Archiv für 31. Oktober 2011

„Ich wollt doch nur mal das Gewehr halten.“ Vor elf Jahren stahl ein kahlköpfiger Mann mit Hornbrille, Unterhemd und abgeschnittener Jeans einem pompös kostümierten Trupp von schwedischen Soldaten, der über den Haidplatz zog, die Schau. Er wollte was und ließ sich davon nicht abbringen.

Warum die Schweden damals nach Regensburg kamen, weiß eigentlich kaum noch einer, aber dass der Punker-Mike einem der Soldaten einen Arschtritt verpasst hat, weil er doch nur mal kurz das Gewehr halten wollte und der ihn nicht ließ, schaffte es bis in die Tageszeitung.

Gekannt hat ihn vorher schon jeder, der mit offenen Augen durch Regensburg gegangen ist. Oder wenigstens mit offenen Ohren. Nicht unter seinem bürgerlichen Namen – Michael Hinz. Das war der Punker-Mike.

Wenn man Sex Pistols, Motörhead oder John Lennon vom Haidplatz gehört hat und eine laute, heisere Stimme, die auf die Qualität dieser Musik hingewiesen, mitgesungen oder auch mal nur gepöbelt hat, dann wusste man: Der Mike ist da, mit dem Ghettoblaster und einigen von seinen viele Kassetten.

Hart, aber manchmal herzlich. Laut, aber immer friedlich. Einige haben sich gefreut, wenn sie ihn getroffen und seine Musik gehört haben, andere haben einen weiten Bogen um ihn gemacht. Gekannt haben sie ihn alle.

In den 80ern hat Mike seinen Geburtsort im Bayerischen Wald verlassen und ist in Regensburg aufgeschlagen. Am Haidplatz, dort, wo sich die Punks, die Unangepassten, die Schnorrer und Aussteiger getroffen haben. Einer von den Haidplatz-Punks, die Eingang in den einen oder anderen Regensburger Bildband aus dieser Zeit gefunden und mit deren Vertreibung sich die Stadtoberen über Jahre beschäftigt haben.

Mike ist hier geblieben. In Regensburg und – abgesehen von den letzten Jahren – auch am Haidplatz. Und er ist das geworden, was man abgedroschen ein Original nennt, eine Ikone – wofür eigentlich? Für die Liebe zur Musik? Für Geradlinigkeit? Für ein anderes, ein unangepasstes Leben, dafür, sein Ding durchzuziehen vielleicht?

Die Geschichte von der Vertreibung der Schweden ist nur eine von vielen. Es ist eine von den lauten.

Dass es da auch den ruhigen, zurückhaltenden Mike gab, wussten alle, die ihn näher kannten. Alle, denen er mal ein Tape aufgenommen, denen er eine seiner Ton-Skulpturen geschenkt, die er mal zum Essen in seine Bude eingeladen hat oder die sich einfach mal länger mit ihm unterhalten haben.

Mitte Oktober, kurz vor seinem 51. Geburtstag, ist Michael Hinz gestorben. Über hundert Menschen haben am Montag bei einer Trauerfeier am Dreifaltigkeitsberg Abschied von ihm genommen: Familie, Freunde und Freundinnen, Künstler, Musiker, DJs… Die zwei Lieder am Ende hätten Mike sicher gefallen: „Hey, hey, my, my“ von Neill Young und „I did it my way“ von den Sex Pistols.

Servus, Mike! Das nächste Mal muss Regensburg die Schweden ohne Dich vertreiben.

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