150 Jahre BLLV: stark und unbequem

Pressemitteilung des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands 150 Jahre BLLV: stark und unbequem Präsident Wenzel: „Bildung ist ein ideologisches Minenfeld, doch die Zeit der Grabenkämpfe sollte vorbei sein“ / Nötig sind pragmatische Lösungen und neue Förderkultur München – Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), feiert ein stolzes Jubiläum: Der Verband wurde vor 150 Jahren im Alten Rathaus in Regensburg gegründet. 200 Lehrer aus ganz Bayern folgten dem Ruf des Landshuter Volksschullehrers Karl Heiß und kamen am 27.Dezember 1861 in den Historischen Reichssaal. Dort schlossen sie sich zum „Bayerischen Lehrerverein“ zusammen. „Seit dieser Zeit setzt sich der BLLV für die Bildung aller Kinder und Jugendlicher unabhängig von ihrem sozialem Status und ihrer Konfession ein“, erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel anlässlich der 150-Jahr-Feier am heutigen Freitag in Regensburg. In den 150 Jahren seiner Geschichte habe sich der BLLV als starke Lehrervertretung verstanden, die sich aktiv und unabhängig in die Schul- und Bildungspolitik einmischt. „Daran hat sich bis heute nichts geändert“, betonte Wenzel. Er steht seit fünf Jahren an der Spitze des Verbandes und wurde erst im Juni dieses Jahres eindrucksvoll in seinem Amt bestätigt. Heute ist der BLLV mit über 56.000 Mitgliedern der größte unabhängige Berufsverband von Pädagogen in Bayern. „Wir sind stark und unbequem“, sagte Wenzel. Der BLLV sei jedoch kampferprobt. „Wir wissen, dass Bildung ein ideologisches Minenfeld ist. Er appellierte an alle politischen Entscheidungsträger, Bildung pragmatisch zu diskutieren. Die gegenwärtigen Probleme seien zu dramatisch für Grabenkämpfe. „Was wir brauchen ist eine neue Förderkultur und die Bereitschaft, dafür viel Geld in die Hand zu nehmen.“ Damals wie heute gelte: „Bildung ist ein Menschenrecht.“ Unabhängig davon, ob es um die Bekenntnisschule oder die christliche Gemeinschaftsschule ging, um integrierte Schulformen oder um das dreigliedrige Schulsystem, um die Zweigliedrigkeit oder den Erhalt der Hauptschule – harte politische Konfrontationen prägen die Geschichte des BLLV bis in die Gegenwart. „Auch heute gibt es massive Anfeindungen, weil wir uns für eine Schulstruktur einsetzen, die schulartübergreifende Schulmodelle zulässt“, sagte Wenzel. Er habe Verständnis dafür, schließlich gehe es bei dem Thema Bildung um viel: um soziale Verteilungskämpfe, um Angst vor Statusverlust und um tief sitzende gesellschaftliche Abgrenzungsbedürfnisse. Wenzel appellierte an alle politischen Akteure, Bildung im Interesse aller Kinder und ihrer Zukunft pragmatisch zu diskutieren. „Wir müssen das gängige Lern- und Leistungsverständnis kritisch hinterfragen, wir müssen Antworten auf die Frage finden, wie wohnortnahe Schulen zu erhalten sind, wie Lernbedingungen auszusehen haben, wie optimale Förderung zu gewährleisten ist oder wie Kinder zum Lernen zu motivieren sind. Vor allem aber müssen wir erreichen, dass in Bildung mehr und effizienter investiert wird.“ Für die Erfüllung dieser Vision – einer Förderkultur an allen Schulen für alle Kinder – fehlten die Bedingungen. „Es mangelt an hilfreichen Angeboten in der Lehrerbildung und an Verständnis für die Etablierung eines anspruchsvollen Lern- und Leistungsbegriffs. Erst wenn diese Defizite behoben sind, können wir von intensiver und individueller Förderung sprechen.“ „Der BLLV hatte sich stets zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung bekannt und er tut dies noch heute. Ich bin sicher, die Gründungsväter würden die Entwicklung des Verbandes mit Wohlwollen betrachten“, sagte Wenzel. Sie waren damals davon überzeugt – und ich bin es heute genauso – dass Bildung eine Gesellschaft verbinden kann. Schule ist die einzige Einrichtung, in die alle Kinder gehen. Sie muss deshalb über das Wissen hinaus das soziale Miteinander stärken. Dazu gehören Fragen der Schulstruktur ebenso wie Fragen der Unterrichtsmethoden und der Inhalte.“ Eine zentrale Aufgabe der Schulen heute liege auch darin, bei Schülern die Bereitschaft für lebenslanges Lernen zu wecken: „Lebensumstände ändern sich immer schneller und immer grundlegender. Die Fähigkeit zu Lernen – und zwar als Individuum und in der Gruppe – wird zur Grundlage des individuellen und gesellschaftlichen Überlebens. Für Schule heißt das, dass Motivation und Lust zum Lernen grundgelegt werden müssen. Dazu gehört ein neuer Lernbegriff, der auf Verstehen und Handlungsorientierung zielt und nicht mehr schwerpunktmäßig auf totes und träges Faktenwissen.“ Es gelte darüber hinaus Demokratie zu sichern: „In den Schulen findet ein Miteinander von Kollegen, Lehrern und Eltern, der örtlichen Verantwortlichen in Kommunalpolitik und Vereinen statt. Es sollte von gegenseitigem Respekt und Wohlwollen geprägt sein, von Solidarität und Toleranz. Schule braucht dazu mehr eigene Verantwortungsspielräume, aber auch bessere Arbeitsbedingungen – vor allem Zeit.“ Lehrkräfte müssten nicht nur immer wieder ihre Fachkompetenzen erneuern, sondern stets auch ihre Rolle als Lehrer neu reflektieren. „Im Mittelpunkt muss die Zusammenarbeit von Kollegen, Beratungsteams und der Schulverwaltung stehen. Basis sind ausreichend zeitliche und finanzielle Ressourcen für Teamarbeit, Supervisoren und Fortbildungen.“ Für den BLLV bedeutet Bildung mehr als die reine Vermittlung von Wissen – sie war und ist ein Menschrecht und hat eine übergeordnete Bedeutung für eine Gesellschaft. Daran werden wir die Politik immer wieder erinnern.“

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