SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 8. April 2011

Eine gute Rendite fest im Blick: Das Kern-Team des Ginkgo-Platten-Labels. Foto: pm
Weshalb gründen Schüler ein fiktives Unternehmen, wählen einen Vorstandsvorsitzenden und schicken schließlich ihren Pressebeauftragten los, um ihre AG gezielt in regionalen und überregionalen Medien zu platzieren? Die Antwort lautet Junior: „Junge Unternehmer initiieren, organisieren, realisieren“. Seit 1994 gibt es dieses Projekt nebst mehrstufigem Wettbewerb, an dem sich in diesem Jahr rund 50 Schulen aus ganz Bayern beteiligen. Mit 17 Schülerinnen und Schülern der 11. Klasse des Goethe-Gymnasiums ist auch Regensburg im Rennen. Im März haben sie im Rahmen eines Wirtschaftsseminars unter dem Namen „Ginkgo-Platten-Produktion“ ein Musiklabel gegründet und geben seitdem nach dem Vorbild von Aktiengesellschaften Anteilsscheine aus. Nun arbeiten sie an der (so der Wunsch) erfolgreichen und vor allem renditeträchtigen Produktion einer CD mit lokalen Schülerbands, die im Juli fertig sein soll. In einem Jahr werden die erhofften Gewinne an die Aktionäre ausgeschüttet.

Aus Schülern werden Unternehmer

Das Ziel des Wettbewerbs: Die Schülerinnen und Schüler sollen sich als Unternehmer bewähren. So steht es auf der Homepage der „Junior gGmbH“. Diese Tochtergesellschaft des arbeitgebernahen „Instituts der deutschen Wirtschaft“ organisiert das Junior-Projekt. Die „Junior gGmbH“ bietet auch entsprechende Schulungen für Lehrkräfte an. Das ist die eine Seite. Im Gegenzug wird Förderern des Junior-Projekts ein „nachhaltiger Dialog“ mit Schülern versprochen. Auch „Imagepflege“ als „engagiertes Wirtschaftsunternehmen, das gesellschaftliche Verantwortung übernimmt“ wird Sponsoren in Aussicht gestellt. Die „Junior gGmbH“ wird unter anderem von fragwürdigen Lobby- und PR-Organisationen unterstützt, daneben fließt auch Geld vom Staat. Doch dazu später.

„Das A und O sind Connections“

„Einblicke in die soziale Marktwirtschaft“ sollen die Schülerinnen und Schüler über die Teilnahme an dem Wettbewerb gewinnen, ist auf der Junior-Homepage zu lesen. Das scheint – zumindest in Regensburg – zu funktionieren. Wie (nicht nur) die lokale Wirtschaft funktioniert, hat der Vorstandsvorsitzende der „Ginkgo-Platten-Produktion“ schnell verstanden. „Das A und O sind Connections“, sagt „primus inter pares“ Philipp Rösch, als er mit seinem Pressechef Felix Rehbach bei uns zum Interview eintrudelt und begeistert von dem Projekt berichtet. Connections. Das sind zum einen prominente Aktionäre: An Fürstin Gloria sei man noch dran, erzählt Rösch. Oberbürgermeister Hans Schaidinger hat sich bereits eingekauft, aber auch dessen Intimfeind Franz Rieger, Funkhaus-Chef Gerhard Penninger hat gezeichnet, ebenso der Marketing-Chef der Mittelbayerischen Zeitung, Martin Wunnike. Letzterer – auch das keine schlechte Verbindung – fungiert zugleich als Wirtschaftspate des jungen, aufstrebenden Platten-Labels. Und ebenso wie manch anderem Unternehmen (die dafür in aller Regel Anzeigen schalten müssen) ist es denn auch der Ginkgo-Platten-Produktion gelungen, ihre Pressemitteilung komplett und fast wortwörtlich in der Mittelbayerischen Zeitung unterzubringen. Ein schöner Erfolg, angesichts des eher bescheidenen Etats der Jungunternehmer.

Aktien und sozialistische Marktwirtschaft

Denn auch wenn bereits alle Anteilsscheine verkauft sind: Mehr als 900 Euro Kapital hat Ginkgo nicht. Um die Wettbewerbsbedingungen für alle Unternehmen gleich zu gestalten, dürfen an jeder Schule nur maximal 90 Aktien á zehn Euro ausgegeben werden. Das klingt fast nach sozialistischer Marktwirtschaft, aber gut. Auch, dass alle Entscheidungen bei Ginkgo demokratisch und meist im Konsens gefällt werden, dürfte manchen AG-Vorstand an den Rand des Herzinfarkts bringen. Zurück zum Kapital: Von den 900 Euro müssen Gehälter – zwischen 45 und 55 Cent die Stunde, Sozialabgaben und Steuern bezahlt werden – als „Staat“ fungiert das „Institut der deutschen Wirtschaft“. Auch die korrekte Buchführung wird kontrolliert. Wie im realen Wirtschaftsleben – zumindest fast oder zumindest irgendwie so ähnlich.
Das komplette Ginkgo-Team: Bis Juli soll die geplante CD fertig sein. Foto: pm
Die eigentlich gängigen Personaleinsparungen sind „leider“ nicht möglich, wie uns Vorstandsvorsitzender Rösch erklärt. Das Projekt gehört schließlich zum Schulstoff und da muss jeder bis zum Schluss dabei bleiben. Andererseits: „Alle Mitarbeiter sind hoch motiviert.“, sagt Rösch. „Das Zertifikat, das man für die 50 Stunden Mitarbeit bekommt, macht sich sehr gut bei Bewerbungen.“ Das seien die Erfahrungswerte ihres Schulpaten, Studiendirektor Norbert Mendel.

Outsourcing, Key-Accounts, Sponsoring

Die Arbeit liegt vor allem im Marketing, in der Buchführung, Werbung, Gestaltung – weniger im Konkreten. Das wird – ganz professionell – „outgesourct“ und über Sponsoren finanziert. Da wird es Werbepartner fürs Cover geben. Mit zwei „Key-Accounts“, wie Rösch professionell anmerkt, sei man im Gespräch, um Abnahme-Garantien für die CDs auszuhandeln und so sicheres Kapital zu haben. Wegen der Produktion ist man bereits mit dem Regensburger Erfolgsproduzenten Günther Behrle („Patrona Bavariae“, „Charlie, lass Dir einen Bart stehen“) in Kontakt. Auch hier dürfte über „Connections“ so einiges zu erreichen sein. Rund 50 Schulen machen in Bayern dieses Jahr beim Junior-Wettbewerb mit. Hauptsächlich gründen sich Unternehmen im Merchandising- oder Event-Bereich. Das CD-Projekt in Regensburg gehört noch zu den etwas handfesteren Geschäftsideen.

Staatshilfen für Lobbyverband

Im vergangenen Jahr unterstützte das Bundeswirtschaftsministerium unter Regie von Rainer Brüderle die „Junior gGmbH“ mit 500.000 Euro, fast eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr. Von diesem Geld profitiert nach Recherchen des Magazins Carta übrigens auch die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM), eine finanzkräftige PR-Organisation, die vornehmlich vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanziert wird. Zur FDP bestehen beste Kontakte. In der Vergangenheit machte die INSM unter anderem durch einen Schleichwerbe-Skandal in der ARD von sich reden, aber auch dadurch, dass kritische Journalisten unter Druck gesetzt und öffentlich oder bei ihrem Arbeitgeber diffamiert werden. Von den Kultusministerien der Länder wird „Junior“ als offizielles Schulprojekt anerkannt.

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