation zu- oder abgetan. fäkalien sind darüberhinaus gesundheitsgefährdend. der stadt jetzt vorzuwerfen, dass sie diese reelle gefahr für die lebensqualität der menschen mit priorität behandelt, nur um ein widerlager für die übliche schaidinger-schelte zu erzeugen, das ist nicht wirklich guter stil.

    dass die gedenktafel ohne großes medientamtam versetzt wurde, kann man auch anders werten, nämlich als respektvollen abstand zum grauen der damaligen zeit. viele, die schaidinger jetzt vorwerfen, dass er nicht da war, könnten ihm ja umgekehrt unterstellen, dass er das leid der früheren jüdischen mitbürger für seine pr-zwecke ausschlachtet. zumal er ja in der vergangenheit…

  • H. Müller

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    …und positioniert sich damit in dieser heiklen Frage als offizielles Sprachrohr der Stadt Regensburg, wie einst das „Neue Deutschland“ für die DDR.
    Wie erbärmlich, ein intellektueller und journalistischer Offenbarungseid.
    Und die Leute zahlen auch noch dafür…

  • Jochen Schweizer

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    Die MZ ist sein Jahren das „offiziele Sprachrohr“ des OB und dessen Politbüro. Wer nimmt was anderes an?

  • Matthias Beth

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    Da gibt es gewisse Abhängigkeiten mit der Plazierung von Druckaufträgen der Stadt Regensburg an die Unternehmen des Hr. Esser und Gewerbesteuererlasse für das neue Druckzentrum in Burgweinting.

  • H. Müller

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    Stimmt nicht ganz. Sie ist offensichtlich auch gerne genutztes Presseorgan von Polizei, Staatsanwaltschaft, Kirche, ADAC, oder sonstigem, was der brave Oberpfälzer Kleinbürger so als Obrigkeit erachtet.

    Und man kriegt ein Gratis-Grillbesteck!

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