SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 10. Mai 2010

Dieses Jahr lassen die Monarchisten den Muttertag ausfallen. Bereits um 10 Uhr sammeln sie sich im Regensburger Dom, um dem Pontifikalamt von Bischof Gerhard Ludwig Müller beizuwohnen. Selbst der oberste geistliche Würdenträger der Welterbestadt hat die Denkmal-Wanderung von König Ludwig I. in seinem Terminkalender stehen: Der Gottesdienst wurde dem Anlass entsprechend choreographiert. Müller selbst widmet einen Großteil seiner Predigt dem Monarchen. Bereits am vorangegangenen Sonntag hat Müller die kircheneigene Brauerei Bischofshof, für die das Denkmal-Event den Höhepunkt des heuer gefeierten Jubiläums darstellt, mit einem Pontifikalamt gewürdigt.

Kulturreferent Klemens Unger, der zusammen mit Brauereidirektor Hermann Goß den Umzug des Ludwig-Denkmals federführend betrieben hat, sitzt milde lächelnd in der ersten Reihe. Er darf heute nach vorne zum Altar, um die Lesung zu halten.

Draußen werden von den „Party-Engeln” (sic!) bereits die Bier- und Bratwurststände aufgebaut, um das wartende Volk bei Laune zu halten. Das Seitenportal des Doms ist festlich mit Tannenzweigen geschmückt. Bayern- und Regensburgfahnen wehen hinter dem – noch leeren – Sockel vor der Dompost. Ein kleiner Stapler drapiert 400 Kilo schwere Schokoladenmodelle von Walhalla und Befreiungshalle auf marmornen Sockeln. König-Ludwig-Münzen aus Zinn und Feinsilber wechseln an einem Verkaufsstand die Besitzer.

„Ein Engel entrückte mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis”, liest Unger währenddessen im Dom aus der Offenbarung des Johannes.

Auch der bronzene König glänzt, als er einige Stunden später per Tieflader am Ernst-Reuter-Platz eintrifft. Die mit Spezialwachs konservierte Patina löst bei den ersten Betrachtern ehrfürchtige Begeisterung aus. „Schee schaugt er aus, der Kini”, murmelt eine ältere Dame, die ungläubig staunend um den Lkw herum wandert. „Wirklich schee.” Das davor drapierte Minimodell des Standbildes (aus Marzipan) ist nicht minder ansehnlich.

Auch Alois Späth (Foto) ist begeistert. Er hat sich heute in seinen Janker geschmissen und ist extra aus Furth im Wald angereist, um dem feierlichen Moment beiwohnen zu können. Als „überzeugter Monarchist” hat er diverse königstreue Vereine mitbegründet. Bei der letzten Bundestagswahl wollte er mit der „Liste für Heimat und Vaterland” antreten. Doch trotz Unterstützung durch die „bayerischen Königstreuen und Patrioten”, die Bürgervereinigung der „Monarchiefreunde”, die „Kaisertreue Jugend” und „weite Teilen der bayerischen Bevölkerung” erhielt er nur 230 Unterschriften – zu wenig, um die Monarchie in Deutschland durchsetzen zu können. Diese Enttäuschung ist heute aber vergessen. Späths Augen leuchten fast so sehr wie die von Klemens Unger und Hermann Goß.

„Lieber Klemens, schön dass Du da bist”, ruft der Brauereidirektor ins Mikro, als er und seine „Bischofshoferer” das Reiterstandbild feierlich an den Kulturreferenten übergeben. Am Ende seiner Ausführungen („Bischofshof – das Bier das uns zu Freunden macht”) fällt Goß dem lieben Klemens spontan um den Hals.

Es ist ein wahrer Glücksfall, dass der von Goß und Unger gegründete, geführte und beworbene Verein „Welterbe Kulturfonds Regensburg – die Förderer e.V.“ die Denkmal-Verpflanzung just zum „360. Jubiläum” (1649 bis 2010) der Brauerei zustande gebracht hat. Auch viele Kästen des kirchlichen Bieres konnten mit dem Slogan „20 Cent fürs Weltkulturerbe” unters Volk gebracht werden: Der heutige Tag ist der größte (und bislang einzige) Erfolg des Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Welterbe durch „verschiedene Projekte” und „interessante Veranstaltungen” zu fördern.

Hohe Gäste sind heute gekommen, um mitzufeiern. Die Abgeordneten Peter Aumer und Franz Rieger aus Bundes- und Landtag, die Bürgermeister, weitere wichtige Exponenten aus dem Regensburger Stadtrat, Bischof Müller, der sich jovial in Ausgeh-Soutane unter die Bischofshof-Bierprinzessinnen mischt und – last but, not least – der aktuelle Sproß von Wittelsbachischem Geblüt – Christoph, Prinz von Bayern, nebst Gattin Gudila und Kindern. Die Durchlauchten teilen sich mit Bischof Müller ein Kutsche. Auch für Stadtoberhaupt Hans Schaidinger und Gattin steht ein Vierspänner bereit, aus dem sie dem Volke zuwinken zu können. Ein Zug aus Trachtlern, Böllerschützen, Königstreuen und Infantristen begleitet unter den wachen Augen von CSU-Stadtrat Erich Tahedl den König durch die Maxstraße zum Dom, gesäumt von begeistert jubelnden Untertanen. Die Rückkehr des Königs – sie steht kurz bevor. Das können auch einige wenige Protestierer nicht verhindern.

Die Augen von Klemens Unger leuchten, als der Festzug unter Trommelwirbel und Fanfarenklängen am Domplatz eintrifft. Am Sockel stehend, vor dem der König bereits hoch in der Luft am Haken baumelt, lässt er die Massen wissen: „Es ist ein großer Tag für Regensburg.” Dort, wo er 1902 aufgestellt und 1936 von den Nazis entfernt wurde, soll der König nun wieder Einzug halten. „Die Schande wird wiedergutgemacht” philosophierte Unger darüber in der Vergangenheit. Heute zeigt er sich bei einem TV-Interview generös mit den nationalsozialistischen Machthabern: Man müsse „zur Ehrenrettung” doch sagen, dass die Statue seinerzeit sehr sorgfältig ab- und wieder aufgebaut worden und denn auch gut erhalten geblieben sei. Ungers Dank gilt – neben einem mehrfachen „Vergelt’s Gott” für Bischof Müller und Hans Schaidinger – seinem Verein, den er „Bürgerinitiative” nennt. Allen voran natürlich der Brauerei Bischofshof.

Auch Hans Schaidinger reißt das Mikrophon an sich, um die Anwesenden zu begrüßen – allen voran die „ehrwürdige Hoheit”. Sein Loblied auf König Ludwig unterscheidet sich kaum von der vormittäglichen Predigt im Regensburger Dom. „Wir blicken voller Zuversicht in die Zukunft, weil wir unsere Geschichte kennen”, teilt das Stadtoberhaupt mit. „Ich brauche die Stadtschlüssel nicht. Ich finde die Herzen der braven Regensburger alle offen”, zitiert Schaidinger den heute gefeierten Monarchen.

Als der König schließlich unter den Klängen des Marsches „Wittelsbacher Ruhm” unbeschadet auf dem Sockel landet, brandet Jubel bei einigen Zuschauern auf. Auch der kurz zuvor einsetzende Nieselregen hört plötzlich auf, die Sonne kommt zum Vorschein und unter dem freudigen Geläut der Glocken des Regensburger Doms wird die Bayern-Hymne intoniert.

Dass Klemens Unger zuvor noch „Ihrer Hoheit Gudila” und allen Müttern zum Muttertag gratuliert hat, macht das mystisch-heroische Spektakel so richtig perfekt.

„Sehet an das von Gott gezeichnete Scheusal, den König Ludwig von Baiern, den Gotteslästerer, der redliche Männer vor seinem Bilde niederzuknien zwingt, und die, welche die Wahrheit bezeugen, durch meineidige Richter zum Kerker verurteilen läßt; das Schwein, das sich in allen Lasterpfützen von Italien wälzte, den Wolf, der sich für seinen Baals-Hofstaat für immer jährlich fünf Millionen durch meineidige Landstände verwilligen läßt, und fragt dann: ‚Ist das eine Obrigkeit von Gott zum Segen verordnet?’”

Georg Büchner über König Ludwig I. (1834)

Fotos: Günter Staudinger

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