„Viele schöne Worte“ – Steinmeier war da

Frank-Walter Steinmeier über die SPD: \„Je schlimmer die Lage ist, desto stärker muss man auf den Putz hauen“, ruft Frank-Walter Steinmeier – in Richtung CSU – ins knüllevolle Hahn-Zelt. Ein selten gesehener Sicherheits- und Polizeiaufwand bei der Dult ist es, der den Auftritt des Außenministers begleitet. Nicht von schlechten Eltern ist allerdings auch der Aufmarsch von Genossen aus Stadt und Landkreis, der sich zum Besuch des frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten einerseits und des SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Franz Mageth, andererseits eingestellt hat. Rote Tischdecken und SPD-Fähnchen prägen das vordere Drittel des Zelts, in das nur geladene Gäste aus den Ortsvereinen vorgelassen werden. Viele haben bereits zwei Stunden vor Eintreffen der landes- und bundespolitischen Parteiprominenz ihre reservierten Plätze eingenommen. Die Regensburger Kandidaten für Land- und Bezirkstag geben im Vorprogramm ihre Statements ab. Dazwischen ein wenig Blasmusik von der Bayernkapelle Toni Schmid. Auf der Bühne heizt Moderator Matthias Walk im Stil eines mallorquinischen All-Inklusive-Animateurs so enthusiastisch die Stimmung an, dass er Steinmeier, als dieser etwas verspätet eintrifft, als „Franz-Walter“ begrüßt. Umjubelt und händeschüttelnd ziehen Frank-Walter und Franz Mageth ins Bierzelt ein. Im Schlepptau den 3. Regensburger Bürgermeister Joachim Wolbergs, der heute auf eine Krawatte verzichtet hat. In Regensburger Medien ist Wollis Kleidungsstil durchaus des öfteren ein Thema. \Drei Maß warten für die Promis und den Bürgermeister auf der Bühne. Im Lauf von Mageths und Steinmeiers Rede muss die Bedienung drei Mal nachlegen. Angemessen für eine zünftige Polit-Bierzelt-Gaudi, bei der Mageth und Steinmeier Balsam auf die gepeinigten Regensburger Sozi-Seelen schmieren. „Ein Härtetest für Dich“, beginnt Mageth seine Rede in Richtung Steinmeier. „Wer das (eine Bierzeltrede, Anm. d. Red.) schafft, wird auch Bundeskanzler.“ Tänzelnd betätigt sich Mageth als Anheizer. „Gott schütze Bayern“, ruft er ins Zelt und verheißt den Regensburger Genossen, dass Joachim Wolbergs „in fünf Jahren Oberbürgermeister sein“ werde. Der, Wolbergs, steht etwas deplaziert auf der Bühne neben dem wartenden Steinmeier. „Was will der Wolli da? Wo ist die Margit?“, mosert ein Genosse im Publikum. „Die Margit“ (Wild), Regensburger Spitzenkandidatin für den Landtag, erscheint nur als Randfigur, am Ende der Veranstaltung. Das kümmert Mageth weniger. Er übt sich in Bierzelt-Rhetorik. Es hagelt Attacken gegen die CSU („Die haben Bayern nicht erfunden.“). Unter dem Applaus des vorderen Zeltdrittels benennt er die Ziele Mindestlohn, keine Studiengebühren, Ausstieg aus der Kernenergie, kostenfreie Kinderbetreuung und verweist auf die lange Geschichte der SPD, die sich immer für Freiheit und Gerechtigkeit, unter anderem für das Wahlrecht von Frauen, eingesetzt habe. Franz Mageth über die CSU: \Mageth: „Wir sind die einzige Partei, die noch nie in ihrer Geschichte den Namen ändern musste.“ Gegen Ende seiner kurzen Einpeitscher-Rede schießt er noch einmal auf die CSU („eine zutiefst unsoziale und unchristliche Partei“). Applaus brandet auf. Als aber die Genossen an den vorderen Tischen aufspringen, um ihre Begeisterung kund zu tun, hat der Rest des Zeltes schon zu klatschen aufgehört. Dann kommt Steinmeier ans Mikro. Er schmiert den Regensburgern Honig ums Maul. „Bei der Wahl zum Oberbürgermeister habt ihr gezeigt, dass die Zeit der CSU vorbei ist.“ Er verweist auf Augsburg und Nürnberg, prophezeit, dass auch in Regensburg bald Sozialdemokraten die Geschicke übernehmen werden. Foto: StaudingerIm Moment hängen die Sozis – nach dem schlechtesten Wahlergebnis seit dem II. Weltkrieg – in der Oberpfalzmetropole noch am Rockzipfel der CSU. Immerhin stellt man aber den 3. Bürgermeister. Doch das ist am Freitag nicht das Thema. Die Regensburger Genossen wollen auf die letzten beiden Wochen des Landtagswahlkampfs eingestimmt werden. Das schafft Steinmeier, mit lauter Stimme, hochgekrempelten Hemdsärmeln, rosigen Zukunftsaussichten und einfachsten rhetorischen Mitteln: „2008 ist ein Wendejahr für die CSU.“ Erwin Huber und Günther Beckstein – „über die hätte Franz-Josef Strauß nicht viel Gutes zu sagen“, donnert er. „Edmund Stoiber wird zuhause in die Tischkante beißen und rufen: ,Lasst mich wieder ran.’“ Gregor Gysi und Oskar Lafontaine – „Leute, die kneifen, wenn sie in der Verantwortung stehen.“ Deutlicher Applaus. Erste „Bravo“-Rufe. Jubel auf den vorderen Rängen ... Foto: StaudingerMittlerweile hat es zu schütten angefangen. Von draußen drängen Menschen gegen den anfänglichen Widerstand der Sicherheitsleute ins Bierzelt. Doch auch gegen den steigenden Geräuschpegel kommt Steinmeiers – stark an seinen Mentor Gerhard Schröder erinnernde Stimme – an. Die schlimmste Gefahr sei der Populismus, „das Markenzeichen der Hilflosen in der Politik“. Dagegen stehe die SPD – „seriös“, „mit harter Arbeit und Aufrichtigkeit“. Den „Sieg“ gegen die Arbeitslosigkeit, ja Vollbeschäftigung habe man sich nach den Erfolgen seit ... und auf den billigen Plätzen. Foto: Aigner1998 nun als Ziel gesetzt, bekundet der bekennde Anhänger der Agenda 2010 und von Hartz IV. Applaus. Bravo-Rufe. Dann kommt der gefühlige Teil. Steinmeier spricht von seiner einfachen Herkunft, vom sozialen Zusammenhalt, Chancengleichheit, der Hilfe der Starken für die Schwachen, davon, dass alle Menschen ihren Platz haben müssen. Parteiübergreifende Standards einer Wahlkampfrede. Er beschwört die „sozialdemokratischen Idee, die viele haben – auch ohne Parteibuch“. Aber, so darf man vermuten, auch Menschen in der SPD. Steinmeiers Fazit: „Ich bin es leid. Die SPD ist kein altes Möbelstück. Man braucht uns. Geht von Haus zu Haus. Werbt um jede Stimme.“ Standing Ovations für so viele schöne, wohlklingende Worte. Auch Joachim Wolbergs erhält noch Ausläufer dieses Beifalls, als er davon erzählt, dass er sich, trotz behüteter Kindheit, immer für Menschen einsetze, die „nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“. Das klang schon beim Kommunalwahlkampf gut. Das passt auch heute. Geschafft! Jetzt werden Hymnen intoniert. Foto: StaudingerBayernhymne und Deutschlandlied folgen als üblicher Ritus. Mageth intoniert inbrünstig, die rechte Hand an der Leber. Steinmeier steht daneben, grinst zufrieden. Dann verlässt er die Bühne, um in abgweschirmter Atmosphäre Parteibücher zu signieren und für Pressefotos zu posieren. Schließlich wird der Kanzlerkandidat unter demonstrativer Polizeibegleitung aus dem Zelt geführt. Vorne schließt Moderator Walk sichtlich begeistert die SPD-Party: „Wir haben viele gute Reden gehört. Viele schöne Worte.“ Frank-Walter Steinmeier hat gehörig auf den Putz gehauen. Während vereinzelte Journalisten an den Presse-Biertischen noch letzte Sätze in die Laptops hacken, startet die Band Jailhouse den Bierzeltabend mit einem Udo-Jürgens-Potpourri. Mehr Bilder gibt es hier.

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