Warnstreik bei BMW

„Das Gesicht der Leiharbeit“

Die zweite Warnstreikwelle der Metall- und Elektroindustrie hat diese Woche Regensburg erreicht. 3.500 Beschäftigte demonstrierten am Donnerstag für 6,5 Prozent mehr Gehalt, unbefristete Übernahme der Azubis und die stetig steigende Leiharbeit. „Keine Spaltung der Belegschaft. Weg mit der Leiharbeit“, steht auf einem Transparent. Die Forderungen einiger Arbeiter gehen sogar noch über das hinaus, was die IG Metall fordert, nämlich den „Missbrauch der Leiharbeit zu beenden“. In der aktuellen Tarifauseinandersetzung der Metall- und Elektroindustrie hat diese Woche die zweite Warnstreikwelle Regensburg erreicht. Bereits am Donnerstag wurde die Maschinenfabrik Reinhausen bestreikt. Für etwa eine Stunde stand im Werk in der Falkensteinstraße die Produktion still, etwa 100 Mitarbeiter waren dem Aufruf der Gewerkschaft gefolgt.

3.500 im Warnstreik

Am Freitag vor dem Regensburger BMW-Werk waren es – nach Angaben der IG Metall – 3.500 Beschäftigte, neben BMW auch von Continental, Siemens, Schneider (Sachsenwerk) und Infineon, die dem Aufruf der Gewerkschaft gefolgt waren. Die Stimmung ist kämpferisch. Ein Meer aus Blaumännern und roten IG Metall-Fahnen. Trillerpfeifen, Rufe, Beifall. Auf der Bühne bringt das Duo Borke & Pheel die Forderungen der Streikenden in Rap-Form. Im Zentrum stehen 6,5 Prozent mehr Gehalt, eine unbefristeten Übernahme aller Auszubildenden und mehr Mitsprache der Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeitern.

„Das Gesicht der Leiharbeit“

Und gerade BMW sei das „Gesicht der Leiharbeit“, wettert der Regensburger Betriebsratsvorsitzende Werner Zierer. Ein Drittel aller bayerischen Leiharbeiter arbeiten demnach bei BMW, etwa 2.500 allein im Regensburger Werk. Genaue Zahlen hat auch der Betriebsrat nicht: Wie viele Leiharbeiter etwa über Werkverträge am Fließband stehen und etwa die Hälfte dessen verdienen, was ein „normaler“ BMW-Beschäftigter erhält, gibt die Werksleitung nicht bekannt. „Da verhandeln wir bereits seit Monaten erfolglos mit dem Unternehmen“, so Zierer. Auch die Gewerkschaft sehe ein, dass Leiharbeit in einem gewissen Rahmen notwendig sei, um Flexibilität zu gewährleisten. Was aber BMW mache sei „vielleicht legal, aber auf keinen Fall fair.“

Neoliberale Ideologie

In dieselbe Kerbe schlägt auch Michael Hecker (IG Metall Jugend). Gerade junge Arbeitnehmer seien von Leiharbeit und Werkverträgen betroffen. Die Zukunft einer ganzen Generation werde neoliberaler Ideologie geopfert. Aktuell bieten die Arbeitgeber 3,5 Prozent mehr bei einer Laufzeit von 14 Monaten. „Das gleicht nicht einmal die Preissteigerungen aus“, kritisiert der Regensburger IG Metall-Vorsitzende Olaf Scholz. Dass die Arbeitgeber sich zur Forderung nach unbefristeter Übernahme und mehr Mitsprache bei der Leiharbeit noch nicht einmal geäußert hätten, sei eine Provokation. „Der Missbrauch der Leiharbeit muss aufhören“, so Scholz unter Beifall und Pfiffen der Anwesenden. Dies sei aber weniger auf juristischem Weg, sondern nur im Tarifkampf möglich, sagt dazu der Betriebsratsvorsitzende Zierer. Tatsächlich bietet das privatwirtschaftlich finanzierte ZAAR-Institut der LMU München Beratungen für Arbeitgeber an, um Vereinbarungen zu Leiharbeit mit legalen Mitteln zu umgehen.

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Kommentare (13)

  • Gondrino

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    Ich hoffe, dass die Gewerkschaften gerade bei der Leiharbeit nicht einknicken. Sie haben sich in den letzten 20 Jahren schon beständig abspeisen lassen und der Ausuferung der Leiharbeit tatenlos zugesehen.

    Bei der Leiharbeit wird Arbeitnehmern der ihnen zu stehende Lohn vorenthalten. Dadurch erwirtschaftet man satte Unternehmensgewinne, die den Großaktionären Millionen in die Privatschatullen spülen. Und die Vorstände kriegen davon auch noch einen erklecklichen Batzen ab.

    Die etablierten Parteien freut´s. Ist das doch die Quelle, aus der die üppigen Parteispenden sprudeln.

  • Hans-Adolf Herrmann

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    „Auch die Gewerkschaft sehe ein, daß Leiharbeit in einem gewissen Rahmen notwendig sei, um Flexibilität zu gewährleisten“.
    „‚Der Mißbrauch der Leiharbeit muß aufhören‘ so Scholz, der Regensburger IG-Metall-Vorsitzende“.
    Hier ist der mitgliederverarschende Spagat-Kurs der Gewerkschafts-„bonzen“ (meist durch irgendein Studium der manuellen Arbeitsleistungsfron rechtzeitig entsprungen) deutlichst zum Ausdruck gebracht worden.
    Seit wann gibt es hierzulande Zeitarbeit? Seit 1972.Wieso war vor 1972 „Flexibilität“ in Arbeitsverträgen nicht notwendig, danach aber schon? Hier schweigt die Gewerkschaftsbonzen-schaft vornehm. Wer hat damals regiert? Rot-Gelb! Kanzler: Herbert-Willi Frahm-Brandt („mehr Demokratie wagen!“)! Was haben die Bonzenschaften des DGB dagegen unternommen? Nichts, außer Reden halten: am „Tag der Arbeit“ hauen wir auf die Verbal-Pauke zum Gaudium der bierbänkelnden zahlenden Mitglieder, danach einkommensteigernde „Kontaktpflege“ mit Regierenden und Wirtschaftsführenden wie immer.
    Seit wann werden Sozialunterstützung erhaltende Arbeitslose durch „Eingliederungsvereinbarungen“ gezwungen(!) sich auch in Leiharbeitsverhältnisse vermitteln zu lassen? Seit der ersten Hälfte der 1990iger. Wer hat damals regiert? Rot-Grün! Kanzler: Gerhard Schröder, der „Mann aus kleinen Verhältnissen“ und deshalb großem Verständnis für die „Malocher“ („wir müssen die Arbeitskosten senken!“)! Was haben die Bonzenschaften des DGB dagegen unternommen? Nichts, außer nun mit „großer Eindringlichkeit“ Reden gegen die Prekarisierung des Arbeitsmarktes zu halten, danach … siehe oben.
    Mitgliederstarke Gewerkschaften sind notwendig, andere Gewerkschaftsbonzen ebenfalls: Zwang zur Leiharbeit, Zwang zu „1,– -Euro-Jobs“, 400,– Euro-Jobs (mit sinkender Entlohnungstendenz!), „Aufstocker-Arbeitsverhältnisse“, „dauerbefristete“ Arbeitsverträge und dgl. mehr sind nicht vom Himmel (aufgrund höherer Gewalt) gefallen, sondern wurden von gewählten Regierungen (besonders menschen-
    freundlicher Attitüde) geschaffen, da angeblich „alternativ-
    los“, und von augenzwinkernden bestversorgten Gewerkschaftsbonzen abgenickt.
    Wo ist da eigentlich der Unterschied zu den Verhältnissen der seinerzeitigen Deutschen Arbeitsfront oder des FDGB? Ach ja, es gibt keine Zwangsmitgliedschaft in den Einzelgewerkschaften des DGB und am „Tag der Arbeit“ muß nicht zwangsaufmarschiert werden.

  • MHH

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    @Hans-Adolf Herrmann: und was haben sie dagegen getan, dass es Leiharbeit gibt? Waren sie bei den Demonstrationen gegen Sozialabbau, gegen Leiharbeit und für Mindestlohn dabei, zu denen der DGB aufgerufen hatte?
    Diese etwas dümmliche Wetterei auf „Gewerkschaftsbosse“ (gegenüber denen zwar manche Kritik berechtigt sein mag, aber dann bitte mit Fakten und nicht mit Unterstellungen) versucht doch nur abzulenken von den Verursachern dieser Situation. Allein die gerne benutzte Bezeichnung „Gewerkschaftsboss“, gerne auch von Arbeitgebern in diffamierender Absicht eingesetzt, will etwas falsches sugerieren. Im Gegensatz zu Firmenbossen, die diktatorisch handeln können, werden „Gewerkschaftsbosse“ nämlich von den Mitgliedern nach Vereinsrecht gewählt.
    Wenn die gewählten Vertreter anders handeln, als die Mitgliedschaft und diese läßt sich das gefallen, an wem liegt das dann, wenn es so bleibt?
    Sie behaupten, Zeitarbeit gäbe es erst seit 1972 in Deutschland. Diese Behauptung ist absolut falsch. Saisonarbeit (nichts anderes ist Zeitarbeit ursprünglich) gibt es schon seit Beginn der Lohnarbeit.
    1967 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das Verbot privater Vermittlung von Zeitarbeit verfassungswidrig sei. Ab da gab es nun nicht nur (zum Teil durch das Arbeitsamt vermittelte) befristetet Arbeitsverhältnisse in Betrieben sondern zusätzlich private Zeitarbeitsfirmen, deren Unternehmenszwqeck die Vermittlung von „Zeitarbeitnehmern“ an Betriebe ist. Ich habe selbst bereits 1970 kurze Zeit bei einer Leiharbeitsfirma in Frankfurt („die Zeit“) gearbeitet (allerdings damals zu völlig anderen Bedingungen, als sie heute herrschen). 1972 wurde lediglich das (als Folge des Urteils des BVerfG) beginnende ausufern der Zeitarbeit mit dem AÜG begrenzt (z.B. max. Einsatzdauer 3 Monate).
    In der Kohl-Ära wurde dies Gesetz dann zum Nachteil geschützter Arbeitsverhältnisse aufgeweicht, 12 Monate wurden 1997 erlaubt mit erneuter Wiedereinstellung nach 3 Monaten Pause..
    2003 kam dann im Zeit-Rahmen der Agenda 2010 unter Schröder die völlige unbegrenzte Freigabe. Die riesigen Protestaktionen (z.B. in Stuttgart) scheinen an ihnen aber vorbei gegangen zu sein, denn sonst würden sie sich daran erinnern. Die einzige größere gesellschaftliche Kraft, die hier mit allen (erlaubten) Mitteln versuchte, dies zu verhindern waren nämlich (allerdings fast erfolglos) die Gewerkschaften. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern beschränkte sich in Deutschland das Murren der Bevölkerung nämlich großteils auf das Schimpfen vor der Glotze und am Stammtisch (da kriegt es aber kaum jemand mit).

    Der allgemeine Tenor war: na ja, so schlimm wird es schon nicht kommen…mich trifft es ja nicht…wer arbeiten will findet auch was…

    Also, nicht über die „falschen Schuldigen“ motzen, sondern selber auch aktiv mitgestalten! Dann wird es auch was, gemeinsam kriegen wir das hin!

  • Hans-Adolf Herrmann

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    @MHH, 11.05.2012, 22:29h
    Saisonarbeit war und ist keine Zeitarbeit.
    Saisonarbeit war und ist ein saisonal befristetes Arbeitsverhältnis mit einem Arbeitgeber ohne Vor-/Zwischenschaltung eines „Arbeitskraftentleihers“.
    Zeitarbeit, also von einem Entleihbetrieb (dem Arbeitgeber!) an andere (Produktions-)Betriebe „entliehene“ Arbeitskräfte, (der Arbeitsvertrag besteht zwischen Entleihbetrieb und entliehenem Zeitarbeiter, nicht mit dem Produktionsbetrieb, dort gibt es lediglich ein Direktionsrecht) wurde 1972 durch Gesetz aus einer vorherigen diffusen Grauzone herausgeholt und sozusagen legaldefiniert. Seitdem gibt es Leiharbeit im Rechtssinne.
    Noch unter der rot-gelben Regierung Helmut Schmidt („mir kommt kein Türke mehr über die Grenze“) dümpelte die Leiharbeit trotz steigender Arbeitslosigkeit (Arbeit „wanderte“ aus Europa und den U.S.A. in Hochtechnologieländer mit qualifizierter Arbeitnehmerschaft ab) wirtschaftlich marginal vor sich hin, da kein Arbeitsloser gezwungen wurde, dort sich zu verdingen. Erst durch die aus Geldnöten ausgelösten „Arbeitsmarktreformen“ der schwarz-gelben Kohl-Regierungen kam Wind in die Segel der Zeitarbeitsindustrie: Frau Ingrid Hofmann gründete, zum Beispiel, Mitte der 1980iger ihr Unternehmen mit entsprechendem Erfolg. Mit dem sattsam bekannten zunehmenden Druckszenarium der Kohlschen und insbesondere Schröderschen Regierungen (Herr Hartz und ein Journalist als Arbeitsminister) kam es endlich zum heutigen Zustand im Zeitarbeitsmarkt.
    Von den Gewerkschaftsbonzen war außer maisaisionalem Wortgeklingel nichts dagegen zu hören. Und Streik deswegen, wir sind doch nicht mehr zu Weimars Zeiten! Das ist auch verständlich: Zeitarbeitnehmerschaft ist in der Regel nicht organisiert und von daher kein zahlender Gewerkschaftskunde.
    Sie sollten im übrigen richtig zitieren. Ich habe die Gewerkschaftsspitzen nicht als „Bosse“ bezeichnet. Das sind sie nicht; sie sind Bonzen.
    Ein „Boss“ ist nach meinem Verständnis jemand, der durch Leitung etwas schafft (und sei es Ausbeutung). Demzufolge bezeichne ich Gewerkschaftsfunktionäre maximal bis zum Kreisverband als „Bosse“. Darüber beginnt das Reich der Bonzen, der Laberer, der Postenververwahrer usw. – wie halt überall in Großorganisationen.

  • erik

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    Es gibt auf der Welt Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute.

  • rosa

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    @erik:
    ja klar, die Reichen sind mal wieder die Bösen und die Armen die Guten…

    Gähn…

  • MHH

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    @Hans-Adolf Herrmann:
    Wo haben Sie denn den Blödsinn her, dass Saisonarbeit keine Zeitarbeit sei? Zeitarbeit ist, wie der Name schon sagt, eine Arbeit auf Zeit. Also befristete Arbeit, auch Saisonarbeit gehört dazu. Es ist jeweils ein Beginn und Ende (Datum- oder zweckbefristet) definiert.
    Leiharbeit, die sie meinen, ist eine spezielle Form von Zeitarbeit. Doch auch dies wurde in dem zitierten Urteil von 1967 durch das Bundesverfassungsgericht bereits legalisiert. Die „Grauzone“, wie sie die Situation bis 1972 titulieren, war eine Zeit mit ständig steigenden Auswüchsen (denn leider gilt: wo keine gesetzlichen Grenzen, ist der Einfallsreichtum der Profitgeier besonders groß). Das damalige Gesetz stoppte diese Auswüchse. Es war nach 1972 zunächst deutlich besser als vorher.
    Aus der Zeit vor 1972 kenne ich persönlich allein in Frankfurt 3 offiziell genehmigte Leiharbeitsfirmen, bei denen ich selbst gearbeitet habe. Von wegen „Grauzone“!

    Lediglich die zulässigen Grenzen der AN-Rechte bei diesen Firmen waren äußerst „grau“ und manche dieser Firmen beschäftigten „illegale Gastarbeiter“.

    Trotzdem waren all diese Verhältnisse harmlos gegenüber der heutigen Situation. Leiharbeit speziell, aber auch insgesamt Zeitarbeit, Teilzeitarbeit usw. (also sog. prekäre Arbeitsverhältnisse) waren damals die absolute Ausnahme. Heute sind diese Arbeitsverhältnisse schon nahezu das Normalarbeitsverhältnis.

    Nun das Wort Bonze wird je nach politischer Ausprägung mit unterschiedlicher Bedeutung verwandt. Insbesondere von Nationalsozialisten wird dieses Wort gerne gegen „linke“ Spitzenfunktionäre von Parteien und Gewerkschaften benutzt, um diese zu diffamieren. Dabei sind deren eigene „Führer“ die eigentlichen Arschkriecher der großen Firmenbosse (gewesen oder immer noch?).

    Nun möchte ich sie nicht in deren Ecke stellen, aber offensichtlich gehören sie zumindest zu den Menschen, die andere beschimpfen, weil diese zu wenig dafür tun, was sie gerne hätten. Dabei sind diese Menschen für diese Entwicklung gar nicht verantwortlich, sie konnten sie lediglich (aus bestimmten Gründen) nicht verhindern.

    Gewerkschaften sind natürlich eine Interessensgemeinschaft und vertreten zunächst insbesondere die Interessen seiner Mitglieder. Wäre ja noch schöner. Dazu ist es auch sinnvoll politische Einflussnahme (Lobbyarbeit) zu betreiben, um die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten.

    Diese Funktionäre deshalb als Bonzen zu bezeichnen, ist typisch braun. Natürlich gibt es auch da Fehlbesetzungen. Doch die sind bei aktiver Mitarbeit innerhalb der Organisation veränderbar.

    Trittbrettfahrer, die selbst ihre vier Buchstaben nicht hoch bringen, sich aber darüber beklagen, dass die Situation so ist, wie sie ist, sollten sich erst mal darüber klar werden, dass sie selbst es sind, die diese Situation erst ermöglichen.

    Wie soll z.B. eine Gewerkschaft bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen durchsetzen, wenn ihr das dafür erforderliche Durchsetzungsmittel, nämlich die umfangreiche Streikfähigkeit mangels Mitgliedern, in solchen Bereichen fehlt? Oder gehören sie auch zu diesen naiven Menschen, die glauben, bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen gäbe es bereits dann, wenn ein verantwortlicher Gewerkschaftler auf den Tisch haut?

    Die Gewerkschaften hatten an Leih- und Zeitarbeit kein Interesse und haben diese nicht geschaffen. Es war die Politik auf Grund der umfangreichen Lobbyarbeit der Wirtschaft. Bei den Protesten dagegen fehlten sie offenbar!

  • gondrino

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    @MHH: Also ihre Argumentation überzeugt mich nicht. In Zeiten, in denen die Unternehmen satte Gewinne eingefahren haben, waren die Lohnabschlüsse doch sehr gering. Deshalb ist Deutschland im OECD-Vergleich das Land mit den geringsten Nettolohnzuwächsen in den letzten Jahrzehnten. Politiker, Arbeitgebervertreter, Mainstream-Medien, aber auch Gewerkschaftsfunktionäre beteten den Arbeitnehmern die Mär vom nicht konkurrenzfähigen Standort Deutschland vor. Das hat nie gestimmt (siehe Exportüberschüsse). Ich wundere mich immer wieder, wie viel sich gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer gefallen lassen.

  • MHH

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    @gondrino: ihren Ausführungen stimme ich fast komplett zu. Allerdings fielen Gewerkschaftsfunktionäre nur vereinzelt auf die Argumentation des nicht konkurrenzfähigen Standortes Deutschland herein.
    Die Lohnerhöhungen waren in den letzten 2 Jahrzehnten in Deutschland deutlich zu gering.

    Hinzu kam die Agenda 2010, die diese blödsinnige Forderung „mehr Netto vom Brutto“ mit der Folge von Rentenkürzung, Zuzahlung bei Medikamenten, Praxisgebühr,Hartz-Gesetzen sowie Steuersenkungen für Unternehmen und Kapitalerträge brachte. Rot-Grün realisierte so bereits im Vorgriff Westerwelles Forderung nach mehr Netto für die Unternehmer. Die Leistung muss sich wieder lohnen war die Forderung und Deutschlands Wahlvolk sagte ja dazu. Sie machten, was sie angekündigt hatten und ernteten dann Empörung!

    Trotzdem waren diese Lohnerhöhungen ein Ergebnis der Machtverhältnisse. Erst jetzt wächst langsam wieder die Erkenntnis bei Arbeitnehmern, dass Lohnerhöhungen nicht vom Himmel fallen und schon gar nicht freiwillig ohne von Arbeitgebern gezahlt werden.

    Die Gewerkschaften waren in den letzten Jahrzehnten schlicht zu schwach, um sich gegen den Mainstream, die Medien und insbesondere die Arbeitgeber durchzusetzen. Sie waren die einsamen Rufer in der Wüste und wurden dafür gescholten.

    Es war schlicht das Ergebnis derjenigen, die sich den Gewerkschaftsbeitrag sparen, weil sie die Tariferhöhung auch so kriegen.
    Manche sagen zu solchem Verhalten „Trittbrettfahrer“ andere „Schmarotzer“.
    Fakt ist: „Unternehmensausgliederungen“, Ausstieg von Unternehmen aus dem Arbeitgeberverband (sog. Tarifflucht) , neue Unternehmen durch Strukturveränderungen (Callcenter, Neue Technologien), ca. 1Mio. Leih- und Zeitarbeitnehmer in Deutschland, relativ hohe Arbeitslosigkeit usw… all dies führte zu Lohndumping, Billiglöhnen u.ä.

    Ursachen in den neuen Bereichen: kaum Gewerkschaftsmitglieder in diesen Betrieben gepaart mit einem „Überangebot“ an Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt. Wenn da nicht durch kollektives Verhalten (quasi durch ein Arbeitnehmerkartell) dagegen gehalten werden kann nach dem Motto: Arbeit unter 10€ kommt nicht in Frage, dann gibt es solche Folgen. Die gesetzliche Mindestlohnkampagne kam von den Gewerkschaften, weil sie erkannten, dass sie in verschiedenen Branchen keinen vernünftigen Lohn durchsetzen konnten. Sie gaben mit dieser Forderung letzlich sogar einen Teil ihrer Tarifautonomie auf. Das war früher undenkbar.

    Also: ihre wirtschaftliche Analyse teile ich, aber die Ursachen liegen nicht bei ein paar Funktionären, die sich für dumm verkaufen ließen sondern bei der schlafenden Arbeitnehmermasse, die sich sowas gefallen ließ. Wer keine Zeit findet, um gegen die Agenda 2010 usw. auf die Straße zu gehen, darf sich nicht wundern, wenn er sich plötzlich auch das Sportstadion, das Konzert o.ä. auch nicht mehr leisten kann…

    Früher gab es ein paar große Industriebetriebe, die Druckereien, den öffentlichen Dienst, Post, Telekom und Bahn, die gut organisiert waren und die „Marktführerschaft“ bei den Tariflöhnen hatte. Da spielte es kaum eine Rolle, wenn der rest nicht organisiert war. Doch all diese Betriebe existieren nicht mehr als große Einheiten, sie wurden zersplittert und zergliedert.

    Entweder, die Menschen kapieren endlich, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nur dann eine Chance haben, wenn sie sich kollektiv zusammenschließen oder aber sie werden im Laufe der Jahre schließlich bei einem Lohnniveau Mexikos, Indiens oder China landen.

  • StuhloderSessel

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    @MHH
    Ich stimme all Ihren sehr klar vorgetragenen Aussagen zu. Ihr letzter Absatz gibt mir allerdings zu denken:

    „Entweder, die Menschen kapieren endlich, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nur dann eine Chance haben, wenn sie sich kollektiv zusammenschließen oder aber sie werden im Laufe der Jahre schließlich bei einem Lohnniveau Mexikos, Indiens oder China landen.“

    Die sozialen Auseinandersetzung und die Arbeitskämpfe sind in Mexiko (sehr stark) in Indien (stark) und China (am anschwellen) nicht zu vergleichen mit der Situation hier.

    Eben auf Grund schwacher Gewerkschaften in Dtl. und der daher schwachen Streik- und Arbeitskampfquote, sind die z.T. heftig kämpfenden KollegInnen in den z.B. von Ihnen genannten Ländern so chanchenlos.
    Die deutsche Exportquote funktioniert wegen der schwachen Gegenwehr von uns.
    Das deutsch-dominierte Europa und sein Fiskalpakt funktioniert wegen der marginalen Gegenwehr der abhängig Beschäftigten in Dtl.
    Und: die ArbeiterInnen in Dtl. fressen sich, so sie nicht kämpfen, auf dem Rücken der Menschen auf der ganzen Welt voll.
    Es müsste also klar gesagt werden: Wenn die Menschen in Dtl. sich nicht kollektiv, und damit gewerkschaftlich, zusammenschließen, dann werden die ArbeiterInnen in Mexiko, Indien und China keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben haben.
    Und die hier lebenden Menschen auch nicht, denn Ausbeutung ist nicht teilbar und jeder nicht ausgefochtene Arbeitskampf ist eine Entsolidarisierung mit den Kämpfenden überall.

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Gewerkschaftliche Organisierung ist das A und O.
    Kritik an der sozialdemokratischen Agenda 2010 und anderen Schweinereien ist notwendig.
    Den Nazis und ihrer alten Sozialdemagogie ist inhaltlich (wie Sie das hier sehr gut machen) und praktisch! entgegenzuwirken. Im Betrieb, in der Ortsversammlung und im Stadtteil.
    Und: Der Arbeiter, die Arbeiterin, hat kein Heimatland! (oder wie es kluge Leute sagen: Gegen das Konstrukt von Volk, Nation und Rasse – Für uns zählt nur Eines: Klasse gegen Klasse!)

  • MHH

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    @StuhloderSessel:
    Bei dem Vergleich mit Mexiko usw. ging es mir nicht um einen Vergleich mit der dortigen Gewerkschaftsbewegung sondern um die Lohnbedingungen. Die Bewegung dort ist (trotz aller Härte) allerdings auch noch keine (im Vergleich zur Einwohnerzahl dieser Länder) Massenbewegung von Arbeitnehmern und Arbeitslosen und eher vergleichbar mit der ArbeitnehmerInnenbewegung zu Beginn der Industrialisierung in Deutschland (auch die gegnerischen Methoden erinnern daran, insbesondere in einigen Süd-/Mittelamerikanischen Ländern geht es da heftig zu, da werden durchaus auch Gewerkschaftsfunktionäre ermordet).

    Ich stimme ihren Ausführungen absolut zu, auch dass die niedrigen Löhne in Deutschland Hungerlöhne in anderen Ländern zur Folge haben.

    Die zu klärende Frage ist nur: warum waren/sind in Deutschland die Gewerkschaften „so schwach“.
    In Deutschland sind keine Massenstreiks ohne die Zahlung von Streikgeld denkbar. Im größten Teil der Länder weltweit gibt es diese Streikgeldzahlungen nicht. Am „nicht leisten können“ kann es also nicht liegen.

    Es liegt aus meiner Sicht an der „wir machen das schon für Euch Zeit“, in der in Deutschland großteils ohne Streiks deutliche Lohnerhöhungen durchgesetzt werden konnten. Diese damalige Stärke (hoher Organisationsbereich in den Schlüsselbereichen, dadurch bedurfte es meist nur der Androhung von Streik für gute Lohnabschlüsse) ist die heutige Schwäche. Die ArbeitnehmerInnen sind aus dieser Schlafphase noch nicht erwacht, sie haben immer noch nicht gemerkt, dass diese Zeit vorbei ist und sie selbst wieder etwas tun müssen. Streikandrohung allein nützt nichts mehr. Streiks sind aber in vielen Bereichen mangels streikfähiger Mitglieder kaum durchführbar, schlechte Tarifabschlüsse deshalb Folge. Dies wiederum führt zu Schuldzuweisungen bei der Gewerkschaft in diesen Bereichen, die Folge noch weniger Mitglieder in diesen Bereichen….

    Auch die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren und Zeit dafür aufzubringen ist (wie auch in vielen anderen Bereichen) deutlich zurückgegangen. Ohne ehrenamtliche Gewerkschafter im Betrieb aber geht nichts vorwärts. Die wenigen hauptamtlichen Gewerkschafter sind daher überfordert die laufenden Aufgaben zu erfüllen, ein „Teufelskreis“….

    Daher findet aus meiner Sicht eine Umverteilung von unten nach oben statt. Die Lohnquote sinkt (übrigens auch in den USA) nicht „wegen denen da oben“! Es sei denn, es würde erkannt, dass „die da oben“ die ArbeitnehmerInnen selbst sind und die Funktionäre nur die Aufgabe und „Macht“ haben dies zu verdeutlichen! „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm das will“ lautet ein alter Kampfspruch und nicht, „…wenn ein Funktionär es will“!!!

  • erik

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    heute habe ich gelesen, das Wulffs Frau erst 38 Jahre alt sein soll. Für die beiden werden der Bürger/in noch lange und viel zahlen müssen, wenn man der Statistik glaubt, bestimmt noch ein halbes bis ein dreiviertel Jahrhundert! Ich finde es eine Frechheit und eine spätrömische Dekadenz, wie Politiker, ihr Gefolge und Hofstaat das Land ausnehmen! Ein Schlag ins Gesicht für jeden prekär Beschäftigten und Hartz4-Empfänger, der mit ein paar Euro nach Hause geschickt wird oder über Jahre gearbeitet hat und dann mit einem Taschengeld abgespeist wird.

  • erik

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    Arbeitslosigkeit gibt es nicht mehr, jeder verdient jetzt mehr als genug, Armut gibt es nur noch in Griechenland, in Deutschland kann jetzt jeder nach der Arbeit erst so richtig aufblühen. Selbst wer Sozialleistungen bezieht kann ein sorgenfreies Leben führen, kurzum jedem Deutschen und jeder Deutschen lacht bzw. hat die Sonne aus dem Arsch zu lachen. Das ist zumindest wie ich meine was die Politik und ihre Lakaien wie Arbeitsagentur, Öffenlich-Rechtliche Rundfunkanstalten, Verbände, Lobbyistengruppen usw. dem Bürger auf die Nase binden wollen, mit der Realität hat das nach meiner Meinung allerdings nichts zu tun, wenn man die rosa Brille abnimmt, erkennt man schnell Zustände wie in den anderen südlichen Euro-Staaten auch, nämlich prekäre Beschäftigung, Massenarbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, Armut, soziale Ausgrenzung usw.

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