BMW: Halber Lohn für gleiche Arbeit

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Für die Leiharbeiter bei BMW war es ein großer Wurf: Seit 2008 erhalten sie dasselbe Grundgehalt wie die festangestellt Beschäftigten. Das Unternehmen, die IG Metall und der Gesamtbetriebsrat einigten sich im Rahmen entsprechender Vereinbarungen darauf, dass für beide – in punkto Grundgehalt – derselbe Tarifvertrag gültig sei. Gleiche Arbeit, gleiches Gehalt. Anstelle von oft nur rund 6,50 Euro die Stunde standen damit mindestens 11,60 Euro. Für den Einzelnen bedeutete das bis zu 600 Euro mehr Brutto im Monat. Man habe die Notwendigkeit erkannt, die Gehaltslücke zwischen Stammpersonal und Zeitarbeitnehmern zu verkleinern, erklärte seinerzeit ein Unternehmenssprecher. Für einige aber besteht diese „Gehaltslücke“ nach wie vor. Sie fallen aus der Vereinbarung einfach heraus.

Lohndumping über Werkverträge?

Über sogenannte Werkverträge mit externen Firmen arbeiten bei BMW Beschäftigte am Fließband, die gerade einmal den für Zeitarbeit vorgeschriebenen Mindestlohn (7,79 Euro pro Stunde) erhalten. Festangestellte verdienen etwa das doppelte Grundgehalt und erhalten zusätzlich noch Schichtzuschläge. Ein Leiharbeiter im Regensburger Werk hat sich vor kurzem beim Betriebsrat über seine niedrige Entlohnung beschwert – offenbar als bislang Einziger – und damit eine Welle losgetreten. Mittlerweile ist das Ganze Thema beim Gesamtbetriebsrat in München angekommen.

Der Regensburger Betriebsratsvorsitzende Werner Zierer befürchtet gegenüber unserer Redaktion: „Wenn das größere Ausmaße annimmt, bekommen wir Lohndumping durch die Hintertür.“ Werkverträge sind kein Phänomen, das allein das BMW-Werk Regensburg, noch allein die BMW AG im Großen betrifft, sondern gängige Praxis in vielen Branchen.

BMW: „Keinen Einfluss auf Bezahlung“

Anstatt Beschäftigte selbst einzustellen – ob nun fest oder als Leiharbeiter – wird die entsprechende Arbeit komplett an eine andere Firma vergeben, von der diese Dienstleistung dann einkauft wird – meist zum Pauschalpreis. Für die Löhne der Beschäftigten ist dann dieses externe Unternehmen zuständig. Die Beschäftigten arbeiten zwar im BMW-Werk, aber eben nicht bei BMW und nicht zu BMW-Bedingungen. Entsprechend fällt die Stellungnahme der Regensburger Werksleitung aus, als wir sie mit der Beschwerde konfrontieren.

„Der Mann war bei einem externen Dienstleister und nicht bei der BMW AG beschäftigt. Insofern fällt er nicht unter die Betriebsvereinbarung“, so eine Unternehmenssprecherin. „Wir haben keinen Einfluss darauf, zu welchen Bedingungen diese Firma ihre Mitarbeiter beschäftigt.“ Werner Zierer sieht das anders: „Aus meiner Sicht wird hier die Betriebsvereinbarung klar unterlaufen.“ Wie viele Beschäftigte davon betroffen sind, sei bislang nicht klar, so Zierer. Es gebe aber bereits Schriftverkehr mit der Personalabteilung. „Dazu bekommen wir keine Informationen, wenn wir sie nicht offensiv einfordern. Wir sind da noch ganz am Anfang.“ Man sei erst durch die Beschwerde darauf aufmerksam geworden und habe daraufhin Kollegen in anderen Werken und den Gesamtbetriebsrat in München informiert.

Konzernweites Problem

In Regensburg, wo insgesamt rund 10.000 Menschen beschäftigt sind, wurden zumindest Teile der Qualitätskontrolle und Nachbearbeitung wurden Firmen via Werkvertrag vergeben wurden. Und hier sind wiederum Leiharbeiter beschäftigt, die anstelle des üblichen Grundgehalts teilweise nur den Zeitarbeitsmindestlohn erhalten. Das Problem bestehe nicht nur in Regensburg, sondern an allen BMW-Standorten, so Zierer. „Wir werden das auf keine Fall akzeptieren.“ Bei der Betriebsratszentrale in München ist am Freitag niemand zu erreichen. Eine Sprecherin bestätigt uns allerdings, dass es in den kommenden Wochen Gespräche mit Unternehmensvertretern geben werde. „Dort werden die Werkverträge auf jeden Fall ein Thema sein.“

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Kommentare (18)

  • peter sturm

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    was sagen denn da die engagierten juristen? vertragsfreiheit hin oder her. wer eine betriebsvereinbarung schließt und sie gleich wieder umgeht hat doch vertragswidrig(schurkisch) gehandelt. mißbräuchlicher rechtsgewinn klingt gut.

  • victor lustig

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    ja sowas! wir haben damit aber wirrrklich nixxx zu tun!

    wir betreiben hier zwar ein riesiges automobilwerk,
    aber wir können doch nun weißßß gotttt nicht wissen,
    was in unseren hallen so vor sich geht.

    unser name ist hase – wir wissen von nixxx, von überhaupt gaaar nixxxx.

  • Felix

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    Moment mal, der junge Mann kann von seinen geschätzten 900 netto vielleicht 200 sparen und kauft sich in 15-20 Jahren (Bewohner des östlichen Deutschland kennen das) einen eigenen BMW und ist ein gemachter Mann oder der Mann kauft sich Aktien von BMW – ist damit sein eigener Arbeitgeber – verzichtet auf einen Teil seines Lohns – macht damit als Arbeitgeber mehr Gewinn – die Aktie steigt und kauft sich dann vielleicht in 10 Jahren einen BMW oder er setzt den Hebel an und sucht sich die richtige Liebhaberin – dann kann er sich ganz viele BMWs kaufen – die Zukunft ist so und so golden.

  • M.U.

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    Unglaublich!
    Hier (der BMW-Betriebsrat) wird so getan, als ob das Thema Werkverträge eine neue Problematik sei bzw. es diese erst seit dem Abschluss der Vereinbarung (Bezahlung nach IGM-Tarif Grundentgelt) geben würde und der BMW-Betriebsrat bisher nichts davon wusste.
    Seit vielen, vielen Jahren gibt es bei BMW und anderen Automobilherstellern beschäftigte über Werkverträge. Sogenannte „Ingenieurdienstleister“, die überwiegend nicht Tarifgebunden sind und keine typischen Zeitarbeitsfirmen sind, haben ihre Ingenieure, Konstrukteure, Techniker, Projektleiter etc. bei BMW & Co. vor Ort sitzen. Sie sind in die dortigen Abläufe, so wie die Stammbelegschaft, eingebunden. Dies sind sogenannte „Scheinwerkverträge“. Und die dortigen Betriebsräte und die IGM wissen sehr wohl davon.
    Ich schätze mal, dass mindestens die Hälfte bis ca. zwei Drittel der Beschäftigten eines Ingenieurdienstleisters über Werkverträge bei BMW & Co. vor Ort beschäftigt sind. Diese Leute hocken teilweise seit sechs, sieben Jahren und mehr an ein und dem gleichen Arbeitsplatz, ohne Hoffnung auf Festanstellung, Übernahme, oder wie heist es auch so schön … „Klebeeffekt“.
    Das Gehalt eines Ingenieurs kann da schon mal bis zu 1.400 EUR unterhalb des IGM-Grundentgelts bei BMW liegen. Ein BMW-Ingenieur verdient dann zu dem IGM-Grundentgelt noch eine tarifliche Leistungszulage, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Prämien etc.

    Man muss aber auch dazu sagen, würden sich die Beschäftigten bei den Ingenieurdienstleistern organisieren, sprich der IGM beitreten, dann könnte man auch dort Druck ausüben und bei diesen Dienstleistern einen Tairfvertrag durchsetzen.

  • mkveits

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    Die Verantwortung von BMW ergibt sich aus deren Nachhaltigkeitskonzept und den nachfolgenden Grundsätzen.

    mkveits

    SZ, Druckausgabe, Seite 2: Außenansicht, vom 3. November 2011

    Der Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Juan Somavia, fordert u.a. die Ratifizierung der 8 Kernarbeitsnormen.

    Siehe dazu auch:
    Übereinkommen 100 – Gleichheit des Entgelts, 1951
    Übereinkommen 111 – Diskriminierung (Beschäftigung und Beruf), 1958

    Einzelheiten:
    http://www.ilo.org/public/german/region/eurpro/bonn/kernarbeitsnormen/index.htm

    Kein faires Geschäft
    http://www.fairness-stiftung.de/FSBlogEintrag.aspx?EID=122

  • Johannes Urban

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    Es ist ja so lächerlich, wie sich die Gewerkschaften gegenüber den Millionen von Leiharbeitern geben. Eine Frechheit.
    Dieses Zitat von Zierer enthält eine glatte Lüge und es zeigt auch seine Motivation zu handeln:
    „Es gebe aber bereits Schriftverkehr mit der Personalabteilung. „Dazu bekommen wir keine Informationen, wenn wir sie nicht offensiv einfordern. Wir sind da noch ganz am Anfang.“ Man sei erst durch die Beschwerde darauf aufmerksam geworden (…)“
    Erst durch die Beschwerde darauf aufmerksam geworden, das glaubt dir keiner. Schriftverkehr mit der Personalabteilung! Dass ich nicht lache!!

    Übrigens tragen auch die Medien Schuld, wie hier z.B. Regensburg-Digital, eben weil sie so berichten, als wäre die Aufdeckung von Werksverträgen etwas besonderes, weil eben kein Skandal draus gemacht wird, weil sich auf die Blabla-Ausreden der Presseabteilung und des Betriebsrats verlassen wird und sie fast unkommentiert hier ihren Blödsinn offerieren können.

  • Britt

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    Klar sind die Medien schuld. Aber v.a. die, die darüber ÜBERHAUPT NICHT berichten, sondern, wie Wochenblatt, Mittelbayerische etc. nur damit beschäftigt sind, Lobhudel-PRs zu offerieren. Plötzlich scheint der Betriebsrat ja was zu machen (was noch zu beweisen wäre); könnte sein, dass das daran liegt, dass überhauprt darüber berichtet wird.

  • Franken

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    Schein-Werkverträge zählen zu den illegalen Beschäftigungsformen, die der Zoll (Finanzkontrolle Schwarzarbeit) zu bekämpfen hat. Einzelheiten hierzu sind unter

    http://www.schwarzarbeit-und-illegale-beschaeftigung.de

    nachzulesen.
    Schöne Grüße aus dem heute sonnigen Franken.

  • Gerhard Weißnichtmehr

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    wie schon von den Vorschreibern richtig erkannt, wissen die Herren BR-Vorsitzende sehr wohl, dass auch in diesem Unternehmen (Schein-)Werksverträge, (Schein-) Dienstleistungsverträge und (Schein-) Leiarbeit im großen Stil betrieben wird. In München sogar auch noch mit Behinderten aus der Stiftung Pfennigparade.

    Die Frage zur Gewerkschaft – wo bleibt sie denn?

    Sie hat gar kein Interesse, denn wenn ich als Vertreter der IG-Metall im Aufsichtsrat sitze, odentliche Sitzungsgelder beziehe, werde ich doch nicht den Ast sägen auf dem ich sitze!!!!!

    Wo bleibt die Politik???

    Die hat auch kein Interessse, den die nächsten Wahlen stehen vor der Tür und es wartet der große Geld-(Spenden)segen.

    Vielleicht interessieren sich die Medien – wie Fernsehen – dafür.

  • StuhloderSessel

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    @gerhard

    Die Aufsichtsratstantiemen der IG-Metall Mitglieder mit Aufsichtsratsmandat werden natürlich zu 100 % abgeführt. Die Gelder gehen an die Hans-Böckler-Stiftung.
    Aufsichtsratsmitglieder die über die IG-Metall-Liste an ihr Mandat gekommen sind und die Tantiemen nicht abführen, werden von der IG-Metall bei den zuständigen Landgerichten verklagt.

  • StuhloderSessel

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    Ach ja,
    in der jährlich erscheinenden Sonderbeilage „Tantiemen“ der IG-Metall Mitgliederzeitung kann sich jede/r selbst davon überzeugen, wer die Gelder satzungsgemäß abgeführt hat.

  • Anonymous

    |

    […] nix mehr… ich hoffe Du glaubst nicht wirklich daran, wenn ja, lies die aktuellen Schlagzeilen Klick u. Klick Leider ist das Tagesordnung, Lohndumping ist sehr wohl ein Thema u. man hat schon die […]

  • „Das Gesicht der Leiharbeit“ | Regensburg Digital

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    […] allein im Regensburger Werk. Genaue Zahlen hat auch der Betriebsrat nicht: Wie viele Leiharbeiter etwa über Werkverträge am Fließband stehen und etwa die Hälfte dessen verdienen, was ein „normaler“ BMW-Beschäftigter erhält, gibt die […]

  • Konfliktfeld: Lohndumping per Werkvertrag | Regensburg Digital

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    […] Wie vergangenen Oktober berichtet, wird dort der eigentlich vereinbarte gleiche Grundlohn für Leiharbeiter und Festangestellte dadurch umgangen, indem man die Arbeit per Werkvertrag an eine Fremdfirma vergibt, die wiederum selbst Leiharbeiter beschäftigt, die am Ende nur rund die Hälfte des Grundlohns erhalten. Sie arbeiten unter anderem in der Qualitätssicherung und der Nachbearbeitung. […]

  • „Lohndumping per Werkvertrag“: Kein Thema bei Tarifverhandlungen | Regensburg Digital

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    […] In Regensburg, wo insgesamt rund 10.000 Menschen beschäftigt sind, wurden 2011 zumindest Teile der Qualitätskontrolle und Nachbearbeitung an externe Firmen via Werkvertrag vergeben. Und hier sind wiederum Leiharbeiter beschäftigt, die anstelle des üblichen Grundgehalts teilweise nur den Zeitarbeitsmindestlohn erhalten (Unser Bericht vom Oktober 2011). […]

  • „Dazu sagen wir nichts. Tut uns leid.“ | Regensburg Digital

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    […] gar nicht so, sagt Wendt und widerspricht damit einem ehemaligen Beschäftigten, über dessen Fall Regensburg Digital und zahlreiche andere Medien berichtet hatten. Es seien nur fehlerhafte Teile eines Zulieferers auf […]

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