Gedenkpolitik zwischen Missbrauch und Ignoranz

Klemens Unger und sein Chef Hans Schaidinger: Die Fehltritte des Kulturreferenten bleiben konsequent ohne Konsequenzen.

Die Debatte im Kulturausschuss am Donnerstag – anlässlich der umstrittenen Bodenplatte vor dem Colosseum – war Trauerspiel und Exempel zugleich. Trauerspiel, weil eine seit Jahrzehnten anstehende gedenkpolitische Sachentscheidung zu dem ehemaligen KZ-Außenlager erneut in der Mühle der Großen Koalition zermalmt wurde. Exempel war die Debatte für die Gedenkpolitik eines Kulturreferats, das mit Manipulationen und Irrlichtern arbeitet. Er wolle „unberechtigte Emotionen“ aus der Debatte fernhalten, so Kulturreferent Klemens Unger am Donnerstag. Das Vorgehen seines Referats verteidigte er anschließend mit einer umso emotionaleren Rede. Gegen eine Kritik, die so nicht geäußert wurde. Er sei „heftigst, heftigst kritisiert worden“, so Unger, weil in der Inschrift der Bodenplatte auf eine Zahl der Todesopfer im KZ-Außenlager verzichtet wurde. Dabei habe man bewusst auf eine Zahl verzichtet.

Umstritten: Die Bodenplatte vorm Colosseum.

Tatsächlich ist ein Hauptkritikpunkt nicht das Fehlen einer Zahl. Der Inschriftentext wird vor allem als verharmlosend angesehen, weil er das Vernichtungspotential des KZ-Außenlagers Colosseum totschweigt, die Tatsache, dass es dort Todesopfer gab. Stattdessen wird ein untergeordneter Gesichtspunkt, der Appellplatz vor dem Gebäude, thematisiert. Unabhängig davon: Zahlen gibt es durchaus.

Missbrauch von Historikern und ihrer Arbeit

Unger berief sich in seiner Argumentation auf Helmut Halter, den Autor des Standardwerks „Stadt unterm Hakenkreuz. Kommunalpolitik in Regensburg während der NS-Zeit“ (hrsg. vom Archiv der Stadt Regensburg, 1994). Nach Halter, so Unger, gebe es „keine verbindliche Zahl“ der Todesopfer. Wer allerdings Halters Arbeit kennt, weiß, dass darin sehr wohl eine exakte Zahl zum Colosseum genannt wird: „70 Mann des Außenkommandos seien in den genau fünf Wochen seines Bestehens gestorben“, heißt es dort auf Seite 378. Halter beruft sich auf die Schätzungen eines Überlebenden des Außenlagers, auf Tadesz W., der im September 1946 von amerikanischen Ermittlern befragt wurde.

65 Namen finden sich auf dem Transparent, mit dem verschiedene Gruppen alljährlich der Opfer des Colosseum gedenken. Die Stadtspitze ignoriert diese Veranstaltung seit Jahrzehnten. Foto: Archiv

Wie kann es sein, dass der Kulturreferent eine wissenschaftliche Arbeit falsch zitiert und sich damit indirekt auch über das Zeugnis eines Überlebenden stellt? Was hindert die Verwaltung daran, von Toten und der Zahl der Opfer zu sprechen? Das würde man gerne wissen, zumal diese Fragen am Donnerstag unbeantwortet blieben. Die Ausschussmitglieder äußerten sich weder positiv noch negativ zu Ungers Erklärungen. Sie ignorierten ihn.

„Warum hat man mich denn nicht gefragt?“

Dr. Helmut Halter reagiert auf Ungers Aussagen verwundert und verärgert. „Mindestens zehn Jahre es her, seit mich aus Regensburg jemand auf meine Arbeit angesprochen hat“, sagt er unserer Redaktion. Die von ihm genannte Zahl von 70 Toten beruhten auf realistischen Angaben eines Überlebenden. Die einschlägigen Dokumente seien, falls je vorhanden, nur unvollständig überliefert. Die Größenordnung der zu beklagenden Opfer sei mit der Zahl 70 sehr wohl anzugeben, so Halter. Für einen Inschriftentext lasse sich allemal eine historisch korrekte Angabe finden.

Unger kennt alle Wissenschaftler

Doch Unger zitiert nicht nur Halter falsch. Eine Zahl könne man auch deshalb nicht nennen, weil alle, „die sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigen, sagen, man kann keine Zahl nennen“, erklärte er am Donnerstag. Der Kulturreferent kennt demnach also alle Arbeiten und alle Wissenschaftler. Und alle stützen sie seine Behauptung. Einen Beleg für dieses Ablenkungsmanöver bleibt Unger schuldig. Wer die Gedenkpolitik des Regensburger Kulturreferenten aufmerksam verfolgt hat, dem dürfte dieses Muster bekannt vorkommen: Gibt es doch noch eine weitere umstrittene Inschrift in Stadtamhof und zwar in Stein gemeißelt am denkmalgeschützten Pylonentor. Seit dem 23. April 2009 steht dort:

„1809 SCHRECKENSTAGE DURCH NAPOLEON IM GEDENKEN AN DIE OPFER 2009“

Anderes Thema, selbes Spiel: die Napoleon-Inschrift in Stadtamhof. Foto: Archiv

Dieser Text wurde unter Ungers Federführung anlässlich des 200. Jahrestags der Zerstörung von Stadtamhof durch die Österreicher im Österreichisch-Französischen-Krieg in Stein gemeißelt. Die Inschrift ist historisch schlicht falsch und drückt – verwendet man die Worte des Historikers Marcus Junkelmann – „manischen Franzosenhass“ aus. Generalkonservator Egon Greipl ergänzte damals, dass der Text der Geschichte nicht gerecht werde und für ein nationales, antifranzösisches Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts stehe.

Unger kennt keinen Wissenschaftler

Als überregionale Kritik an der Inschrift laut wurde, ergriff Unger die Flucht nach vorn: Erst dann, wenn ein seriöser Wissenschaftler käme und sagen würde, die Inschrift sei grundfalsch, wäre er bereit darüber nachzudenken, so der Kulturreferent in einem Radiobeitrag auf Bayern 2. Was Unger dabei wohlweislich unterschlug, waren mehrere Fachhistoriker, die längst unmissverständlich und öffentlich festgestellt hatten, dass die Inschrift grundfalsch sei. So hatte sich – neben Greipl und Junkelmann – z.B. der Historische Verein Regensburg und Oberpfalz für eine Überarbeitung eingesetzt. Das ganze Jahr 2010 war die Rede von einem wissenschaftlichen Symposion, das die Stadt deshalb veranstalten werde. Doch die Angelegenheit verlief im Sande.

Der von Unger verantwortete Unfug verunziert nach wie vor das denkmalgeschützte Welterbe-Tor. Was verbindet die Causa Colosseum mit der Affäre Pylonentor? In beiden Fällen missbraucht ein Kulturreferent Historiker und ihre Arbeit so wie es ihm gerade passt. Behauptete Unger einst, es gäbe keinen, der ihm widerspreche, bestätigen neuerdings all jene, „die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt haben“, seine Sicht der Dinge. Beide Behauptungen sind offensichtlich falsch. In beiden Fällen unterschlug Unger – sogar auf Nachfrage von Mitgliedern des Kulturausschuss – wesentliche Informationen, betrieb im Gegenteil Desinformation. Das bleibt alles folgenlos. Stattdessen wird emotional argumentiert, Kritikern werden persönliche Motive, Diffamierungs- und Unterstellungsabsichten unterstellt. Die Mehrheit im Kulturausschuss nickt dieses Vorgehen einfach ab.

Die lange Regensburger Bank

Die Inschrift am Pylonentor zeigt, dass Unger zielorientiert, schnell und direkt handeln kann, wenn ihm etwas in gedenkpolitischer Hinsicht wichtig erscheint. Wie soll man vor diesem Hintergrund die dreieinhalb Jahre Untätigkeit bei der Erarbeitung eines Gedenkkonzeptes für die Nazi-Zeit verstehen? Warum handelt man im einen Fall hektisch und übereilt, im anderen wird das Thema auf die lange Bank geschoben? Die potentiellen Mitglieder der nun vereinbarten Arbeitsgruppe, die eine Colosseum-Inschrift bzw. ein Gesamtkonzept für die Regensburger Gedenkkultur erarbeiten soll, müssen sich warm anziehen. Denn es dürften noch viele Winter ins Land ziehen, bis die Sache, falls überhaupt, abgeschlossen sein wird.

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Kommentare (7)

  • Fr.Streng

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    Ein verbeamteter KULTUR-Referent, der nach einer Disziplinarbeschwerde den Stadtrat erneut anlügt und in seiner Willkür von Bürgermeistern gedeckt wird, wo bzw. wieso gibt es denn so etwas??
    Wer bitte glaubt denn, das unter Unger eine Arbeitsgruppe Sinn macht? Eine Demision ergäbe vielmer Sinn!

  • Stattamhoferer

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    In Stadtamhof wird allerhand Unfug als Gedenken verkauft.
    Was sich wohl all die Bus-Touristen denken, die durchs Pylonentor und dann am ehemaligen Coloseum vorbeilaufen und später wieder zurück?
    Auch in der [Wikipedia] kann man über den Unfug lesen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Stadtamhof

  • „In fast grotesker Weise am Kern der Sache vorbei“ | Regensburg Digital

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    […] Ein Platz dafür könne etwa das derzeit in Entstehung befindliche „Museum der bayerischen Geschichte“ sein. Die Gutachter bieten ihre Mitarbeit an und raten dazu, das bürgerschaftliche Engagement in alle Überlegungen miteinzubeziehen. Nun ist der Kulturausschuss gefragt. Eines steht schon jetzt fest: In der Amtszeit von Hans Schaidinger wird nichts mehr passieren. Unter seiner Verantwortung wurde dieses Thema konsequent verschleppt. […]

  • Der Wahlkampf kommt, die Platte geht | Regensburg Digital

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    […] Und so bleibt es an dem verbliebenen Quartett, die Rolle des – unter aufopferndem Einsatz der SPD, konkret: eines frisch operierten Stadtrats, wieder ins Amt gehievten – Kulturreferenten zu bewerten. Der ist in Zusammenhang mit dem Colosseum bislang nur durch lügen, verschleiern und verschleppen aufgefallen. […]

  • Gedenk-Posse um Colosseum scheint beendet » Regensburg Digital

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    […] zu verzeichnen hatte. Es war ein weiterer Höhepunkt in einer Debatte, in deren Zuge Entscheidungen verschoben oder ausgesessen wurden und bei welcher der Stadtrat über die Eigentumsverhältnisse des Gebäudes schlicht belogen […]

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