SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 13. November 2011

Andreas Altmann las bei Pustet aus seiner Altötting-Vernichtung: eine denkwürdige Veranstaltung. Foto: Wolfgang Schmidt
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Bei der Firma Pustet, die seit bald zweihundert Jahren Messbücher druckt, ist der Gottseibeiuns zu Gast. Er ist 62 Jahre alt, heißt Andreas Altmann und hat ein Buch geschrieben, das gerade mal vor einem Vierteljahr erschienen ist, von dem aber schon acht Auflagen gedruckt wurden und das auf diversen Bestsellerlisten herum klettert. Das Buch hat den schönen Titel: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“, und es handelt vom Gnadenort Altötting, davon, wie man dort in den 50er und 60er Jahren aufgewachsen ist: unter der Fuchtel prügelnder und misshandelnder Gottesmänner, und, im Fall Andreas Altmann: als „Punchingball“ eines gewalttätigen Vaters, der seine ganze Umgebung körperlich und seelisch in einer Tour züchtigte.

Ein 250seitiger Fluch von biblischer Wucht

Freilich nur seine nähere Umgebung, seine eigene Familie. In der Öffentlichkeit war Franz-Xaver Altmann der ehrengeachtete, gottesfürchtige Rosenkranzkönig, sprich: Devotionalienhändler, vor dem die ganze Stadt den Hut zog. Nun, lange Jahre nach seinem Tod, hat sich sein jüngster Sohn ein Herz gefasst bzw. macht aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr, sondern schickt dem Vater einen 250seitigen Fluch hinterher, der sich gewaschen hat. Ein Fluch von biblischer Wucht, der Prophet Jeremias mit seinen donnernden Gerichtsreden sieht alt aus gegen diese wortgewaltige, unerbittliche Suada. Der Vergleich mit Jeremias fällt auch deswegen eindeutig zugunsten von Andreas Altmann aus, weil sich bei ihm kein einziger Satz findet, der eine Klage wäre, eine Jeremiade. Nein, Altmann watscht nur ab. Da schlägt einer, der in seiner Kindheit und Jugend unzählige physische und psychische Ohrfeigen einstecken hat müssen, mit den Waffen des Geistes zurück. Und gewinnt. Selbst so eine staatstragende Zeitung wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kommt nicht umhin, ihm zu attestieren: „Etwas besseres lässt sich aus einer Scheißkindheit kaum machen.“ Das ganze Buch ist in erster Linie an den toten Vater adressiert, dabei ist es, trotz des Desasters, das verhandelt wird, hoffnungsvoller als Kafkas „Brief an den Vater“. Denn Andreas Altmann hat seinen Vater besiegt. Mitangeklagt aber ist die Stadt Altötting, „dieses Provinzloch mitten in Bayern, seit Jahrhunderten eisern in römisch-katholischer Hand“, diese „Brutstätte hechelnder Bigotterie, dieses weltberühmte Wallfahrtsziel, an dem sie seit Urzeiten den pilgernden Schafsherden Wunderlügen, Weihwasser, die ‚Allerheiligste Madonna im Schneegestöber’ und als uneinholbaren Verkaufsschlager den ‚Gekreuzigten’ – ein Gefolterter als Markenzeichen passt unschlagbar zur alleinseligmachenden Kirche – verscherbeln“.

Genese zum Scheusal dank Krieg und Altötting

Dieser Franz-Xaver Altmann kam natürlich nicht als Bestie auf die Welt. Andreas Altmann macht sich durchaus die Mühe, die Genese dieses Scheusals von einem Vater nachzuvollziehen. Er stößt auf zwei nachvollziehbare Hauptursachen: der Krieg und – Altötting. Denn: „In dieser Stadt voller Pfaffen und von Pfaffen geducktem Volk zum ‚Rosenkranzkönig’ aufzusteigen, sprich, jeden Tag die Schafshirten und ihre Schafe mit dem Gebetsmühlenschrott zu versorgen. der keinem anderen Zweck diente, als dass die Schafe auf immer Schafe blieben: das war kein Schicksal, auch kein bedauerliches, das war eine in den Himmel schreiende Jämmerlichkeit“. Dieser Mann sitzt nun also in der Buchhandlung Pustet in der Gesandtenstraße, und die einzigen anwesenden Schafe sind Schaufensterrequisiten aus Pappe. Es bleibt halt doch nicht alles ewig beim gleichen, Herr Bischof! Auch am Grunde der Donau wandern die Steine, es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt! Dabei ist es gerade mal fünf Jahre her, dass ein Regensburger Prälat bei Pustet vorstellig wurde mit der Bitte, ein Regensburg-Buch mit einem missliebigen Aufsatz aus dem Regal zu nehmen, weil darin die Judenvertreibung von 1519 und die dabei maßgebliche Rolle der Kirche abgehandelt wurde. Das Ansinnen wurde abschlägig beschieden, aber allein, dass der Prälat auf die Idee kam, sagt schon einiges. Was jahrhundertelang selbstverständlich war, ist es nun doch nicht mehr.

Kapuziner-Orgie mit Flasche im Arsch

Die Altmann-Lesung ist ausverkauft, man sitzt dicht gedrängt, und die Stimmung ist gut. Die Leute trauen sich lachen, dem Autor gefällt das, und es gibt ja auch immer wieder was zu lachen in seinem Buch, trotz des ganzen Irrsinns oder gerade deswegen. Etwa bei der (vom herbeigerufenen Arzt beglaubigten) missglückten Orgie bei den ehrwürdigen Altöttinger Kapuzinern, die mit dem abgebrochenen Flaschenhals im Arsch eines Beteiligten endet, und nach der Altmann es sich nicht versagen kann, Papst Wojtyla zu zitieren, der den Altöttingern bei seinem Besuch 1980 zurief: „Der Allmächtige hat Großes in jedem von euch getan!“ Aber das meiste, was Altmann vorliest, ist naturgemäß gar nicht zum lachen. Etwa die letzte Seite, mit der er auch schließt, wo er von einer alten Frau erzählt, die er bei einer seiner Reportagereisen in einem Dorf im hintersten Russland trifft und die ihm von ihrem Mann erzählt. Der den Krieg als Soldat überlebte, heimkam und den Rest seines Lebens vertrank. Er sei „am Krieg gestorben“, sagte seine Frau, und genau das ist auch die Diagnose, die Altmann seinem toten Vater stellt: Irreparable Verwahrlosung und Verrohung durch den Krieg. Da ist es sehr still beim Pustet. Bevor es langanhaltenden Applaus gibt. Und dann, in der Diskussion: Gegendarstellungen, Kritik? Es stellen sich drei gleichaltrige Herren als Schulkameraden von damals vor. Der eine hat „das Buch fast auswendig gelernt“ und hat dementsprechend offensichtlich keinerlei Einwände. Der andere findet es „wirklich schade, wenn jemand sowas erleben muss“, und hält dagegen, dass er selbst zur gleichen Zeit am gleichen Ort ein „Riesenglück“ gehabt habe, da er es mit „liebevollen Eltern“ sowie ausschließlich „wunderbaren und verständnisvollen Priestern“ zu tun gehabt habe. Er habe „keine Schäden von der Religion davongetragen“ und sei deshalb auch Religionslehrer geworden. – Auch ein vielsagender Kommentar: Man hat schon ein „Riesenglück“ gebraucht, damit man im Gnadenort von den Liebe predigenden Gottesmännern weder geschlagen noch vergewaltigt wurde. Weiters gibt der Religionslehrer zu Protokoll, vom Martyrium seines Schulkameraden habe er nichts mitbekommen. Was Altmann, wenig souverän, zu der Analogie verleitet, auch die Leute, die in Dachau zweihundert Meter vom KZ entfernt wohnten, hätten sich 1945 erstaunt gezeigt, welche Gräuel sich in ihrer unmittelbaren Nähe abgespielt hätten.

Aus dem Religionsunterricht gezerrt und vergewaltigt

Der Vergleich ist natürlich Unsinn. Weil Altmann in seinem Buch ja selbst ein schönes Beispiel dafür erzählt, dass die Untaten tatsächlich oft verborgen blieben: Da greift sich ein Religionslehrer mitten im Unterricht in der dritten Volksschulklasse ein Mädchen, schleppt es nach draußen und vergewaltigt es. Was tut das achtjährige Mädchen? Es schämt sich in Grund und Boden und kehrt mit gesenktem Kopf ins Klassenzimmer zurück. Ihre Mitschülerinnen haben nichts mitgekriegt. Josef Strohammer hieß der (längst selig im Herrn verschiedene) Gottesdiener. Das ist das Gute an Altmanns Buch: Die Herren werden alle beim Namen genannt, teilweise sogar mit ihren Lebensdaten. Wenn es nicht die Wahrheit wäre, was hier berichtet wird, die noch lebenden Angehörigen der Genannten wären längst schreiend vor Gericht gezogen. Aber nichts dergleichen passiert. Die heilige katholische Kirche will dieses Buch aussitzen. Sie hat darin jahrhundertelange Übung. Dennoch, es wird ihr nicht gelingen. Eine Bombe kann man nicht aussitzen. Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Piper Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro

Gedenkpolitik zwischen Missbrauch und Ignoranz

Die Debatte im Kulturausschuss am Donnerstag – anlässlich der umstrittenen Bodenplatte vor dem Colosseum – war Trauerspiel und Exempel zugleich. Trauerspiel, weil eine seit Jahrzehnten anstehende gedenkpolitische Sachentscheidung zu dem ehemaligen KZ-Außenlager erneut in der Mühle der Großen Koalition zermalmt wurde. Exempel war die Debatte für die Gedenkpolitik eines Kulturreferats, das mit Manipulationen und Irrlichtern arbeitet.

Polizei sucht Handy – und findet Pullover

Es liest sich wie eine Szene aus dem Monty Python-Klassiker „Life of Brian“. Am Sonntag vermeldet die Polizeiinspektion Regensburg Süd in ihrem Pressebericht eine Schlägerei vor einer Diskothek im Stadtosten. Darin ist von einem einem „heißblütigen 19jährigen Südländer“ die Rede, der bei einer Prügelei zwei andere Männer verletzt haben soll. Das ist – zumal am […]

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